Einbürgerungen Wer bekommt den roten Pass?

Einbürgerung
Selbst Ausländer, die seit vielen Jahren in der Schweiz leben oder schon hier geboren wurden, verfügen immer nur über ein Anwesenheitsrecht.

Von bis zu 800'000 Menschen, die sich in der Schweiz einbürgern lassen könnten, stellen jährlich nur rund 45'000 ein Gesuch. Vielleicht auch, weil der Weg zum roten Pass mit Irrtümern gepflastert ist.

aktualisiert am 20. Mai 2016 14:15

Landauf, landab wird darüber gestritten, wie und wer in der Schweiz eingebürgert werden soll. Sollen die Hürden für den roten Pass in den Himmel reichen? Oder soll der rote Teppich ausgelegt werden? Darüber sind Schweizer wie Ausländer verunsichert: Bei Diskussionen zum Thema Einbürgerung gibt es oft wenig Übereinstimmung, dafür umso mehr Trugschlüsse. Um Legendenbildungen vorzubeugen, soll hier mit den gängigsten Irrtümern aufgeräumt werden.

Irrtum 1: Ausländer können sich nach wenigen Jahren einbürgern lassen

Die Schweiz ist grosszügig und gibt Ausländern den roten Pass schon nach wenigen Jahren im Land.
Generell müssen Ausländerinnen und Ausländer zwölf Jahre in unserem Land wohnen, bis sie ein Einbürgerungsgesuch stellen können (Jugendliche im schnellsten Fall sechs Jahre, Ehegatten eines Schweizer Partners fünf Jahre). Im internationalen Vergleich ist das nicht sehr grosszügig: In Grossbritannien, Finnland, Frankreich, Schweden und den Niederlanden können ausländische Bürger generell nach nur fünf Jahren die Staatsangehörigkeit erhalten. In Deutschland und Griechenland ist dies nach acht, in Dänemark nach sieben und in Irland sogar nach nur vier Jahren der Fall. Die Schweiz steht bezüglich Einbürgerungsquote denn auch im hinteren Mittelfeld. Historisch gesehen hat die Eidgenossenschaft die Wohnsitzpflicht für Einbürgerungen kontinuierlich verlängert. Vor gut 50 Jahren wurde sie auf zwölf Jahre erhöht, die Einbürgerungsvorschriften wurden stark verschärft. Ab den achtziger Jahren fanden dann wieder Liberalisierungen statt.

Irrtum 2: Weniger Einbürgerungen sind besser für die Schweiz

Es liegt im ureigenen Interesse der Schweiz, dass sich nicht zu viele Ausländer einbürgern lassen.
Ohne Einbürgerung gibt es für Ausländerinnen und Ausländer meist keine Möglichkeit, sich am politischen Geschehen zu beteiligen. Ausnahmen sind die fünf Westschweizer Kantone, die niedergelassenen Ausländern auf Gemeindeebene das Stimmrecht gewähren; im Jura und in Neuenburg auch auf Kantonsstufe.

Die direkte Demokratie ist eine schweizerische Besonderheit: Die Bürgerinnen und Bürger treffen als oberste politische Instanz jährlich viele wichtige Entscheidungen für das Land und übernehmen damit Verantwortung. Die Schweiz sollte ein Interesse daran haben, dass sich gut integrierte Ausländerinnen und Ausländer die vielleicht seit Jahrzehnten in der Schweiz leben einbürgern lassen und sich an den Diskussionen und den Wahlen, bei denen es um die Zukunft des Landes geht, aktiv und verantwortungsvoll beteiligen.

Guider – der digitale Berater des Beobachters

Mehr zu Einbürgerung bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Viele Ausländer, die schon länger in der Schweiz leben und die Voraussetzungen zur Einbürgerung erfüllen würden, schrecken meist vor dem komplizierten und langwierigen Verfahren zurück. Guider gibt seinen Mitgliedern Tipps für die Gesuchstellung, damit sie sich nicht entmutigen lassen.

Einbürgerung: Voraussetzungen des Bundes
Ehegatte eines Schweizer Bürgers
Einbürgerung: Gesuch, Verfahren und Kosten
Einbürgerungserleichterungen für junge Ausländer der 2. und 3. Generation
Missbräuchliche Einbürgerung
So laufen Einbürgerungen in Zukunft

Irrtum 3: In erster Linie entscheidet der Bund über Einbürgerungsgesuche

Bei den ordentlichen Einbürgerungen ist es vor allem der Bund, der über ein Gesuch entscheidet.
Einbürgerungswillige erhalten von Gemeinde, Kanton und Bund das Bürgerrecht. Die drei Bürgerrechte bilden eine untrennbare Einheit. Kennzeichnend ist die Beachtung des Föderalismus das heisst, Kantone und Gemeinden handeln im Rahmen der Verfassung weitgehend selbständig. Auf Bundesebene wird bei Gesuchen normalerweise nur kontrolliert, ob die zwölfjährige Wohnsitzfrist und die Rechtsordnung beachtet werden und ob kein Sicherheitsrisiko besteht. Den Kantonen steht es frei, weitere Auflagen zu machen. Weil die meisten Kantone den Gemeinden die Kompetenz zur Erteilung des kommunalen Bürgerrechts überlassen haben, kennt die Schweiz faktisch so viele unterschiedliche Beurteilungsmodelle, wie es Gemeinden gibt: also rund 2700.

