Jenische Höchster Fahrender griff tief in die Kasse

Vieles deutet darauf hin, dass Radgenossenschafts-Präsident Daniel Huber für den desolaten Zustand der Finanzen verantwortlich ist.

Die Finanzen der Radgenossenschaft – der Dachorganisation der Schweizer Jenischen – sind in dramatische Schieflage geraten. Offenbar liess sich ihr Präsident ungewöhnlich hohe Beträge auszahlen. Interne Kritiker macht er mundtot.

Laut internen Dokumenten, die dem Beobachter vorliegen, reicht das Geld in der Kasse der Radgenossenschaft der Landstrasse nur noch bis Ende August. Ab dann sind Löhne, der Betrieb des Büros und der Unterhalt des Dokumentationszentrums nicht mehr gesichert.

Vieles deutet darauf hin, dass Radgenossenschafts-Präsident Daniel Huber für den desolaten Zustand der Finanzen verantwortlich ist. Bankauszüge belegen, dass Huber sich bis Ende Mai in drei Tranchen den gesamten Lohn des laufenden Jahres im Voraus auszahlen liess. In diesen fünf Monaten bezog der 48-Jährige zudem fast 13'000 Franken als Fahr- und Verpflegungsspesen und über 5000 Franken als Überstundenentschädigung. Der Präsident der Organisation, die laut Statuten «die Interessen des Jenischen Volkes in der Schweiz» wahren soll, hat sich in einem halben Jahr insgesamt über 100'000 Franken auf sein eigenes Konto überweisen lassen – und damit die Radgenossenschaft, die hauptsächlich von jährlich gut 250'000 Franken Bundessubventionen lebt, an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht.

Eigenmächtige Lohnerhöhung, zehn Wochen Ferien

Dazu kommt eine Vielzahl kleinerer Ungereimtheiten. So hat sich Huber diesen Frühling klammheimlich eine Lohnerhöhung gegönnt: von 4700 Franken auf 6800 Franken netto. Zwar wurde dabei auch sein Arbeitspensum von 60 auf 80 Prozent aufgestockt – doch korrekt gerechnet ergäbe dies einen neuen Lohn von lediglich rund 6200 Franken.

Laut einer internen Auflistung soll Daniel Huber dieses Jahr zudem zehn Wochen bezahlte Ferien beziehen; an mindestens drei Wochen habe er bisher ausserdem gar nicht für die Radgenossenschaft gearbeitet, sondern für seine eigene Firma für Recycling, Garten- und Malerarbeiten.

Daniel Huber verweigert eine Stellungnahme zu den Vorwürfen. «Gewisse Leute wollen mich mit Dreck bewerfen», sagt er nur. Die Radgenossenschaft sei weiterhin handlungsfähig und nicht von der Schliessung bedroht. Und: «Wenn wir Schwierigkeiten haben, dann lösen wir das unter uns.»

Kritiker werden per WhatsApp abserviert

Wie Huber Schwierigkeiten löst, zeigt sich am Beispiel der Geschäftsführerin der Radgenossenschaft. Vergangene Woche unterrichtete diese das Leitungsgremium der Organisation, den Verwaltungsrat, über die finanzielle Schieflage. Huber stellte sie sofort frei – per Whatsapp-Mitteilung.

Ein ähnliches Schicksal droht auch Verwaltungsrat Jean François Gerzner. Dieser hatte Auskunft über unklare Spesenbelege und die Lohnvorauszahlungen verlangt und Hubers Rücktritt gefordert, falls der Präsident schlüssige Antworten schuldig bliebe. Huber hat ihm nun den Rauswurf aus dem Verwaltungsrat angekündigt, ebenfalls per Whatsapp. Gerzner beharrt seinerseits auf seiner Rücktrittsforderung an Huber: «Die Radgenossenschaft hat den Interessen des jenischen Volks zu dienen, und nicht den privaten Bedürfnissen ihres Präsidenten.»

Im Verwaltungsrat hat Gerzner mit seiner Rückttrittsforderung keine Chance – die meisten der übrigen Verwaltungsräte sind mit Daniel Huber verwandt oder verschwägert. Die Radgenossenschaft steht darum bei zahlreichen Jenischen seit Jahren in der Kritik; für viele ist die Organisation eine Privatveranstaltung des «Huber-Clans».

Offen ist im Moment noch, ob der Bund nun Einfluss auf die Organisation nimmt. Das Bundesamt für Kultur (BAK), der grösste und praktisch alleinige Geldgeber der Radgenossenschaft, wurde am Freitag über die Unregelmässigkeiten informiert. Ende 2013 sagte ein BAK-Vertreter im Beobachter, es sei zwar «ungünstig», dass einige Mitglieder des Verwaltungsrates miteinander verwandt seien, die interne Organisation sei letztlich aber Sache der Genossenschaft.

Autor:
  • Markus Föhn
Bild:
  • Limmattaler Zeitung

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