Sekten
Die verlorenen Kinder
Wenn das Kind in eine Sekte abwandert, stellt sich für die Eltern die quälende Frage nach dem Warum. Doch wer die Jugendlichen um jeden Preis zurückgewinnen will, hat den Kampf verloren.
Nebenartikel
«Sie war so lebensfroh. Sie war so herzlich…» Andrea Seit spricht von ihrer Tochter, als ob sie nicht mehr existierte.
Simone Seit, 19, lebt seit fast einem Jahr ausser Haus – im Haushalt eines 56-Jährigen, der sich als Pastor ausgibt. Er erklärte Simone, im Wohnort ihrer Eltern wimmle es von schlechten Geistern; um der Wahrheit willen müsse sie ihm folgen. «Simone hatte alles bei uns», sagt die Mutter unter Tränen. Vor zwei Wochen holte der Sozialdienst der Gemeinde widerwillig die Kleider der Tochter ab. Die Volljährige hatte darum gebeten.
In der Schweiz gibt es rund 600 sektenartige Vereinigungen. Experten schätzen, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer solchen Gemeinschaft sind. Der Entschluss zum «Neuanfang» kommt für die Angehörigen oft überraschend. Damit verbunden ist meist der Zwang, alte Verbindungen zu lösen.
Simone Seit verpasste die Matur nur knapp: ein Schock. Wenig später lernte sie den «Pastor» kennen. Der erklärte ihr, dass die Endzeit bevorstehe; jetzt käme es auf ein anderes Wissen an. «Ich habe ihr die beste Bibelschule der Welt versprochen», sagt die Mutter, eine sehr gläubige Frau. «Aber für Simone gab es nur einen Weg. Der Pastor ist auch ihr Geliebter. Er hat unser Leben kaputtgemacht.»
Die Schweizer Verfassung garantiert Religions- und Glaubensfreiheit. Ab dem 16. Altersjahr sind alle im Land Wohnhaften laut Artikel 303 des Zivilgesetzbuchs «religionsmündig» und können ihre innere Orientierung selber wählen. Elterliche Wünsche und erzieherische Grundsätze verlieren so an Gewicht. Umso schmerzhafter sind die Fragen, die sich stellen: Ist das Kind nun für immer verloren? Was haben die Eltern falsch gemacht?
Meist kein Abschied auf Ewig
Verlassene Eltern neigen zu Überreaktionen und lassen sich auf einen aussichtslosen Machtkampf ein. Martin Scheidegger, Leiter der ökumenischen Beratungsstelle für religiöse Sondergruppen und Sekten in Luzern: «Viele Eltern machen in einem solchen Moment einen grossen Fehler; sie wollen ihr Kind um jeden Preis vom falschen Weg abbringen. Ein erbitterter Streit um Sinn und Wirklichkeiten beginnt. Dabei können die Eltern nur Verlierer sein.»
Gibt es eine Alternative? Scheidegger: «Die Eltern sollten versuchen herauszufinden, was ihrem Kind fehlt – und was die betreffende Sekte ihm diesbezüglich bieten kann. Erst wenn das Vertrauen wiederhergestellt ist, können kritische Fragen gestellt werden.»
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Es gibt Jugendliche, die gefährdeter sind als andere. Kinder, die lernen durften, sich selbst zu vertrauen, sind laut übereinstimmender Einschätzung von Fachleuten besser vor derlei Verführungen gefeit. Wer vorab gelernt hat, auf andere zu hören und zu gehorchen, ist weit eher in Gefahr. Wer hauptsächlich mit Verboten aufgewachsen ist, verliert oft das Gefühl dafür, was er wirklich braucht.
Tanja Saurer sah sich als «selbstständige, reife Frau», als sie sich, 21-jährig, nach dem Abschluss ihrer Floristinnenlehre auf einen USA-Trip begab. Bereits wenige Tage nach der Ankunft stiess sie auf drei gleichaltrige Frauen, die sie schon bald in ein angeregtes Gespräch verwickelten. Nach dem zweiten Treffen liess sich die junge Schweizerin für die Teilnahme an einem «Sprachkurs» begeistern. Es folgte ein weiterer; der Lehrgang war angereichert mit Gebeten.