Irrtum 4: Bei Einbürgerungen herrscht schweizweit Chancengleichheit

Jede und jeder Einbürgerungswillige hat die gleichen Chancen, Schweizer Bürger zu werden.
Da die Gemeinden frei sind, den Grad der von ihnen verlangten staatsbürgerlichen Kenntnisse zu bestimmen, haben Einbürgerungswillige verschieden hohe Hürden zu überwinden. Es gibt Gemeinden, die eine «einwandfreie Gesinnung und charakterliche Eignung» verlangen. Andere legen besonderen Wert auf das Beherrschen der am Wohnsitz gesprochenen Sprache oder verlangen, dass Bewerber bereits fünf Jahre in der Gemeinde wohnen, im Gegensatz vielleicht zur Nachbargemeinde, der zwei Jahre genügen. Durch die Verfahrensvielfalt und die grossen Spielräume bezüglich Eignungstest sind die Chancen also nicht überall gleich.

Irrtum 5: Eine Einbürgerung ist sehr teuer

Einbürgerungen kosten Zehntausende von Franken, vor allem, wenn jemand vermögend ist.
Es spielt keine Rolle, wie viel jemand auf dem Bankkonto hat: Es dürfen nur kostendeckende Einbürgerungsgebühren verlangt werden. Der Bund verrechnet für ein Ehepaar 150 Franken. Die kantonalen Gebühren sind unterschiedlich hoch, Zürich zum Beispiel verlangt 500 Franken pro Person. Junge Erwachsene zahlen die Hälfte; für Kinder ist es kostenlos, wenn sie zusammen mit den Eltern eingebürgert werden. Auf Gemeindeebene verlangt man im Kanton Zürich für Ehepaare 625 bis 2500 Franken, für Ehepaare unter 25 Jahren 310 bis 1250 Franken. Erleichterte Einbürgerungen für ausländische Ehegatten kosten in der Regel insgesamt 450 Franken.

Irrtum 6: Zürich hat die liberalste Einbürgerungspraxis

In der multikulturellen Stadt Zürich existiert die liberalste Einbürgerungspraxis der Schweiz.
Schweizweit die liberalste und gesetzlich verankerte Einbürgerungspraxis kennt die Stadt Bern. Die Berner Einbürgerungsbehörde geht davon aus, dass jemand, der seit zwölf Jahren in der Schweiz lebt, integriert ist. Weitere Voraussetzungen der Stadt Bern sind zwei Jahre Wohnsitz in der Stadt, kein Strafregistereintrag, keine Schulden bei einer Behörde, keine Verlustscheine in den letzten fünf Jahren und die Fähigkeit, sich in einer Landessprache zu verständigen. Wer diese Bedingungen erfüllt, erhält den Schweizer Pass.

Irrtum 7: Man darf nur eine Staatsangehörigkeit haben

Menschen können mehrere Heimatländer haben, aber nur eine Staatsangehörigkeit.
Die Schweiz und viele andere Länder lassen mehrere Staatsbürgerschaften zu. Die Schweiz verlangt bei der Einbürgerung nicht, dass die ursprüngliche Staatsangehörigkeit aufgegeben wird. Im Gegensatz zu früher wird heute nicht der Verzicht auf die bisherige Identität verlangt, sondern die Integration angestrebt. Eine doppelte oder sogar mehrfache Staatsangehörigkeit ist heute möglich. Viele Kinder aus national gemischten Ehen besitzen schon von Geburt an zwei Staatsangehörigkeiten.

Irrtum 8: Eine Einbürgerung bringt Ausländern kaum Vorteile

Ausländer haben keine Nachteile, wenn sie sich nicht einbürgern lassen.
Selbst Ausländerinnen und Ausländer, die bereits seit vielen Jahren in der Schweiz leben oder schon hier geboren wurden, verfügen immer nur über ein Anwesenheitsrecht. Das bedeutet: Wer seinen Wohnsitz hier definitiv aufgibt, kann nicht mehr ohne weiteres zurückkommen. Gerade Personen aus Drittstaaten oder Pensionierte aus der EU erhalten von der Schweiz ein einmal aufgegebenes Aufenthaltsrecht nicht automatisch erneut.

Nichtigerklärung der Einbürgerung

Eine Einbürgerung kann für nichtig erklärt werden, wenn sie durch falsche Angaben oder Verheimlichung erheblicher Tatsachen erschlichen worden ist. Innert zwei Jahren, nachdem das Bundesamt für Migration (BFM) vom rechtserheblichen Sachverhalt Kenntnis erhalten hat, spätestens aber innert acht Jahren nach dem Erwerb des Schweizer Bürgerrechts nichtig erklärt werden. Nach jeder Untersuchungshandlung, die der eingebürgerten Person mitgeteilt wird, beginnt eine neue zweijährige Verjährungsfrist zu laufen. Die Fristen stehen während eines Beschwerdeverfahrens still. (EJPD)

Einbürgerungstest: Hätten Sies gewusst?

Die folgenden Fragen unterbreitet eine Zürcher Gemeinde ihren Einbürgerungswilligen. Ein kleiner Test für Ausländer und Schweizer: zum Test

Autor:
  • Verena Walther
Bild:
  • Thinkstock Kollektion