Rauchen Zigarette und Zeitgeist

Rauchende Diven galten in den 1930er Jahren als emanzipiert: Hollywood-Star Marlene Dietrich

Die Zigarette, eine Ikone des 20. Jahrhunderts, verschwindet allmählich. Ein Totalverbot ist aber kaum ­durchsetzbar, sagt der Zürcher Kulturwissenschaftler Thomas Hengartner.

Beobachter: Herr Hengartner, rauchen Sie?
Thomas Hengartner: Ja, ich bin Pfeifen­raucher.

Beobachter: Wissen Sie noch, warum Sie ­angefangen haben?
Hengartner: Das war damals weniger eine Frage, ob ich rauchen will oder nicht, sondern wann ich damit anfange. In meiner Familie hatten alle Männer eine Pfeife im Mund. Und während meiner Studentenzeit in den achtziger Jahren wurde im Seminar selbstverständlich geraucht – Studierende und Lehrende rauchten gleichermassen.

Beobachter: Was verkörperten die Raucher in Ihrem Umfeld damals?
Hengartner: Mit der Pfeife unterstrich scheinbar der ­Intellektuelle sein Selbstverständnis, die coolen, kernigen Typen rauchten eher ­filterlose Zigaretten. Und die Normalen rauchten einfach Filterzigaretten – aber ­alle rauchten. Jedenfalls die gefühlte ­Mehrheit.

Thomas Hengartner, Kulturwissenschaftler

Beobachter: Wie bewusst waren Ihnen Gesundheitsrisiken?
Hengartner
: Die waren schon bekannt. Vom Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs weiss man ja bereits seit den fünfziger ­Jahren. Aber kurzfristig hat Rauchen halt kaum Folgen, und im Moment fühlt es sich gut an. Diese Ambivalenz ist typisch für Genussmittel – durch sie werden diese erst so interessant.

Beobachter: Welche Gruppe Ihrer Studenten raucht heute?
Hengartner: Die Kälteresistenten und Wetterfesten. (Lacht) Nein, ernsthaft: Ich glaube, die ­Zigarette hat zu viel von ihrer Symbolkraft eingebüsst, um heute eine bestimmte Gruppe zu charakterisieren.

Beobachter: Warum interessieren sich dann ­Kulturwissenschaftler fürs Rauchen?
Hengartner: Kulturwissenschaftler untersuchen, wie Dinge, Handlungen, Vorstellungen und Werte in den Alltag Einzug halten, wie Neues entsteht, was von wem wann wie übernommen und verbreitet wurde, ­welche Praktiken, aber auch welche Institutionen daraus entstanden sind. Über ­Tabakkonsum lässt sich zum Beispiel sagen, dass er eine oberschichtliche Spielerei und zugleich ein sogenannter Kriegsfolger ist: In Europa verbreitete er sich vor allem im Zuge des Dreissigjährigen Krieges.

Beobachter: Mittlerweile befindet sich das Rauchen auf dem Rückzug. Im September stimmen wir über eine Gesetzesvorlage ab, die bestehende ­Einschränkungen weiter verschärfen will.
Hengartner: Genau diese Infragestellung von etwas scheinbar Selbstverständlichem macht das Rauchen aus kulturwissenschaftlicher Sicht interessant: Wir beobachten einen Prozess, bei dem das Rauchen schleichend aus dem Alltag gedrängt wird. Aus dem «Bitte hier nicht» wurde erst ein «Sie sollten hier nicht» und schliesslich ein «Sie dürfen hier nicht rauchen». Dabei änderte sich zum Beispiel die Ausrichtung der ­Gesetze. Früher wurde Tabakkonsum anhand von einfachen Zonenverboten ein­geschränkt: An einem Ort durfte geraucht werden, am anderen nicht. Mit der Zeit ­fokussierte man die Gesetze auf den Schutz der Gesundheit. Zuerst für Kinder, dann für schwangere Frauen und schliesslich am ­Arbeitsplatz.

