Felix Gutzwiller: Ungesunde Nähe zur Pharmaindustrie

Präventivmediziner und FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller liebt das Rampenlicht. Früher bekannt für seine progressive Drogenpolitik, macht er heute jedoch vor allem durch seine zunehmende Verflechtung mit der Wirtschaft von sich reden.

Felix Gutzwiller gehört jetzt auch dazu: Seit Anfang Jahr kann sich der 52-jährige Professor für Präventivmedizin zum erlauchten Kreis der honorigen Bankverwaltungsräte zählen. Er erhielt einen Posten im Verwaltungsrat der Bank Hofmann und im Schweizer Beirat der Credit Suisse. Zwei lukrative Nebenjobs: Allein für die zwei jährlichen Sitzungen im CS-Beirat kassiert das wortgewandte Aushängeschild 120'000 Franken.

Der Zürcher FDP-Nationalrat macht keinen Hehl daraus, dass er für weitere Mandate in der Wirtschaft offen ist. Bereits im Wahlkampf pries er sich als «Gesundheitspolitiker mit Flair für wirtschaftliche Zusammenhänge» an. Dabei mangelt es ihm beileibe nicht an Arbeit. Die vielen «Nebenbeschäftigungen» des umtriebigen Professors würden allein eine Beobachter-Seite füllen.

In den neunziger Jahren machte sich der Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich vor allem mit seinen progressiven Ideen in der Drogenpolitik einen Namen. Er forderte konsequent die Entkriminalisierung des Drogenkonsums, und wegen seiner fachlichen Kompetenz und seiner gewinnenden Art wurde er über die Parteigrenzen hinaus geschätzt. Doch seit Gutzwiller 1999 im dritten Anlauf in den Nationalrat gewählt wurde, konzentriert er sich nicht mehr nur auf Gesundheitsfragen. Seinem Ruf als Direktor eines universitären Instituts bekommt das nicht immer gut.

Beispiel Coca-Cola: Das weltweit meistverkaufte Getränk ist alles andere als gesund. Das weiss jedes Kind. Im letzten Herbst brachte der Getränkemulti die Schweizer Zahnärzte und Ernährungsberaterinnen in Rage, als er in Inseraten Cola für gesund erklärte. Das hinderte Gutzwiller nicht daran, bei Coca-Cola in einem Beirat Einsitz zu nehmen – für 300 Franken Sitzungsgeld pro Stunde. «Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass man mit allen Seiten reden muss», rechtfertigt der Gesundheitspapst das fragwürdige Mandat.

Zugpferd gegen Denner-Initiative
Dieser Haltung entspringt wohl auch sein Engagement für die Pharmaindustrie. Gutzwiller sitzt nämlich im Verwaltungsrat der Pharmafirma Siegfried AG und der Medizintechnikfirma Rahn AG. Zudem berät er seit neustem die Vereinigung der Importeure pharmazeutischer Spezialitäten (Vips) in «gesundheitspolitischen Fragen», wie Vips-Präsident Walter Hölzle erklärt. Gegen Entschädigung natürlich.

Gutzwiller behauptet zwar, dass die Tätigkeit für die Pharmaindustrie seine gesundheitspolitische Sicht nicht trübe. Doch Fragezeichen sind erlaubt: Als der Nationalrat im letzten Herbst etwa darüber zu entscheiden hatte, ob für Wohngifte in Innenräumen Grenzwerte einzuführen seien, sprach sich Gutzwiller dagegen aus. Seine Begründung hatte freilich wenig mit Gesundheit, dafür umso mehr mit den Interessen der Industrie zu tun: Man dürfe den Chemiestandort Schweiz nicht gefährden. Seinen Sitznachbarn im Parlament, Novartis-Verwaltungsrat Johannes Randegger, wirds gefreut haben.

Auch im Kampf gegen die Denner-Initiative liess sich Gutzwiller als Kopräsident vor den Karren der Pharmafirmen spannen. Diese liessen für die Kampagne nicht nur vier Millionen Franken springen – sie argumentierten auch hart an der Grenze zur Unwahrheit. Während sich etwa Ratskollegin und Ärztin Ruth Gonseth von den Falschaussagen distanzierte und aus dem Komitee zurücktrat, verteidigte Gutzwiller bis zuletzt die fragwürdigen Kampagnentexte und nahm die hohen Medikamentenpreise in der Schweiz in Schutz. Er berief sich dabei auf «unterschiedliche Meinungen» unter Fachleuten.

