Armee
Frauen stehen ihren Mann
Frauen sind im Militär den Männern gleichgestellt. Das heisst auch: Wer den Dienst einmal angetreten hat, kommt so schnell nicht wieder davon weg.
Ein halbes Jahr lang hat sich die 20-jährige Erika Kündig auf die Rekrutierung vorbereitet. Im Februar war es so weit: Sie erlebte drei intensive Rekrutierungstage in Rüti ZH. Wegen einer Grippe gelangen nicht alle Sporttests wie erhofft. Umso grösser war ihre Freude, dass sie als «Übermittlungssoldat Schützenpanzerfahrer» ausgehoben wurde. Am 11. Juli beginnt die 21-wöchige RS, und Erika Kündig läuft bereits tüchtig ihre Kampfschuhe ein: «Manchmal ziehe ich sie auch zur Schule oder zur Arbeit an.»
Erst seit Januar 2004, mit der Revision der Militärgesetzgebung, haben die Frauen den letzten Schritt zur militärischen Gleichberechtigung geschafft. Alle Funktionen und Ränge stehen ihnen seither offen, sie werden mit einem Sturmgewehr ausgerüstet und können in den Kampftruppen mittun – mit einem gewichtigen Unterschied: Für Frauen ist der Militärdienst weiterhin freiwillig. Eine Frau muss sich für die Rekrutierung aus eigener Initiative anmelden (siehe unten: «Bedingungen: So wird frau Soldatin»). Dienstpflichtig wird sie erst, wenn sie sich mit ihrer Unterschrift bereit erklärt, die vorgesehene Funktion zu übernehmen. Dann gibt es aber kein Zurück mehr: Sie hat fortan die gleichen Rechte und Pflichten wie die männlichen Soldaten und muss ihre RS und WKs absolvieren.
Dass Frauen freiwillig eine Verpflichtung auf sich nehmen, die etliche Männer nur zu gern ablegen möchten, finden viele absonderlich. Erika Kündig erklärt: «Es klingt vielleicht altmodisch, aber ich sehe es als meine Pflicht an, meinen Beitrag für die Schweiz zu leisten.» Brigadier Doris Portmann, ranghöchste Frau der Schweizer Armee, empfiehlt Frauen den Militärdienst, weil sie dort ihre Grenzen kennen lernen, sich Wissen und oft auch Führungserfahrung aneignen können. Tatsächlich entscheidet sich etwa die Hälfte der Frauen nach der RS für eine höhere Charge – bei den Männern sind es nur 27 Prozent.
«Heftige Sprüche» des Kommandanten
Die 23-jährige Rahel Rüedi hat im März ihren ersten WK hinter sich gebracht. «Insgesamt eine tolle Erfahrung», sagt sie über ihre bisherige Militärkarriere. Sie absolvierte vor zwei Jahren die Train-RS in St. Luzisteig, arbeitete mit Lastpferden, musste den 30 Kilo schweren Sattel hochheben und die Tiere mit bis zu 60 Kilo schwerem Gepäck beladen. Sechs Frauen hatten damals mit ihr die RS angefangen, drei schieden bald aus: eine aus psychischen Gründen, die anderen, weil sie körperlich nicht stark genug waren.
«Als Frau überfordert man den Körper schon etwas», stellt Rüedi fest. «Man möchte die gleiche Leistung wie die Männer erbringen und muss lernen, dass das oft nicht geht.» Während ihrer Informatikerlehre hatte sie in einem Projektteam für Gleichstellung gearbeitet und wollte unter diesem Aspekt auch die Militärerfahrung nicht auslassen. Rüedi war beeindruckt von der Kollegialität während der RS. Von den Männern sei sie sehr gut behandelt worden. Einzig während der letzten zwei RS-Wochen musste sie «heftige Sprüche» des Kommandanten einstecken.
1400 Frauen sind derzeit in der Armee, rund 1100 aktiv und 300 in der Reserve. Im Jahr 2004 nahmen 183 Frauen an der Rekrutierung teil; 142 galten als diensttauglich. Während der Rekrutenschule wurde allerdings ein Viertel der Frauen vorzeitig entlassen. Unter anderem deshalb, weil Frauen oft zu kleine oder zu schwache Hände haben, um das Sturmgewehr zu bedienen.
Kein Tummelfeld für Liebespaare
Der Entscheid, der Armee beizutreten, will gut überlegt sein: Selbst Hochzeitsglocken oder eintreffender Nachwuchs ändern nichts an der einmal auf sich genommenen Dienstpflicht. Falls Erika Kündig eines Tages Mutter werden sollte, kann sie einzig ein Dispensationsgesuch wegen Schwangerschaft oder Mutterpflichten stellen. Für einen Zeitraum von drei Jahren wird ihr dieses voraussichtlich bewilligt werden. «Dann muss mit jeder Frau ein individuelles Abkommen getroffen werden», erklärt Teresina Fornasier, zuständig für personelle Fragen von Frauen in der Armee. Ein gewisses Unbehagen ist ihr anzumerken: «Für die Frauen ist ein Ausstieg aus dem Militär schwieriger geworden als früher.»
Armeechef Christophe Keckeis stellte kürzlich an einem Rapport für weibliche Armeeangehörige fest, dass Frauen das Klima in der Truppe verbessern. Für ihn ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Frau sogar ein Kontingent oder eine Kompanie im Ausland führen wird. Ein Tummelfeld für Liebespaare wird die Armee trotzdem nicht, da sind sich die Militärleute einig: Für getrennte Unterkünfte und separate Zelte ist weiterhin gesorgt.
So wird frau Soldatin
Voraussetzungen
Schweizer Bürgerrecht; Alter: 18 bis 26 Jahre; Diensttauglichkeit
Schnuppertage
Für Frauen werden besondere Schnuppertage in einer RS durchgeführt; Anmeldung bei «Frauen in der Armee» (Link siehe unten); Mindestalter: 17 Jahre
Rekrutierung
Interessentinnen müssen sich mit einem Formular bei «Frauen in der Armee» anmelden. Drei bis zwölf Monate vor der geplanten RS findet die Rekrutierung statt. Sie umfasst die ärztliche Untersuchung, psychologische Abklärungen sowie den Sporttest. Erst nach der Zuteilung tritt die Frau mit ihrer Unterschrift definitiv der Armee bei.
Auskunftsstelle der Armee
Frauen in der Armee
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© Beobachter Ausgabe 11 vom 26. Mai 2005 - Alle Rechte vorbehalten


