Wirtschaft Die Wachstumsfalle

Immer mehr von allem: Wann stösst die Schweiz an ihre Grenzen?
Individualverkehr
Innert 20 Jahren ist die Wohnbevölkerung der Schweiz um 15 Prozent gewachsen. Die Anzahl Autos hat im gleichen Zeitraum um 43 Prozent zugenommen. 80 Prozent der Haushalte haben heute mindestens einen Personenwagen, 30 Prozent zwei oder mehr.
Konsum
Jede Woche ein Kilo Fleisch auf dem Teller: Die Produktion von Fleisch und Milch gilt als klimaschädigender als der Verkehr. Aus ihr sollen mindestens 18 Prozent der weltweiten Treibhausgase stammen.
*Die Daten von 1950 bis 1975 wurden ­bereinigt, da das Gewicht in diesen Jahren mit Knochen berechnet wurde und die Zahlen daher rund 25 Prozent zu hoch waren.
Quelle: Proviande; Infografik: Beobachter/DR
Wohnraum
34 Quadratmeter Wohnfläche pro Person mussten 1980 genügen. Heute sind es rund 50 Quadratmeter. Mehr Wohlstand und mehr Einpersonenhaushalte sind die Gründe, Zersiedelung und ein höherer ­Energieverbrauch die Folge.
*Schätzung
Quelle: Bundesamt für Statistik; Infografik: Beobachter/DR
Elektrizität
Im Vergleich zu den 1970er Jahren verbrauchen die Schweizer 75 Prozent mehr Strom. Der Park an Elektrogeräten im Haushalt und am Arbeitsplatz wächst beständig. Eine Abkühlung der Konjunktur und wärmere Winter haben den Verbrauch nach 2010 etwas sinken lassen.

Zersiedelung und Zuwanderung entfachen eine neue Wohlstandsdebatte: Gibt es Wege aus der Wachstumsfalle?

Die Schweizer sammelten einst die Aludeckeli der Joghurtbecher, wegen der Energie und der Umwelt. Und am Wochenende fuhren sie im Auto durch den Gotthard, zum Zelten ins Tessin. Das war vor über 30 Jahren. Heute kaufen wir Sparlampen, immer noch wegen der Umwelt. Über Weihnachten aber fliegen wir nach Südostasien, 20'000 Kilometer. Wir können es uns leisten.

Die Schweizer Wirtschaft ist seit 1982 um rund 70 Prozent gewachsen. Auch die aktuelle Wirtschaftskrise und selbst den Wegfall des Bankgeheimnisses hat sie fast unbeschadet überstanden: kein Heer von Arbeitslosen, keine sozialen Unruhen. ­Etwas Unmut über gierige Manager und zockende Banker. Die Wirtschaft wächst weiter. Letztes Jahr waren es bescheidene 0,8 Prozent, jetzt werden bis zu 1,5 Prozent in Aussicht gestellt. Nicht alle profitieren davon im selben Mass. Wirtschaftswachstum verstärkt Ungleichheit, wer viel hat, dem wird noch mehr gegeben.

Was wollen wir denn noch alles?

«Ich brauche keine sechsspurige Autobahn, keinen Billigflug nach London, keine Manager mit abstrusen Bereicherungshonoraren, keine steuerlich sonderbehandelten Ausländer, keine…! Ich brauche auch kein Wachstum, weder bei der Bevölkerungszahl, den Staatsangestellten noch den Baulandflächen für x-tausend Franken pro Quadratmeter.» In der Vorweihnachtszeit stellte Othmar Reichmuth die Sinn­frage. Er ist kein Revolutionär, er ist CVP-Regierungsrat im Kanton Schwyz. Unter dem Titel «Was wollen wir?» erschien sein Text in der «Auslese», dem Blatt des Schwyzer Handels- und Industrievereins. Zweifellos der meistgelesene Beitrag der Ausgabe. Denn der Baudirektor rüttelte an ­einem Innerschweizer Tabu, dem Wachstum dank besonders tiefen Steuern und Sondertarifen für reiche Ausländer.

