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Editorial

Das grosse Grauen in den Kinderheimen

Text:
  • Andres Büchi
Ausgabe:
10/10

Für mich ists die Erinnerung an ­Beatenberg: Die Heile-Welt-Idylle in der damals fast unberührten Sechziger-Jahre-Natur wurde durch die Quälgeister im Kinderheim nachhaltig übertüncht.

Ein Postauto mit fröhlichem Fahrer lud meinen Bruder und mich an einem sommersatten Tag zur Entlastung unserer wohlmeinenden Eltern für drei Wochen im Kinderheim der Postkartenschweiz ab. Der in wilde Wiesen eingebettete Holzbau mit Schwingschaukel, Bocciabahn und Auslaufgehege für Knuddel­kaninchen versprach lichte Tage für eine Kinderschar von 8- bis 14-Jährigen.

Es sollte anders kommen. Jeden Mittag um Punkt 13 Uhr mussten alle zur «Ligi». Für endlose zwei Stunden unterband ein streng verordnetes Liegeregime jeden Bewegungsdrang. Verlangt wurde eine Totmannstellung: flach und still auf fleckig-nackten Matratzen. Die Tür verschlossen und entschlossen bewacht, es gab keinerlei Pardon. Der Minutenzeiger einer grossen Uhr ging sadistisch langsam. Wenn einer von uns musste – und es mussten viele –, bekam die Matratze einfach einen Flecken mehr.

Zur Strafe gabs dann Küchendienst. Dort wurden einmal für den nächsten Tag drei Hasen zubereitet. Darunter unser schwarzer Liebling mit dem Disneyblick. Mein Bruder und ich kriegten beim Mittag­essen vor lauter Tränen keinen Bissen runter. An diesem Tag war nichts mit «Ligi».

Wir mussten vor dem Teller sitzen bleiben bis zum Abend und ohne Znacht ins Bett. Am nächsten Tag kamen unsere Teller mit dem, was einst unser Hase war, wieder auf den Tisch. Es dauerte Stunden, bis meiner endlich leer war.

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Üblich bis in die siebziger Jahre

Dabei konnten wir uns glücklich schätzen: Nach unsern «Ferien» durften wir nach Hause. Vielen gings übler. «Düstere Jahre» heisst unsere Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema). Sie zeigt, dass sadistische Heimleiter und brutale Erzieher keine Einzelfälle waren, sondern von der Gesellschaft tolerierter Standard. Besonders schlimm traf es jene Mädchen und Buben, die ­Jahre ihrer Jugend in Heimen verbringen mussten.

Es waren meist sogenannte Sozialwaisen. Kinder aus zerrütteten Verhältnissen etwa, aber auch Kinder, die irgendwie als «auffällig» galten. Sie sollten «vor Verwahrlosung» geschützt werden. Noch Mitte der siebziger Jahre fielen Zehntausende Kinder in diese Kategorie.

Mit welchen Methoden diese Kinder in Heimen mit Namen wie «Paradies», «Gott hilft» oder «Hoffnung» gedemütigt und mit Prügelstrafen diszipliniert wurden, belegen die Recherchen von Otto Ho­stettler, Christoph Schilling und Markus Föhn. Es ist ein Blick in ein bisher kaum beleuchtetes Kapitel schweizerischer Sozialgeschichte.

© Beobachter Ausgabe 10 vom 12. Mai 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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