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1. Mai

Gewinnen wir die Beherrschung

Text:
  • Andres Büchi
Bild:
  • Thilo Rothacker
Ausgabe:
9/10

Es gab selten so viel Grund für deutlichen Protest am 1. Mai. Wer aber für Krawall plädiert, gibt exakt die falsche Antwort auf all das, was schiefläuft in der Schweiz.

1. Mai: Gewinnen wir die Beherrschung

Der Schweizer, heisst es, macht gern die Faust im Sack, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Aber was, wenn er kocht vor Wut, wenn es im Körper siedet, wenn zu viel passiert ist, das man nicht schlucken kann? Dann muss der Ärger raus. Sich entladen, in einem kraftvollen Akt. Welches Datum eignete sich besser als der 1. Mai, um Dampf abzulassen, den Protest auf die Strasse zu tragen. Gerade jetzt, wo im Land der Banken so vieles aus dem Ruder läuft.

Das 1.-Mai-Komitee Zürich, ein loser Zusammenschluss von 63 Organisationen linker Gesinnung mit viel Multikulti-Touch, ruft deshalb zu einer machtvollen Manifestation gegen die Abzocker auf. Motto: «Moneypulation – verlieren wir die Beherrschung.» Ganz so, als ob sich die Teilnehmer der bisherigen 1.-Mai-Proteste in Zürich jeweils ausschliesslich in Besonnenheit geübt hätten.

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Mit dem unverhohlenen Aufruf zum kollektiven Amoklauf und einem Plakat, das Dollarzeichen, eine geballte Faust und einen Totenkopf vor explodierenden Bomben zeigt, provozierte das Komitee bereits im Vorfeld des Feiertags geharnischten Protest. Die SP reagierte irritiert, die grossen Gewerkschaften Unia, VPOD, Kommunikation und Comedia nahmen schon mal Sicherheitsabstand vom Slogan.

In der Tat ist das Motto des 1.-Mai-Umzugs eine Torheit erster Güte. In Zürich sorgen ein paar Dutzend Extremisten regelmässig für wüste Krawalle im Anschluss an den offiziellen Arbeitnehmerumzug. Wiederholt wurde deshalb die Forderung laut, den Protestmarsch zu verbieten oder gleich den ganzen Feiertag abzuschaffen. Ausgerechnet vor diesem Hintergrund schürt das 1.-Mai-Komitee das Feuer. «Hinter unserem Motto steckt ganz klar eine politische Botschaft», sagt Anna Klieber (AL), Mitorganisatorin des Umzugs. Der Slogan sei ein Wortspiel und mitnichten ein Aufruf zur Gewalt: «Dieser Vorwurf ist weit hergeholt.»

Natürlich wäre es naiv, zu glauben, die Krawallmacher würden sich allein von einem Motto beeinflussen lassen. Aber der Slogan wird vernünftigere Leute vom Umzug fernhalten. Der Tag wird so quasi offiziell zum Randale-Ventil, dem man am liebsten nicht zu nahe kommt.Dabei gabs selten so viel Grund für eine kraftvolle 1.-Mai-Feier wie in diesem Jahr. Grenzenlose Gier der Banken, Abbau der Arbeitslosenversicherung, unkontrollierte Zuwanderung, Lohndumping, exorbitante Wohnungspreise und eine ebenso verharmlosende wie ratlose Politik fordern geradezu auf zum Protestmarsch.

Auf die Strasse gehen – für fairere Regeln

Doch statt die Dissonanzen zu benennen, statt klare Forderungen zu stellen, statt möglichst viele Leute mit phantasievollen Aktionen anzusprechen, wird signalisiert, es könne genügen, die Beherrschung zu verlieren und Unanständigkeit mit Unanständigkeit zu kontern.

Das Gegenteil wäre geboten. Wir müssen die Beherrschung wieder gewinnen. Über abgehobene Banker und zockende Spekulanten, über raffgierige Investoren und schamlose Immobilienhaie, über Steuerbetrüger und -hinterzieher, Sozialabbauer und Sparübungen am falschen Ort. Wir müssen jenen den Rücken stärken, die den staatstragenden Mittelbau bilden (siehe Artikel zum Thema) und die sich je länger, je mehr betrogen fühlen.

Wir brauchen Politiker, die Es-lohnt-sich-Ziele formulieren. Die eine Vision einer ökonomisch und ökologisch gesunden Schweiz entwickeln, eines Staats, in dem zuoberst die Regeln der Fairness gelten. In dem jeder eine Chance hat, durch ehrliche Arbeit, Einsatz und Ideen sein Lebensziel zu erreichen und für sein Alter vorsorgen zu können.

Zu viele Zeichen in der heutigen Zeit geben hier exakt gegenteilige Signale: Wir retten Finanzakrobaten, die ohne Netz agierten, mit Steuermillionen, wir tolerieren illegale Bausünden des Üetliberg-Besitzers Giusep Fry. Wir zonen willkürlich Land um für Steueroptimierer, und unsere Justiz lässt sich von rechtskräftig ausgewiesenen Asylbewerbern oder Drogenhändlern aus Nigeria vorführen.

Es wird Zeit, auf die Strasse zu gehen für fairere Regeln. Aber nicht für Randale. Wer wild um sich schlägt, isoliert sich höchstens selber - und trifft meist die Falschen. Die Verlierenden der 1.-Mai-Krawalle sind Jahr für Jahr dieselben. Es sind die Kleinunternehmer und Einwohner der Zürcher Industriekreise. Deshalb kann es für den 1. Mai der Zukunft nur ein Motto geben: «Gewinnen wir die Beherrschung.»

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© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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