• Anzeige:

  • Abstimmung

    Drei Vorlagen kommen am 17. Juni 2012 zur Abstimmung - eine Übersicht:
    Managed Care
    Staatsverträge
    Bausparen

  • Doppelmoral: Deutsche Banken buhlen um Schweizer Schwarzgeld
    Deutsche Banken bekunden keinerlei Berührungsängste, wenn es darum geht, unversteuertes Geld von Schweizer Kunden entgegenzunehmen. Dies ergab eine umfangreiche Recherche der Schweizer «Handelszeitung» in Deutschland.
    lesen

  • Emblem1

    Buch Weggesperrt: Warum Zehntausende in der Scheiz unschuldig hinter Gittern sassen

    Weggesperrt

    Warum Tausende in der Schweiz unschuldig hinter Gittern sassen

  • Anwalt gesucht?

    In unserem Anwaltsnetz finden Sie Anwältinnen und Anwälte aus Ihrer Region.

    Anwalt finden

  • Meistgelesene Artikel

    1. Das System Sozialhilfe
      Problemfall Sozialhilfe
    2. Mietwohnung
      Mein Nachbar zahlt weniger
    3. Strafrecht
      Was heisst «lebenslänglich»?
    4. Sport
      Heisser Lauf
    5. Schulden
      Pfändung - was heisst das?
  • Anzeige:

Tod in Chile

Eltern klagen an

Text:
  • Sven Broder
  •  und Peter Johannes Meier
Bild:
  • Jos Schmid
  •  und private Aufnahmen
Ausgabe:
7/10

Die Geschichte eines Schweizers, der in Chile auf tragische Weise ums Leben kommt – und der verzweifelte Kampf seiner Eltern um Wahrheit und Gerechtigkeit.

«Unser Sohn war der Schweiz keine 1600 Franken wert.» Joseph und Milly Zwimpfer

  • Die Angst sitzt Patrick Zwimpfer im Nacken, als er im Licht seiner Stirnlampe folgende Nach­richt auf einen Zettel kritzelt: «Don Juan. Bitte nehmen Sie mein Gepäck mit. […] Ich gehe nur voraus, damit Sie mit dem Pferd gehen können. Grüsse, Patrick». Die Notiz ist für seinen Führer bestimmt, einen 62-jährigen, kauzigen chilenischen Gaucho. Was der nicht weiss: Der Gringo hat zwischen den spanischen Zeilen einen deutschen Satz versteckt. Einen Hilferuf zwischen Klammern: «um nicht umgebracht zu werden!».

    Es ist kalt an jenem 7. Mai 2005, als Patrick beschliesst, das Lager zu verlassen und den Zweitagesmarsch zurück nach Lago Verde allein anzutreten. Der Winter ist früh dran in Patagonien, im Süden Chiles. 

    Einen Seesack auf dem Rücken, der viel Papier, aber kaum Proviant enthält, kämpft sich Patrick in jener Nacht vier Kilometer am Rio Turbio entlang, durchwatet drei eisige Zuflüsse – bis er auf halbem Weg Männer hört und das Gekläff ihrer Hunde. Er ist sich sicher, an den Stimmen seine Verfolger zu erkennen – und flüchtet in die Wälder. Dort verliert sich seine Spur.

    Zwei Tage später, am 9. Mai, 10.30 Uhr, meldet Don Juan den 41-jährigen Schweizer bei der Polizei von Lago Verde als verschollen. Und er übergibt den Beamten Patricks Gepäck und die hinterlegte Nachricht. Den deutschen Satz «um nicht umgebracht zu werden» verstehen sie nicht. 

    Wegen des einbrechenden Winters leiten Polizei und Zivilschutz aber sofort eine Such­aktion ein. Am 13. Mai informiert die lokale Staatsanwaltschaft die Schweizer Botschaft in Santiago de Chile. Man mutmasst, Zwimpfer könnte über die Berge nach Argentinien verschwunden sein. Ein zweiter Anruf am selben Tag, diesmal vom Zivilschutz, erreicht Jean-Didier Javet, den zuständigen Konsul in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt. Die Such­aktion drohe zu scheitern. Weil auf dem Meer ein Sturm tobt und Fischer bedroht, stehen die Polizeikräfte in Alarmbereitschaft. Der einzige flugfähige Helikopter ist dort im Einsatz und ebenfalls nicht verfügbar.

