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Gastbeitrag
Das Modell Zürich
Wie die grösste Schweizer Stadt zur internationalen Wirtschaftsmetropole mit sozialem Gewissen wurde – und was getan werden muss, damit sie es bleibt.
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Stadtentwicklung ist ein komplexer und langfristiger Prozess. Mit Vorteil vergewissern wir uns deshalb, mit welchen Ansätzen unsere Vorfahren aus einer durchaus wohlhabenden, aber doch sehr beschaulichen kleinen Handelsstadt am Alpenvorrand erst einen innovativen Industriestandort, dann einen führenden Wissens- und Forschungsstandort und zuletzt ein globales Finanzzentrum gemacht haben.
Der Historiker Gordon A. Craig, der über das liberale Zürich im 19. Jahrhundert forschte, umschrieb die Essenz dieser Zeit, in der Zürich zum grossen Sprung ansetzte, mit Geld und Geist. In dieser Reihenfolge.
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Zürich war am Anfang seines Aufstiegs ein offenes und demokratisches Staatswesen und damit im europäischen Kontext eine Ausnahme. Politische Flüchtlinge wie Richard Wagner oder Gottfried Semper waren willkommen. Weder waren die Herren Brown und Boveri Schweizer, noch war es Johannes Baur, der Gründer des legendären Hotels Baur au Lac. Die Personenfreizügigkeit war Normalität und eine zügige Einbürgerung erwünscht. Entsprechend unkompliziert war darum das Verfahren.
Bern wurde 1848 Bundesstadt, Zürich bekam zum Ausgleich die ETH – und war damit gut bedient. Die ETH bildete jene Ingenieure aus, die Zürich und die ganze Schweiz zu einem innovativen und exportorientierten Industriestandort machten. Heute siedeln sich die wichtigsten Weltkonzerne der Informationstechnologie in den ehemaligen Industriequartieren in Zürich an. Mit der Begründung, man brauche die Nähe zur ETH und der Universität.
Um die vorletzte Jahrhundertwende litt die Stadt Zürich unter Wohnungsnot. Damals begann man den Wohnungsbau zu fördern. Diese Tradition hat sich Zürich bewahrt. Innert der letzten Dekade sind rund 14'000 Wohnungen neu gebaut worden. Dank dem hohen Anteil von Wohnungen, die der Stadt, institutionellen Anlegern und Stiftungen gehören, ist Wohnen in der Stadt im Vergleich zum Umland günstiger.
Die umweltpolitische Sensibilisierung meiner Generation lief über den Diskurs um die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen. Diese Frage ist in den Hintergrund gerückt, weil wir wissen, dass die Probleme schon lange vorher beginnen. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Die Stadt Zürich hat reagiert. Die Trams fahren mit Öko-Strom. Das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft und eine nachhaltige Entwicklung sind neu in der Stadtverfassung verankert.
Die Rettung der Swiss kostete den Bund 600 Millionen, die Rettung der UBS könnte schlimmstenfalls 66 Milliarden verschlingen. Das sprengt alles Bisherige. Der Finanzplatz Zürich wird seine Stärke und Bedeutung behalten können, wenn er sich verändert. Der Finanzplatz der Zukunft wird regulierter, transparenter sein, und er wird trotzdem florieren.
Wohin soll sich Zürich entwickeln? Meine Vision ist klar:
- Heute legen wir die Basis für die 2000-Watt-Gesellschaft. Die Stadt der Zukunft wird also nachhaltiger sein. Nur so bringen wir den CO2-Ausstoss runter.
- Zürich hat viele Generationen von Zuziehenden aus anderen Kantonen und aus dem Ausland integrieren können. Zürich wird eine weltoffene, tolerante Stadt bleiben und allen eine Chance geben, die bereit sind, anzupacken und mitzudenken.
- Zürich ist seit über 100 Jahren sozialpolitische Pionierstadt. Und wird auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Menschen in Würde und ohne Not leben können. Dazu gehört, dass ärmere Menschen nicht marginalisiert werden, sondern sich als Teil unserer Gesellschaft erleben können. Das fördert den sozialen Frieden.
- Die Zürcher Wirtschaft ist hoch kompetitiv. Sie wird bestehen, wenn sie innovativ bleibt und die Menschen leistungsbereit sind. Beides setzt faire Löhne voraus.
- Zürich bleibt auch künftig eine Kulturstadt mit einer internationalen Ausstrahlung. Die Wirtschaft ist die Muskulatur, das kulturelle Angebot aber das Herz und die Seele eines Stadtorganismus.
Ich habe die Hoffnung, dass Zürich auch dereinst über eine politische Kultur verfügt, die von Anstand und Respekt geprägt ist. Sonst verzettelt sich die Politik in einem populistischen Hüst und Hott, statt tragfähige Kompromisse zu finden.
Gordon A. Craig spricht von Geld und Geist als Erfolgsrezept. Zürich wird eine gute Zukunft haben, wenn wir diese fruchtbare Verbindung weiterentwickeln. Ich meine aber, dass es in unserer wissensbasierten Gesellschaft und Wirtschaft klug ist, die Reihenfolge zu ändern: Geist und Geld.
Elmar Ledergerber, 64, ist seit 2002 Stadtpräsident von Zürich. Im Frühling 2009 will er zurücktreten und das Amt des Zürcher Tourismusdirektors übernehmen.
© Beobachter Ausgabe 1 vom 07. Jan 2009 - Alle Rechte vorbehalten





