Naturgefahren
Wo es in der Schweiz am gefährlichsten ist
- Text:
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- Markus Bernet
- , Marina Bräm
- und Daniel Röttele
- Ausgabe:
- 3/11
Kein Land ist vor Katastrophen gefeit. Welche Risiken bestehen in der Schweiz? Und wie gut ist unser Land auf Naturgefahren und Katastrophen vorbereitet? Eine Übersicht.

Sieht währschaft und harmlos aus, hat es aber in sich: Bricht der Damm des Sihlsees, überflutet eine bis zu acht Meter hohe Welle Zürich.

Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
1. Tanklager Vernier: In Vernier GE wird derzeit über die Sicherheit eines riesigen Tanklagers mitten im Siedlungsraum diskutiert. Bei einem Unfall könnten Hunderte Menschen umkommen.
2. Raffinierie Collombey: Die Erdölraffinerie liegt im Siedlungsgebiet an der Rhone. Eine Überflutung droht alle 100 Jahre. Oberhalb der Raffinerie befinden sich Staudämme.
3. AKW Mühleberg: Das AKW liegt unterhalb einer Staumauer (siehe Seite 36). Bei einem schweren Erdbeben würden voraussichtlich zahlreiche Sicherheitssysteme ausfallen.
4. Grand Dixence: Bräche die Staumauer, würde eine Flutwelle das Unterwallis inklusive Sion verwüsten. Die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe ist indes gering (siehe «Staumauern»).
5. Chemische Industrie Lonza: Das Industrieareal liegt in einem Erdbebengebiet direkt an der Rhone. Die Firma hat mittlerweile viele ihrer Gebäude erdbebensicher saniert.
6. Basel: Mit einer überdurchschnittlichen Erdbebenhäufigkeit, vielen Chemiebetrieben in der Region und der Nähe zu einem Flughafen und drei AKW ist die Zahl der Risiken in Basel gross.
7. Sihlsee: Würde der 1937 fertiggestellte Staudamm brechen, würde das Sihltal überflutet, und Teile der Stadt Zürich stünden bis zu acht Meter tief unter Wasser.
Die Schweizer Atomkraftwerke sind nicht so sicher, wie lange angenommen wurde. Eine 2007 veröffentlichte Studie namens «Pegasos» kam zum Schluss, dass die Meiler nicht genügend gegen starke Erdbeben gesichert sind. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) ordnete daher an, dass alle AKW neu überprüft und nachgerüstet werden müssen. Diese Arbeiten sind derzeit im Gang.
In der Schweiz stehen über 1000 Staumauern, von denen rund 200 über fünf Meter hoch sind. Experten kamen vor einigen Jahren zum Schluss, dass die Mehrzahl dieser Bauten bezüglich Erdbebensicherheit nach veralteten Methoden überprüft wurde. Eine Neuprüfung läuft derzeit und soll bis 2013 abgeschlossen sein. Dass bei einem Erdbeben eine ganze Mauer einstürzt, ist allerdings unwahrscheinlich. Am ehesten möglich wären Risse, durch die grössere Mengen Wasser austreten könnten. Ein Alarmsystem ist nur bei 66 Anlagen installiert.
Insgesamt 258 chemische Betriebe und Tanklager weisen in der Schweiz ein höheres Unfallpotential auf. Das bedeutet, dass bei einem Unfall mit über zehn Toten und/oder einer schweren Schädigung der Umwelt zu rechnen wäre. Ein solcher Ernstfall trat 1986 mit dem Grossbrand von Schweizerhalle ein. Die Betriebe sind heute verpflichtet, die Risiken zu ermitteln und alle geeigneten Massnahmen zur Vermeidung von Unfällen zu treffen
Die massiven Überschwemmungen vom August 2005 haben gezeigt, dass viele Flüsse nach tage- oder wochenlangen Niederschlägen über die Ufer treten. Die Kantone erstellen derzeit detaillierte Gefahrenkarten; viele Kantone lassen sich allerdings erstaunlich viel Zeit damit. Auch mehrere grosse Hochwasserschutzprojekte sind zurzeit im Gang, so an der Rhone, der Thur und der Linth.
