Damit im bündnerischen Susch die Kirchenglocke nicht geklaut wird, hat sie der Präsident der Gemeinde vorsorglich gleich selbst stibitzt.
Auf den letzten TV-Bildern der Glocke sind drei Männer zu sehen, die das Prunkstück aus der Kirche schleppen. Einer von ihnen ist rasch identifiziert: Emil Müller, Gemeindepräsident. Im Frühling haben er und zwei Unbekannte die Glocke aus dem 13. Jahrhundert geholt. Wo sie sich jetzt befindet, weiss nicht einmal der Pfarrer, Christoph Schneider.
Trotzdem ist Müller kein Dieb – also kein richtiger: Geholt hat er das Eigentum der Suscher Kirchgemeinde nur, um es vor echten Räubern zu verstecken. Solche gehen nämlich um im Bündnerland. Dreimal schon haben sie zugeschlagen und dabei vier Glocken gestohlen. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten. Ausgerechnet das rätoromanische Fernsehen hängte aber an die grosse Glocke, dass selbige in Susch völlig ungeschützt auf einem Sockel in der Kirche aufgestellt sei. Da läuteten beim Gemeindepräsidenten die Alarmglocken.
Doch wo versteckt man eine Glocke? Vielleicht hilft die Geschichte: Schon einmal war der Kunstschatz für über 50 Jahre in der Versenkung verschwunden, im Rätischen Museum in Chur. «Wir finden es bedauerlich, dass ein so altes Kulturgut aus unserer Gemeinde irgendwo in einem verschlossenen dunklen Raum schlummert», schrieb der Gemeindeaktuar 1986 nach Chur und holte die Glocke in seinem Autoanhänger zurück ins Dorf für immer.
Sie muss also irgendwo vor Ort sein. Doch Verstecke gibt es viele in Susch, das zwar nur 200 Einwohner zählt, sich aber auf 94 Quadratkilometer erstreckt. Wir fragen einen, der es wissen muss: Wolfgang Niederberger. Er hat kürzlich zwei Glocken der Burg Angenstein gefunden, die jahrzehntelang verschollen waren, im Wald vergraben in Pfeffingen BL. Sein Tipp: «Möglichst viele Dorfbewohner fragen. Dort die Suche aufnehmen, wo die meisten die Glocke vermuten.» Offenbar funktioniert eine erfolgreiche Suche demokratisch.
Doch in Susch will keiner über Dorfgeheimnisse plaudern. Man schweigt und verweist auf den Präsidenten. Doch der sagt nichts – anfänglich. Man muss ihn behutsam ins Gespräch verwickeln, ehe er sich ein paar Hinweise entlocken lässt: «Wir sind keine Schildbürger», sagt Müller etwa. Folglich ist die Glocke nicht im See auf dem Flüelapass versenkt. Auch sei sie nicht vergraben, sondern «abschliessbar» versteckt. Da kommt die Burgruine Fortezza Rohan nicht in Frage. Hingegen wäre der 800-jährige Gefängnisturm in Gehdistanz abschliessbar und ebenerdig erreichbar.
Der beste Tipp kommt dann aber vom Pfarrer: Die Lösung eines Rätsels liege häufig nah, sagt er vieldeutig. Tatsächlich steht am Schwarzen Brett der Gemeinde schwarz auf weiss, wohin die Glocke gebracht werden soll: ins «archiv cumünal». Ist sie wirklich dort? Der Präsident lacht verschmitzt, zuckt mit den Schultern – und schweigt.
Nachlese
Der aufrechte Glockendieb
Damit im bündnerischen Susch die Kirchenglocke nicht geklaut wird, hat sie der Präsident der Gemeinde vorsorglich gleich selbst stibitzt.
Susch birgt ein Geheimnis: Niemand will wissen, wo die Kirchenglocke steckt.
Auf den letzten TV-Bildern der Glocke sind drei Männer zu sehen, die das Prunkstück aus der Kirche schleppen. Einer von ihnen ist rasch identifiziert: Emil Müller, Gemeindepräsident. Im Frühling haben er und zwei Unbekannte die Glocke aus dem 13. Jahrhundert geholt. Wo sie sich jetzt befindet, weiss nicht einmal der Pfarrer, Christoph Schneider.
Trotzdem ist Müller kein Dieb – also kein richtiger: Geholt hat er das Eigentum der Suscher Kirchgemeinde nur, um es vor echten Räubern zu verstecken. Solche gehen nämlich um im Bündnerland. Dreimal schon haben sie zugeschlagen und dabei vier Glocken gestohlen. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten. Ausgerechnet das rätoromanische Fernsehen hängte aber an die grosse Glocke, dass selbige in Susch völlig ungeschützt auf einem Sockel in der Kirche aufgestellt sei. Da läuteten beim Gemeindepräsidenten die Alarmglocken.
«Wir sind keine Schildbürger»
Doch wo versteckt man eine Glocke? Vielleicht hilft die Geschichte: Schon einmal war der Kunstschatz für über 50 Jahre in der Versenkung verschwunden, im Rätischen Museum in Chur. «Wir finden es bedauerlich, dass ein so altes Kulturgut aus unserer Gemeinde irgendwo in einem verschlossenen dunklen Raum schlummert», schrieb der Gemeindeaktuar 1986 nach Chur und holte die Glocke in seinem Autoanhänger zurück ins Dorf für immer.
Sie muss also irgendwo vor Ort sein. Doch Verstecke gibt es viele in Susch, das zwar nur 200 Einwohner zählt, sich aber auf 94 Quadratkilometer erstreckt. Wir fragen einen, der es wissen muss: Wolfgang Niederberger. Er hat kürzlich zwei Glocken der Burg Angenstein gefunden, die jahrzehntelang verschollen waren, im Wald vergraben in Pfeffingen BL. Sein Tipp: «Möglichst viele Dorfbewohner fragen. Dort die Suche aufnehmen, wo die meisten die Glocke vermuten.» Offenbar funktioniert eine erfolgreiche Suche demokratisch.
Doch in Susch will keiner über Dorfgeheimnisse plaudern. Man schweigt und verweist auf den Präsidenten. Doch der sagt nichts – anfänglich. Man muss ihn behutsam ins Gespräch verwickeln, ehe er sich ein paar Hinweise entlocken lässt: «Wir sind keine Schildbürger», sagt Müller etwa. Folglich ist die Glocke nicht im See auf dem Flüelapass versenkt. Auch sei sie nicht vergraben, sondern «abschliessbar» versteckt. Da kommt die Burgruine Fortezza Rohan nicht in Frage. Hingegen wäre der 800-jährige Gefängnisturm in Gehdistanz abschliessbar und ebenerdig erreichbar.
Der beste Tipp kommt dann aber vom Pfarrer: Die Lösung eines Rätsels liege häufig nah, sagt er vieldeutig. Tatsächlich steht am Schwarzen Brett der Gemeinde schwarz auf weiss, wohin die Glocke gebracht werden soll: ins «archiv cumünal». Ist sie wirklich dort? Der Präsident lacht verschmitzt, zuckt mit den Schultern – und schweigt.
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© Beobachter Ausgabe 12 vom 09. Jun 2010 - Alle Rechte vorbehalten