Zivilschutz: In fragwürdigen Diensten
Zivilschützer sind als billige Arbeitskräfte im Pflegebereich oder bei Festanlässen sehr gefragt. Mit der steigenden Zahl solcher Einsätze leistet sich die Schweiz den teuersten Zivilschutz Europas.

Nebenartikel
Die Schicht von Zivilschützer Patrick Weber auf der
Arteplage Neuenburg beginnt um neun Uhr morgens. Jede Menge
Sonnenbrillen, Regenschirme, Portemonnaies und Uhren hütet
der Zivilschützer im Fundbüro der Expo. Der 29-jährige
Patrick Weber hat sich freiwillig gemeldet: «Der Einsatz
an der Expo ist auch einmal ein Gaudi.» Daneben gibt
es aber noch einen ganz handfesten Vorteil: Jeder geleistete
Tag Zivilschutz reduziert den Wehrpflichtersatz um einen Zehntel.
Ob auf einer Arteplage, am eidgenössischen Turnfest
im Baselbiet beim Abbau von Festzelten oder im Wiederholungskurs
«Spontan» an der Street Parade in Zürich
zum Betreiben einer Patientensammelstelle: Die zusätzlichen
Einsätze neben dem Pflichtdienst sind so begehrt, dass
die meisten ausgebucht sind.
Mit Sorge verfolgt Peter Hutzli, Mitglied der Geschäftsleitung
von Economiesuisse, diese Entwicklung: «Der Zivilschutz
darf nicht zum Mädchen für alles, der Zivilschützer
nicht als billige Arbeitskraft missbraucht werden.»
Jeder Einsatz fern einer Katastrophe müsse der Ausbildung
dienen, fordert er.
Der Zivilschutz war noch bis Mitte der neunziger Jahre
auf den Einsatz im Krieg ausgerichtet. Inzwischen hat er sich
nicht nur zum Hilfsdienst bei Katastrophen entwickelt, sondern
auf der krampfhaften Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung
auch zu einem Kurzzeit-Sozialdienst und Festhelfer
der Nation. «Man kann heute Leute nicht mehr aufbieten,
um sie irgendeinen Mist machen zu lassen», kommentiert
der Berner SP-Nationalrat Paul Günter die Entwicklung.
In den letzten Jahren hat der Zivilschutz mit Einsätzen
zugunsten der Gemeinschaft neue Rekorde aufgestellt. Die Zahl
von 117000 geleisteten Diensttagen im Jahr 1998 ist neben
den 285000 Diensttagen im Jahr 2000 schon wieder verblasst.
Aufräumarbeiten nach dem Sturm Lothar, Lawinen, Hochwasser
und die zur Betreuung von Asylbewerbern eingesetzten Zivilschützer
haben zu diesem Rekordergebnis beigetragen.
Doch nicht nur Aufgebote für Notlagen und Katastrophen
haben zugenommen. Auch die Einsätze bei Betagten, Behinderten,
bei Anlässen in Gemeinden und zur Aufbesserung der kommunalen
Infrastruktur sind in den letzten drei Jahren stetig auf 108000
geleistete Diensttage im Jahr 2001 gestiegen. Im Vergleich
dazu: Die Armee hat im letzten Jahr gerade einmal 21000 Tage
ausserdienstlich geleistet.
Die Kosten von durchschnittlich 40 Franken für Transport,
Verpflegung und Sold teilen sich Bund, Kanton und Gemeinden.
Den Lohnausfall finanziert die Erwerbsersatzordnung. Laut
einer vom Verteidigungsdepartement in Auftrag gegebenen Studie
leistet sich die Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerung
den mit Abstand teuersten Zivilschutz Europas. Im Stichjahr
1998 gab die Schweiz 180 Franken pro Kopf aus. Schweden, auf
Platz zwei, brachte es auf 121 Franken, gefolgt von Finnland
mit 98 und Österreich mit 74 Franken.
Eine zwiespältige Sache
Der Bund empfiehlt den Kantonen, Einsätze zugunsten der
Gemeinschaft sollten der Ausbildung der Zivilschützer
dienen. Doch viele Kantone nehmen es mit dieser Empfehlung
nicht so genau.
So packten 130 Zivilschützer mit an, als das Kantonsspital
Olten in einen Neubau zügelte. Weitere 50 sprangen während
dreier Wochen in die Bresche, um das Pflegepersonal zu entlasten.