In der Schweiz ereignen sich pro Jahr zwischen 500 und 800 Erdbeben. Rund zehn davon sind spürbar. Beben der Stärke 5* mit leichten Gebäudeschäden sind alle zehn Jahre zu erwarten, Beben der Stärke 6 mit Schäden an soliden Häusern und mit womöglich mehreren Toten alle 100 Jahre. Sogenannte «überregional zerstörerische Beben» der Stärke 7 ereignen sich statistisch gesehen alle 1000 Jahre. Dabei muss mit Tausenden Toten, Zehntausenden Verletzten und ähnlich vielen zerstörten Gebäuden gerechnet werden. Zum Vergleich: Das Erdbeben vom 11. März in Japan hatte eine Stärke von 8,9.
* Die Erdbebenstärke gemäss Richter-Skala wird verkürzt auch «Magnitude» genannt.
Erdbeben der Stärke 6 oder mehr. Das stärkste ereignete sich 1356 in Basel (geschätzte Stärke: 6,9). Beben und Brände zerstörten die Stadt vollständig.
3. September 1295: Churwalden GR
18. Oktober 1356: Basel
April 1524: Ardon VS
18. September 1601: Zentralschweiz
29. November 1610: Basel
9. Dezember 1755: Brig VS
10. September 1774: Altdorf UR
6. Dezember 1795: Wildhaus GL
20. April 1796: Rheintal SG
25. Juli 1855: Visp VS
25. Januar 1946: Sierre VS
23. März 1960: Brig VS
Die Karte zeigt alle spürbaren Erdbeben von 1975 bis 2009 (Stärke 2 oder mehr).

Quellen: Schweizerischer Erdbebendienst, BAFU
Die Angaben der Gebäudeversicherungen geben zu denken: Bei über 70 Prozent der Gebäude in der Schweiz wurden keine besonderen Massnahmen zur Erdbebensicherheit getroffen. Lediglich 10 Prozent sind nach modernen Erkenntnissen erdbebensicher. Nur für Gebäude wie Spitäler oder Schulen, in denen sich viele Menschen aufhalten, gelten besondere Vorschriften.
Das sind die häufigsten baulichen Mängel:
Ein «weiches» Zwischengeschoss ohne Wände kann bei einem Erdbeben das ganze Gebäude zum Einsturz bringen.
Aneinandergebaute Häuser oder Gebäude mit komplexen Formen sind gefährdet, weil die einzelnen Teile bei einem Erdbeben unterschiedlich stark schwingen.
Bauten, die nur auf Stützen stehen, wackeln bei einem Erdbeben hin und her. Zu schwache Stützen können einknicken.
Gebäude aus unbewehrtem Mauerwerk sind besonders heikel, da verbindende Elemente wie Armierungseisen in den Backsteinmauern fehlen. Sogar Hochhäuser wurden früher so gebaut.
Auch Fassadenteile und andere nichttragende Bauelemente können gefährlich sein. Sind sie nicht richtig verankert, können sie bei einem Beben hinunterfallen.
In der Schweiz sind wir gegen alles versichert – nur nicht gegen Erdbeben. Ausgerechnet diese Naturgewalt ist bei den Gebäudeversicherungen ausgeschlossen – obwohl sie Schäden in Milliardenhöhe verursachen kann. Besonders schlecht ist die Lage in den Kantonen GE, UR, SZ, TI, AI, VS und OW: Wer hier keine private Versicherung abgeschlossen hat, erhält im Schadensfall keinen Rappen.
In den anderen Kantonen (ausser ZH) haben die Gebäudeversicherer einen freiwilligen Erdbebenpool eingerichtet, der nach einem Beben maximal zwei Milliarden Franken ausbezahlt. Der Selbstbehalt für die Hausbesitzer beträgt jedoch mindestens 50'000 Franken. Der Kanton Zürich kennt ein ähnliches System mit einer Milliarde Franken Deckung.
Alle Schweizer AKW liegen in besiedeltem Gebiet. Bei einem atomaren GAU müssten bis zu einer halben Million Menschen evakuiert werden; von einer allfälligen Strahlenwolke wäre aber das ganze Mittelland betroffen. Die Karte zeigt die Windrichtungen, die an den AKW-Standorten vorherrschen.

Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
Eine atomare Katastrophe ist eines der wenigen Ereignisse, bei denen nicht der betroffene Kanton, sondern die Nationale Alarmzentrale (NAZ) das Kommando übernimmt. Sollte der Austritt von Radioaktivität bevorstehen, informiert die NAZ sofort die Bevölkerung über Radio und Fernsehen und ordnet erste Massnahmen an. In der Gefahrenzone 2 (20 Kilometer rund um das AKW) heulen die Sirenen; die Menschen werden aufgefordert, das Gebiet sofort zu verlassen. Zudem wird die Bevölkerung angehalten, Jodtabletten zu schlucken.
Allerdings erfahren wohl nicht alle sofort, dass sich ein Unfall ereignet hat: Weil es zu Stromausfällen kommt, funktionieren nur die neueren Sirenen, die über Notstromaggregate oder Batterien verfügen. Zudem fehlen genaue Evakuierungspläne – sie werden derzeit erst ausgearbeitet –, weshalb der Alarm vermutlich vielerorts Panik und Chaos auslöst. Die Spitäler sind dem Ansturm von verstrahlten oder verunsicherten Menschen nicht gewachsen. Wenn später die radioaktive Wolke über das Mittelland zieht, müssen Hunderttausende einige Tage im Keller verbringen.
Das AKW Mühleberg steht 1,3 Kilometer unterhalb einer 90 Jahre alten Staumauer. Gemäss Dokumenten des AKW-Betreibers BKW könnte das Werk bei einem Dammbruch überflutet werden. Bei einem schweren Erdbeben könnten laut dem ENSI 17 der 37 mechanischen Sicherheitssysteme ausfallen. Das AKW wird derzeit überprüft und nachgerüstet.
Beispiel Sihlsee: Was geschieht, wenn der Staudamm bricht?
Zwar liegt der Sihlsee 40 Kilometer von Zürich entfernt und ist im Vergleich zum Zürichsee winzig. Trotzdem stellt er für die Grossstadt ein nicht zu vernachlässigendes Risiko dar. Die 1937 fertiggestellte Staumauer des Sihlsees ist 33 Meter hoch. Würde sie brechen, flössen die Wassermassen durch das Sihltal in Richtung Zürich. Bei einer vollständigen Zerstörung des Staudamms würden weite Teile der Stadt bis zu acht Meter unter Wasser gesetzt (rote Bereiche auf der Karte). Die Häuser würden unterspült; viele würden ganz einstürzen. Immerhin könnten sich wohl die meisten Menschen retten: Die Flutwelle würde die Stadt erst 1 Stunde und 25 Minuten nach dem Dammbruch erreichen. Mit dem Wasseralarm könnte die Bevölkerung rechtzeitig informiert werden. Damit es nicht zum Notfall kommt, wird die Staumauer regelmässig überwacht.
Die zehn schlimmsten Katastrophen der vergangenen 50 Jahre in der Schweiz
30. August 1965 Eissturz von Mattmark | | Oberhalb von Saas-Fee VS lösen sich plötzlich riesige Eismassen des Allalingletschers und stürzen auf die Baustelle des Staudamms von Mattmark. Von den 700 im Einsatz stehenden Arbeitern verlieren 88 ihr Leben. |
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21. Januar 1969 Atomunfall von Lucens | | Im Versuchsatomkraftwerk von Lucens VD explodiert eines der Brennelemente. Es handelt sich um den schwersten nuklearen Unfall der Schweiz. Der in einem unterirdischen Stollen angelegte Reaktor wird darauf stillgelegt. |
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8. April 1969 Explosion in Dottikon | | In der Schweizerischen Sprengstofffabrik in Dottikon AG kommt es zu einer gewaltigen Explosion, die noch im 15 Kilometer entfernten Aarau zu hören ist. 18 Menschen werden getötet und mehrere verletzt. Zahlreiche Häuser werden beschädigt. |
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21. Februar 1970 Flugzeugabsturz von Würenlingen | | Neun Minuten nach dem Start in Zürich Kloten explodiert im Laderaum eines Swissair-Flugzeugs eine Bombe. Die Maschine stürzt bei Würenlingen AG in den Wald, 47 Menschen sterben. Es handelt sich um einen Terroranschlag der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). |
