Schielen (Strabismus)

Autor: Onmeda-Ärzteteam  

Überblick

Beim Schielen (Strabismus) befinden sich die Augen in einer Fehlstellung. Dies führt zu Doppelbildern oder zu Schwachsichtigkeit.

Es gibt unterschiedliche Formen des Schielens: das häufige latente Schielen, das sich nur bei Belastung (Müdigkeit, Alkoholeinfluss) bemerkbar macht, das Begleitschielen, das meist in den ersten drei Lebensjahren auftritt, und das Lähmungsschielen durch gelähmte Augenmuskeln (infolge von Entzündungen oder Verletzungen).

In vier von fünf Fällen zeigt sich das Schielen schon vor Ende des zweiten Lebensjahrs. Meistens entstand das Schielen durch Vererbung. Um Folgeschäden wie eine bleibende Schwachsichtigkeit zu verhindern, ist die frühzeitige Diagnose und Therapie entscheidend.

Gegen das Schielen bei Kindern erfolgt über mehrere Jahre eine konservative Behandlung (d.h. ohne Operation). Aus kosmetischen Gründen kann es ratsam sein, die Fehlstellung der Augen operativ zu korrigieren, so dass die Augen wieder parallel zueinander stehen. Bei den anderen Formen von Schielen richtet sich die Therapie nach der zugrunde liegenden Ursache. Bleibt das Schielen dennoch bestehen, helfen Prismengläser gegen Doppelbilder.

Definition

Schielen (Strabismus) ist eine Fehlstellung der Augen, wobei eine der beiden Augenachsen von der Parallelstellung abweicht. Die Abweichung ist grundsätzlich in alle Richtungen möglich. Am häufigsten sind jedoch Abweichungen in der horizontalen Achse. Dies führt zum Einwärtsschielen (Strabismus convergens) oder Auswärtsschielen (Strabismus divergens). Es lassen sich die folgenden Formen des Schielens unterscheiden:

  • latentes Schielen (Heterophorie)
  • Begleitschielen (Heterotropie, Strabismus concomitans)
  • Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus)

Latentes Schielen

Normalerweise befinden sich die Augenmuskeln im Gleichgewicht zueinander, so dass die Seheindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild verschmelzen (Fusion). Ein latentes Schielen (Heterophorie) tritt auf, wenn das Gleichgewicht gestört ist, sich diese Störung aber meist aber durch die Fusionskraft ausgleichen lässt. Zum Schielen kommt es in dem Fall nur unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel bei starker Müdigkeit.

Über 70 Prozent aller Menschen weisen ein latentes Schielen auf. Trotz einiger Abweichungen ist das Gehirn meist in der Lage, eine geringe Störung des Augenmuskelgleichgewichts ohne Beschwerden zu tolerieren. Nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen führt das latente Schielen zu Beschwerden.

Begleitschielen

Anders als beim latenten Schielen ist es beim Begleitschielen (Strabismus concomitans, Heterotropie) nicht möglich, ein bestehendes Ungleichgewicht der Augenmuskeln zu überwinden. Infolgedessen sind die Sehachsen beider Augen nicht auf dasselbe Objekt gerichtet. Auch wenn sich die Augen bewegen, bleibt der Winkel der Sehachsen gleich. Diese Form von Schielen tritt meistens in den ersten beiden Lebensjahren auf. Die Kinder können auch mit einem bereits vorhandenen Schielen zur Welt kommen. Ungefähr vier Prozent aller Kinder sind vom Begleitschielen betroffen. Die häufigste Form von Schielen ist das frühkindliche Einwärtsschielen, das bei Babys innerhalb der ersten sechs Lebensmonate auftritt.

Lähmungsschielen

Das Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus) ist ein plötzliches Schielen. Es tritt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen auf, wenn einer oder mehrere äussere Augenmuskeln ausfallen. Der Schielwinkel ist je nach Blickrichtung unterschiedlich.