    Das Militär beschliesst, anstelle des Helikopters Soldaten von der Provinzhauptstadt Coyhaique ins acht Stunden entfernte Lago Verde zu entsenden. An Pfingsten, 16. Mai, ­ziehen 34 Mann zu Fuss los, um Patrick zu suchen; Militärs, Grenzpolizisten und Freiwillige aus dem Dorf. Sie müssen aber bald einsehen, dass ihr Unterfangen in diesem unwegsamen Tal, bei Kälte und Schnee, aussichtslos ist. Zudem suchten sie am falschen Ort – sie vermuteten, Patrick sei nach seinem Aufbruch zu Don Juans Hütte zurückgegangen.

    Die Hiobsbotschaft erreicht die Eltern

    Nach vier Tagen – Patrick ist nun seit fast zwei Wochen verschollen – sucht der Zivilschutz erneut das Gespräch mit Konsul Javet. Die Chilenen beharren auf Unterstützung aus der Luft. Sie wollen einen privaten Suchhelikopter mieten, verlangen dafür von der Schweiz aber die Übernahme der Treibstoffkosten. Es geht um 700'000 Pesos, rund 1600 Franken. Der Konsul lehnt ab. «Mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz», wird die offi­zielle Begründung später lauten.

    Gleichentags klingelt das Telefon in einem Terrassenhäuschen in Zofingen AG. Es ist nach Feierabend. Joseph Zwimpfer, Ingenieur im Ruhestand, nimmt den Anruf an. Ein Mitarbeiter des Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) eröffnet den Eltern, dass ihr Sohn in Chile verschollen ist. Der Vater bricht zusammen. Kurz vor 22 Uhr trifft der Arzt ein. Er bleibt über zwei Stunden. Im Rapport notiert er: «traumatisierender Schicksalsschlag». Im Gespräch und mit Medikamenten versucht der Arzt, die Eltern zu beruhigen.

    Am Morgen danach stellt Konsul Javet in einer Mail ans EDA in Bern die Frage: «Warum müssen sich unsere Mitbürger in Chile immer im Winter und immer in extrem schwierigen Gegenden verirren?» Er schiebt nach: «Ich erwarte keine Antwort auf diese Frage!» Zuvor war er gerade zum zweiten Mal um die Kostengutsprache für den Treibstoff gebeten worden. Das Gesuch wird abermals abgelehnt. Javet spekuliert derweil, dass die Suche angesichts des schlechten Wetters ohnehin «bald abgebro­chen wird, auch ohne Helikoptereinsatz». 

    Ein hochsensibler junger Mann

    Patrick hatte einen Bruder. «Einen Seelenverwandten», sagt seine Mutter. Martin. Ein älterer Schüler trifft ihn versehentlich mit einem Stein am Kopf. Es bildet sich ein Tumor. Dreimal wird er operiert. 1971 stirbt Martin im Spital, ohne dass sich sein jüngerer Bruder von ihm verabschieden kann.

    Mit Martins Tod bricht für den damals Siebenjährigen eine Welt zusammen. Patrick ist danach nicht mehr derselbe. Aus dem einst lebenslustigen Buben wird ein hochsensibler junger Mann. In allem und jedem hinterfragt er den höhe­ren Sinn. Nach der Matur studiert Patrick Religions- und Islamwissenschaften, schliesst ab – weiss aber noch nicht, was er daraus machen soll. Und so wird der Suchende irgendwann zum Reisenden. «Er wollte fremde Kulturen kennenlernen», sagt seine Mutter, Milly Zwimpfer. Patrick bereist Eu­ropa, Peru, Chile, Argentinien und Brasilien. Während seiner Auslandsaufenthalte erledigt Oliver Chevalley «daheim» die Korrespondenzen. «Oli» wird über die ­Jahre ein enger Freund – und ein wichtiger Vertrauensmann. Chevalley sagt: «Patrick war ein Aussteigertyp. Er suchte für sich ein Stück heile Welt.»

