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Zivilschutz: In fragwürdigen Diensten

Text:
  • Matieu Klee
Ausgabe:
19/02

Zivilschützer sind als billige Arbeitskräfte im Pflegebereich oder bei Festanlässen sehr gefragt. Mit der steigenden Zahl solcher Einsätze leistet sich die Schweiz den teuersten Zivilschutz Europas.

Die Schicht von Zivilschützer Patrick Weber auf der

Arteplage Neuenburg beginnt um neun Uhr morgens. Jede Menge

Sonnenbrillen, Regenschirme, Portemonnaies und Uhren hütet

der Zivilschützer im Fundbüro der Expo. Der 29-jährige

Patrick Weber hat sich freiwillig gemeldet: «Der Einsatz

an der Expo ist auch einmal ein Gaudi.» Daneben gibt

es aber noch einen ganz handfesten Vorteil: Jeder geleistete

Tag Zivilschutz reduziert den Wehrpflichtersatz um einen Zehntel.

Ob auf einer Arteplage, am eidgenössischen Turnfest

im Baselbiet beim Abbau von Festzelten oder im Wiederholungskurs

«Spontan» an der Street Parade in Zürich

zum Betreiben einer Patientensammelstelle: Die zusätzlichen

Einsätze neben dem Pflichtdienst sind so begehrt, dass

die meisten ausgebucht sind.

Mit Sorge verfolgt Peter Hutzli, Mitglied der Geschäftsleitung

von Economiesuisse, diese Entwicklung: «Der Zivilschutz

darf nicht zum Mädchen für alles, der Zivilschützer

nicht als billige Arbeitskraft missbraucht werden.»

Jeder Einsatz fern einer Katastrophe müsse der Ausbildung

dienen, fordert er.

Der Zivilschutz war noch bis Mitte der neunziger Jahre

auf den Einsatz im Krieg ausgerichtet. Inzwischen hat er sich

nicht nur zum Hilfsdienst bei Katastrophen entwickelt, sondern

– auf der krampfhaften Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung

– auch zu einem Kurzzeit-Sozialdienst und Festhelfer

der Nation. «Man kann heute Leute nicht mehr aufbieten,

um sie irgendeinen Mist machen zu lassen», kommentiert

der Berner SP-Nationalrat Paul Günter die Entwicklung.

In den letzten Jahren hat der Zivilschutz mit Einsätzen

zugunsten der Gemeinschaft neue Rekorde aufgestellt. Die Zahl

von 117000 geleisteten Diensttagen im Jahr 1998 ist neben

den 285000 Diensttagen im Jahr 2000 schon wieder verblasst.

Aufräumarbeiten nach dem Sturm Lothar, Lawinen, Hochwasser

und die zur Betreuung von Asylbewerbern eingesetzten Zivilschützer

haben zu diesem Rekordergebnis beigetragen.

Doch nicht nur Aufgebote für Notlagen und Katastrophen

haben zugenommen. Auch die Einsätze bei Betagten, Behinderten,

bei Anlässen in Gemeinden und zur Aufbesserung der kommunalen

Infrastruktur sind in den letzten drei Jahren stetig auf 108000

geleistete Diensttage im Jahr 2001 gestiegen. Im Vergleich

dazu: Die Armee hat im letzten Jahr gerade einmal 21000 Tage

ausserdienstlich geleistet.

Die Kosten von durchschnittlich 40 Franken für Transport,

Verpflegung und Sold teilen sich Bund, Kanton und Gemeinden.

Den Lohnausfall finanziert die Erwerbsersatzordnung. Laut

einer vom Verteidigungsdepartement in Auftrag gegebenen Studie

leistet sich die Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerung

den mit Abstand teuersten Zivilschutz Europas. Im Stichjahr

1998 gab die Schweiz 180 Franken pro Kopf aus. Schweden, auf

Platz zwei, brachte es auf 121 Franken, gefolgt von Finnland

mit 98 und Österreich mit 74 Franken.

Eine zwiespältige Sache

Der Bund empfiehlt den Kantonen, Einsätze zugunsten der

Gemeinschaft sollten der Ausbildung der Zivilschützer

dienen. Doch viele Kantone nehmen es mit dieser Empfehlung

nicht so genau.