Mit diesem Rezept hat sich das Schwyzer Volkseinkommen in den letzten 30 Jahren verfünffacht, die Bevölkerungszahl ist um 50 Prozent gestiegen. Der Kanton wandelte sich vom Armenhaus zum Reichenparadies. Doch jetzt haben die Innerschweizer plötzlich Mühe, ihre Kosten für Infrastrukturen zu tragen. Mehr Leute brauchen mehr Strassen, mehr Schulen, neue Grundstücke sollen erschlossen werden. Zusätzlich muss der Kanton wegen der hohen Steuereinnahmen immer mehr in den kantonalen Steuerausgleich zahlen. Für 2013 hat er ein Defizit von 100 Millionen Franken veranschlagt, 2016 könnte das gesamte Eigenkapital aufgebraucht sein.

«Ist Wachstum überhaupt erstrebenswert?», fragte der Schwyzer Regierungsrat Othmar Reichmuth. Damit traf er einen Nerv in der Bevölkerung. «Ich habe Hunderte von Zuschriften bekommen, aus ­allen politischen Lagern und sozialen Schichten. Die meisten positiv», sagt er heute. «Und es freut mich, dass endlich ­eine Wachstumsdebatte geführt wird. Sie ist dringend nötig.»

Auf politischer Ebene hatte sich die ­Regierung bereits zu einem Strategiepapier durchgerungen, das neu ein «nachhaltiges qualitatives» statt eines «quantitativen» Wachstums für den Kanton vorsieht. «Jetzt wird es wohl heftige Diskussionen um den Begriff ‹nach­haltiges Wachstum› geben. Und richtig hart wird es natürlich bei der Umsetzung», sagt Reichmuth. Dann geht es um Steuerfragen und Siedlungspolitik. Und damit ums Geld. «Wir werden uns ­fragen müssen, was uns Unternehmen und Zuzüger wert sind, die sich nur wegen der tiefen Steuern für den Kanton Schwyz entscheiden, sich hier aber weder engagieren noch investieren.»

Wäre weniger mehr?

In einem sind sich Politiker, Ökonomen, Wirtschaftsvertreter und sogar Gewerkschafter einig: Wachstum sichert unseren Wohlstand, ohne geht es nicht. In einer Wirtschaft, die auf Geld und Schulden aufgebaut ist, muss das vorgeschossene Geld verzinst werden. Damit das möglich ist, muss künftig immer wieder etwas zusätzlich erwirtschaftet werden.

Für Rudolf Minsch, Chefökonom des Arbeit­geberverbands Economie­suisse, gefährdet fehlendes Wachstum nicht weniger als den gesellschaftlichen Zusammenhalt: «Sozialwerke und Bildungseinrichtungen könnten nicht mehr im bisherigen Umfang bezahlt werden, Investitionen in Infrastrukturen würden schwieriger, und auch gewisse Umverteilungen liessen sich nicht mehr ­finanzieren. Dies hätte langfristig schlimme Folgen für alle.»

Der St. Galler Ökonom und Wachs­tums­kritiker Hans Christoph Binswanger sieht dagegen Wege, wie ein überbordendes Wachstum gebändigt werden kann, ohne dass gleich das ganze System zu­sammenbricht. Dazu müsse man die Macht der ­Geschäftsbanken zurückbinden und den Aktienhandel neu regulieren. ­Genossenschaften und Stiftungen sollten zudem gefördert werden, weil sie auf längerfristige Ziele ausgerichtet sind (siehe ­Interview mit Hans Christoph Binswanger).

Manche Kleinunternehmer und Mittelständler versuchen, möglichst ohne Geld von Banken auszukommen. Etwa die Naef Group in Freienbach SZ. Die Firma mit 70 Angestellten saniert Trinkwasserleitungen und Fussbodenheizungen. «Als Familienunternehmen setzen wir seit 1985 bewusst auf organisches Wachstum statt Fremd­finanzierung», so Geschäftsführer Ramon Näf. «Das heisst, wir verdienen zuerst das nötige Geld und expandieren erst dann.» So will sich die Firma eine möglichst grosse Unabhängigkeit bewahren. «Wir müssen vor den Banken nicht die Hosen runter­lassen, sondern können selbstbestimmt so schnell oder langsam wachsen, wie es für die Firma und die Angestellten gut ist.»

