Rauchen Zürcher Professor forscht für Big Tobacco

Rauchen ist die Nummer eins unter den vermeidbaren Todesursachen.

Haben neutrale Zigarettenpackungen einen Einfluss auf das Rauchverhalten von Jugendlichen? Der Zürcher Statistikprofessor Michael Wolf findet, es gebe dafür keine Beweise. Das freut Wolfs Auftraggeber.

Michael Wolf und sein Kollege Ashok Kaul sorgen seit ein paar Monaten bei den grossen Zigarettenherstellern für gute Laune. Die beiden Professoren der Universität Zürich (Wolf) und der Universität des Saarlands (Kaul) haben die Auswirkungen des sogenannten «Plain Packaging» untersucht. Diese radikale Massnahme wurde 2012 von der australischen Regierung primär zum Schutz von Jugendlichen eingeführt.

«Plain Packaging» bedeutet, dass Zigaretten nur noch in neutralen Schachteln ohne Firmenlogo, dafür mit Warnhinweisen und abschreckenden Bildern versehen, verkauft werden dürfen.

Der Schluss der beiden Forscher aus ihrer Forschungsarbeit: Es gebe keinerlei Beweise, dass neutrale Verpackungen einen Einfluss auf das Rauchverhalten der 14- bis 17-jährigen Australierinnen und Australier habe. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichten Wolf und Kaul im Frühling 2014 als «Working Paper» an der Universität Zürich.

Michael Wolf
(Bild: Universität Zürich)

Pikant an Wolfs und Kauls Publikation: Sie wurde vom Tabakmulti Philip Morris International bezahlt. Wolf und Kaul weisen das aus und betonen auch, dass sie «Philip Morris International zu keinem Zeitpunkt Zugang zu den zugrunde liegenden Daten verschafft» haben. Wolf betont zudem gegenüber dem Beobachter, er und Kaul benutzten «objektive wissenschaftliche Methoden, um die Daten zu analysieren».

Andere Forscher ziehen genau dies in Zweifel. In der Wissenschaftszeitschrift «The Lancet» kritisierte eine Gruppe von Tabakpräventionsspezialisten die von Wolf und Kaul angewandte Methode und die analysierten Daten heftig. Das Resultat sei aufgrund der ausgewerteten Daten «weder unerwartet noch aussagekräftig».

Das hält die Tabakmultis nicht davon ab, die Studie als wichtiges Argument gegen neutrale Zigarettenpackungen zu zitieren. So beriefen sich in einer  Vernehmlassung in Grossbritannien im vergangenen Sommer die Tabakfirmen Imperial Tobacco, British American Tobacco, Japan Tobacco International und Philip Morris auf die Untersuchung von Wolf und Kaul.

Die Universität Zürich sieht kein Problem darin, dass einer ihrer Dozenten im Auftrag der Tabakindustrie forscht: «Das Working Paper erfüllt die universitären Richtlinien», schreibt die Medienstelle der Universität auf Anfrage des Beobachters. Mediensprecherin Nathalie Huber betont zudem, Philip Morris habe «in keiner Weise auf den Inhalt des Working Paper Einfluss genommen» – eine Aussage, die im besagten Paper selber nicht zu finden ist.

So problemlos Wolfs Forschungsarbeit für Philip Morris nach Darstellung der Medienstelle ist: Den Vertrag zwischen dem Wissenschaftler und dem Tabakmulti will die Universität Zürich nicht offenlegen. Eine «Vertraulichkeitsvereinbarung» schliesse eine Veröffentlichung des Vertrags aus.

Timeline: Die Geschichte des Rauchens

Das Geschäft mit dem Gift

Man könnte meinen, es seien schwierige Zeiten für die Tabakindustrie: Schreckbilder auf den Zigarettenpackungen sind obligatorisch, Plakatwerbung ist in vielen Kantonen verboten. Und das Rauchen wird der Kundschaft systematisch vergällt: In öffentlichen Gebäuden, Restaurants, am Arbeitsplatz und in Zügen ist es seit Jahren verboten. Doch die verbreitete Annahme, die Zahl der Raucher sei in den letzten Jahren stark zurückgegangen, ist ein Mythos.

Das Bundesamt für Statistik kam 1992 auf 30,1 Prozent Raucher, 2012 waren es 28,2 Prozent. Das Bundesamt für Gesundheit nennt 25 Prozent. Der Trend ist klar: Die Bemühungen, die Zahl Rauchender zu reduzieren, verpuffen.

