Krankenheim: Schweren Vorwürfen ausgesetzt

Misshandlung einer Patientin, mangelnde Hygiene, rüder Ton, ungenügende Ausbildung: Pflegeassistentinnen und Schwestern üben massiv Kritik am Krankenheim Spiez BE. Die Heimdirektion weist die Anschuldigungen zurück.

«Menschlich, effizient, professionell»: So preist sich das Krankenheim Spiez BE in seinem Faltprospekt an.

Ein Rundgang mit Kaspar Zölch, Ressortleiter Pflege und Betreuung, bestätigt diese Schlagworte. Mit unendlicher Geduld löffeln Schwestern den Schwerstbehinderten das Essen ein. Die Viererzimmer entsprechen zwar nicht mehr den heutigen Anforderungen, aber sie sind sauber und nach Möglichkeit behaglich eingerichtet. «Beim nächsten Umbau werden sicher Zweierzimmer entstehen», sagt Zölch. Im neuen Trakt sind sie bereits realisiert.

«Das ist entwürdigend»
Der Augenschein des Schreibenden ist auf Wunsch von Direktor Christof Stöckli erfolgt. Denn vier Pflegeassistentinnen (PA) in Ausbildung haben sich beim Beobachter gemeldet. Sie sprechen dem Krankenheim Spiez gerade das Menschliche und das Professionelle ab und kritisieren, die Ausbildung sei ungenügend.

PA Manuela S. (Name geändert) erhebt einen schweren Vorwurf: Eine pflegebedürftige Frau sei misshandelt worden. «Die Schwesternhilfe zerrte die Frau in den Rollstuhl und versetzte ihr einen harten Schlag auf die Schultern. Die Frau weinte, und die Schwesternhilfe sagte ihr, sie solle aufhören – ihretwegen habe sie ständig Rückenschmerzen», so Manuela S.

Drei ihrer Kolleginnen doppeln nach: Der Umgangston mit den Patienten sei oft rüde, Taubstumme und Mongoloide würden nicht selten schon morgens angeschrien und weinten darauf den halben Tag. Pflegende drückten dementen Patienten auch mal den Mund mit Gewalt auf, um ihnen Essen und Trinken zu verabreichen. PA Jennifer Greder sagt: «Ein Dutzend Behinderte verrichten ihre Notdurft auf Nachtstühlen – nebeneinander, ohne Trennwände. Das ist entwürdigend.»

Happige Vorwürfe erheben die PA auch wegen mangelnder Hygiene:

  • Pampers dürften erst gewechselt werden, wenn sie «ausgelastet» seien. Etwas Urin oder Kotspuren reichten dafür nicht aus.

  • Die Nachtstühle würden erst nach mehrmaliger Benutzung gereinigt.

  • Für richtige Körperpflege der Patienten reiche die Zeit kaum aus.

  • Badewannen würden nach der Benutzung lediglich abgespült und nicht richtig gereinigt.

  • Eine Pflegende spritze ab und zu Insulin, ohne sich vorher die Hände zu waschen.

  • Wegen Personalmangels komme auch die Ausbildung der PA zu kurz. Offiziell als halbe Arbeitskraft aufgeführt, müssten sie ein volles Pensum leisten.


Gerade dies prangert auch eine Klasse ehemaliger Schwesternschülerinnen an, die unabhängig von den Pflegeassistentinnen in einem Brief an die Direktion auf Missstände hinweist. Die Lernenden müssten vielfach gar die Verantwortung für eine Gruppe Schwerstbehinderter übernehmen, weil keine diplomierte Schwester da sei. Die Praktikumsbegleiterinnen seien oft zu wenig qualifiziert.

Manuela S. hatte ihren Vorgesetzten unverzüglich über die Misshandlung berichtet. Da sie darauf nichts mehr hörte, nahm sie an, die Heimleitung wolle den Vorfall verheimlichen, und wandte sich an den Beobachter.

Tatsächlich hatte aber Kaspar Zölch inzwischen die belastete Schwesternhilfe befragt, die jedoch den Vorwurf vehement zurückwies. Worauf Zölch verfügte, die Schwesternhilfe sei diskret zu beobachten.

Nach fast drei Wochen fanden Gespräche zwischen den Verantwortlichen des Krankenheims und Manuela S. statt. Danach musste Manuela S. ihr Praktikum an einem anderen Spital zu Ende führen; das Krankenheim Spiez durfte sie nicht mehr betreten.

«Einzelne Fehler» möglich
Der Grund für diese harte Massnahme: Manuela S. habe Direktor Stöckli gesagt, es gehe ihr darum, das Heim zu schädigen. Dafür gebe es einen Zeugen. Manuela S. bestreitet eine solche Äusserung und führt dafür ebenfalls eine Zeugin ins Feld.

Gegenüber dem Beobachter betont Christof Stöckli, dass er Gewaltanwendung seitens des Pflegepersonals auf keinen Fall dulde. Nur dürfe er niemanden vorverurteilen, solange lediglich Aussage gegen Aussage stehe.

Auch alle anderen Vorwürfe stuft Stöckli als haltlos, böswillig oder gar als Lügen ein. So habe eine Fachfrau die Hygiene im Spital überprüft und positiv bewertet. Die Ausbildung der Pflegeassistentinnen sei in ein Qualitätssystem eingebunden und werde laufend verbessert. Stöckli schliesst einzelne Fehler nicht aus, doch sei das Krankenheim bestrebt, diese zu erkennen und zu eliminieren.

Kaspar Zölch doppelt nach: Es sei einfach undenkbar, dass eine Gruppe Behinderter nebeneinander auf den Nachtstühlen sitze. Auch die Vorwürfe der Schwesternschülerinnen weist er zurück: «Nie hat eine Schwesternschülerin über längere Zeit Schwerstbehinderte allein betreuen müssen. Ich kann das anhand der Einsatzpläne beweisen.» Schwachstellen in der Ausbildung seien inzwischen behoben.

Unterstützung erhalten die Kritikerinnen dagegen von der Leitung der Berufsschule für Pflege Berner Oberland. «Manuela S. und Jennifer Greder setzen sicher nicht vorsätzlich Lügen in die Welt», erklärt Susanne Steimer von der Geschäftsleitung der Berufsschule. Sie empfiehlt der Krankenheimleitung, den Vorwürfen nachzugehen: «Das wäre wohl besser, als stets zu wiederholen, das Krankenheim Spiez sei das beste Heim. Tatsächlich hat es schon bessere Zeiten gesehen.»

Autor:
  • Urs von Tobel
23. August 2002, Beobachter 17/2002