    Dieses «Stück heile Welt» glaubt Patrick mit 41 Jahren im Süden Chiles gefunden zu haben. Als er am 1. März 2005 aus Argentinien am Grenzposten Candelario Mancilla einreist, will er sich in Chile definitiv nieder­lassen. Weit hinten im Tal des Rio Turbio, wo die Natur noch Natur ist, interessiert er sich für ein Stück Land (siehe Grafik). Sein Traum: ein nachhaltiges Tourismusprojekt, zusammen mit einer ein­hei­mischen, tourismuserfahrenen Freundin: Lachsfischen im Lago Verde, Trekking in die Kordilleren, Schlafen im Blockhaus.


    Das Gebiet wird vom Ministerium für natio­nale Güter verwaltet. Unter dem Programm «Patagonia Turismo» schliesst es Verträge mit privaten Unternehmern über die langfristige Nutzung von staatlichem Land ab – insbesondere im Hinblick auf die Realisierung von Ökotourismusprojekten, wie es Patrick Zwimpfer im Sinn hatte. Don Juan, der alte Chilene, hätte ihn in jenen Tagen Anfang Mai 2005 zum Territorium seiner Wahl führen sollen – es sollte Patricks letzte Reise werden.

    Als das EDA die Eltern am 20. Mai informiert, fehlt von Patrick schon seit fast zwei Wochen jedes Lebenszeichen. Die Öffentlichkeit in Chile weiss längst Bescheid. Am 16. Mai hatten lokale Medien, am 17. Mai die nationale Tageszeitung «El Mercurio» über den Fall berichtet: «Schweizer seit zehn Tagen vermisst». Im Artikel wird auch Konsul Javet indirekt zitiert: Er habe die ­Eltern noch nicht erreichen können.

    Die Wahrheit ist eine andere. Den Mitarbeitern der Botschaft in Santiago de ­Chile war kurz nach Eingang der Vermisstmeldung ein Formular aus dem Jahr 2004 in die Hände geraten. Auf der «provisorischen Anmeldung» hatte Patrick verlangt, dass Dritten keinerlei Auskünfte erteilt werden sollen – «vor allem auch nicht den Eltern». «Patrick wollte zu jenem Zeitpunkt offenbar nicht, dass wir von seinem Plan erfahren, nach Chile auszuwandern», sagt sein Vater. Doch vor seiner letzten Reise nach Chile weihte Patrick seine Eltern ein. Zudem hatte er das Dokument von 2004 insgesamt dreimal widerrufen und dessen Aus­händigung verlangt, einmal per Fax, zweimal per Einschreiben. «Um Missverständnisse zu vermeiden», wie er festhielt.

    Die Eltern sichern das Geld zu – vergeblich

    Obwohl die Schweizer Behörden von der Annullation wussten, stützen sie sich beim Entscheid, die Eltern tagelang in Unkenntnis zu lassen, just auf dieses Papier. Im Nachhinein rechtfertigt das EDA das damit, es sei unklar gewesen, ob sich Patrick tatsächlich in einer Notsituation befand. Für Joseph Zwimpfer eine «Ungeheuerlichkeit». «Mit seiner Verzögerung verhinderte das EDA, dass wir Eltern früher in der Rettung unseres Sohnes aktiv werden konnten.»

    Am 26. Mai – sechs weitere Tage sind seit ihrer Benachrichtigung verstrichen – erfahren die Eltern endlich auch von den fehlenden 1600 Franken für einen Helikoptereinsatz. Sie sichern das Geld sofort zu. Tags darauf geht ihre Zusage per Mail vom EDA an das Konsulat in Santiago de Chile, inklusive der Bitte aus Bern, Druck auf die lokalen Behörden zu machen.