Prediger mit Waffenfabrik
Nach einem Monat teilte Tanja ihren Eltern mit, sie werde für längere Zeit in San Francisco bleiben – im Camp des Koreaners San Myung Moon, der sich für den dritten Messias hält. Sie lernte, dass ihr Dasein «ein grosser Leidensweg» sei; «nur durch Busse» sei die Welt zu retten. Sie lernte, ohne Alkohol, ohne Zigaretten und ohne Zärtlichkeit zu leben. «Satan wirkt durch die Menschen, die du am meisten liebst», bekam sie zu hören. Die Tage, erfüllt von Gebeten und Spendensammeln, begannen um fünf Uhr früh und endeten um elf Uhr in der Nacht.
Als ihr Vater sie besuchte, durfte sie ihn nicht allein sprechen. «Was er mir über San Myung Moon erzählte, fand ich einfach lächerlich», erinnert sich Tanja Saurer. «Meine Begleiterin sagte, genau dies seien die üblichen Lügen.» Beim Abschied wollte sie der Vater in sein Auto zerren. Tanja riss sich los. Sie schrie «wie nie zuvor» in ihrem Leben. In diesem Moment aber wusste sie: «Ich war gerettet. Nicht vor dem Vater. Aber vor Satan, der durch ihn wirkte.» Die junge Frau nahm einen anderen Namen an. Und wenn sie in ihren Tagebüchern «Vater» schrieb, meinte sie jetzt Sektenoberhaupt San Myung Moon.
«Eigentlich richtete ich mich ganz darauf ein, mein Leben unter seiner Führung zu verbringen», sagt Tanja. Im Herbst 1999 aber brauchte sie wieder mal Geld. «Mein leiblicher Vater lockte mich in eine Falle», lacht sie. «Dies war sozusagen meine zweite Rettung.»
Am Mittagstisch im alten Zuhause sass eine alte Bekannte: Miriam, eine enge Weggefährtin aus San Francisco. Miriam hatte die Sekte ein Jahr zuvor verlassen. Das Wiedersehen war für Tanja erschütternd: Die Freundin kannte die Sprache der Gemeinschaft – und gleichzeitig die Machenschaften des Gründers. San Myung Moon, der Prediger der Liebe, besitzt eine Waffenfabrik. Er hatte Steuern hinterzogen und im Gefängnis gesessen. «Meine Freundin hatte Gerichtsurteile und weitere Unterlagen mitgebracht. Ich fiel aus allen Wolken. Nein, ich konnte nicht mehr in die USA zurück.»
Schuldgefühle und Zweifel
Tanja Saurer ist inzwischen wieder in ihren erlernten Beruf zurückgekehrt. Das Gespräch mit «Ehemaligen» ist für sie die wirksamste Methode zum Ausstieg. «Bei den Ehemaligen haben sich gewisse Erfahrungen angestaut. Und sie haben einen meist schweren Entscheid hinter sich.» Denn wie nach der Entlassung aus einem Gefängnis muss die Freiheit zuerst wieder erlernt werden.
Der Übergang ist in vielen Fällen von Schuldgefühlen und Angstzuständen, von Rechtfertigungsdruck und existenziellen Zweifeln begleitet: Wer einer Sekte den Rücken kehrt, muss sich einen Irrtum eingestehen. Ausserdem sind die Probleme, die zum Beitritt in die Vereinigung geführt haben, mit dem Austritt längst nicht beseitigt. Sie melden sich oft mit noch grösserer Härte. Im Idealfall kann das neue Leben die Beziehung zu den Familienangehörigen aber vertiefen.
© Beobachter Ausgabe 17 vom 23. Aug 2002 - Alle Rechte vorbehalten