Eine Grippewelle hatte nicht nur zusätzliche Patienten
gebracht, sondern auch das Personal erfasst. Die Zivilschützer
transportierten Patienten oder brachten ihnen das Essen. Bei
diesem Einsatz hätten sie den Umgang mit Menschen im
Massstab eins zu eins üben können, freut sich Fritz
Diethelm, Leiter der kantonalen Zivilschutzverwaltung Solothurn.
Ernüchternder ist das Fazit von Hans Strub, Leiter
des Pflegedienstes des Kantonsspitals Olten: Der Aufwand sei
recht hoch gewesen. Die Zivilschützer mussten für
ihre fünftägigen Einsätze schliesslich erst
in die Materie eingeführt werden. «Trotz hoch motivierter
Zivilschützer ist der Zivilschutz für kurzfristige
Notlösungen eher ungeeignet», so Strubs Einschätzung.
Auch für Monika Knecht vom Schweizer Berufs- und Fachverband
der Geriatrie-, Rehabilitations- und Langzeitpflege sind Einsätze
in Spitälern oder Altersheimen eine zwiespältige
Sache: «Hat jemand das Flair, kann es entlastend sein.
Ein Einsatz von Zivilschützern im Bereich der Pflege
kann aber auch zur Belastung für alle Beteiligten werden»,
betont Knecht. Denn im Gegensatz zu den jungen Männern,
die aus Gewissensgründen statt Militär- den eineinhalbmal
so langen Zivildienst leisten, kommen die nicht militärdiensttauglichen
Zivilschützer nur für einzelne Tage. Mit dem langfristigen
Einsatz von Zivildienstleistenden dagegen hat Monika Knecht
sehr positive Erfahrungen gemacht. Oft würden die Zivildienstler
am Ende ihrer Dienstzeit umsatteln und einen Beruf im Gesundheitswesen
ergreifen.
Doch die Männer können nicht zwischen Militär-
und Zivildienst wählen. Wer als nicht militärdiensttauglich
gilt, kann auch keinen Zivildienst leisten, er wird automatisch
in den Zivilschutz eingeteilt.
Innerhalb des Zivilschutzes gehen die Meinungen über
dessen Neuausrichtung weit auseinander. Er tue sich schwer
mit so genannt sinnvollen Übungen, gesteht Niklaus Stähli,
Präsident der Konferenz der Chefs der kantonalen Zivilschutzämter.
«Wenn es bei einem sportlichen Anlass nur noch darum
geht, dass an jeder Abzweigung Menschen stehen, habe ich Mühe,
einen Ausbildungsnutzen zu sehen», sagt Stähli.
Suche nach neuen Aufgaben
Für den Solothurner Fritz Diethelm hingegen ist ein Ausbildungszweck
nicht einziger Massstab. Der Zivilschutz könne durchaus
als Festhelfer eingesetzt werden. Damit im Kanton Solothurn
ein Einsatz zugunsten der Gemeinschaft bewilligt wird, genügt
es, wenn als Ziel Öffentlichkeitsarbeit zugunsten des
Zivilschutzes erreicht werden soll. Setze eine Gemeinde Zivilschützer
an einem Schwingfest ein, interveniere der Kanton nicht. «Wir
Zivilschützer sind froh, wenn wir Arbeiten verrichten
können, die nicht nur theoretischer Natur sind»,
betont Diethelm. Erst wer als privater, rein kommerzieller
Anbieter Zivilschützer als billige Hilfskräfte einsetzen
will, erhält einen Korb.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist der Zivilschutz permanent
im Umbruch, auf der Suche nach neuen Aufgaben. Die jüngste
Reform tritt ab 2004 in Kraft, falls nach dem Ständerat
auch der Nationalrat zustimmt. Der Bestand der Zivilschützer
wird dann auf 120000 mehr als halbiert. Die Kosten sollen
um einen Drittel gesenkt werden. Für Fritz Diethelm nicht
nur ein Grund zur Freude: «Mit einem verkleinerten Zivilschutz
werden wir leider nicht mehr so viele Einsätze leisten
können.»
© Beobachter Ausgabe 19 vom 19. Sep 2002 - Alle Rechte vorbehalten








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