    Ob die Kostengutsprache der Eltern überhaupt je die Rettungskräfte erreicht hat, ist nirgendwo belegt. Tatsache ist, dass das Militär bereits zwei Tage zuvor abgezogen ist und dass die Suchaktion am selben Tag, an dem Zwimpfers vom fehlenden Geld erfahren, wegen des unterdessen schlechten Wetters offiziell abgebrochen wird – ohne dass je ein Helikopter in die Luft gegangen wäre. Auch in den Wochen danach hebt keiner ab. Mal soll es am Wetter liegen, mal an einem fehlenden Ersatzteil. Als das EDA am 14. Juni vernimmt, dass es laut dem zuständigen Staatsanwalt auch an der noch immer fehlenden Kosten­beteiligung liegen könnte, schreibt der vom EDA darauf angesprochene Konsul Javet: «Mir scheint, die Kostenfrage sei geklärt worden. Ich denke, es handelt sich einerseits um Pech, anderseits sind, wie bereits gesagt, die Bedingungen sehr schwierig.»

    Patrick wird öffentlich verleumdet

    Bei der Lektüre des regen Mailverkehrs zwischen EDA, Botschaft und chilenischen Behörden wird man den Eindruck nicht los, dass insbesondere die chilenische Staats­anwaltschaft und Konsul Javet insgeheim stets davon ausgingen, dass Zwimpfer irgend­wann von selbst wieder auftauchen würde. Dazu passt, dass Javet gegen­über der chilenischen Untersuchungsbehörde behauptet, der Satz «um nicht um­gebracht zu werden» in der hinterlassenen ­Botschaft des Vermissten könnte auch «um nicht umgebucht zu werden» heissen. Erst eine Schriftanalyse, die die Eltern erstellen, vermag den Konsul umzustimmen. Dabei gibt es bis heute keine plausible Erklärung, wa­rum Patrick Don Juan hätte bitten können, sein Gepäck nach Lago Verde zu bringen, «um nicht umgebucht zu werden». Was für eine Buchung? Und warum auf Deutsch?

    Die Interventionen der Eltern nützen wenig. In Chile gerät Patrick allmählich in Vergessenheit. Schlimmer noch: Nach einer Erklärung von Konsul Javet, Patrick besitze zwei Pässe, wird er öffentlich verleumdet. Zudem soll er, wie der lokale Staats­anwalt meint und in den Medien unwidersprochen kolportiert wird, illegal nach Chile ein- und ebenso nach Argentinien ausgereist sein. Behauptungen, die sich nachträglich alle als falsch herausstellen.

    Die Eltern ermitteln auf eigene Faust

    Irgendwann reicht es den Eltern. Die 74-Jährigen packen die Koffer und reisen mit Marta Bras, der Spanisch sprechenden Freundin von Patrick, ins Tausende Kilo­me­ter entfernte Niemandsland zwischen ­Chile und Argentinien, um selber nach dem Sohn zu suchen. Bisher war ihr weitester Ausflug eine Pauschal­reise in die Türkei gewesen.

    Zwei Wochen lang sammeln sie in Lago Verde Informationen, führen Interviews mit Beteiligten und mit Freunden von Patrick, sammeln Indizien und Beweise. Bis ihnen eines Tages der Gemeindepräsident nahelegt, das Dorf schnellstmöglich zu verlassen. «Er sagte, dass er nicht länger für unsere Sicherheit garantieren könne», so Milly Zwimpfer. Ihre Recherchen stiessen nicht bei allen Chilenen auf Gegenliebe.

    Milly und Joseph Zwimpfer reisen da­rauf ins 150 Kilometer entfernte Coyhaique und dann nach Santiago, wo sie insgesamt drei Wochen lang weiterrecherchieren. Als sie erfahren, dass der chilenische Staatspräsident Ricardo Lagos am 3. Februar 2006 zufällig Lago Verde besuchen wird, schreiben sie ihm zuhanden eine rührende Bittschrift. Sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Lagos verfügt, die Suche nach dem verlorenen Sohn nochmals aufzunehmen.

    Die Suchaktion startet am 8. Februar 2006. Es ist Sommer, die Verhältnisse sind gut. Die Polizei steigt die Kordilleren hoch und – entdeckt nach lediglich zwei Stunden und 20 Minuten Patricks sterbliche Überreste. Im Rapport heisst es: Sein Kopf war abgetrennt, seine Extremitäten waren verstümmelt, ein Brillenglas zerbrochen. Die Bilder vom Fundort konnten sich die Eltern bis heute nicht ansehen «Wir ertragen das nicht», sagt Milly Zwimpfer.