Das neue Tabakproduktegesetz will nun in der Schweiz Werbung und Sponsoring einschränken und dafür sorgen, dass keine Tabakprodukte mehr an Minderjährige abgegeben werden.

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Interview mit Ständerat Hans Hess

«Was verboten ist, ist attraktiv. Klingt simpel, ist aber leider wahr»: Hans Hess

 

 

«Sonst müsste man Skifahren auch verbieten»

Ein legales Produkt wie Zigaretten soll nicht verteufelt werden, findet Ständerat Hans Hess, oberster Schweizer Tabaklobbyist.

Beobachter: Sie sind Präsident des Tabak­warenhandels und damit im Bundeshaus der verlängerte Arm der Tabakindustrie.
Hans Hess: Das möchte ich klar trennen, ich vertrete den Handel. Industrie und Handel haben manchmal auch sehr gegensätz­liche Interessen.

Beobachter: Aber grundsätzlich die gleichen.
Hess: Ja, wenn es um die Regulierungsdichte und um Verbote geht.

Beobachter: Ist es eigentlich schwierig, Kunden zu motivieren, krebserregende Stoffe zu inhalieren?
Hess: Jeder Raucher weiss, dass er eigentlich ­etwas Schädliches zu sich nimmt, und trotzdem tut er es.

Beobachter: Warum ist das so?
Hess: Ich glaube, das ist ein menschliches Bedürfnis. Beim Alkohol ist das ähnlich. Die meisten wissen, dass er nicht sonderlich gesund ist, und trotzdem wird getrunken.

Beobachter: Ihr Verband fördert dieses menschliche ­Bedürfnis kräftig.
Hess: Nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wehren uns gegen stumpfsinnige Gesetze und schauen, dass ein legales Produkt nicht verteufelt wird.

Beobachter: Sie vertreten in Ihrer Stellungnahme zum ­Tabakproduktegesetz explizit auch die ­Interessen der Zigarettenproduzenten.
Hess: In diesem speziellen Fall ist das so, ja.

Beobachter: Der Bundesrat möchte ein Mindestalter für den Zigarettenverkauf und ein moderates Werbeverbot einführen. Was ist daran unvernünftig?
Hess: Nichts. Beim Mindestalter sind wir ja absolut auf dieser Linie und unterstützen das.

Beobachter: Ausser in Ihrem Heimatkanton Obwalden.
Hess: Dort steht aber in jedem Laden – völlig 
unabhängig von einer gesetzlichen Regelung – ein Anschlag: «Wir verkaufen keine Rauchwaren an Minderjährige.» Beim Werbeverbot bin ich der Meinung, dass da langsam die Grenze überschritten wird. Wenn man nicht einmal mehr schreiben darf, was sich in der Packung befindet, ist das doch eine Irreführung des Kunden.

Beobachter: Wie meinen Sie das, «Irreführung des Kunden»?
Hess: In Australien werden weisse Packungen verkauft, und der Verkäufer erklärt dann einfach, da sei zum Beispiel eine Marke wie Marlboro drin.

Beobachter: Von dieser Regelung ist aber in der Schweiz keine Rede. In Australien steht zudem explizit die Marke drauf, einfach ohne Firmenlogo.
Hess: Aber von Transparenz, die man sonst überall fordert, ist nichts mehr da. Wir sind der Meinung, dass man sagen muss, was man verkauft, und basta.

Beobachter: Unter Irreführung des Kunden verstehen wir, dass sich die Tabakindustrie vordergründig 
für den Jugendschutz einsetzt und zugleich 
die von Jugendlichen besuchten Open Airs 
mit Zigarettenwerbung zupflastert.
Hess: Da ist ein gewisser Widerspruch, das gebe ich zu. Wir fragen uns auch gelegentlich, ob das sinnvoll ist.

Beobachter: Könnten Sie sich persönlich vorstellen, dass man diesen Bereich der Werbung einschränkt?
Hess: Viele Veranstalter leben eben davon, dass die Industrie dort Werbung betreibt.

Beobachter: Also sind Werbeeinschränkungen bei Open Airs und Festivals für Sie doch ein Tabu?
Hess: Die Veranstalter müssen selber wissen, ob sie diese Werbung tolerieren wollen.

Beobachter: Aber Sie sind nicht unglücklich, wenn sich 
die Open-Air-Veranstalter gegen solche ­Einschränkungen wehren.
Hess: Nein, das kommt uns in dem Sinn sicher nicht quer.

 

Beobachter: Was ist denn Ihr Vorschlag, um Kinder und ­Jugendliche vom Rauchen abzuhalten?
Hess: Das ist ein heikles Thema. Sie selbst waren vermutlich vorbildliche Jugendliche, die nie etwas taten, was Eltern oder Lehrer verboten haben.