So packten 130 Zivilschützer mit an, als das Kantonsspital

Olten in einen Neubau zügelte. Weitere 50 sprangen während

dreier Wochen in die Bresche, um das Pflegepersonal zu entlasten.

Eine Grippewelle hatte nicht nur zusätzliche Patienten

gebracht, sondern auch das Personal erfasst. Die Zivilschützer

transportierten Patienten oder brachten ihnen das Essen. Bei

diesem Einsatz hätten sie den Umgang mit Menschen im

Massstab eins zu eins üben können, freut sich Fritz

Diethelm, Leiter der kantonalen Zivilschutzverwaltung Solothurn.

Ernüchternder ist das Fazit von Hans Strub, Leiter

des Pflegedienstes des Kantonsspitals Olten: Der Aufwand sei

recht hoch gewesen. Die Zivilschützer mussten für

ihre fünftägigen Einsätze schliesslich erst

in die Materie eingeführt werden. «Trotz hoch motivierter

Zivilschützer ist der Zivilschutz für kurzfristige

Notlösungen eher ungeeignet», so Strubs Einschätzung.

Auch für Monika Knecht vom Schweizer Berufs- und Fachverband

der Geriatrie-, Rehabilitations- und Langzeitpflege sind Einsätze

in Spitälern oder Altersheimen eine zwiespältige

Sache: «Hat jemand das Flair, kann es entlastend sein.

Ein Einsatz von Zivilschützern im Bereich der Pflege

kann aber auch zur Belastung für alle Beteiligten werden»,

betont Knecht. Denn im Gegensatz zu den jungen Männern,

die aus Gewissensgründen statt Militär- den eineinhalbmal

so langen Zivildienst leisten, kommen die nicht militärdiensttauglichen

Zivilschützer nur für einzelne Tage. Mit dem langfristigen

Einsatz von Zivildienstleistenden dagegen hat Monika Knecht

sehr positive Erfahrungen gemacht. Oft würden die Zivildienstler

am Ende ihrer Dienstzeit umsatteln und einen Beruf im Gesundheitswesen

ergreifen.

Doch die Männer können nicht zwischen Militär-

und Zivildienst wählen. Wer als nicht militärdiensttauglich

gilt, kann auch keinen Zivildienst leisten, er wird automatisch

in den Zivilschutz eingeteilt.

Innerhalb des Zivilschutzes gehen die Meinungen über

dessen Neuausrichtung weit auseinander. Er tue sich schwer

mit so genannt sinnvollen Übungen, gesteht Niklaus Stähli,

Präsident der Konferenz der Chefs der kantonalen Zivilschutzämter.

«Wenn es bei einem sportlichen Anlass nur noch darum

geht, dass an jeder Abzweigung Menschen stehen, habe ich Mühe,

einen Ausbildungsnutzen zu sehen», sagt Stähli.

Suche nach neuen Aufgaben

Für den Solothurner Fritz Diethelm hingegen ist ein Ausbildungszweck

nicht einziger Massstab. Der Zivilschutz könne durchaus

als Festhelfer eingesetzt werden. Damit im Kanton Solothurn

ein Einsatz zugunsten der Gemeinschaft bewilligt wird, genügt

es, wenn als Ziel Öffentlichkeitsarbeit zugunsten des

Zivilschutzes erreicht werden soll. Setze eine Gemeinde Zivilschützer

an einem Schwingfest ein, interveniere der Kanton nicht. «Wir

Zivilschützer sind froh, wenn wir Arbeiten verrichten

können, die nicht nur theoretischer Natur sind»,

betont Diethelm. Erst wer als privater, rein kommerzieller

Anbieter Zivilschützer als billige Hilfskräfte einsetzen

will, erhält einen Korb.

Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist der Zivilschutz permanent

im Umbruch, auf der Suche nach neuen Aufgaben. Die jüngste

Reform tritt ab 2004 in Kraft, falls nach dem Ständerat

auch der Nationalrat zustimmt. Der Bestand der Zivilschützer

wird dann auf 120000 mehr als halbiert. Die Kosten sollen

um einen Drittel gesenkt werden. Für Fritz Diethelm nicht

nur ein Grund zur Freude: «Mit einem verkleinerten Zivilschutz

werden wir leider nicht mehr so viele Einsätze leisten

können.»

© Beobachter Ausgabe 19 vom 19. Sep 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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