    In Patricks Seesack finden die Polizisten rund 200 Dokumente, darunter drei Notizhefte, den Pass, 2000 Dollar in Traveller­checks – und eine Mordanzeige, adressiert an seinen Freund Oliver Chevalley.

  • Das Verschwinden des Patrick Zwimpfer

    In jahrelanger Recherchearbeit haben Milly und Joseph Zwimpfer mit Hilfe der Freundin und Übersetzerin Marta Bras die letzten Tage ihres Sohnes und die Umstände seines Verschwindens aufgearbeitet.

    2. Januar 2005
    Patrick Zwimpfer (unten: letztes Foto) reist ab Olten via Frankfurt nach Chile, dann weiter ins benachbarte Argentinien, wo er zwei Monate bleibt. Am 1. März reist er in Chile ein.



    21. April 2005
    Patrick plant ein Tourismus­projekt. Er bricht mit Don Juan (im nachfolgenden Bild links) auf, der ihn in das auserwählte Land führen will. Dann kommt es in Don Juans Hütte zum Bruch zwischen den beiden. Sie kehren um.



    7. Mai 2005
    Auf dem Rückweg nach Lago Verde schleicht sich Patrick aus dem Nachtlager. Er hinterlässt seinem Führer Don Juan die Nachricht, dieser solle sein Gepäck nachliefern. Zwischen die Zeilen schreibt Patrick auf Deutsch: «um nicht umgebracht zu werden!». Und am Schluss: «Tal des Rio Turbio, 3 Stunden hinter Lago Verde». Am 9. Mai meldet Don Juan den Schweizer als verschollen und übergibt der Polizei die hinterlassene Nachricht.

    13. Mai 2005
    Die chilenische Polizei und der Zivilschutz leiten eine Suche ein und informieren die Schweizer Botschaft über den vermissten Schweizer. Der zuständige Konsul, Jean-Didier Javet (links im Bild), leitet die Nachricht ans Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Bern weiter. Patricks Eltern werden nicht informiert.



    16. Mai 2005
    Der Suchtrupp unter der Leitung von Colonel Camilo Vidal trifft am 15. Mai in Lago Verde ein. Tags darauf brechen 34 Mann mit Pferden und Booten auf, um Patrick zu suchen – neben Soldaten (im Bild) auch Grenzpolizisten sowie Freiwillige aus dem Dorf.



    17. Mai 2005
    Die Zeitung «El Mercurio» ­berichtet landes­weit: «Schweizer Bürger seit zehn Tagen ­vermisst». Die Eltern werden von den Schweizer Behörden immer noch nicht informiert.

    20. Mai 2005
    Der Zivilschutz orientiert Konsul Javet, dass für die Suche in dem un­wegsamen Gebiet Unterstützung aus der Luft nötig sei. Ein Helikopter müsste gechartert werden, da der einzige einsatz­fähige staatliche Helikopter nicht zur Verfügung steht.

    20. Mai 2005
    Der Zivilschutz ist bereit, den erforderlichen Such­helikopter zu chartern, verlangt aber von der Schweiz die Übernahme der Treibstoffkosten, rund 1600 Franken. Konsul Javet lehnt «mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz» ab.

    20. Mai 2005
    Die Eltern werden über das Verschwinden ihres Sohnes informiert. Am 24. Mai erklären sie, sich nötigenfalls finanziell an der Suche zu beteiligen. Vom hängigen Gesuch für einen Helikoptereinsatz wissen die Eltern nichts.

    21. Mai 2005
    Konsul Jean-Didier Javet schreibt ans EDA nach Bern, der chilenische Zivilschutz habe insistiert, die ­Suche müsse per Helikopter weiter­geführt werden. Zugleich mutmasst er, dass die Suchaktion wegen der herrschenden Wetterbedingungen ohnehin bald eingestellt werden könnte, auch ohne Helikopter­einsatz. Tatsächlich wären Flüge bis zum 27. Mai und darüber hinaus immer wieder möglich gewesen.

    23. bis 26. Mai 2005
    Freunde von Patrick Zwimpfer aus Lago Verde kontaktieren Konsul Javet und versuchen ihn von einem Helikopter­einsatz zu überzeugen. Das Wetter sei gut. Das EDA in Bern und Jean-Didier Javet tauschen sich täglich aus, zu einem Helikopterein­satz kommt es aber nicht.

