Ausschaffung
«Sonia soll hier bleiben dürfen»
Seit zwei Jahren lebt die zwölfjährige Sonia bei ihrem Schweizer Vater. Nun soll sie zu den Grosseltern nach Afrika ausgeschafft werden. Ihr Lehrer und ihre Mitschüler wehren sich.

Artikel zum Thema
Bei meinem Vater will ich bleiben und bei meinen Freunden», sagt Sonia Idemudia. «Das hier ist mein Daheim.» Nein, sagt das Zürcher Migrationsamt. Sonias «Daheim» sei nicht bei ihrem Schweizer Vater und seiner fünfköpfigen Familie in Schwamendingen, sondern beim 89-jährigen Grossvater und der 69-jährigen Grossmutter in Nigeria. Zu ihnen habe Sonia die «vorrangige Beziehung». Deshalb müsse sie Ende Juli die Schweiz verlassen.
Das kann Sonias Mitschülerin Barbara nicht verstehen: «Sonia darf nicht ausgeschafft werden. Ihre Grosseltern sind doch alt. Vielleicht sterben sie bald. Dann ist sie allein.»
Gesetze stehen über dem Kindeswohl
Die zwölfjährige Nigerianerin lebt seit zwei Jahren illegal als Papierlose in der Schweiz bei ihrem eingebürgerten Vater Elvis Idemudia. In dieser kurzen Zeit hat sie es geschafft, Hoch- und Schweizerdeutsch zu lernen und den Anschluss in den Schulen zu finden. «Sonia ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration», sagt ihr Lehrer Jürg Wiederkehr. Sie habe eine rasche Auffassungsgabe, sei sozial sehr kompetent und werde von allen Mitschülerinnen und Mitschülern geliebt. «Im Hinblick auf das Kindeswohl erachte ich einen Verbleib in der Schweiz als absolut zwingende Notwendigkeit», meint Wiederkehr. Und der Schulpsychologische Dienst doppelt nach: «Eine Ausweisung würde die Entwicklung und psychische Integrität äusserst gefährden.» Doch das Migrationsamt gewichtet formaljuristische Gründe höher als das Wohl des Kindes.
«Es ist gemein, dass der Staat sagt, sie müsse zurück nach Nigeria», meint Mitschülerin Tiara. «Wir wollen doch auch alle bei unseren Eltern leben.»
Anzeige:
Vor zwei Jahren nahm der Vater Sonia zu sich in die Schweiz. Illegal - weil seine Eltern immer älter und kränker wurden und die Tochter vor der Pubertät stand. «Hatte ich dazu nicht die Pflicht? Ich muss doch als Vater für meine Tochter sorgen.» Diesen Frühling nun wollte er sie anmelden. Doch das Migrationsamt blieb hart.
«Ausschaffung wäre eine Katastrophe»
«Das Migrationsamt stellt eine scharfe Ausländerpolitik über das Kindeswohl und den Schutz des Familienlebens», sagt Rechtsanwalt Marc Spescha, Spezialist für Ausländerrecht. «Damit verstösst es gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, wie einige neue Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Strassburg zeigen.» Deshalb hat Spescha für Sonia beim Zürcher Regierungsrat Rekurs eingereicht. «Die Ausschaffung wäre für Sonia traumatisch und für unseren Rechtsstaat eine Katastrophe», meint der Anwalt.
«Ich verstehe das nicht», sagt Mitschüler Armin. «Sonia hat sich hier ja keine Feinde gemacht. Wieso sagt der Staat nicht: Wir könnens ja mal probieren?»
Buchtipp
Ruth Dönni, Peter Frei, Peter Nideröst: «Ausländerrecht». Leben, lieben und arbeiten in der Schweiz; 256 Seiten, 2005, Fr. 36.-
Links zum Artikel
© Beobachter Ausgabe 14 vom 04. Jul 2007 - Alle Rechte vorbehalten