Ursachen

Einem Schielen (Strabismus) können verschiedene Ursachen zugrunde liegen.

Die Ursache für Begleitschielen und latentes Schielen ist ein gestörtes Gleichgewicht der Augenmuskeln. Beim Begleitschielen gelingt es den Betroffenen dauerhaft nicht, dieses Ungleichgewicht durch Verschmelzung (Fusion) der Seheindrücke beider Augen zu einem einzigen Bild auszugleichen. Die Ursachen hierfür sind meist unbekannt. Unumstritten ist jedoch, dass Vererbung eine Rolle spielt: Bei den meisten Betroffenen finden sich Eltern oder andere Verwandte, die ebenfalls schielen (oder geschielt haben). Häufig liegen gleichzeitig Kurzsichtigkeit oder Weitsichtigkeit vor.

Latentes Schielen hat seine Ursache darin, dass die Fähigkeit zur Verschmelzung der Seheindrücke beider Augen unterentwickelt ist und daher zum Beispiel durch Ermüdung nachlässt.

Für das Lähmungsschielen sind Lähmungen der äusseren Augenmuskeln verantwortlich. Die Ursachen für diese Form von Schielen sind vielfältig:

Symptome

Schielen (Strabismus) äussert sich je nach vorliegender Form durch unterschiedliche Symptome. Ein latentes Schielen tritt unter dem Einfluss ungünstiger Faktoren (Stress, Alkoholkonsum, Ermüdung, psychische Belastung, allgemeine Erkrankungen) in Erscheinung. Doch nur etwa zehn Prozent der Menschen, die latent schielen, entwickeln Symptome – dann bekommen sie Kopfschmerzen, sehen verschwommen, ermüden schnell und nehmen Doppelbilder wahr.

Ein häufiges Anzeichen für Begleitschielen ist eine leichte Weitsichtigkeit, bei einseitigem Schielen zeigt sich oft eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie) des betroffenen Auges. Bei einigen Formen halten die Betroffenen ihren Kopf schief. Ausserdem können ihre Augen zittern. Weicht das Auge nur gering von der Parallelstellung ab, gibt es oft keine sichtbaren Symptome für die Fehlstellung. Aus diesem Grund ist das Begleitschielen gelegentlich nicht oder erst sehr spät feststellbar.

Typische Symptome beim Lähmungsschielen (Schielen infolge ausgefallener Augenmuskeln) sind plötzlich auftretende Doppelbilder, die zuweilen mit Schwindel und Übelkeit verbunden sind. Die Doppelbilder sind in der Richtung, in die der ausgefallene Muskel das Auge bewegen müsste, am stärksten ausgeprägt. Daher halten die Betroffenen den Kopf so, dass der gelähmte Muskel entlastet ist und Einfachsehen gerade noch möglich ist. Es entsteht eine kompensatorische Kopfschiefhaltung.

Schielen kann folgende typische Begleiterscheinungen beziehungsweise erste Symptome zeigen:

  • zitternde Augen
  • Schiefhalten des Kopfs
  • Lichtüberempfindlichkeit
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsprobleme
  • Leseschwäche
  • brennende Augen
  • häufiges Blinzeln und Zwinkern
  • Ungeschicklichkeit wie Vorbeigreifen an Gegenständen

Diagnose

Die beim Schielen (Strabismus) typische Augenstellung sowie die Begleiterscheinungen liefern erste Hinweise zur Diagnose. In vielen Fällen ist das Schielen schon bei den Früherkennungs-Untersuchungen U1 bis U9 diagnostizierbar.

Bei der diagnostischen Untersuchung kommen verschiedene Sehtests und orthoptische Tests zum Einsatz. Besonders wichtig zur Diagnose von Schielen ist der Ab- und Aufdecktest: Beim Abdecktest ist ein Auge abgedeckt. Der Augenarzt beobachtet dann, ob das nicht abgedeckte Auge sich neu einstellt (ist dies der Fall, liegt womöglich ein Begleitschielen vor). Der Aufdecktest zeigt, ob das aufgedeckte Auge eine langsame Verschmelzungsbewegung durchführt (dies ist ein Hinweis auf latentes Schielen). Mithilfe der verschiedenen Tests lassen sich andere Augenerkrankungen ausschliessen und die Art des Schielens eingrenzen, um die erforderliche Therapie festzulegen.

