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Wahlen 2011
Mein erstes Mal
Am 23. Oktober gehen Anouk Scherrer, Jakob Önat und Marina Morgenthaler erstmals wählen. Wir haben sie bei der Meinungsfindung begleitet.

Endlich mitbestimmen, wer in Bern das Sagen hat: Anouk Scherrer, Jakob Önat und Marina Morgenthaler
Eine Wahl. Drei Jugendliche. Sechs Monate Zeit, sich zu entscheiden, wer ihre Vertretung im Parlament werden soll. Doch gehen die Jugendlichen überhaupt wählen? Wie und warum entscheiden sie sich für einen Politiker, eine Partei? Und wie wirkt der ganze Politzirkus auf die jüngsten Teilnehmer der Demokratie? Ein halbes Jahr lang hat der Beobachter die Erstwähler Jakob Önat, Anouk Scherrer und Marina Morgenthaler begleitet, um genau diese Fragen zu klären.
Einer dieser frühsommerlichen Tage Anfang April, die erste Begegnung. Es dauert keine fünf Minuten, und schon ist klar: Jakob Önat, der mit seinem ungebärdigen Haarschopf und der markanten Brille etwas von Harry Potter hat, weiss verdammt gut Bescheid. «Ich bin halt an fast allem interessiert», sagt er, als gelte es, sich zu rechtfertigen. «Also auch an Politik.»
Anouk Scherrer hat ihren freien Tag und kommt direkt vom Reiten ins Café an den Zürcher Idaplatz. Sie nimmt die Sonnenbrille ab und meint: «Für Politik interessiere ich mich soso lala. Ich möchte einfach mitreden können, wenn Kollegen darüber diskutieren.»
Marina Morgenthaler ist just am Tag zuvor, dem 17. April, offiziell erwachsen geworden. Die Bündnerin ist soeben vom Coiffeur gekommen und ist nun auf dem Weg ins Büro. Politik interessiert sie schon, sagt sie. Irgendwie. Man will ja mitreden können. Nur die Zeit, sich zu informieren, fehlt ihr. Zum Glück gibt es da noch den Staatskundeunterricht an der Berufsschule und das Radio.
Jakob Önat findet die Frage wohl etwas plump. Sagen würde er das nie, dafür ist er zu höflich. Stattdessen fragt er zurück: «Darf ich zuerst nachdenken?» Es war eine typische Journalistenfrage: «Jakob, wo würdest du dich in der politischen Landschaft positionieren?» Mit dem Links-rechts-Schema könne er nicht viel anfangen, sagt er vorsichtig, «das ist mir zu starr». Aber wenn schon: «Eher links.» Einer Partei gehört der junge Mann aus Jona SG nicht an. Kürzlich gab es jedoch einen Versuch bei den Jungen Grünen, aber die seien ihm letztlich dann doch zu dogmatisch rübergekommen. Überhaupt, der ganze Politzirkus, das bemühte Gezänk unter den Parteien: «Da geht es doch gar nicht um die Sache, sondern nur um die eigene Profilierung.»
Am 23. Oktober, wenn Jakob Önat erstmals selber mitbestimmen kann, geht es aber nicht um geschliffene Theorien, sondern ganz profan um: SP oder SVP? CVP oder Grüne? Grünliberale oder FDP? Hingehen will er auf jeden Fall, das steht ein halbes Jahr vor der Wahl fest. Nicht aber, welchen Zettel er einwerfen wird.
Auch Marina Morgenthaler will in einem halben Jahr einen Zettel in die Urne werfen. Zwar interessiert sie sich für Politik, täglich darüber informieren mag sie sich aber nicht. Nur im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen versucht sie, sich einen Überblick zu verschaffen. Worum es im Oktober genau gehen wird, weiss Marina heute noch nicht. Dass sie mitreden will aber schon: «Ich finde es gut, dass ich das Geschehen beeinflussen kann, und will deshalb auch meine Stimme abgeben.»
