Pharmafirmen Über Pillen nur Gutes

Tamiflu: Ärzte kritisieren, negative Studienergebnisse seien verheimlicht worden.

Pharmafirmen publizieren oft nur Studien, in denen ihre Medikamente gut wegkommen. Die Schweiz hat eine Chance für mehr Transparenz verpasst.

Am 27. Februar 2013 publizierte das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic auf seiner Website 
einen kaum beachteten Brief. Die Pharma­firma Pfizer informierte darin die Ärzte, bei der Behandlung von Patienten mit leichter oder mittelschwerer Depression sei kein Unterschied zwischen dem Medikament Edronax und einem Placebo festzustellen. Zwischen den Zeilen gestand Pfizer damit ein, dass man nur diejenigen Studien eingereicht hatte, die für die Marktzulassung des Medikaments sprachen. Dabei sind 
die Nebenwirkungen des Antidepressivums alles andere als harmlos: Herzrasen, aggressives Verhalten und Suizidgedanken.

Swissmedic hatte die Pfizer-Unterlagen beim Zulassungsgesuch als vollständig akzeptiert. Heute nimmt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi nur noch im Konjunktiv Stellung: «Würde ein Hersteller dem Institut wesentliche negative Daten verheimlichen, wäre dies gesetzeswidrig und Swissmedic müsste verwaltungsrechtliche oder gar strafrechtliche Massnahmen prüfen.»

Nur die Hälfte der Studien wird publiziert

Dass Pharmafirmen nicht alle Studien pub­lizieren, hat System. Auch beim Roche-Grippemittel Tamiflu kritisieren Ärzte und Forscher seit Jahren, dass nicht alle Daten zugänglich seien. Der britische Arzt und Publizist Ben Goldacre («Die Pharma-
Lüge») erklärte dazu kürzlich in der britischen Tageszeitung «The Guardian»: «Ärzte wie ich können unmöglich fundierte Entscheidungen über die beste Behandlungsart treffen, wenn die Informationen derart verfälscht sind» (mehr dazu: «Alle Medikamentenstudien müssen öffentlich werden»).

Nun kommt auch Kritik aus unverdächtiger Quelle. Die renommierte britische Medizinzeitschrift «The Lancet» schreibt, es würde nur etwa die Hälfte aller medi­zinischen Studien publiziert, wobei bei Studien mit positiven Resultaten die Wahrscheinlichkeit einer Veröffentlichung doppelt so hoch sei wie bei solchen mit ne­gativen Resultaten. Dadurch könne es zu wirkungslosen oder sogar schädlichen Medikamenten­anwendungen kommen.

In der Schweiz hätte das neue Humanforschungsgesetz, das seit 1. Januar in Kraft ist, Gelegenheit geboten, eine Datenbank für Studienresultate aufzubauen und so für Transparenz zu sorgen. Tatsächlich war im Gesetzesentwurf ein öffentliches Register vorgesehen, in dem Resultate klinischer Studien zumindest als Zusammenfassungen hätten veröffentlicht werden müssen. Damit werde «eine Forderung sowohl der Forschenden selbst wie auch der Industrie und der Konsumenten- und Patienten­organisationen erfüllt».

Das war ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte. Vor allem die Pharmaindustrie wollte von einer solchen Pflicht überhaupt nichts wissen. Der «Schutzanspruch der Forschenden auf ihr geistiges Eigentum» sei «unbedingt zu berücksichtigen», schrieb der mächtige Branchenverband Inter­pharma in seiner Vernehmlassungsantwort. Der entsprechende Gesetzesartikel müsse «grundlegend überarbeitet werden».

Dem Gesetz die Zähne gezogen

Was auch prompt geschah. Schon in der Botschaft ans Parlament war bloss noch eine Registrierung der bewilligungspflichtigen Studien vorgesehen. Datenbank ist mittlerweile in Betrieb (www.kofam.ch), umfasst aber bloss in der Schweiz durchgeführte Studien – nicht deren Resultate. Eine Ergebnisdatenbank ist im Gesetz nur mit einer Kann-Formulierung zu finden. «Die Schweiz will in dieser Hinsicht nicht vorgreifen, wird aber mitmachen, wenn eine entsprechende Regelung in der EU kommt», sagt Brigitte Meier, Leiterin der Sektion Forschung am Menschen und Ethik beim Bundesamt für Gesundheit.

Gut möglich, dass die Schweiz bald mitmachen muss. Im europäischen Parlament ist ein Gesetzesentwurf hängig, wonach 
alle in Europa durchgeführten klinischen Versuche und ihre Ergebnisse in einer 
öffentlich zugänglichen Datenbank publiziert werden müssten.

Autor:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Philipp Guelland/DDP/AFP
24. Januar 2014, Beobachter 2/2014