Sponsoring Der lange Arm der Pharma

Ohne Nebenwirkungen? Pharmafirmen zahlen Geld an 120 Schweizer Patientengruppen.

Ob Osteoporosegesellschaft oder Lungenligen: Die Pharma steckt Millionen in Selbsthilfegruppen und findet dort exakt ihr Zielpublikum. Eine neue Transparenzregelung hält nicht, was sie verspricht. 

Zu jeder erdenklichen Krankheit gibt es in der Schweiz eine Vereinigung oder eine Selbsthilfegruppe. Die meisten dieser weit über 100 Organisa­tionen erhalten Geld von der Pharma­industrie – und drücken sich seit Jahren davor, das offenzulegen. Kein Wunder, dass Kritiker argwöhnen, diese Vereinigungen stünden im Dienst der Pharma. Umgekehrt gehen jetzt die Pharmafirmen in die Offensive und legen in der Schweiz seit Anfang 2013 ihre finanziellen Leistungen an Selbsthilfevereinigungen offen.

Doch das Resultat der neuen Transparenzregelung ist ernüchternd, wie eine Beobachter-Analyse von 17 Pharmakonzernen zeigt. Sieben erfüllen die grundlegenden Pflichten zur selbstauferlegten Transparenz nicht. Von Boehringer Ingelheim, Vifor und Biogen Idec sind für 2012 keine Zahlen verfügbar, die Angaben von Sanofi Aventis stammen von 2008, Abbott gibt nur eine Liste der unterstützten Organisationen bekannt, nennt aber keine Geldsummen. Astra Zeneca hat vergessen, die Zahlen von 2012 auf der Web­site freizuschalten, bei Actelion ist eine Fehlermeldung erschienen.

So viel zahlt die Pharma an Selbsthilfegruppen

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Zuwendungen von Pharmafirmen an Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen im Jahr 2012, in Franken

Effektive Beträge sind höher

Ausserdem lässt der Gesamt­betrag der Zuwendungen Fachleute an der Richtigkeit zweifeln: Die 17 wichtigsten Pharmafirmen überweisen laut ihren Angaben den gut 120 Selbsthilfegruppen nur 1,6 Mil­lionen Franken. Im Verhältnis zu den Gewinnen der Konzerne ist diese Summe geradezu lächerlich klein: Die Industrie nimmt in der Schweiz allein mit Medikamenten jedes Jahr fast fünf Mil­liarden Franken ein.

Transparenz herrscht auch heute wenig, auch wenn sich die Firmen mit dem sogenannten Pharmakodex verpflichten, den «Geldwert einer finanziellen Unterstützung» an Patientenorganisationen bekanntzugeben. Die Beobachter-Stichprobe belegt: Die Kon­zerne schütten den Selbsthilfegruppen ein Mehrfaches der Beträge aus, die sie deklarieren. Veröffentlicht werden offensichtlich nur Sponsorenbeiträge im engeren Sinn.

Kein Geld fliesst «ohne Hintergedanken»

Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel der Schweizerischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft. Als eine der wenigen Vereinigungen legt sie gegenüber dem Beobachter alle Zahlen offen: Sie erhielt 2012 rund 375'000 Franken – die Pharmafirmen deklarierten aber nur etwas mehr als die Hälfte. Das Geld stammt vorwiegend von Bayer, Merck Serono, Novartis, Biogen, Sanofi Aventis und Teva Pharma. Die Firmen Merck Serono, Novartis und Biogen überwiesen aber zusätzlich gesamthaft noch 44'000 Franken Spenden und bezahlten dazu 39'000 Franken für Inserate in der Zeitschrift der MS-Gesellschaft. Tatsächlich erhielt die MS-Gesellschaft also fast eine halbe Million.

Die Beobachter-Analyse zeigt aber vor allem eines: Geld bekommen fast ausschliesslich Gruppen, denen man eigene Medikamente und Therapien verkaufen kann. Im Jahr 2011 erhielten die Lungenligen von Boehringer Ingelheim 90'500 Franken – die Firma ist führend in der Behandlung von Asthma. Bayer überwies den ­Diabetikerorganisationen 2012 knapp 41'000 Franken – der Konzern dominiert den Markt mit Teststreifen zur Kontrolle von Blutzucker. Der Pharmamulti Biogen Idec, der im Herbst ein Medikament zur Behandlung von multipler Sklerose auf den Schweizer Markt bringen will, sponserte die MS-Gesellschaft mit 143'000 Franken.