Die 18-Jährige ist kaufmännische Angestellte im zweiten Lehrjahr und arbeitet bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha in Chur. Das Radio läuft den ganzen Tag und hält die Disentiserin auf dem Laufenden. Eine Stunde wöchentliche Staatskunde in der Berufsschule vermittelt das Basiswissen. Auch zu Hause ist Politik ein Thema. Ihre ältere Schwester und der Vater liefern sich regelmässig hitzige Debatten. Marina diskutiert immer häufiger mit: «Früher habe ich stets die Meinung meines Vaters vertreten, heute ist das nicht mehr so.»
Anouk Scherrer
Anouk Scherrer, 18, befindet sich im vierten Jahr ihrer Lehre als Optikerin und wohnt bei ihren Eltern in Zürich. Vier Tage die Woche arbeitet sie im Geschäft in der Zürcher Innenstadt, einen Tag besucht sie die Berufsschule. In ihrer Freizeit reitet sie, betreibt
Polefitness und joggt. Mit ihren mehrheitlich ausländischen Freundinnen und Freunden geht die Schweizerin durchschnittlich einmal pro Woche in den Ausgang. An Politik ist sie eher wenig interessiert.
Wo genau sie politisch steht, kann sie noch nicht sagen. Umso deutlicher wird Marina, wenn es um Atomkraftwerke geht – ein Thema, das sie seit Fukushima stark beschäftigt. «Es gibt sehr viele andere Möglichkeiten als Atomenergie. Alle AKWs auf einmal auszuschalten ist aber auch keine Lösung.» Unsicherer ist sie bei der Ausländerproblematik. «Irgendwie bin ich schon für die Ausschaffungsinitiative, irgendwie auch nicht.» Das Parteidenken sagt Marina nicht zu, sie will sich nicht festlegen. Kann sie auch nicht. Zu wenig ist sie mit den verschiedenen Programmen vertraut. Das will sie in den kommenden Monaten ändern.
Anouk Scherrer beendet ihr drittes Lehrjahr als Optikerin. Alle zwei Wochen hat sie in der Berufsschule eine Stunde Politik. Über Japan und AKWs hat die Klasse nach Fukushima eine Diskussion verlangt. Die Themen AKWs und Ausländer interessieren Anouk politisch am meisten. Obwohl sie zweifelt, dass die Schweiz ohne AKWs auskommen könne. «In Umwelt- und Ausländerfragen bin ich wohl eher links», sagt sie. «Das heisst aber nicht, dass alle Ausländer einfach reinkommen sollen.» Von ihren sechs engsten Freundinnen und Freunden sind vier Ausländer. «Mit Freunden rede ich kaum über Politik», sagt Anouk. Da geht es mehr um Klatsch und Tratsch, Kollegen, Klamotten und Ferien. Halt so Zeugs.
In der Schule hat sie auch mal einen Spider ausgefüllt, ein Internet-Tool, das die politischen Vorlieben auswertet. Ihr Profil deckte sich am ehesten mit jenem der CVP. Darum sagt sie auf die Frage, welche Partei sie jetzt im April wählen würde: «Die CVP.»
Die Ereignisse in Nordafrika geben auch im kleinen Reihenhaus der Familie Önat in Jona zu reden. Jakob, der sonst so Besonnene, kann sich echauffieren. «Die Leute dort schreien nach Demokratie, und statt dass wir uns in der Schweiz darüber freuen, haben wir Angst vor ein paar Flüchtlingen.» Man merkt: Asyl- und Ausländerpolitik, das ist für ihn ein zentrales Thema. Und: «Da stehe ich ganz am linken Rand.»