Therapie

Die gegen das Schielen (Strabismus) durchzuführende Therapie hängt von der vorliegenden Form des Schielens ab.

Das Begleitschielen ist nicht ursächlich behandelbar. Die Therapie zielt darauf ab, Stereosehen, die volle Sehschärfe und eine kosmetisch befriedigende Stellung beider Augen zu erreichen. Bei Kindern, die schielen, erfolgt eine konservative Behandlung (d.h. ohne zu operieren): durch Korrigieren mithilfe einer Brille, durch Fusionsschulung und mit der sogenannten Okklusionsterapie. Die Okklusionsterapie besteht darin, abwechselnd jeweils ein Auge nach einem definierten Zeitplan mit Pflaster abzudecken. Dadurch ist auch das sehschwache Auge zum Sehen gezwungen. Mit diesem Augentraining können die Kinder ein gutes Sehen erlernen. Das Schielen bei Erwachsenen lässt sich mit einem Prismenausgleich, einer auf ein Brillenglas aufgeklebten Mattfolie sowie durch Fusionsschulung behandeln.

Wenn das Schielen seelisch belastend wirkt und die Augen aus kosmetischen Gründen wieder parallel stehen sollen, kann die Therapie in einer Operation der Augenmuskeln bestehen. Bei Kindern erfolgt diese Operation zum Beheben von Schielen in der Regel unter Vollnarkose. Bei Erwachsenen ist eine örtliche Betäubung möglich.

Beim Lähmungsschielen richtet sich die Behandlung nach den zugrunde liegenden Ursachen. Doch nicht immer ist ein eindeutiger Auslöser zu finden. Gelegentlich kann sich das Schielen innerhalb der ersten Wochen oder Monate ohne Therapie zurückbilden.

Wenn die Betroffenen trotz Therapie der Ursache weiterhin schielen, lässt sich das Schielen durch auf eine vorhandene Brille aufgeklebte Prismenbrillen oder -folien ausgleichen. Der veränderte Strahlengang verhindert Doppelbilder. Bleibt das Schielen über mindestens sechs Monate bestehen, ist es auch möglich, die betroffenen Augenmuskeln zu operieren.

Verlauf

Schielen (Strabismus) lässt sich durch eine rechtzeitige Therapie oftmals günstig beeinflussen. Beim kindlichen Begleitschielen kann im weiteren Verlauf eine dauerhafte Schwachsichtigkeit entstehen. Diese ist unbehandelt bereits im Schulalter meist nicht mehr rückgängig zu machen. Daher ist es wichtig, das Schielen schon im Vorschulalter zu erkennen. Die Prognose für gutes Stereosehen und für eine gute Sehschärfe ist umso besser, je früher eine Behandlung gegen das Schielen erfolgt. Ein idealer Zeitpunkt ist der sechste Lebensmonat. Die Behandlung der schielbedingten Sehschwäche erstreckt sich bei Kindern bis etwa zum zwölften Lebensjahr.

Wenn sich ein Schielen erfolgreich operativ beheben liess, kann sich danach die Augenstellung erneut ändern. Demnach ist es gelegentlich erforderlich, die Augenmuskeln im weiteren Verlauf mehrfach zu operieren.

Vorbeugen

Einem Schielen (Strabismus) können Sie nicht vorbeugen. Die Prophylaxe beschränkt sich darauf, mögliche Folgen des Schielens – wie Schielschwachsichtigkeit – zu verhindern. Sie besteht darin, ein Schielen frühzeitig zu erkennen und entsprechend zu behandeln.