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1. November 1986 Brand in Schweizerhalle | | In einer Lagerhalle des Agro- und Pharmakonzerns Sandoz in Schweizerhalle kommt es zum Grossbrand. Wegen der giftigen Abgase wird Sirenenalarm gegeben. Verseuchtes Löschwasser gelangt in den Rhein und löst ein grosses Fischsterben aus. |
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24. September 1993 Hochwasser von Brig | | Die Saltina tritt über die Ufer und überschwemmt Brig VS und weitere Orte in der Umgebung. Die Briger Innenstadt wird verwüstet, zwei Menschen sterben. Die Schäden belaufen sich auf 650 Millionen Franken. |
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26. Dezember 1999 Orkan Lothar | | Am Stephanstag 1999 fegt der Orkan Lothar durch die Schweiz und verwüstet zahlreiche Wälder. Strassen und Bahnlinien werden blockiert, Häuser zerstört. 29 Menschen kommen um. Die Schadensumme beläuft sich auf 1,78 Milliarden Franken – verursacht in nur zwei Stunden. |
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14. Oktober 2000 Katastrophe von Gondo | | Nach heftigen Regenfällen zerstört ein Erdrutsch die Hälfte des Dorfes Gondo VS auf der Südseite des Simplonpasses. 13 Menschen kommen um, der Wiederaufbau des Dorfes dauert sechs Jahre. |
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24. Oktober 2001 Brand im Gotthardtunnel | | Beim bisher schwersten Unfall im Gotthard-Strassentunnel kommt es nach dem Zusammenstoss zweier Lastwagen zu einer Brandkatastrophe, zahlreiche Fahrzeuge gehen in Flammen auf. Elf Menschen verlieren ihr Leben, der Tunnel bleibt zwei Monate lang geschlossen. |
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20. August 2005 Jahrhunderthochwasser | | Anhaltender Regen führt auf der ganzen Alpennordseite zu grossflächigen Überschwemmungen und Erdrutschen. Mindestens sechs Menschen sterben, zahlreiche werden verletzt. Die Schäden werden auf 2,5 Milliarden Franken geschätzt.
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Menschen neigen dazu, grosse, aber seltene Unglücke überzubewerten und häufigere Gefahren zu verharmlosen. So verlieren viel mehr Menschen auf den Strassen ihr Leben als beim Fliegen, aber die Angst vor einem Flugzeugabsturz ist grösser. Diese verzerrte Einschätzung zeigt sich auch in Umfragen zu möglichen Gefährdungen.
Gemäss einer Erhebung des Schweizerischen Versicherungsverbands werden die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkungen von Erdbeben im Vergleich mit anderen Risiken unterschätzt. Laut einer Expertenbefragung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz stellen starke Beben und ihre Folgen das grösste Risiko dar.
Da Erdbeben relativ häufig sind und viel Schaden anrichten, ist das Risiko diesbezüglich gross. Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze veranschlagten Fachleute bisher auf ein Ereignis in einer Million Jahre. Entsprechend wurde das Risiko geringer eingestuft.
Weitere Infos
Nationale Plattform Naturgefahren:
www.planat.ch
Karte zum Umweltzustand der Schweiz:
umweltzustand.admin.ch
Schweizerischer Erdbebendienst:
www.seismo.ethz.ch
Dossier zum GAU in Japan:
www.beobachter.ch/gau
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© Beobachter Ausgabe 3 vom 07. Apr 2011 - Alle Rechte vorbehalten
Naturgefahren
Wo es in der Schweiz am gefährlichsten ist
Kein Land ist vor Katastrophen gefeit. Welche Risiken bestehen in der Schweiz? Und wie gut ist unser Land auf Naturgefahren und Katastrophen vorbereitet? Eine Übersicht.
Sieht währschaft und harmlos aus, hat es aber in sich: Bricht der Damm des Sihlsees, überflutet eine bis zu acht Meter hohe Welle Zürich.
Gefahrenkarte: Wo grosse Risiken lauern
Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
1. Tanklager Vernier: In Vernier GE wird derzeit über die Sicherheit eines riesigen Tanklagers mitten im Siedlungsraum diskutiert. Bei einem Unfall könnten Hunderte Menschen umkommen.