«Felix Gutzwiller hat es versäumt, sich klar von der Pharma zu distanzieren. Das hat seiner Glaubwürdigkeit geschadet», sagt SP-Nationalrätin Simonetta Sommaruga, die sich für die Denner-Initiative eingesetzt hat. Auch politisch unverdächtige Gesundheitsfachleute werfen Gutzwiller vor, zunehmend wirtschaftliche Interessen zu vertreten und sich immer weniger für die Volksgesundheit einzusetzen.

Gesundheitsökonom Willy Oggier geht noch weiter: «Er widerspricht in seinen politischen Forderungen vielfach seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen.» So habe Gutzwiller in einer Studie bewiesen, dass Zusatzversicherte zu häufig operiert würden. Trotzdem fordere er in einem Positionspapier der FDP den Ausbau der Zusatzversicherungen. Gutzwiller weist den Vorwurf von sich: «Es ist mein grösstes Bestreben, nicht in einen solchen Konflikt zu geraten. In der Gesundheits- und Drogenpolitik war ich immer konsequent.»

Angekratzt hat Gutzwiller sein blütenweisses Image allerdings selber – etwa mit seinem Einsatz für die Sendung «1 x täglich» von Fernseharzt Samuel Stutz: Als Stiftungsrat der Stiftung 19 machte er sich dafür stark, dass Stutz für seine Sendung jährlich eine halbe Million Franken erhält. Das Stiftungsgeld stammt aus Krankenkassenbeiträgen, die laut Gesetz für Gesundheitsförderung eingesetzt werden müssen. Fachleute und Politiker äusserten sich empört über den Einsatz von Prämiengeldern für eine Fernsehsendung, die Werbung für teure Spitzenmedizin macht und zu einem beträchtlichen Teil von der Pharmaindustrie gesponsert wird.

Wirtschaftsfreundliche Studie
Aufhorchen liess letztes Jahr auch eine Studie von Gutzwiller zum Thema Praxislabor. Sie sollte Aufschluss darüber geben, ob an Arztpraxen angegliederte Labors medizinisch und wirtschaftlich sinnvoll sind. Gutzwillers Fazit: Praxislabors sind toll. Pikantes Detail: Die Studie wurde unter anderem von Roche Diagnostics finanziert – just jenem Hersteller, der weltweit führend ist in der Herstellung von Geräten für Praxislabors.

Das Studienergebnis mag Zufall sein. Tatsache ist, dass Gutzwillers Bande zur Pharmaindustrie – und vor allem zu Roche – intakt sind. So finanziert Roche einen Teil des Jahresbudgets des Instituts für Präventivmedizin. Zudem sitzt Gutzwiller als Stiftungsrat in der Stiftung für begabte junge Menschen des langjährigen Roche-Verwaltungsratspräsidenten Fritz Gerber.

Ein weiteres Bindeglied zwischen dem Präventivmediziner und dem Basler Pharmakonzern heisst Urs Lauffer. Der Zürcher PR-Berater gilt als graue Eminenz im FDP-Wirtschaftsfilz. Er berät die Topshots der Schweizer Wirtschaft, darunter etwa CS-Chef Lukas Mühlemann, Rainer Gut von Nestlé oder Fritz Gerber.

«Lauffer ist ein politischer Freund», sagt Gutzwiller, «mehr nicht.» Doch ein Blick ins Verwaltungsratsverzeichnis zeigt, dass Gutzwiller ausgerechnet dort lukrative Nebenjobs erhielt, wo auch Lauffer seine Fäden spannt: bei der CS und der Bank Hofmann. Am gleichen Tisch sitzen die beiden ausserdem im Verwaltungsrat der Rahn AG und in der Fritz-Gerber-Stiftung.

Wenn die Seilschaft auch in Zukunft funktioniert, kann Gutzwiller seine Mandatsliste wohl noch erweitern.

Autor:
  • Rahel Stauber
25. Mai 2001, Beobachter 11/2001