Mehr Zuwanderung, weniger Produktivität

Das Eigenkapital der Firma über die Börse aufzustocken kommt für Näf nicht in Frage: «Die Börse ist für uns ein rotes Tuch. Die Aktionäre erwarten dort Wachstum auf Teufel komm raus. Ob das dem Unter­nehmen guttut oder schadet, spielt für sie ­keine Rolle.» Für die Naef Group ging die Strategie auf. Und Wachstum ist nicht ausgeschlossen: «Wir haben im letzten Jahr um 30 Prozent ausgebaut», so Näf.

Wie entsteht überhaupt Wachstum? ­Indem ein Land mehr produziert als im Vorjahr. Dann steigt das Bruttoinland­produkt, das BIP. Dieser Wert umfasst alle Waren und Dienstleistungen, die wir in der Schweiz innerhalb eines Jahres herstellen und die für den Konsum bereitstehen. Mit dem BIP wird die Leistungs­fähigkeit einer Wirtschaft gemessen.

Man kann das BIP erhöhen, indem man mehr arbeitet. Oder man wird produktiver, leistet also mehr pro Zeiteinheit. Das BIP steigt aber auch, wenn mehr Menschen in einer Volkswirtschaft arbeiten, etwa durch Zuwanderung. Will man wissen, wie sich der Wohlstand pro Einwohner entwickelt hat, teilt man das BIP rechnerisch durch die Anzahl Personen im Land.

Seit Einführung der Personenfreizügigkeit 2007 sind jährlich zwischen 67'000 und 90'000 Personen in die Schweiz eingewandert, die Auswanderer bereits abgezogen. Im vergangenen Jahr waren es 77'925.

Diese Zuwanderung hat das Wirtschaftswachstum befeuert. Zwischen 2002 und 2010 betrug es im Durchschnitt 1,9 Prozent pro Jahr. Knapp die Hälfte davon bewirkte die Zuwanderung.

Die Arbeitsproduktivität dagegen sinkt seit 2008. Die Krise im Finanzsektor ist eine Ursache. Doch «selbst bei einer Ausklammerung des Bankensektors sind in den Jahren 2008 bis 2011 keine Grundlagen für reale Einkommenszuwächse pro Kopf der Bevölkerung geschaffen worden. Bestenfalls stagnierte das Produktivitätsniveau», hält der Bundesrat in seinem Wachstumsbericht 2008 bis 2015 fest.

«Wer stehen bleibt, fällt zurück»

Die Bevölkerung wächst, und die Wirtschaft wächst. Doch darin einen ständigen Mehrwert zu erkennen ist schwieriger geworden. Im Gegenteil: Zersiedelung, hö­here Mieten, steigende Ausgaben für Infrastrukturen, die Angst vor einem grenzen­losen Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt nähren eine neue Wachstumskritik.

Solche negativen Folgen betreffen nicht die ganze Schweiz, sie zeigen sich vor ­allem in den grossen Zentren und in den Tiefsteuerkantonen der Innerschweiz. Zum Problem werden sie auch in Regionen entlang der grossen Verkehrsachsen. So droht im Hinterthurgauer Tannzapfenland eine Immobilienblase, wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete. «Willkommen im Thurgau, Familie Zürcher», umwarb der Kanton jahrelang Zuzüger. Die Zürcher ­kamen und lösten einen Bauboom aus. Nun geht im Thurgau die Angst vor Schlaf­dörfern um, selbst bürgerliche Politiker fordern, das Wachstum zu bremsen. ­«Unsere Gesellschaft wandelt sich enorm schnell», sagt Rudolf Minsch von Economiesuisse und zeigt Verständnis für eine gewisse Verunsicherung. «Wenn wir jetzt aber stehen bleiben und die Rahmen­bedingungen erschweren, werden wir zurückfallen.» Die Wirtschaft wachse – auch dank Zuwanderung. Aber sie produziere immer ökologischer.