2. Raffinierie Collombey: Die Erdölraffinerie liegt im Siedlungsgebiet an der Rhone. Eine Überflutung droht alle 100 Jahre. Oberhalb der Raffinerie befinden sich Staudämme.
3. AKW Mühleberg: Das AKW liegt unterhalb einer Staumauer (siehe Seite 36). Bei einem schweren Erdbeben würden voraussichtlich zahlreiche Sicherheitssysteme ausfallen.
4. Grand Dixence: Bräche die Staumauer, würde eine Flutwelle das Unterwallis inklusive Sion verwüsten. Die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe ist indes gering (siehe «Staumauern»).
5. Chemische Industrie Lonza: Das Industrieareal liegt in einem Erdbebengebiet direkt an der Rhone. Die Firma hat mittlerweile viele ihrer Gebäude erdbebensicher saniert.
6. Basel: Mit einer überdurchschnittlichen Erdbebenhäufigkeit, vielen Chemiebetrieben in der Region und der Nähe zu einem Flughafen und drei AKW ist die Zahl der Risiken in Basel gross.
7. Sihlsee: Würde der 1937 fertiggestellte Staudamm brechen, würde das Sihltal überflutet, und Teile der Stadt Zürich stünden bis zu acht Meter tief unter Wasser.
AKW
Die Schweizer Atomkraftwerke sind nicht so sicher, wie lange angenommen wurde. Eine 2007 veröffentlichte Studie namens «Pegasos» kam zum Schluss, dass die Meiler nicht genügend gegen starke Erdbeben gesichert sind. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) ordnete daher an, dass alle AKW neu überprüft und nachgerüstet werden müssen. Diese Arbeiten sind derzeit im Gang.
Staumauern
In der Schweiz stehen über 1000 Staumauern, von denen rund 200 über fünf Meter hoch sind. Experten kamen vor einigen Jahren zum Schluss, dass die Mehrzahl dieser Bauten bezüglich Erdbebensicherheit nach veralteten Methoden überprüft wurde. Eine Neuprüfung läuft derzeit und soll bis 2013 abgeschlossen sein. Dass bei einem Erdbeben eine ganze Mauer einstürzt, ist allerdings unwahrscheinlich. Am ehesten möglich wären Risse, durch die grössere Mengen Wasser austreten könnten. Ein Alarmsystem ist nur bei 66 Anlagen installiert.
Chemische Industrie
Insgesamt 258 chemische Betriebe und Tanklager weisen in der Schweiz ein höheres Unfallpotential auf. Das bedeutet, dass bei einem Unfall mit über zehn Toten und/oder einer schweren Schädigung der Umwelt zu rechnen wäre. Ein solcher Ernstfall trat 1986 mit dem Grossbrand von Schweizerhalle ein. Die Betriebe sind heute verpflichtet, die Risiken zu ermitteln und alle geeigneten Massnahmen zur Vermeidung von Unfällen zu treffen
Hochwasserzonen
Die massiven Überschwemmungen vom August 2005 haben gezeigt, dass viele Flüsse nach tage- oder wochenlangen Niederschlägen über die Ufer treten. Die Kantone erstellen derzeit detaillierte Gefahrenkarten; viele Kantone lassen sich allerdings erstaunlich viel Zeit damit. Auch mehrere grosse Hochwasserschutzprojekte sind zurzeit im Gang, so an der Rhone, der Thur und der Linth.
Erdbeben
In der Schweiz ereignen sich pro Jahr zwischen 500 und 800 Erdbeben. Rund zehn davon sind spürbar. Beben der Stärke 5* mit leichten Gebäudeschäden sind alle zehn Jahre zu erwarten, Beben der Stärke 6 mit Schäden an soliden Häusern und mit womöglich mehreren Toten alle 100 Jahre. Sogenannte «überregional zerstörerische Beben» der Stärke 7 ereignen sich statistisch gesehen alle 1000 Jahre. Dabei muss mit Tausenden Toten, Zehntausenden Verletzten und ähnlich vielen zerstörten Gebäuden gerechnet werden. Zum Vergleich: Das Erdbeben vom 11. März in Japan hatte eine Stärke von 8,9.