Beobachter: Wissen Sie von einer vergleichbaren kulturellen Praxis, die das gleiche Schicksal ereilte?
Hengartner: Nein. In dieser Rigidität ist das einzigartig.

Beobachter: Steckt hinter dem Passivraucherschutz am ­Arbeitsplatz auch ein Leistungs­gedanke? ­Immerhin empfehlen Laufbahnberater, die ­Angewohnheit zu verschweigen, um nicht als unproduktiv zu gelten.
Hengartner: Die Zigarette war schon immer ein interessantes ökonomisches Phänomen: Zunächst galt sie als leistungssteigernd, dann wurde sie zum Mass für die Pause im Industriezeitalter, dann wurden aus der kurzen Pause letztlich sieben unproduktive Minuten.

Beobachter: Ist Rauchen heute ideologisch so aufgeladen? Als Kapitalismuskritik zum Beispiel?
Hengartner: Indem symbolisch Arbeitszeit und Arbeitskraft vernichtet werden? (Lacht) Nein, aber es stimmt schon: Der Körper gilt vermehrt als persönliche Ressource. Ein gesunder ­Lebenswandel war früher modisch, heute wird er erwartet – und eingeklagt. Anderseits ist Nikotin ja ein Stoff, der die Leistungsbereitschaft und Konzentrations­fähigkeit erhöht. Insofern ist es erstaunlich, dass er von der Leistungsgesellschaft mehr und mehr verboten wird.

Beobachter: Profitieren die Kampagnen der Anti-Raucher-­Organisationen einfach vom Zeitgeist?
Hengartner: Sicher. Der Zeitgeist verlangt ein gesundheitsbewusstes Leben, darauf können sich diese Akteure berufen. Kommt dazu, dass Risikovermeidung ebenfalls eine zentrale gesellschaftliche Leitlinie ist. Dies wie­derum macht möglich, dass auch die persönliche Freiheit des Einzelnen gesetzlich reguliert wird.

Beobachter: In Australien sind Zigaretten vom nächsten Jahr an nur noch in olivgrüner ­Einheitspackung zugelassen. Ist das auch in Europa der nächste Schritt?
Hengartner: Es gibt bestimmt europäische Länder, in denen bereits Ähnliches erwogen wird. ­Allerdings haben es diese ganz restriktiven Regelungen schwer, sich hier durchzusetzen. Das dürfte noch eine Weile dauern.

Beobachter: Laufen all diese Bestrebungen nicht letztlich auf ein totales Rauchverbot hinaus?
Hengartner: Wie das Beispiel der Alkoholprohibition zeigt, ist ein totales Verbot wenig erfolg­versprechend – zumindest solange keine entsprechende Ersatzhandlung zur Verfügung steht. Und eine Ersatzhandlung fürs Rauchen zu finden ist schwierig.

Beobachter: Was halten Sie von der elektrischen Zigarette?
Hengartner: Der uralte Traum von der gesunden ­Zigarette. Vom Handling her – in den Fingern, im Mund – ist das sicher ein gewisser Ersatz. Die soziale Bedeutung, wie das ­Vorgeben der Pausenlänge, kann sie aber nicht erfüllen.

Beobachter: Es ist auch schwer vorstellbar, dass ein ­Hollywood-Star mit E-Zigarette zur Ikone wird.
Hengartner: Weil einer unschädlichen Zigarette eben der Reiz – diese Ambivalenz von Gut und Schlecht – fehlt.

Wie die Schweiz zum Tabak kam – und wieder davon weg


Vor mindestens 5000 Jahren ­
Tabak für kultische Zwecke 
in Nord- und Mittelamerika

1492
Kolumbus entdeckt ­Amerika und bringt getrocknete Blätter und Tabakpflanzen nach Europa.

16. Jahrhundert
Entdecker 
und erste Siedler übernehmen Rauchsitten von den ameri­kanischen Ureinwohnern. ­Matrosen machen das Rauchen in europäischen ­Häfen ­bekannt, Soldaten und ­Studenten verbreiten die ­Angewohnheit auf dem ­Kontinent.