Das hat viel mit der eigenen Geschichte zu tun. Die Önats sind Aramäer. Als Angehörige der christlichen Minderheit flohen die Eltern Anfang der neunziger Jahre aus der Türkei in die Schweiz. Jakob wuchs im Kanton Nidwalden auf, in einer Umgebung, wo Flüchtlingsfamilien unter besonderer Beobachtung stehen. Er hat seinen Weg gemacht und seinen Platz gefunden. Dennoch fühlt er sich bis heute mitgemeint, wenn gegenüber Ausländern Stimmung gemacht wird, «geschürt von der ausgrenzenden SVP-Politik», wie er sagt: «Das trifft mich ganz persönlich – schliesslich bin ich ein Asylantensohn.» Ihn stört, dass die SP und die übrige Linke das Thema so zögerlich behandeln. «Ich weiss nicht, was ich von der SP in der Ausländerfrage erwarten kann.» Ein Erstwähler im luftleeren Raum.
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Im Kanton Zürich wurde über Steuererleichterungen und über Mundart im Kindergarten abgestimmt. Bis die 18-jährige Anouk Scherrer das Stimmkuvert sah, habe sie gar nicht mitbekommen, dass es da Abstimmungen geben würde. Um sich für eine Partei zu entscheiden, bleiben ihr bis zu den Wahlen im Oktober noch fünf Monate Zeit. Doch bei Sachgeschäften entscheidet Anouk ohnehin nicht parteipolitisch. «Ich habe die Unterlagen durchgesehen und wusste gleich: Ich stimme mit Ja zu Mundart im Kindergarten. Mit fünf ist es einfach noch zu früh für Hochdeutsch.» Ein Entscheid aus dem Bauch heraus. Es war ihr egal, dass das auf SVP-Linie liegt. «Ich hab gar nicht geschaut, wer wofür ist.»
Bei den Steuervorlagen stimmte sie hingegen auf SP-Linie für die Variante, die Familien und Mittelstand entlasten wollte. Diese Vorlage liess sie sich am Samstagabend von ihrer Mutter erklären. Sie möchte sich gern früher informieren, findet es aber schwierig, den Einstieg zu finden. «Am Morgen stehe ich jeweils auf und gehe ohne Morgenessen zur Arbeit. Abends geh ich in den Ausgang. Wann soll ich da Zeitung lesen?»
Zeit. Die fehlt auch Marina Morgenthaler. Die KV-Lernende hat viel zu tun im zweiten Lehrjahr. Die Arbeit beim Radio ist streng, die vielen Prüfungen verlangen ihr einiges ab, und in der Freizeit geht sie lieber mit Freunden aus, als Zeitung zu lesen. Dennoch erklärt sie immer wieder, dass sie sich eigentlich für Politik interessiert.▶
Ein grosses Thema in diesen Tagen ist der Tod Osama Bin Ladens. «Ich wollte alles ganz genau wissen», sagt Marina. Auch unter ihren Kollegen diskutierte man heftig – auch die Frage, ob eine solche Aktion ethisch vertretbar war. Marina hat eine klare Meinung: «Die Amerikaner haben es ihm zu einfach gemacht. Man hätte ihm den Prozess machen sollen.»
Jakob Önat
Jakob Önat, 18, hat im Sommer die Matur gemacht. Jetzt studiert er an der Universität Basel Recht. In seiner Freizeit liest er viel und geht gern auf Reisen. An Politik ist er stark interessiert, gehört jedoch keiner Partei an. Seit kurzem lebt er in einer WG in Basel. Die Wochenenden verbringt er meist im Elternhaus in Jona SG. Seine Eltern gehörten der aramäischen Minderheit in der Türkei an und kamen vor 20 Jahren als politische Flüchtlinge in die Schweiz. Jakob und seine zwei Schwestern wurden hier geboren.
Auch der AKW-Debatte konnte sie sich nicht entziehen. Während sie vor einem Monat noch zögerlich auf die Frage reagiert hatte, ob Schweizer AKWs vom Netz sollen, ist sie heute sicher: «Wir brauchen Alternativen. Es ist schon extrem, dass ein so kleines Land so viele AKWs hat.»