* Die Erdbebenstärke gemäss Richter-Skala wird verkürzt auch «Magnitude» genannt.
Die schwersten Erdbeben im vergangenen Jahrtausend
Erdbeben der Stärke 6 oder mehr. Das stärkste ereignete sich 1356 in Basel (geschätzte Stärke: 6,9). Beben und Brände zerstörten die Stadt vollständig.
3. September 1295: Churwalden GR
18. Oktober 1356: Basel
April 1524: Ardon VS
18. September 1601: Zentralschweiz
29. November 1610: Basel
9. Dezember 1755: Brig VS
10. September 1774: Altdorf UR
6. Dezember 1795: Wildhaus GL
20. April 1796: Rheintal SG
25. Juli 1855: Visp VS
25. Januar 1946: Sierre VS
23. März 1960: Brig VS
Hier bebt es am häufigsten
Die Karte zeigt alle spürbaren Erdbeben von 1975 bis 2009 (Stärke 2 oder mehr).
Quellen: Schweizerischer Erdbebendienst, BAFU
Viele Häuser weisen Mängel auf
Die Angaben der Gebäudeversicherungen geben zu denken: Bei über 70 Prozent der Gebäude in der Schweiz wurden keine besonderen Massnahmen zur Erdbebensicherheit getroffen. Lediglich 10 Prozent sind nach modernen Erkenntnissen erdbebensicher. Nur für Gebäude wie Spitäler oder Schulen, in denen sich viele Menschen aufhalten, gelten besondere Vorschriften.
Das sind die häufigsten baulichen Mängel:
Ein «weiches» Zwischengeschoss ohne Wände kann bei einem Erdbeben das ganze Gebäude zum Einsturz bringen.
Aneinandergebaute Häuser oder Gebäude mit komplexen Formen sind gefährdet, weil die einzelnen Teile bei einem Erdbeben unterschiedlich stark schwingen.
Bauten, die nur auf Stützen stehen, wackeln bei einem Erdbeben hin und her. Zu schwache Stützen können einknicken.
Gebäude aus unbewehrtem Mauerwerk sind besonders heikel, da verbindende Elemente wie Armierungseisen in den Backsteinmauern fehlen. Sogar Hochhäuser wurden früher so gebaut.
Auch Fassadenteile und andere nichttragende Bauelemente können gefährlich sein. Sind sie nicht richtig verankert, können sie bei einem Beben hinunterfallen.
Erdbeben: Wer zahlt?
In der Schweiz sind wir gegen alles versichert – nur nicht gegen Erdbeben. Ausgerechnet diese Naturgewalt ist bei den Gebäudeversicherungen ausgeschlossen – obwohl sie Schäden in Milliardenhöhe verursachen kann. Besonders schlecht ist die Lage in den Kantonen GE, UR, SZ, TI, AI, VS und OW: Wer hier keine private Versicherung abgeschlossen hat, erhält im Schadensfall keinen Rappen.
In den anderen Kantonen (ausser ZH) haben die Gebäudeversicherer einen freiwilligen Erdbebenpool eingerichtet, der nach einem Beben maximal zwei Milliarden Franken ausbezahlt. Der Selbstbehalt für die Hausbesitzer beträgt jedoch mindestens 50'000 Franken. Der Kanton Zürich kennt ein ähnliches System mit einer Milliarde Franken Deckung.
Atomkraftwerke
Alle Schweizer AKW liegen in besiedeltem Gebiet. Bei einem atomaren GAU müssten bis zu einer halben Million Menschen evakuiert werden; von einer allfälligen Strahlenwolke wäre aber das ganze Mittelland betroffen. Die Karte zeigt die Windrichtungen, die an den AKW-Standorten vorherrschen.
Klicken Sie auf die Karte, um sie vergrössert anzuzeigen.
Notfallszenario: Was nach dem GAU passiert
Eine atomare Katastrophe ist eines der wenigen Ereignisse, bei denen nicht der betroffene Kanton, sondern die Nationale Alarmzentrale (NAZ) das Kommando übernimmt. Sollte der Austritt von Radioaktivität bevorstehen, informiert die NAZ sofort die Bevölkerung über Radio und Fernsehen und ordnet erste Massnahmen an. In der Gefahrenzone 2 (20 Kilometer rund um das AKW) heulen die Sirenen; die Menschen werden aufgefordert, das Gebiet sofort zu verlassen. Zudem wird die Bevölkerung angehalten, Jodtabletten zu schlucken.