Vom Zinsverbot zum Sinn des Lebens

Kritik am Wachstum gab es schon immer. Das Alte Testament mahnt zum Zins­verbot, das für Christen in Europa bis ins 17. Jahrhundert galt. Der französische Aufklärer Jean-Jacques Rousseau schrieb Mitte des 18. Jahrhunderts, dass Fortschritt mit einer zunehmenden Verringerung sozialer Integration bezahlt werden müsse. Seit den 1970er Jahren richtet sich Wachstumskritik gegen den Raubbau an der Natur. Wann geht uns das Öl aus? Macht CO2 die Welt zum Treibhaus? Und was ist, wenn immer mehr Menschen so leben wollen wie wir? Brauchen wir sparsamere Produkte oder eine totale Energiewende? Fragen, die bis heute unbeantwortet sind.

Auch über Wachstum und den Sinn des Lebens wird seit den 1968ern sinniert, über mehr Freizeit für Familie und Freunde statt mehr Geld für grössere Wohnungen und Autos. Solche postmaterialistischen Werte besetzen immer Spitzenplätze, wenn man die Schweizer in Umfragen zu ihren Wertvorstellungen befragt.

Die Realität sieht anders aus: Wir konsumieren immer mehr und arbeiten kaum weniger. Unsere Wohnungen sind grösser, die Autos neu und kräftig. Mit ihnen legen wir immer mehr Kilometer zurück, wenn auch öfter im Stau. Im Zug pendeln wir längere Strecken, am meisten aber wächst der billige, weil steuerlich befreite und subventionierte Flugverkehr.

Unter dem Strich haben weder Ölknappheit, Klimaerwärmung noch AKW-Un­fälle unseren Konsum gebremst. Der Energieverbrauch hat heute im Alltag der meisten Bürger schlicht keine Bedeutung, Strom und Treibstoff sind billig, immer verfügbar und werden klaglos bezahlt.

Furcht um Schweizer Arbeitskultur

Wenn also jahrzehntelange Ökodebatten das Wachstum nicht bremsen, was kann da die aktuelle Debatte über Zersiedelung, Zuwanderung und steigende Bodenpreise bewirken?

Anders als bei der Energie lassen sich die neuen Wachstumsprobleme Zuwanderung und Zersiedelung nicht so einfach verdrängen. Sie sind augenscheinlich. Der Strom aus der Steckdose, der Treibstoff aus dem Zapfhahn sehen immer gleich aus, ob die Produkte nachhaltig sind oder nicht. Ob ein Auto bei der Fahrt 15 oder 5 Liter verbraucht, spürt man vor allem im Portemonnaie. Und weil die variablen Fahrkosten für den Treibstoff im Verhältnis zu den Fixkosten viel zu tief sind, bleibt auch das verkraftbar. Gute Luft und sauberes Wasser sind selbstverständlich geworden.

Anders bei der Zersiedelung und bei vollen Zügen. Diese Missstände springen ins ­Auge. Die Zuwanderung macht Ausländer zu Arbeitskollegen und Nachbarn. Sie können als bereichernd, nervend oder Bedrohung wahrgenommen werden, aber sie sind da. Im Spital ist jeder froh, dass sie die schwere Arbeit verrichten. Doch wenn in der neunköpfigen Spitze der Credit Suisse neben Engländern und Amerikanern nur drei Schweizer sitzen, rumort es in der ­Belegschaft, sie fürchtet um ihre Arbeitskultur. Solche Auswirkungen sind spürbar.

Mehr Raum, mehr Miete, weniger Familien

Richtig weh tut es, wenn eine Familie wegziehen muss, weil sie sich in einer Gemeinde keine Wohnung mehr leisten kann.