Die Schweiz beschliesst den Atomausstieg. Marina Morgenthaler ist froh. Es gibt genug andere Möglichkeiten wie Windräder oder Wasserenergie, findet die KV-Lernende aus Graubünden. Doch viel mehr als Politik beschäftigen Marina aktuell die letzten Schulwochen im zweiten Lehrjahr. Nicht mehr lange, und die Vorbereitungen für die Lehrabschlussprüfung stehen an.
Auch bei Anouk Scherrer dreht sich in den letzten Wochen vor den Sommerferien alles um die Berufsschule. Dort hat sie einen Vortrag über den Klimawandel gehalten. Mit dem Vater diskutierte sie über die US-Staatsschulden, aber Wirtschaft interessiert sie einfach sehr wenig. Es beschäftigt sie auch nicht, dass sie als Konsumentin nicht vom tiefen Euro profitiert. «Wir verdienen ja viel, darum zahlen wir auch viel», sagt sie, macht aber ungefragt einen politischen Fixpunkt klar: «Ich bin gegen einen EU-Beitritt. Wir habens doch gut so.»
Jakob Önat hat genau registriert, wer das Fähnlein in den Wind hängt und jetzt auf einmal für einen Atomausstieg ist. Vor allem die FDP habe sich mit ihrem Hin und Her unglaubwürdig gemacht, findet er. «Die wähle ich sicher nicht» – das Ausschlussverfahren des baldigen Erstwählers hat ein nächstes Opfer gefordert. Jakob selbst hält den Ausstieg für richtig und auch machbar. «Allerdings müssen wir dafür auch unser eigenes Verhalten ändern.» Ansonsten findet er den Wahlkampf ziemlich flau. Keine Überraschungen, keine Figuren, an denen man sich reiben könnte. Einer wie der frühere Juso-Präsident Cédric Wermuth würde dem Ganzen guttun, findet Jakob. Wermuth gefällt ihm, weil er «klug provoziert» und damit zum Denken anrege.
«Jetzt hab ich zum ersten Mal Wahlkampf erlebt!», jubelt Anouk Scherrer in Zürich. «Ich hab einen Mann mit Velo und Anhänger am Geschäft vorbeiradeln sehen. Im Anhänger hatte er eine aufblasbare Säule mit seinem Foto drauf. Ich glaub, er war ein Grüner.» Doch das wichtigste Thema für Anouk sind momentan die Sommerferien: eine Woche mit den Eltern in Sardinien, eine Woche mit Freundinnen in Zypern.
Bis zu ihren Ferien muss sich Marina Morgenthaler noch bis September gedulden. Da geht es dann für vier Wochen nach Kanada. Trotzdem freut sie sich über die Schulferien. Das zweite Lehrjahr ist vorbei. Alle Prüfungen sind gut verlaufen. Alle Projektarbeiten abgeschlossen. Noch drei Monate bleiben ihr bis zu den Wahlen. Zeit, um zu prüfen, was vom Staatskundeunterricht, von den vielen Radiobeiträgen und Diskussionen in der Familie geblieben ist. Die Grünen, die kennt Marina genau, die achten auf die Umwelt und kämpfen dafür, dass die AKWs ausgeschaltet werden. An der SVP führt kein Weg vorbei. «Das sind die, die immer das Gegenteil von den anderen Parteien wollen», fasst Marina zusammen. Die FDP, meint die Bündnerin, das sind die Liberalen. Warum man die genau wählen sollte, weiss sie jedoch nicht. Besser Bescheid weiss Marina über die SP. «Das sind die Linken. Sehr sozial. Die wollen das Gute für alle.» Ach ja, und dann ist da noch die CVP, schiebt sie nach. Doch von deren Parteiprogramm ist bei der 18-Jährigen nichts hängengeblieben.