Allerdings erfahren wohl nicht alle sofort, dass sich ein Unfall ereignet hat: Weil es zu Stromausfällen kommt, funktionieren nur die neueren Sirenen, die über Notstromaggregate oder Batterien verfügen. Zudem fehlen genaue Evakuierungspläne – sie werden derzeit erst ausgearbeitet –, weshalb der Alarm vermutlich vielerorts Panik und Chaos auslöst. Die Spitäler sind dem Ansturm von verstrahlten oder verunsicherten Menschen nicht gewachsen. Wenn später die radioaktive Wolke über das Mittelland zieht, müssen Hunderttausende einige Tage im Keller verbringen.
Kritisch: AKW Mühleberg
Das AKW Mühleberg steht 1,3 Kilometer unterhalb einer 90 Jahre alten Staumauer. Gemäss Dokumenten des AKW-Betreibers BKW könnte das Werk bei einem Dammbruch überflutet werden. Bei einem schweren Erdbeben könnten laut dem ENSI 17 der 37 mechanischen Sicherheitssysteme ausfallen. Das AKW wird derzeit überprüft und nachgerüstet.
Staudamm
Beispiel Sihlsee: Was geschieht, wenn der Staudamm bricht?
Zwar liegt der Sihlsee 40 Kilometer von Zürich entfernt und ist im Vergleich zum Zürichsee winzig. Trotzdem stellt er für die Grossstadt ein nicht zu vernachlässigendes Risiko dar. Die 1937 fertiggestellte Staumauer des Sihlsees ist 33 Meter hoch. Würde sie brechen, flössen die Wassermassen durch das Sihltal in Richtung Zürich. Bei einer vollständigen Zerstörung des Staudamms würden weite Teile der Stadt bis zu acht Meter unter Wasser gesetzt (rote Bereiche auf der Karte). Die Häuser würden unterspült; viele würden ganz einstürzen. Immerhin könnten sich wohl die meisten Menschen retten: Die Flutwelle würde die Stadt erst 1 Stunde und 25 Minuten nach dem Dammbruch erreichen. Mit dem Wasseralarm könnte die Bevölkerung rechtzeitig informiert werden. Damit es nicht zum Notfall kommt, wird die Staumauer regelmässig überwacht.
Katastrophen in der Schweiz
Die zehn schlimmsten Katastrophen der vergangenen 50 Jahre in der Schweiz
Eissturz von Mattmark
Atomunfall von Lucens
Explosion in Dottikon
Flugzeugabsturz von Würenlingen
Brand in Schweizerhalle
Hochwasser von Brig
Orkan Lothar
Katastrophe von Gondo
Brand im Gotthardtunnel
Jahrhunderthochwasser
Risiko-Wahrnehmung
Menschen neigen dazu, grosse, aber seltene Unglücke überzubewerten und häufigere Gefahren zu verharmlosen. So verlieren viel mehr Menschen auf den Strassen ihr Leben als beim Fliegen, aber die Angst vor einem Flugzeugabsturz ist grösser. Diese verzerrte Einschätzung zeigt sich auch in Umfragen zu möglichen Gefährdungen.
Gemäss einer Erhebung des Schweizerischen Versicherungsverbands werden die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkungen von Erdbeben im Vergleich mit anderen Risiken unterschätzt. Laut einer Expertenbefragung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz stellen starke Beben und ihre Folgen das grösste Risiko dar.
Risiko: Die Sicht der Experten
Da Erdbeben relativ häufig sind und viel Schaden anrichten, ist das Risiko diesbezüglich gross. Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze veranschlagten Fachleute bisher auf ein Ereignis in einer Million Jahre. Entsprechend wurde das Risiko geringer eingestuft.
Weitere Infos
Nationale Plattform Naturgefahren:
www.planat.ch
Karte zum Umweltzustand der Schweiz:
umweltzustand.admin.ch
Schweizerischer Erdbebendienst:
www.seismo.ethz.ch
Dossier zum GAU in Japan:
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