Von Zufall kann auch keine Rede sein, wenn Novartis mit dem Augenmedikament Lucentis ausgerechnet bei Retina, der Gesellschaft für Augenkrankheiten, mit 40'000 Franken wichtigster Sponsor ist. Der unabhängige Berner Apotheker Silvio Ballinari, der sich seit Jahren gegen Zahlungen der Pharma wehrt, bringt es auf den Punkt: «Die Pharmaindustrie gibt nie Geld aus ohne Hintergedanken. Sie erwartet eine Gegenleistung.» Offensichtlich handle es sich bei diesen Geldern um «Marketingmassnahmen». Ein Arzt, der sich namentlich nicht zitieren lassen will, sagt: «Diese Zahlungen belegen, dass es sich bei den Patientengruppen lediglich um einen verlängerten Arm der Marketingabteilungen der Pharmaindustrie handelt.»

Unterstützung von der Pharmaindustrie: Wie viel Geld zu welcher Patientengruppe fliesst

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Unterstützungs- und Sponsoringgelder der Pharmaindustrie, die im Jahr 2012 an ausgewählte Selbsthilfe­organisationen geflossen sind (inklusive Regionalsektionen und Organisationen im selben Krankheits­bereich). Nicht berücksichtigt sind weitere Zahlungen wie Spenden und Zahlungen für Inserate.

Lesebeispiel: Die Firma Amgen zahlte 34'000 Franken an Organisationen, die im Bereich Osteoporose (Knochenschwund) tätig sind. Amgen ist ein ­wichtiger Anbieter von Osteoporose-Medikamenten wie Prolia.

Kontrolliert wird nicht

Die Recherchen legen zudem teils gravierende Fehler offen, die daran zweifeln lassen, ob es die Firmen mit der Transparenz wirklich ernst meinen. Sie weisen nicht nur Beträge zu tief aus (Novartis, Bayer). Auch das Gegenteil kommt vor. Sanofi erwähnt für 2008 einen Betrag von 57'000 Franken, den man angeblich der Diabetes-Gesellschaft bezahlt habe. Das Geld ist aber dort gar nie eingetroffen, weil das entsprechende Projekt abgeblasen wurde. Bayer wiederum weist eine Zahlung an die Diabetes-Gesellschaft aus, tatsächlich aber unterstützte der Hersteller von Blutzuckermesssystemen die fachärztliche Gesellschaft der ­Diabetiker. Eine Kontrolle über die von der Pharma deklarierten Zahlungen gibt es nicht. Dieter Grauer, als stellvertretender Direktor des Wirtschaftsverbands Chemie Pharma Biotech für den Pharmakodex ­zuständig, prüft lediglich, ob die Firmen ihrer Pflicht der Veröffentlichung nachkommen. Aber: «Ob die ausgewiesenen Zahlungen korrekt sind, können wir nicht überprüfen.»

Viele Selbsthilfegruppen und Patientenvereinigungen sehen in den Zahlungen kein Problem. Sie betrachten sich selbst dann als unabhängig, wenn die Verflechtungen offensichtlich sind. Im Vorstand der beiden Organisationen Lysosuisse und Fabrysuisse, die sich beide um Betroffene von seltenen genetisch bedingten Stoffwechselerkrankungen kümmern, sitzt auch die frühere Serono-Geschäftsführerin Chantal Egger. Seit 2005 ist sie Miteigentümerin der High Tech Home Care AG, einer Firma, die Dienstleistungen rund um die Behandlung und Betreuung von Patienten – etwa mit genau solchen Krankheiten – zu Hause anbietet. Fabrysuisse wiederum propagiert das Angebot der Firma.

Pharma zahlt Teilnahme am Kongress

Egger, in ihrer Firma unter anderem fürs Marketing zuständig, rühmt: «Wir sind eine Organisation, die sich durch eine enge Zusammenarbeit mit […] Patientenorganisationen auszeichnet.» Trotzdem sagt der Präsident der beiden Patientenvereinigungen, Andrea Walther, die Interessenkollision seiner Vorstandskollegin sei «absolut unproblematisch». Lysosuisse und Fabrysuisse seien «unabhängige und neutrale Beratungsstellen».

Pharmafirmen können Patientengruppen auch dazu benutzen, verpönte direkte Zahlungen an Fachleute zu verschleiern. So überwies die zum amerikanischen Konzern Johnson & Johnson gehörende Janssen-Cilag je 7080 Franken der Vereinigung Aids und Kind sowie dem Positivrat, einem Fach- und Lobbygremium der Aids-Hilfe Schweiz. Der Anbieter von HIV-­Medikamenten deklariert diese Zahlungen als «Teilnahme internationaler Kongress». Sprich: Janssen bezahlte Ärzten oder anderen Fachpersonen im Umfeld der Aidshilfe die Teil­nahme an einem internationalen Kongress. Diese wiederum müssen sich trotzdem nicht vorwerfen lassen, sie hätten sich vom Pharmakonzern einladen lassen. Das Geld kam ja vom Selbsthilfegremium.

Autor:
  • Otto Hostettler
Mitarbeit:
  • Fabienne Eichelberger
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Beobachter 10/2013