Nestlé Die zwei Gesichter des Herrn D.

Seit Nestlé-Generaldirektor Roland Decorvet im Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks ist, gärt es an der Kirchenbasis. Denn Nestlé verfolgt Interessen, die das Heks klar ablehnt.

Die Wahl von Roland Decorvet in den Stiftungsrat des kirchlichen Hilfswerks Heks sorgt für Unmut. Denn Roland Decorvet ist nicht irgendwer. Er ist Generaldirektor des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, der wiederum mit 280'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der ganzen Welt in den ersten neun Monaten dieses Jahres 81,4 Milliarden Franken Umsatz verbuchte – 7,6 Milliarden Franken allein mit dem Verkauf von Wasser. Ganz anders die Interessen des Hilfswerks: Das Heks fordert den freien, kostenlosen Zugang zu Wasser als Menschenrecht.

Mehr noch: Der neue Stiftungsrat im kirchlichen Hilfswerk repräsentiert just jenen Konzern, der jahrelang und systematisch Arbeitsgruppen der Antiglobalisierungsorganisation Attac bespitzeln liess. Mindestens drei Maulwürfe unterwanderten die Attac. Sie interessierten sich nicht nur für das Buch über Nestlé, an dem eine Autorengruppe arbeitete, sondern auch für den brasilianischen Umweltschützer Franklin Frederick, der engen Kontakt zur Szene hat.

Hartnäckig kritisiert Franklin Frederick seit Jahren den Nahrungsmittelkonzern für sein Geschäft mit Trinkwasser in Brasilien. Immer wieder reist er in die Schweiz, trifft Umweltorganisationen und Hilfswerke, hält Vorträge bei Kirchgemeinden und hat dazu beigetragen, dass die Kirchen der Schweiz die sogenannte Wassererklärung unterzeichneten. Darin wird Wasser als öffentliches Gut bezeichnet, das jedem Menschen zusteht. Eine Privatisierung von Quellen wird klar abgelehnt.

Von Nestlé bespitzelt: Aktivist Franklin Frederick. (Bild: Reto Oeschger, «Tages-Anzeiger»)

«Das klingt wie blanker Hohn»

Ganz offensichtlich ist der umtriebige Umweltschützer aus Brasilien dem weltgrössten Wasserhändler ein Dorn im Auge. Dies geht aus den vertraulichen Berichten hervor, die die Securitas-Angestellte mit dem Pseudonym Sara Meylan dem Nestlé-Konzern ablieferte und die dem Beobachter in Auszügen vorliegen. Darin taucht immer wieder Fredericks Name auf.

Spitzelin Sara Meylan rapportierte fleissig, was Franklin Frederick über die aktuelle juristische Auseinandersetzung mit Nestlé in Brasilien berichtet. Die Spionin notiert, dass Frederick nun bei den Kirchen anklopfen wolle, wann welche Sitzung stattfindet et cetera. Dazu lieferte die Agentin auch gleich die E-Mail-Adresse des Umweltschützers für den Fall, dass sich Nestlé für dessen Korrespondenz interessieren sollte. Und sie vergisst nicht, ihre eigenen Auslagen zu notieren: eine warme Schokolade und ein Glas Eistee für total Fr. 6.80, fünf Franken Kollekte für die Saalmiete.

Das Hilfswerk, das sich Toleranz und Dialog auf die Fahne geschrieben hat, wird auffällig einsilbig jenen gegenüber, die unbequeme Fragen zum neuen Stiftungsrat stellen. Der Stiftungsratspräsident und liberale Nationalrat Claude Ruey lässt die Fragen des Beobachters unbeantwortet, stattdessen publiziert das Heks eine ellenlange Stellungnahme: Die Ausrichtung des Heks werde sich nicht ändern, heisst es etwa. Und: «Roland Decorvet ist als Privatperson in den Stiftungsrat gewählt worden und nicht als Vertreter seines Arbeitgebers.»

Decorvet hat zuvor die Diskussion über seine Person selber angeheizt: Er, dessen Familie seit fünf Generationen aus Pfarrern besteht, kanzelte gegenüber der Zeitung «Reformierte Presse» sowie dem Magazin des Heks die Kritiker als «politisch extrem links» und als «minorité négligeable» ab, also als vernachlässigbare Minderheit. Gleichzeitig behauptete der neue Heks-Stiftungsrat kühn: «Nestlé ist die beste Entwicklungsorganisation, die es gibt.»

Zur Privatisierung von Wasser sagte er lakonisch: «Jeder sollte Zugang zu sauberem Wasser haben. Aber Wasser ist für uns wie Wein. Es gibt trinkbaren Wein in verschiedensten Qualitäten und Geschmacksrichtungen. Wer etwas Spezielles haben möchte, soll dafür bezahlen.» Diese Aussage kann Pierre Bühler, Theologieprofessor an der Uni Zürich, nicht gelten lassen: «Der Vergleich des Trinkwassers mit Wein unterschiedlicher Qualität klingt wie blanker Hohn angesichts der Situation in der Südhemisphäre.» Bühler bezeichnet Decorvets Äusserungen über die «politisch extrem linken» Kritiker als «arrogantes Vorurteil» und als «Provokation».

«Die Kritiker sind eine vernachlässigbare Minderheit»: Roland Decorvet, Nestlé-Direktor und Heks-Stiftungsrat (Bild: Alban Kakulya)

Decorvet gibt Fehler zu

Auch an der kirchlichen Basis ist das Unverständnis für den neuen Stiftungsrat gross. Pensionierte Pfarrer, frühere Heks-Mitarbeiter oder Entwicklungshelferinnen begehren auf. Einige kündigen an, ihre Spendentätigkeit für das Hilfswerk zu überdenken. Alle vom Beobachter kontaktierten Personen sagen das Gleiche: Eine Führungsfunktion bei Nestlé ist mit dem Amt als Stiftungsrat beim Heks nicht vereinbar. «Die beiden Rollen führen zu Konflikten», sagt die Berner Synodalrätin Pia Grossholz. Als Mitglied der bernischen Kirchenregierung berichtete sie letzte Woche im Kirchenparlament von 50 «bestürzten und entsetzten» Zuschriften, die sie erhalten habe. Zugleich verurteilte sie die Bespitzelung von Franklin Frederick.

Gegenüber dem Beobachter sagt Grossholz: «Ich besuchte 2006 eine Quelle von Nestlé in São Lourenço, Brasilien. Dort habe ich gesehen, wie sich der Konzern nicht an Gesetze hielt und der Natur schadete.» Und: «Die beiden Rollen von Roland Decorvet sind nicht kompatibel.»

Auf die breite Kritik will Decorvet nicht mehr reagieren. Stattdessen stellt sich das Hilfswerk demonstrativ hinter den neuen Stiftungsrat und lässt verlauten: «Decorvet hat an der letzten Stiftungsratssitzung erklärt, er habe einen Fehler begangen» und auf die Kritik «überreagiert». Zudem habe er «ausdrücklich bekräftigt», dass er sich beim Heks als Privatperson engagiere und keinerlei Mandat seines Arbeitgebers ausübe. Gern hätte sich der Beobachter von der Privatperson Decorvet einige Fragen zu seiner Doppelfunktion beantworten lassen. Doch die an ihn persönlich gerichtete Anfrage, die sein privates Engagement betrifft, wurde umgehend von seinem Arbeitgeber beantwortet. Die Nestlé-Pressestelle meldet kurz und bündig: «Alles ist schon gesagt worden betreffend Heks.»

Autor:
  • Otto Hostettler
Bild:
  • Alban Kakulya
  •  und Reto Oeschger
11. Dezember 2008, Beobachter 25/2008

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