    27. Mai 2005
    Die Suchaktion zu Fuss und zu Pferd wird wegen schlechten Wetters und aufgrund des einbrechenden Winters offiziell eingestellt. Die Eltern, Milly und Joseph Zwimpfer, werden darüber nicht informiert.



    1. Juni 2005
    Im Abschluss­bericht zur Suchaktion hält der leitende Militär­general fest, dass es angesichts des schwierigen Geländes angebrachter gewesen wäre, mit einem Helikopter statt mit Fusstruppen zu suchen.

    7. Januar 2006
    Milly und Joseph Zwimpfer, 74, reisen nach Chile, um selber nach ihrem Sohn zu suchen. Es kommt zu diversen Treffen mit Staats­vertretern und dem Schweizer Konsul. Die chilenischen Medien berichten erneut über den Fall.

    3. Februar 2006
    Eine Freundin von Patrick überreicht dem chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos eine Bittschrift der Eltern. Dieser verfügt, nochmals zu suchen.

    8. Februar 2006
    Die Polizei findet die sterblichen Überreste von Patrick nach nur zwei Stunden und 20 Minuten – just in dem Gebiet, das Patrick in der ersten Nachricht erwähnt hatte («Tal des Rio Turbio, 3 Stunden hinter Lago Verde»). Er hatte Bäume angezündet, wohl um auf sich aufmerksam zu machen. Neben den Gebeinen wird ein Abschiedsbrief gefunden: «Ich bin nicht verunfallt, sondern umgebracht worden.»



    10. Mai 2006
    Nach vier Monaten Wartezeit und mehrmaligem Insistieren durch ihren Anwalt vor Ort erhalten Milly und Joseph Zwimpfer die ersten Akten aus dem Dossier der lokalen Staatsanwaltschaft in Chile. Gemeinsam mit Patricks Freundin aus Barcelona, Marta Bras, machen sie sich an die müh­selige Übersetzung der 449 Dokumente.

    26. September 2008
    Die Eltern reichen bei Aussenministerin Micheline Calmy-Rey eine Verantwortlichkeitsklage gegen den Bund ein. Sie werfen dem EDA und dem zuständigen Konsul vor, diese hätten sich bei der Suche nach dem Verschollenen pflichtwidrig verhalten.

    30. Januar 2009
    Aussenministerin Calmy-Rey drückt in einem Schreiben an die Eltern ihr Mitgefühl für den tragischen Schicksalschlag aus. Am 6. März versichert Bundespräsident Hans-Rudolf Merz den Eltern, dass Bundesrätin Calmy-Rey das Anliegen «als Chefinnensache an die Hand genommen hat».

    4. August 2009
    Die Staatshaftungsklage der Eltern wird vom Finanzdepartement abgewiesen. Die Eltern sollen die Klage einen Monat zu spät, nach Ablauf der Verjährungsfrist, ein­gereicht haben. Den Entscheid haben die Eltern beim Bundesverwaltungsgericht angefochten. Das Urteil ist hängig.

    29. Sept. 2009
    Patricks Eltern erhalten vier Jahre nach der Beantragung die letzten Dokumente aus dem Untersuchungsdossier der lokalen Staatsanwaltschaft in Chile. Es handelt sich um die Akten 731 bis 809.

Klicken Sie auf den Brief, um ihn vergrössert in einem neuen Fenster anzuzeigen.

«Lieber Oli», schreibt er, «ich bin nicht verunfallt, sondern umgebracht worden vom hintersten Bewohner des Turbios, mit dem ich mitging. […] Als ich dessen Stimme hörte mit seinen Hunden, bin ich weiter in die Berge geflüchtet, wo ich eventuell aus klimatischen Gründen umkomme.» Patrick steckte den Brief vor seinem Tod in einen Plastikumschlag, um ihn vor der Witterung zu schützen. Er eröffnete ihn mit der spanischen Einleitung «para los carabineros» (für die Polizei), dazu: «muy importante» (sehr wichtig). Seine Gebeine liegen neben mehreren angekohlten Bäumen. Patrick hatte sie wohl in Brand gesetzt, um im unwegsamen Gebiet auf sich aufmerksam zu machen: Rauchzeichen an einen Helikopter, der nie in die Luft ging.