Beobachter: Oh doch, unsere Eltern hatten einen schweren Stand und mussten zu diversen Gesprächen ­antraben.
Hess: Persönlich bin ich überzeugt: Je mehr wir regulieren oder verbieten, desto attraktiver werden die Übertretungen. Was verboten ist, ist attraktiv. Das klingt simpel, ist aber leider wahr.

Beobachter: Die Bemühungen der letzten Jahre haben also aus Sicht der Gesundheit nichts gefruchtet.
Hess: Ja, obwohl wir Millionen in die Prävention stecken, nimmt die Zahl der jugendlichen Raucher eher zu.

Beobachter: Die Zigarettenindustrie sponsert Privatpartys, zu denen man seine Freunde einladen kann. Glauben Sie ernsthaft, dass man den Jugend­lichen einen solchen Freipass geben muss, ­damit sie zur Vernunft kommen und einsehen, dass Rauchen schädlich ist?
Hess: (Lacht verlegen) Da bin ich zu wenig Lehrer, um zu wissen, was man am besten machen sollte. Aber vielleicht ist es ein Weg.

Beobachter: Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens ­erledigen sich also Ihrer Ansicht nach von selbst?
Hess: Schauen Sie, als ich vor 18 Jahren neu ins Bundeshaus kam, da rauchte man in den Kommissionszimmern, im Ratssaal, in den Vorzimmern – überall. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man hier nicht raucht. Die Erkenntnis ist also da, dass man nicht rauchen sollte.

Beobachter: Ein wenig Regulierung liegt also drin?
Hess: Ja, aber wir müssen vernünftig regulieren, mit Rücksicht auf die anderen.

Beobachter: Jedes Jahr ohne neues Gesetz beschert Ihnen und der Tabakindustrie höhere Gewinne.
Hess: Aber das ewige Regulieren bringt uns nicht weiter, das ist meine Grundhaltung.

Beobachter: Der Handel mit einem giftigen Produkt ist 
für Sie also gleichwertig wie der Handel mit Schrauben oder Besen.
Hess: Tabakwaren sind ein legales Produkt. Dass es schädlich ist, anerkennen wir. Das weiss heute auch jeder Käufer. Und wenn er den freien Willen hat, etwas Ungesundes zu tun, macht er das freiwillig. Wir können nicht jeden vor seinem eigenen Unheil schützen.

Beobachter: Was konkret stört Sie am neuen Gesetz? Man darf weiterhin am Kiosk werben, an nationalen Veranstaltungen, nikotinhaltige E-Zigaretten werden legalisiert...
Hess: Wir müssen neu und zusätzlich nur das Mindestalter regulieren und die E-Zigaretten. Alles andere ist überflüssig.

Beobachter: Weil Werbung für Ihre Branche sehr wichtig ist.
Hess: Werbung ist für jedes Produkt wichtig, das darf man nicht herunterspielen. Die Werbung für Tabakwaren ist ja schon jetzt ­erheblich eingeschränkt, die Branche schränkt sich darüber hinaus zusätzlich und selbständig ein.

Beobachter: Jeder soll also selber entscheiden, ob er ­rauchen will oder nicht. Wenn er dann aber ­gesundheitliche Probleme hat, soll trotzdem die All­gemeinheit für ihn bezahlen. Sie sind FDP-Mitglied – ist das Ihre Vorstellung einer ­liberalen Wirtschaftsordnung?
Hess: Das ist halt so. Sonst müsste man das ­Skifahren auch verbieten, weil das Risiko schliesslich zu gross ist, dass jemand mal im Spital landet.

Beobachter: Risikosportler bezahlen heute höhere ­Versicherungsprämien.
Hess: Über höhere Krankenkassenprämien für starke Raucher könnte man allenfalls reden. Das wäre vermutlich nachvollziehbar.

Beobachter: Sie würden also eine solche Regelung ­unterstützen?
Hess: Ich sage nicht, dass ich an vorderster Front dafür kämpfen würde, aber ich würde mit mir reden lassen.

Hans Hess, 69, ist Präsident von Swiss Tobacco, der Vereinigung des schweizerischen Tabakwarenhandels. 
Der Anwalt aus Sarnen OW sitzt für die FDP im Ständerat.

Autor:
  • Thomas Angeli
  •  und Otto Hostettler
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
  • , Marco Zanoni
  •  und Infografik: Beobachter / Anne Seeger

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