Der Fall Der Drogenkoch

Ein Mechaniker tüftelt, bis er in seinem Hobbylabor die Droge Crystal Meth herstellen kann. Und landet hinter Gittern. 

aktualisiert am 16. Feb 2016 17:28

Die Männer der Spezialeinheit Enzian schleichen zur Haustür. Vollmontur, Sturmmasken. Es ist der 19. November 2013. Der Auftrag bei der Aktion KORNBE ist klar: Wohnung stürmen, zwei Personen verhaften, Beweise sichern. Es dämmert auf dem Kornhausplatz, mitten in der Berner Altstadt. 07.45 Uhr.

Die Polizeigrenadiere stürmen die Treppe hoch. Oben wuchten sie eine Tür auf. Blitzschnell verteilen sie sich in der Wohnung. Mit gezogenen Pistolen schreien sie: «Polizei! Polizei!» Aber sie brüllen ins Leere. Keiner da. Schulterzucken. Im Fokus der Aktion steht ein 42-jähriger mutmasslicher Dealer. Er soll ein Drogenlabor betreiben. Den Polizisten ist klar: Dazu passt diese Wohnung nicht. Es stellt sich heraus, dass hier ein Pfarrer lebt – falsche Tür. Die Spezialeinheit bringt sich vor der Wohnung nebenan in Stellung. Sie rammen die Tür ein. «Polizei! Polizei!» Im Schlafzimmer liegt jemand im Bett. Die Maskierten schreien und zielen mit den Pistolen. Es ist eine 72-jährige Frau.

Heroin lässt Blasen an den Füssen vergessen

England, Schweiz, Afrika, Belgien: Marcel Hadorns* Familie zieht dorthin, wo der Vater als Maschineningenieur das beste Jobangebot bekommt. 1983, als Marcel zwölf ist, kommen die Hadorns definitiv zurück in die Heimat. Othmarsingen, Kanton Aargau.

Während der Lehre als Maschinenmechaniker beginnt Marcel zu kiffen. Später probiert er mal einen LSD-Trip oder eine Linie Koks. Kollegen beginnen Heroin zu rauchen, nach erstem Zögern probiert auch Hadorn. Mit 20 die Rekrutenschule, Füsilier. Hadorn ist von Anfang an Aussenseiter. Er raucht nun täglich Heroin. Es lässt Kälte und Blasen an den Füssen vergessen. Marcel nimmt sich fest vor: Nach der RS ist Schluss.

Zurück im Alltag, reicht der Lohn bald nicht mehr. Er beginnt zu dealen, um den Konsum zu finanzieren. Marcel ist oft bis in die Morgenstunden unterwegs. Pünktlich aufstehen klappt nur noch selten. Währenddessen eröffnet sein Arbeitgeber eine Servicestelle in Kobe, einer Hafenstadt in Japan. Hadorns Chef weiss: In Japan gibts kein Heroin. Marcel Hadorn erzählt seine Geschichte unaufgeregt und ruhig. Er sitzt am Esstisch in einem Reihenhaus. Berner Agglomeration. Es ist das Haus seiner Grossmutter. «Ich bin es nicht gewohnt, so viel zu reden. Ich mache Sirup. Zitrone oder Orange?»

Die Freundin bringt weisses Pulver heim

In Japan repariert Hadorn Dieselmotoren von Frachtschiffen. Zeitdruck, andere Kultur. Und kein Heroin. «Da es wirklich kein Heroin gab, war der Verzicht einfacher. Die Arbeit war zwar hart, aber auch befriedigend.» Er hat Erfolg, arbeitet auch mal 20 Tage am Stück. Dann raucht er zum ersten Mal Crystal Meth – und putscht sich fortan damit auf.