In Zürich etwa wird mit Hochdruck ein neues Quartier hochgezogen, Zürich-West. 2001 war es eine Genossenschaft, die dort eine erste Siedlung erstellte. Heute fahren die Bagger im Auftrag der grössten Schweizer Immobilienfirmen auf, der Bodenpreis hat sich innert zehn Jahren verdoppelt, wie eine Studie im Auftrag des Mieterverbands zeigt. Eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung kostet rund 3300 Franken inklusive Nebenkosten – doppelt so viel wie in der Genossenschaft –, die Wohnfläche pro Person liegt bei 80 Quadratmetern, doppelt so hoch wie der Durchschnitt in der Stadt ­Zürich. Immer mehr ist nicht immer besser; normale Familien können solche Wohnungen schlicht nicht bezahlen.

Die meisten Immobilienfirmen sind an der Börse kotiert. In den letzten zehn Jahren haben sie zusammen Dividenden von mehreren Milliarden Franken an die Aktionäre ausgeschüttet. Zu ihnen gehören auch Pensionskassen, die das Geld von Arbeitnehmern investieren. Auch von solchen, die gerade eine Wohnung suchen.

Geht es um den Umweltschutz, werden wir ermuntert, selber etwas zu tun. Und wir wissen, dass viel möglich wäre, vor allem durch Verzicht. Bei der Zuwanderung samt ihren negativen Folgen ist es anders: Der Bürger fühlt sich ohnmächtig, denn er kann sie nicht beeinflussen. Auf den Wohlstand, den die Zuwanderung mit sich bringt, verzichten will er jedoch auch nicht – wir sitzen in der Wachstumsfalle.

Man kann es auch anders sehen: Etwas weniger Wachstum bedeutet etwas mehr Verzicht. Mehr Verzicht schont die Umwelt – und die Nerven.

Drei Lösungsvorschläge

Idee 1

Die Geschäftsbanken können heute praktisch unbeschränkt neues Geld schöpfen, indem sie Kredite vergeben, ohne dass der Betrag auf anderen Konten belastet wird. So pumpen sie ständig neues Geld in die Wirtschaft. Die Zentralbanken akzeptieren die Kreditpapiere der Geschäftsbanken und refinanzieren sie, ­indem sie Banknoten drucken. Weil Geld nicht mehr durch Gold gedeckt sein muss, kann sich die Geldmenge ins Unendliche steigern. Das Risiko von Spekulations­blasen und Inflation steigt. Aus Angst 
vor einem Zusammenbruch des Kreditsystems agieren die Zentralbanken heute nicht, sie reagieren. Die Vollgeldreform will die Geldschöpfung wieder ausschliesslich den Zentralbanken zugestehen. Sie könnten die Geldmenge dann vorsichtig ausweiten und Kollateral­schäden durch zu schnelles Wachstum verhindern. Der Internationale Währungsfonds begrüsst die Idee. In der Schweiz arbeiten Befürworter (www.vollgeld.ch) an einer Volksinitiative.

Idee 2

Jedes Jahr wird 
in der Schweiz eine Fläche von der Grösse des Walensees überbaut. Der Bundesrat will die oft planlose Zersiedelung mit einem revidierten Raumplanungsgesetz etwas bremsen. 
Am 3. März 2013 stimmen wir darüber ab. Vor allem in ländlichen und touristischen Gebieten haben die Kantone in den vergangenen Jahrzehnten Landwirtschaftsland sehr grosszügig zu Bauland erklärt und viele Landbesitzer reich gemacht. Die Kantone sollen jetzt per Gesetz verpflichtet werden, ihre Baulandreserven auf einen Bedarf für die kommenden 15 Jahre zu limitieren und überschüssiges Bauland auszuzonen. Wo neue Bauzonen noch möglich sind, müssten Landbesitzer bei einem Verkauf oder einer Überbauung mindestens 20 Prozent ihres Gewinns als «Mehrwertabgabe» wieder ­abgeben. Mit dem Geld könnten Landbesitzer entschädigt werden, deren Bauland ausgezont wird und so an Wert verliert.

Idee 3

Eine Steuer auf den Energieverbrauch soll den sparsameren Umgang mit Ressourcen finanziell interessant machen. An­dere Steuern oder Abgaben könnten dafür abgeschafft werden. Die Grünliberalen reichten im Dezember eine Volksinitiative ein, die den Ersatz der Mehrwertsteuer durch eine Steuer auf Produktion und Einfuhr fossiler Energie verlangt. Auch der Bundesrat lässt zurzeit Varianten 
von Ökosteuern prüfen. Unter den Be­fürwortern der Ökosteuer ist um­stritten, ob grundsätzlich alle Energien besteuert werden sollen oder nur fossile Energieträger. Strittig ist auch, ob Steuern ­ge­strichen oder Abgaben auf die Arbeit ­gesenkt werden sollten. Denkbar sind auch pauschale Rückvergütungen an die Haushalte und Unternehmen.

Wie umweltverträglich sind «Grüne» Technologien?


Grüne Technologien versprechen Umweltverträglichkeit und Wirtschaftswachstum in einem, und das erst noch ohne Verzicht und schlechtes Gewissen.

Ein Versprechen, das bei Konsumenten auf fruchtbaren Boden fällt. Wer auf diese Art Ressourcen sparen will, gerät aber schnell in die Kompensationsfalle: «Mein Auto verbraucht nur drei ­Liter auf 100 Kilometer, dafür darf ich ­damit öfter fahren»; Stromsparlampen lässt man eher brennen – sie brauchen ja kaum Strom; Flugreisen lassen sich mit CO2-Ablasshandel via Myclimate und Co. auch ohne schlechtes Gewissen geniessen. Die Industrie schürt bei den Konsumenten den Wunsch nach dem Genuss ohne Reue – schliesslich will sie wachsen.

Grüne Technologien sind genauso Wachstumstreiber wie alle andern Technologien, schreibt der deutsche Volkswirtschaftler Niko Paech in seinem Buch ­«Befreiung vom Überfluss». Denn auch wenn ein ­neues Produkt in der An­wen­dung umweltverträglicher und nachhaltiger sein mag: Bei der Entwicklung, der Herstellung wie auch bei der späteren Entsorgung werden Ressourcen verbraucht. So kann es ökologisch sinnvoller sein, ein altes Auto mit grösserem Benzinverbrauch weiterhin zu fahren, als ein neues zu kaufen, hat die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungs­anstalt (Empa) berechnet – falls der alte Wagen noch für zwei Jahre oder rund 30'000 Kilometer fahrtüchtig ist und die Treibstoffersparnis des neuen weniger als 20 Prozent beträgt.

Hinzu kommen unbeabsichtigte Folgen der Herstellung grüner Produkte, die ­deren ökologischen Nutzen minimieren. Foto­voltaikanlagen etwa benötigen zur Herstellung seltene Erden, die man nur ­unter ökologisch bedenklichem Aufwand gewinnen kann. ­Neuere Generationen von Solarpanels benötigen zwar weniger seltene Erden, dafür setzt ihre Produktion Hexafluorethan, Stickstofffluorid und Schwefel­hexafluorid frei – Treib­hausgase, die 10'000- bis 25'000-mal schädlicher sind als CO2.

Doch negative Konsequenzen sind nicht auf eine ferne Zukunft beschränkt. Grüne Technologien führen heute schon zu ­gravierenden Kollateralschäden, wie der US-Wissenschaftler Ozzie Zehner in ­seinem Buch «Green Illusions» aufzeigt. Als beispielsweise 2008 Getreide weltweit immer knapper und damit immer teurer wurde, vermutete man verschiedene ­Ur­sachen: die stetig steigende Nachfrage aus Ländern wie ­China und Indien, ungünstige Witterung oder Börsenspekulationen. Doch eine ­Untersuchung der Weltbank zeigte, dass der Hauptgrund für die ­Verknappung des Grundnahrungsmittels die Produktion von Biosprit war. Der Preis für die angestrebte Nachhaltigkeit hiess in diesem Fall Welthunger.

Text:
  • Peter Johannes Meier
  •  und Andrea Haefely
Bild:
  • Patric Sandri
25. Februar 2013, Beobachter 4/2013