Die Schweiz und der Wahlkampf versinken in den Sommerschlaf, und Jakob Önat hat die Maturaprüfung bestanden. Der Ex-Gymnasiast freut sich auf das Neue, das da kommt – das Jusstudium an der Uni Basel. Und: ausziehen von zu Hause. Er berichtet von einer spannenden Diskussion mit einem Kollegen, der ihm geraten hat, nicht wählen zu gehen. Das bringe nichts, findet dieser. Jakob Önats Position dazu: «Wenn es denn so ist, muss man ein Gegengewicht geben.» Also wird er im Oktober zur Wahl gehen. Ganz aus dem Kopf bekommt er das Thema nicht, denn wenig später schickt er dem Journalisten eine Mail: «Du kennst vielleicht das Zitat von Tucholsky: ‹Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.›»
Der Wahlkampf ist immer noch nicht richtig bis zu Jakob Önat vorgestossen. Am ehesten sind ihm noch die SVP-Plakate zu kosovarischen Gewalttätern oder zur Masseneinwanderung aufgefallen. Doch selbst bei ihm, der so sensibel auf Ausländerthemen reagiert, löst das nicht viel aus. «Diese Provokationen haben sich irgendwie abgenutzt.» Sagt ein knapp 19-jähriger Neuwähler. Auch das Thema der Stunde, die Wirtschafts- und Währungskrise, lässt ihn seltsam unberührt. «Das haben wir schon in der Schule x-mal durchgekaut, ich mag es fast nicht mehr hören.» Zu abstrakt sei das Ganze. Dem Kopfarbeiter fehlt es an der direkten Betroffenheit.
Ganz so spurlos geht die Währungskrise nicht an Marina Morgenthaler vorbei. Im Radio hört sie momentan täglich vom tiefen Euro und von den Importeuren, die ihre Gewinne nicht an die Kunden weitergeben. «Das finde ich total daneben», erklärt sie. Für Marina ist deshalb klar: Wenn sie grössere Anschaffungen machen müsste oder Ferien buchen würde, ginge sie dafür ins Ausland. «Man wäre ja blöd, wenn man nicht von diesem Durcheinander profitieren würde», findet sie.
Es sind noch zwei Monate bis zu den Wahlen im Oktober. Um sich richtig entscheiden zu können, will sie bald beginnen, vermehrt Zeitung zu lesen, um sich über die verschiedenen Wahlprogramme und Politiker zu informieren.
Marina Morgenthaler
Marina Morgenthaler, 18, hat ihr letztes Lehrjahr als kaufmännische Angestellte begonnen. Eigentlich in Disentis zu Hause, wohnt sie unter der Woche in Chur und arbeitet bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha. In ihrer Freizeit fährt sie im Winter gern Ski und nimmt im Sommer an Zehn-Kilometer-Läufen teil. Ihre Ferien verbringt sie am liebsten auf dem Maiensäss. Für Politik interessiert sie sich grundsätzlich. Zumindest theoretisch. Denn häufig fehlt ihr schlicht die Zeit, sich zu informieren.
Kurz nach ihrem Urlaub in Zypern gerät Anouk Scherrers Meinung zum Ausländerthema etwas ins Wanken. «Im Geschäft haben wir Statistiken angeschaut», sagt sie und erhebt die Stimme. «Es hat 30,5 Prozent Ausländer in der Stadt Zürich! Das gibt mir schon zu denken.» Doch an ihrer grundsätzlichen Haltung ändert das nichts. Man müsse nicht mit «Zuwanderung stoppen» reagieren. SVP wähle sie deshalb nicht. Die Ausländer sollen sich um Integration bemühen – wie das ihre Freunde täten.
Jakob wird doch noch von der Politik erfasst. Oder besser: Er mischt sich aktiv ein, als Teilnehmer an der viertägigen Jugendsession. «Eine tolle Erfahrung», findet er hinterher. Inzwischen hat er ein positiveres Bild vom ganzen Politapparat. «Ich könnte mir sogar vorstellen, später einmal ein politisches Amt auszuüben», sagt er. Neue Töne.
Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt steht die erste Amtshandlung als Neuwähler auf dem Programm. Kaum sind die Wahlunterlagen eingetroffen, fällt er den Entscheid: fürs Parlament die unveränderte SP-Liste, für den St. Galler Ständerat die grüne Kandidatin und den SP-Mann. Da ist sich einer treu geblieben.
