Krawall Gewalt in Stadien ist selten

Krawall: Gewalt in Stadien ist selten
Spielabbruch aus Sicherheitsgründen: Schwere Gewalt wie hier in Zürich ist die Ausnahme.

Den Fussballausschreitungen folgte der landesweite Aufschrei über Gewalt in Sportstätten als Dauerproblem. Offizielle Zahlen zeichnen ein anderes Bild.

Die Wogen gingen hoch nach dem Abbruch des Spiels GC–FCZ Anfang Oktober. Bei der Ursachenforschung überboten sich Politiker, Behörden und Klubverantwortliche mit düsteren Diagnosen, und die Medien stimmten ein: vom Anstieg der Jugend­kriminalität bis zur Verrohung der Gesellschaft an sich.

Jeder Vorfall ist einer zu viel, aber ein Dauerproblem sieht anders aus. Das zeigen auch die Zahlen, die das Bundesamt für Statistik (BfS) für den Beobachter zusammengetragen hat. Die Auswertung beruht auf der polizeilichen Kriminalstatistik, die Gewaltstraftaten nach Örtlichkeit ausweist.

Gemäss diesen Daten kam es 2009 schweizweit zu 327 Verzeigungen wegen Gewaltstraftaten in Sportstätten. Gerade mal fünf dieser Verzeigungen betrafen Fälle von schwerer ­Gewalt. Im gleichen Zeitraum wurden allein in den zwei höchs­ten Schweizer Fussball- und Eishockeyligen rund 950 Meisterschaftsspiele (Play-offs und Cup-Spiele nicht mitgezählt) durchgeführt – vor über vier Millionen Zuschauern.

Im Jahr 2010 ging die Anzahl der Verzeigungen auf 303 zurück – eine Abnahme um sieben Prozent trotz steigenden Zuschauerzahlen. In den letzten beiden Jahren kam also je eine Verzeigung wegen einer Gewaltstraftat auf rund 13'000 Zuschauer. Bei schweren Gewalttaten beträgt das Verhältnis rund 1 zu 750'000.

Bilder setzen Themen

Diese Zahlen stützen die These, dass Gewaltexzesse in Sportstadien Ausnahmen sind (siehe Artikel zum Thema «Fussball-Randale: Jenseits von Gut und Böse»). Wenn aber etwas Spektakuläres passiert, läuft heute fast immer eine Handykamera. Diese Bilder werden dann verbreitet, was Politik und Verantwortliche zu Reaktionen zwingt.

Ende Mai zeigten diverse Medien Filmaufnahmen eines Extrazugs von FC-Sion-Fans, aus dem Flaschen und Feuerwerkskörper aufs Perron flogen. «Bilder eines von Fussballfans demolierten Zugs will ich nicht mehr sehen», sagte SBB-Chef Andreas Meyer dazu und thematisierte so unfreiwillig den Kern der Sache: Allein die Verfügbarkeit von brisanten Bildern hievt Themen wie Vandalismus oder Gewalt in die Agenda – ohne dass sich das rea­le Problem verschärft hätte.

Nach Angaben der SBB belaufen sich die Kosten, die jährlich im Zusammenhang mit Extrazügen für Sicherheit, Reinigung und Schäden entstehen, auf drei Millionen Franken. Diese Zahl sei seit Jahren stabil. Die Anzahl Extrazüge aber hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Autor:
  • Balz Ruchti
Bild:
  • Alessandro Della Bella/Keystone
26. Oktober 2011, Beobachter 22/2011