1561
Der französische Diplomat Jean Nicot schickt aus Lissabon Samen der Tabakpflanze an den französischen Hof, wo sie bald als Heilmittel gegen verschiedene Beschwerden an­gewandt wird. Die Pflanze und später auch ihr Hauptwirkstoff werden nach Nicot benannt.

1565
Der Berner Reformator und Botaniker Benedikt Marti von Bätterkinden pflanzt 
als vermutlich Erster in der Schweiz Tabak (Nicotiana ­tabacum) in seinem Garten an.

1650
Papst Innozenz X. ver­bietet Christen das Rauchen, ein Nachfolger hebt das Verbot allerdings bald wieder auf.

1661
Die Stadtväter von Bern ergänzen die Zehn Gebote mit einem elften: «Du sollst nicht rauchen!» In Zürich können Raucher zu dieser Zeit «von statt und land verwisen», 
«mit ruthen aussgehauen» oder «mit einem zeichen ­gebrent» werden. Andere ­Kantone wie zum Beispiel ­Basel ­betreiben bereits einen ­lukrativen Handel mit ­Tabak. Berner ­Söldner, ­die in niederländischen Diensten das Rauchen gelernt haben, verstecken sich dafür in einem Turm des alten ­Wehrgürtels. Dieser ist heute als «Holländerturm» bekannt.

18. Jahrhundert
Das Rauchen ­etabliert sich nach und nach auf dem ganzen Gebiet der Schweiz, die Kantone freuen sich über Steuereinnahmen (ab zirka 1718 wird Tabak auch in Bern legal angebaut).

Mitte 19. Jahrhundert

In England wird das «smoking jacket» ­populär – eine be­queme Hausjacke, die die Herren der ­feinen Gesellschaft anziehen, wenn sie sich nach dem ­Dinner zu Tabak, Kartenspiel und Whisky zurückziehen. Aus diesem Kleidungsstück ging der heutige Smoking als Abendanzug hervor.

Zirka 1900 bis 1920
Das ­Rauchen wird in verschiedenen amerikanischen Bundes­staaten ­verboten, ­allerdings mit ­bescheidenem Erfolg.

1964
Der in den USA veröffentlichte «Terry Report» liefert ­erstmals Beweise für die ­gesundheitlichen ­Folgen von Tabakkonsum. Im selben Jahr beschliesst 
der Bundesrat 
ein ­Werbeverbot 
für Tabak­waren in ­Radio und Fernsehen.

1983
Lucky Luke hört mit dem Rauchen auf und kaut stattdessen auf einem Grashalm.

1997
Die Swissair dehnt 
das ­bereits auf Europaflügen ­geltende Rauchverbot auf Nordamerikaflüge aus.

2004
Irland verbietet als ­erstes Land der Welt das Rauchen in Bars und Gaststätten.

2005
Der Schweizer Schienenverkehr wird rauchfrei.

2010
Der Bundesrat hat das Gesetz zum Schutz vor dem Passivrauchen in Kraft ­gesetzt. Das Rauchen ist in der ganzen Schweiz in den meisten ­Restaurants und Bars, aber auch in geschlossenen ­öffent­lichen Räumen sowie 
in ­Arbeitsräumen verboten.

2012
Mit der Volksinitiative «Schutz vor Passivrauchen», die am 23. September 2012 zur Abstimmung kommt, ­soll der bisherige Nichtraucherschutz gestärkt und das Rauchverbot schweizweit durchgesetzt werden.

Autor:
  • Balz Ruchti
Bild:
  • Getty Images
  •  und Frank Brüderli, Süddeutsche Zeitung
30. August 2012, Beobachter 18/2012

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