Nach über fünf Jahren hat er genug vom Gedränge und der Hektik Japans. Er bewirbt sich in Neuseeland. Wieder Dieselmotoren, wieder läuft es wie geschmiert. Bis seine Freundin Lexi ein weisses Pulver nach Hause bringt. Lexi arbeitet in einer Bar und hat dort eine lokale Rarität ergattert: Crystal Meth. «Nach Japan lebte ich fast ein Jahr lang drogenfrei – bis zum Crystal von Lexi. Die Qualität war scheisse. Lexi aber war begeistert. Ich sagte ihr: ‹Gegen das Crystal in Japan ist das ein Dreck.›»

Marcels Ehrgeiz ist angestachelt. Er will Lexi zeigen, was gutes Crystal ist. Es ist das Jahr 1999. Hadorn googelt alles über chemische Vorgänge. Er borgt Bücher aus der Bibliothek und bestellt den Merck-Index, die Bibel der Chemiker. Er experimentiert mit Zutaten aus der Apotheke.

«In Tabletten gegen Schnupfen ist Pseudoephedrin drin. Allein schon diesen Stoff aus den Tabletten zu lösen dauert mehrere Stunden»: Hadorn erklärt mit der Geduld eines pensionierten Chemielehrers. Er gestikuliert, redet von chemischen Strukturen, von Jod, rotem Phosphor, vom Trennen der Flüssigkeiten. Oder von Dampfdestillation. «Am Schluss kratzt man eine helle Schicht aus einer Glasschüssel. Methamphetamin-Hydrochlorid, also Crystal Meth.»

Er muss zum ersten Mal ins Gefängnis

Nach Monaten des Tüftelns gelingt die richtige Mixtur. Hadorn kocht weiter, verfeinert und konsumiert. Bei einem spontanen Besuch sieht die Vermieterin eine Pfanne mit verschiedenen Schläuchen. Für sie ist klar: Hier werden Drogen hergestellt.

Hadorn hat 24 Stunden Zeit, die Wohnung zu räumen. In der Nacht kommt die Polizei. Die Wohnung ist praktisch leer. Die Aussage der Vermieterin, sie habe ein paar Pfannen gesehen, reicht für 18 Monate Gefängnis. Nach einem Drittel der Haftstrafe wird Marcel Hadorn ausgeschafft. «Damals habe ich mir geschworen: Solange ich Drogen konsumiere, bleibe ich in der Schweiz. Wo man nicht verurteilt wird aufgrund vager Aussagen.»

Lexi hat auf Marcel gewartet und will ebenfalls in die Schweiz ziehen. Kurz vor der Abreise stirbt sie überraschend an einer Infektion. 22 Jahre alt. «Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Mir war alles egal. Ich dröhnte mich nur noch zu.» Hadorns braungraue Haare sind kurz geschnitten, nur über der Stirn sind sie länger. Kleine Gruben in den Wangen erinnern an eine Zeit voller Akne. Seinen Dialekt gibt es nicht: viel Bern und Aargau, wenig Zürich. «In der Schweiz war Crystal Meth noch völlig unbekannt. Ich wollte wieder konsumieren, also versuchte ich wieder zu kochen.»

Sommer 2003. Hadorn mietet einen Lagerraum in Othmarsingen AG. In einem Holzschrank baut er sein kleines Labor. Zwei mobile Herdplatten, Schläuche, präparierte Eisteeflaschen. Er kocht für sich und seine Kollegen, die Crystal Meth von Thailand oder den Philippinen kennen. Hadorn will nur für diesen kleinen Kreis kochen. «Nach dem Kochen war Party angesagt. Wir haben immer mehrere Tage durchgemacht. Bis ich dann die Zutaten für eine neue Ladung organisiert hatte, vergingen fünf, sechs Wochen.»

Daneben konsumiert er weiterhin Heroin, doch dieses wird ihm mit der Zeit zu teuer. Hadorn meldet sich bei der Drogenabgabe in Bern. Er wohnt während Jahren beim Grosi oder bei Kollegen auf dem Sofa. Immer wieder kann er Computer reparieren oder in Büros Netzwerke installieren. Das bringt, neben dem Handel mit Crystal, genügend Geld. Dann wird in der Altstadt, am Kornhausplatz beim Zytgloggeturm, eine Maisonnettewohnung frei. Zuoberst im Haus, drei Etagen, eigener Liftzugang, 2465 Franken im Monat. Hadorn bekommt den Zuschlag. Obwohl er keine feste Anstellung vorweisen kann. Zusammen mit einer Kollegin wohnt er jetzt an einer Topadresse.

