Ein Ort, eine Frage
Die Jugi ist für alle da
Ein Ort, eine Frage: Jugendherberge Baden: Was ist hier besser als im Hotel?

Ein klarer Fall von Reisefieber: Käthi und Jakob Rüesch in der Jugendherberge Baden
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Der spanische Musiker – wilde Dreadlocks, schwere Augendeckel – fragt nach Feuer, der flinke Koreaner holt an der Theke Zucker, der deutsche Sporttrainer im schnellen Velogwändli streicht sich sein drittes Konfibrot und erzählt von seinem letzten Reiseabenteuer. Frühstück in der Jugendherberge – die halbe Welt in einem Raum. An wenigen, aber langen Tischen kommt hier zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört.
Doch so unterschiedlich die Lebensstile: Später werden der Rasta-Mann aus dem Süden und die Sportskanone aus dem Norden Telefonnummern austauschen. Und damit ist die eingangs gestellte Frage im Grunde schon beantwortet: «In der Jugi kommen die Gäste fast zwangsläufig miteinander in Kontakt. Es ist viel familiärer als im Hotel», sagt Andreas Aebischer, Chef des Hauses.
Wer Privatsphäre sucht, ist hier falsch. Wer Komfort und absolute Ruhe will, ebenso. Und mit dem Alter hat die Jugendherberge trotz ihrem Namen auch nichts zu tun.
«Ich brauche keinen Komfort»
Lebendiger Beweis dafür sind Käthi und Jakob Rüesch, auf dem Papier beide um die 70, in Kopf und Herz aber frisch wie junges Gemüse. Das Ehepaar aus Schlatt bei Winterthur ist mit dem Velo unterwegs. Baden ist die letzte Station ihrer Herbstferien, rund 65 Kilometer von zu Hause. «Eine Strecke, gerade lang genug zum Abgewöhnen», sagt Jakob Rüesch. Normal seien Tagesetappen von bis zu 90 Kilometern. Seit der Landwirt vor zwölf Jahren den Hof an seinen Sohn abtrat, ist bei den beiden das Reisefieber ausgebrochen. Vier Monate Südeuropa, ein halbes Jahr Neuseeland, vier Monate Nordeuropa und dazwischen immer wieder kürzere Ferien und Tagesausflüge – Veloflickzeug und Zahnbürste stets mit dabei. Dass sie die Dusche mit anderen teilen und das WC im Gang aufsuchen müssen, stört die beiden überhaupt nicht. «Wo ich aufwuchs, musste man nach draussen aufs Klo», sagt er. Und sowieso: «In den Ferien brauche ich doch keinen Komfort. Da will ich etwas erleben», meint sie.
Im Mehrbettzimmer riecht es noch nach Schlaf, und während die Rüeschs die Bettwäsche abziehen und von Erlebnissen in Polen erzählen, räumt Andreas Aebischer unten in der Küche die Frühstücksteller in die Abwaschmaschine. Morgen werden andere daraus essen. Aber wieder wird die halbe Welt zu Gast sein.
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© Beobachter Ausgabe 22 vom 29. Okt 2009 - Alle Rechte vorbehalten