Anouks politisches Interesse blieb während des ganzen Wahlkampfs konstant bei den Themen Umwelt und Zuwanderung. Vor kurzem hat sie dann auf www.smartvote.ch ihr Profil doch noch einmal bestimmt. Da hiess es nun, ihre politische Haltung entspreche am ehesten jener von Balthasar Glättli, Grüne, und Thomas Hardegger, SP. Zu 65 Prozent seien ihre Werthaltungen mit diesen beiden kongruent. «Darum würde ich jetzt wohl die SP-Wahlliste einwerfen», sagt sie und lacht.
Den Schwenker von der CVP zur SP kann sie sich nur mit diesem Internet-Tool erklären. Sie sei in Sachen Einwanderung am ehesten auf SP-Linie. Das habe wohl beim digitalen Ankreuzen den Ausschlag gegeben. Obwohl sie bei der Waffeninitiative, bei Mundart in der Schule und auch bei den AKWs nicht auf SP-Linie sei. Und Zweifel am Internet-Tool hat sie keine? «Nein», sagt sie. «Das wertet ja nur meine Antworten aus.»
Marina Morgenthaler braucht kein Internet-Tool, um sich für einen Kandidaten zu entscheiden. Es reicht ihr, sich umzuschauen. Da ist zum Beispiel der Nachbar ihres Freundes, Martin Candinas von der CVP. «Er ist aktuell mein Favorit», erklärt sie. Einen Grund dafür kann sie nicht nennen. Auch mit dem Informieren hat es nicht ganz so geklappt, wie sich das Marina im letzten Monat vorgenommen hatte. «Ich würde mich schon für Politik interessieren, aber ich habe einfach keine Zeit», sagt sie.
Drei Tage vor Marinas Abflug nach Kanada: die Erlösung. Es geschieht an einem ganz normalen Donnerstag in der Berufsschule in Chur. Eine Podiumsdiskussion mit regionalen Politikern. Marina wird in ihrer ersten Idee bestärkt: «Martin Candinas war sehr überzeugend, und er ist für Wasserkraft.» Und so gibt es zwei Stimmen für den CVP-Mann.
Eine weitere Stimme geht an Tarzisius Caviezel von der FDP, weil er ein Befürworter der Olympischen Winterspiele 2022 in Graubünden ist, jeweils eine Stimme an die beiden BDP-Mitglieder Hansjörg Hassler, der sich für die Landwirtschaft einsetzt, und Elisabeth Mani, die sich für die Bildungslandschaft Graubünden starkmacht. Im Ständerat würde sie am liebsten Stefan Engler von der CVP und FDPler Martin Schmid sehen. «Das sind aus meiner Sicht die zwei stärksten Kandidaten.»
Fiebert Jakob auf den Wahltag hin? Nein, dafür hat er nicht genug Temperatur aufgenommen in diesen sechs Monaten als Wahlkampfbeobachter. Immerhin: «Vor irgendeinem Fernseher» will er den Nachmittag auf jeden Fall verbringen.
An einem Sonntag schläft Anouk Scherrer in der Regel aus und verbringt dann den Nachmittag mit ihren Kolleginnen. Das wird auch am 23. Oktober der Fall sein. Wer gewählt wurde, erfahre sie später eh.
Einen Tag vor den Wahlen wird Marina aus Kanada nach Disentis zurückkehren. Sie hat sich fest vorgenommen, als Erstes ihren Wahlzettel zu schnappen und ihn in die nächste Urne zu werfen. Eigentlich möchte Marina das Geschehen am Wahltag beobachten. Ausser sie hat einen Jetlag: Dann verschläft sie den Tag und damit die Wahlen.
© Beobachter Ausgabe 21 vom 12. Okt 2011 - Alle Rechte vorbehalten












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