Plötzlich haben alle Zahnschmerzen

Das Wohnzimmer wird rasch zum Treffpunkt. Hadorn lässt aber längst nicht jeden rein. «Wenn es um Drogen geht, kann es schnell hässlich werden. Ich verabscheue Gewalt. Sobald einer auf einen grossen Deal drängte oder mir sogar drohte, hatte er sofort Hausverbot.» Über die Kamera der Gegensprechanlage kann Hadorn kontrollieren, wer reinwill, per Knopfdruck wird die Haustür geöffnet und der Lift für die oberste Etage freigeschaltet.

Mit der Zeit kommt immer mehr günstiges Crystal Meth von Deutschland in die Schweiz, Kochen lohnt sich nicht mehr. Doch Marcel und seine Kollegen klagen plötzlich über Zahnschmerzen. Er beginnt wieder zu recherchieren. «Bei zu heissem Kochen kann bei der Produktion weisser Phosphor entstehen, der ist hochgiftig.» Hadorn pröbelt und findet einen Weg, den weissen Phosphor herauszufiltern. Die Zahnschmerzen verschwinden.

Sie zieht bei ihm ein. Er ist 40, sie 20

Hadorn verkracht sich mit seiner Mitbewohnerin, sie zieht aus. Später nimmt ein Kollege eine junge Frau mit in die Wohnung am Kornhausplatz. Esther* und Marcel verstehen sich prächtig. Nur Tage später zieht sie bei ihm ein. Er ist 40, sie 20. Aufgewachsen im Spiegel, einem Nobelviertel am Berner Hausberg Gurten. Erst Übergewicht, dann Magersucht. Kliniken. Crystal Meth.

Trotz Hadorns strikter Eingangskontrolle erfährt die Polizei irgendwann vom Umschlagplatz beim Zytglogge. Eine Person, die selber nie in Hadorns Wohnung war, erzählt bei einer Befragung von Luxuswohnung, Drogenlabor und viel Stoff – vom Hörensagen. Die Polizei ermittelt, observiert, hört Handys ab, liest SMS mit.

19. November 2013. Draussen ist es eben hell geworden. Esther hat schon Wäsche zusammengelegt. Gemeinsam sitzen sie im Wohnzimmer der Maisonnettewohnung. Esther mit Laptop auf den Knien, Marcel gegenüber auf dem Sofa. Plötzlich Stampfen und Lärm im Nebengebäude. «Sind das jetzt die Bauarbeiten?» Später erneutes Stampfen, diesmal näher. Ein Knall. Die Wohnungstür springt auf, der Wäschekorb wird gegen die Wand geschleudert. Zwei Polizisten rennen geradeaus ins Schlafzimmer, zwei hasten die Wendeltreppe hoch. Schon stehen sie oben im Wohnzimmer. Die Männer schreien durch ihre Sturmmasken. Der erste geht im Kreuzschritt schräg durch den Raum, die Pistole immer auf Marcel gerichtet.

Nach einem Luftküsschen liegt er flach

Esther trinkt einen Schluck Orangensirup und zupft an ihren blonden Haaren. Wäre die Frisur nicht so zerzaust, könnte sie, mit ihrem urchigen Berndeutsch und den schneeweissen Zähnen, glatt bei einer Werbekampagne als Buttermeitschi mitmachen. «Es ging extrem schnell. Marcel konnte mir noch ein Luftküsschen zuschicken, und schon lag er am Boden.»

Handschellen, Augenbinden. Zur gleichen Zeit wird die Lagerhalle in Othmarsingen durchsucht. Eine Woche später verschickt die Berner Kantonspolizei eine Medienmitteilung: «Drogenlabors ausgehoben – zwei Personen in Haft». Vom Fauxpas im Treppenhaus steht nichts.