Am 20. Juni bestätigt eine DNA-Analyse, dass es sich mit 99,9-prozentiger Sicherheit um die sterblichen Überreste von Patrick Zwimpfer handelt. Die Todesursache liess sich nicht mehr feststellen.

Zurück in Zofingen, setzt Joseph Zwimp­fer während vier Jahren mit schier unvorstellbarer Detailbesessenheit die Puzzleteile – darunter über 800 Dokumente der chilenischen Staatsanwaltschaft – zusammen. Und er kommt zum Schluss: Patrick musste sterben, weil er sich für das falsche Stück Land interessierte. Denn laut Zwimpfer hatte sich auch die Frau des alten Don Juan für das staatliche Grundstück «La­guna la Garganta» interessiert. Ihr Konzessionsgesuch wurde jedoch abgelehnt. Und noch einer hatte ein Auge darauf geworfen, ein Argentinier namens Chiavetta. «Zusammen wollten sie Patrick in jenen Maitagen im Valle del Rio Turbio umbringen», ist Joseph Zwimpfer überzeugt.

«Sollen wir das einfach akzeptieren?»

Anzeige:

Ob Patrick tatsächlich umgebracht wurde oder ob ihm Verletzungen und die Kälte den Tod brachten, dürfte ein Rätsel ­bleiben. Die Mordanzeige, die seine Eltern in Chile angestrengt haben und mit Ordnern voller Eigenrecherchen begründen, ist zum vier­ten und vermutlich letzten Mal «provisorisch» ad acta gelegt worden.

Mittlerweile denken Milly und Joseph Zwimpfer darüber nach, die Gebeine ihres Sohnes endlich in die Heimat überführen zu lassen. Bisher hatten sie sich dagegen entschieden, weil sie wissen: Sind Patricks sterbliche Überreste in der Schweiz, wird sich in Chile kein Mensch mehr für seinen Tod interessieren. Und ihren Kampf um

die Wahrheit wollen Zwimpfers keinesfalls aufgeben – zumindest nicht hier in der Schweiz. «Sonst haben wir nichts mehr, wofür wir kämpfen könnten. Oder sollen wir einfach akzeptieren, dass unser Sohn der Schweiz keine 1600 Franken wert war?»

«Vielleicht holen wir ihn bald zurück», sagt Milly Zwimpfer. Auf Patricks Grab soll dann der Bronzeengel stehen, der einst das Grab seines Bruders schmückte und heute neben der Haustür der Eltern hängt.

Wurde er ermordet? Ist er erfroren? Patrick Zwimpfers Schicksalsweg in der chilenischen Wildnis

Schadenersatz

«Ihre Klage kommt zu spät»

Die Eltern von Patrick Zwimpfer klagen gegen den Bund, weil er die Rettung ihres Sohnes vereitelt habe. Zu spät, findet das Finanzdepartement.


Erst die aufwendigen Recherchen des Ehepaars Zwimpfer erhärteten den Verdacht: Die zuständigen Botschafts­vertreter und das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hatten eine Suche per Helikopter nach ihrem in Chile verschollenen Sohn verunmög­licht. Zudem waren die Eltern zu spät über dessen Verschwinden informiert worden.

Ende August 2007 konfrontierten die Eltern das EDA mit dem Ergebnis ihrer Ermittlungen: Ihr Sohn sei erfroren und verhungert, weil die Schweizer Botschaft 1600 Franken Kostenbeteiligung an eine Suche per Helikopter verweigerte. Nach weiteren Recherchen klagten die Eltern im September 2008 bei Aussenministerin Micheline Calmy-Rey auf Staatshaftung. «Nur so kann die Schweiz für die Fehler ihrer Beamten zur Verantwortung gezogen werden. Sonst werden kaum Lehren daraus gezogen», begründet Joseph Zwimpfer das Vorgehen.