Marcel Hadorn wird auch von einem Chemieexperten befragt. «Wie gelangten Sie an den gasförmigen Chlorwasserstoff?» – «Selbst gemacht. Mit Kalziumchlorid und zwei PET-Flaschen. So kann man trockenes Salzsäuregas erzeugen und die freie Base in reines Methamphetamin-Hydrochlorid umwandeln. Das wandelt das Öl in Salz um, das man rauchen, schnupfen oder injizieren kann.» Die beiden kommen in Fahrt. Dem Protokollführer geht es viel zu schnell. Irgendwann gibt er auf. Im Protokoll steht dann: «Die beiden diskutieren über die Kühlung mit Trockeneis.

«Ich war fertig mit den Nerven, wollte einfach raus.»

Drei Monate nach der Verhaftung wird es Esther zu viel. Im Protokoll vom 18. Februar 2014 steht: «Ich kann mich einfach daran erinnern, dass der Herr von der Polizei mir gesagt hat, dass wir 6000 bis 7000 Franken hätten einnehmen müssen, damit wir die Kosten decken könnten. Und wenn man die 6000 mal 27 Monate nimmt und das nun in Crystal Meth umrechnet, kämen wir in dieser Zeit auf etwa ein Kilogramm.» Esther spricht nicht gern über diese Aussage. «Ich war fertig mit den Nerven, wollte einfach raus. Ich wusste, was sie hören wollten, so habe ich einfach die Rechnung der Polizei bestätigt.» Drei Monate später werden Marcel und Esther aus der U-Haft entlassen. Sie wohnen bei Hadorns Grossmutter. Esther zieht die Aussage mit dem Kilo zurück.

Nach dem Gefängnis findet Esther eine Lehrstelle als Landschaftsgärtnerin. Diese neue Aufgabe erfüllt sie: «Ich liebe es, draussen zu arbeiten.» Anfang Februar 2016 stehen Esther und Marcel vor Gericht. Hadorn, der Mechaniker, der zum Drogenkoch wurde, wird nachdenklich: «Der Staatsanwalt hat sich von Anfang an in die Version ‹Grossdealer› verbissen. Obwohl die belastende Aussage von Esther unter Druck zustande kam und später korrigiert wurde, bleibt der Staatsanwalt in der Anklageschrift auf seiner Linie. Bei der Durchsuchung hat die Polizei auch diverse Lutschbonbons namens Smint beschlagnahmt. Zugegeben, die dreieckigen Pillen mit einem S drauf sehen verdächtig aus. In der Anklageschrift werden diese Bonbons nun aber als Ecstasy- und Thaipillen angegeben.»

Und wieder eine Razzia

Marcel Hadorn ist nach wie vor im Visier der Justiz. Anderthalb Jahre nach der Entlassung aus der U-Haft stürmen Polizisten im Morgengrauen das Reihenhaus. Die einbruchgesicherte Tür wird samt Verankerung aus der Wand geschlagen. Esther und Marcel hüten in dieser Woche Haus und Katze von Esthers Eltern. Die Polizei beschlagnahmt unter anderem zwei PET-Flaschen mit blauer Flüssigkeit. Weichspüler.

 

*Name geändert

Update: Drogenkoch muss nicht ins Gefängnis

Beim Prozess Anfang Februar sagte der Staatsanwalt: «Es wurden erst wenige solche Labors gefunden. Das Gericht hat nun die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen.» Er verlangte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 44 Monaten und 8000 Franken Busse. «Wir haben es hier nicht mit einem Grossdealer zu tun», sagte dagegen der Richter. «Der Angeklagte hat nur Endverbraucher und kleine Zwischenhändler bedient.» Auch die Berechnung des Staatsanwalts über die verkaufte Menge Crystal Meth akzeptierte der Richter nicht: «Wir haben nur die Aussage, beschlagnahmte Drogen, Streckmittel und Utensilien. Damit kann die gesamte verdealte Menge nicht annähernd berechnet werden.»

Hadorn wurde schliesslich zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten verurteilt. Ohne weiteren Schuldspruch in den nächsten vier Jahren muss er nicht ins Gefängnis. Dafür muss er über 500 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und die Verfahrenskosten von über 47'000 Franken tragen. Beide Parteien behalten sich vor, das Urteil weiterzuziehen.

Autor:
  • Matthias von Wartburg
Bild:
  • Andreas Gefe
22. Januar 2016, Beobachter 2/2016

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