Der Fall wurde dem zuständigen Finanz­departement übergeben. Die Eltern hatten ihre Eingabe ohne anwaltliche Unterstützung gemacht. Im Frühling 2009 forderte das Departement die Eltern dann auf, ihr Gesuch zu präzisieren und die Höhe des Schadenersatzes und einer Genugtuung anzugeben. «Doch was ist das Leben eines Sohnes wert? Diese Frage hat uns enorm befremdet», sagt Joseph Zwimpfer.

«Es ging uns nie ums Geld»

Die Eltern suchten Rat beim Zürcher Anwalt und Nationalrat Daniel Vischer, der sie seither vertritt. Mit einer nachgereichten Forderung um Ge­nugtuung über eine Million Franken und 210'000 Franken Schadenersatz sollte die Untersuchung endlich in Gang gebracht werden. «Es ging uns nie ums Geld, sondern um die Wahrheit», betont Milly Zwimpfer. Im vergangenen August dann die Ernüchterung: Das Finanzdepartement teilt mit, die Eingabe vom September 2008 sei einen Monat zu spät erfolgt, die einjährige Haftung des Bundes erloschen. Für die Eltern eine zynische Antwort: Ihnen, die ein Versäumnis der EDA-Mitarbeiter rügen wollten, wird nun vorgeworfen, die fristgerechte Eingabe für die Haftungsklage verpasst zu haben.

«Wenn der Bund gewisse Fehler eingestanden hätte, wäre der Fall wohl gar nicht vor Gericht gekommen.»

Daniel Vischer, Anwalt und Nationalrat

Anwalt Vischer akzeptiert das nicht: «Die einjährige Frist begann erst zu laufen, als den Eltern nicht nur der Zeitpunkt des Todesfalls bekannt war, sondern auch alle Umstände und wie er hätte verhindert werden können. Und erst im April 2009 bestätigte der Rechtsdienst des EDA, dass die Botschaft ‹mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz› die Kostengutsprache verweigert hatte.» Ob die Staatshaftung also doch nicht verwirkt ist, muss jetzt das Bundesverwaltungsgericht entscheiden. Vischer: «Wenn der Bund gewis­se Fehler eingestanden und den Eltern für ihre wichtigen Recherchen eine Entschädigung gezahlt hätte, wäre der Fall wohl gar nicht vor Gericht gekommen.»

Die Eltern hoffen jetzt, dass Botschaftsangestellte zumindest künftig in Notsituatio­nen weniger bürokratisch agieren. «Wenn ein Menschenleben mit 1600 Franken gerettet werden könnte, darf doch nicht wertvolle Zeit mit Abklärungen darüber vergeudet werden, wer den Betrag letztlich bezahlen wird», sagt Joseph Zwimpfer.

Für Schweizer Geiseln gibts Millionen

Im Grundsatz sei das Gastland für Orga­nisation und Finanzierung von Rettungs­aktionen zuständig, schreibt das EDA in einer Stellungnahme an den Beobachter. Anderseits hält das Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen den Schutz der Angehörigen des Heimatlands als zentrale Aufgabe fest. Ihnen muss das Konsulat «Hilfe und Beistand» leisten. Und dass solche Hilfe auch finanzieller Art sein kann, hat das EDA mehrfach vorgeführt. Weniger bei den jährlich zwei bis sechs Vermisstmeldungen als bei spektakulären Geiselnahmen. So dürfte die Befreiung der vier Schweizer Sahara-Geiseln 2003 den Bund mehrere Millionen Franken gekostet haben, ein Teil wurde später von den Betroffenen zurückverlangt.

Und selbst für die Befreiung von Ausländern wie der in Kolumbien verschleppten Politikerin Ingrid Betancourt scheute die Schweiz keine Kosten für Vermittlungs­gespräche. «Verglichen damit wäre die Heli­koptersuche nach Patrick Zwimpfer mit einem Griff in die Portokasse der Botschaft möglich gewesen», sagt Daniel Vischer.

Warum der Konsul nicht so gehandelt hat, ist nicht nur eine Frage arbeitsrechtlicher Pflichten, sondern auch eine der Moral. Dazu äussern wollte sich der heute in Afrika tätige Konsul nicht – «nach Rücksprache mit meiner Hierarchie in Bern».

  • Kommentar Formular

© Beobachter Ausgabe 7 vom 31. Mär 2010 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh