Tierversuche «Jeder, der kann, geht weg»

Tierversuche: «Jeder, der kann, geht weg»
«Zwölf Jahre Aufbauarbeit sind dahin»:Hansjörg Scherberger forscht jetzt im deutschen ­Göttingen. Im sogenannten Primatenstuhl lernen ­Affen, auf ­Befehl Schalter zu ­bedienen.

Zwei Urteile gegen Affenversuche haben die Schweizer Hirnforscher aufgeschreckt. Sie sehen ihre ­Grundlagenforschung gefährdet. Nur Tierschutzkreise jubeln.

Seine Affen nahm er gleich mit. Hansjörg Scherberger packte im September seine Koffer und wechselte ans Primatenzentrum im deutschen Göttingen. Mit dabei: vier der fünf letzten Zürcher Rhesusaffen. Ein Weibchen, das für die Versuchsreihe vorgesehen war, musste man einschläfern. Es wäre als letztes der Gruppe allein in Zürich zurückgeblieben. Ein unerträglicher Zustand für ein so geselliges Tier, Isolationsfolter gewissermassen.

Scherberger geht, obwohl ihm die Uni in letzter Minute noch eine ausserordentliche Professur anbot. Der Spezialist für Neuroprothesen sieht in der Schweiz keine Zukunft für seine Forschung. Wenn er im April 2010 keine Bewilligung zur Fortsetzung seiner Versuche bekommen würde, wäre sein Projekt in Frage gestellt.

Ihn bewegt die Frage, wie Gedanken Prothesen steuern können. Dafür hat er ein neuartiges Verfahren entwickelt. Bisher fangen schwerfällige Apparate die Nervensignale dort auf, wo das Glied amputiert ist. Das ist mühsam und funktioniert nur ­ungenau. Scherberger dagegen zapft die Signale direkt im Hirn an: Er misst «lokale Feldpotentiale». Sie werden bereits erzeugt, wenn man den Gedanken fasst, dass man seine Hand bewegen will. Bisherige Resultate sind ermutigend. Bis zur Anwendung am Menschen ist es aber noch weit.

Ob diese Technologie funktio­niere, kön­ne man nur an Primaten testen, bestätigt Kevan Martin, Leiter des Zürcher Instituts für Neuroinformatik und Scherbergers Ex-Chef: «Es lassen sich zwar auch am Gehirn von Mäusen sehr viele Erkenntnisse gewinnen, nur sind die nicht direkt auf den Menschen übertragbar.» Das funktioniere nur mit Primatenhirnen, die ähnlich komplex strukturiert sind wie jene des Menschen. «Wenn Ergebnisse nur auf Mäuseforschung basieren, ist man als Wissenschaftler immer grund­sätzlich besorgt», so Martin.

Scherberger war der letzte Zürcher Forscher, der Primatenexperimente durchführen konnte. Jetzt spricht der Spezialist für Neuroprothesen erstmals öffentlich.

1983 noch fast zwei Millionen Tiere

Die Anzahl der Versuchstiere in Schweizer ­Labors sank seit den achtziger Jahren deutlich.

Beobachter: Was hat Sie nach Deutschland vertrieben?
Hansjörg Scherberger: Eigentlich sprach alles für Zürich: der hohe Forschungsstandard, die Breite der Forschung, die ausgezeichnete Zu­sammenarbeit der verschiedenen Teams. ­Zürich ist ein Top-Forschungsplatz für Neurowissenschaftler.

Beobachter: Warum sind Sie trotzdem gegangen?
Scherberger: Seit dem Veto der Zürcher Tierversuchs­kommission gegen zwei Affenversuche sind die Hürden für die Primatenforschung so hoch geworden, dass eine kontinuierliche Grundlagenforschung nicht mehr möglich ist.

Beobachter: Warum nicht?
Scherberger: Weil man bei Grundlagenforschung vorher nicht sagen kann, dass sich die Ergebnisse in absehbarer Zeit praktisch anwenden lassen. So funktioniert Grundlagenforschung. Doch genau das verlangt das ­Bundesgericht jetzt von uns.

Beobachter: Angesichts der Schwere der Eingriffe ist das aber doch verständlich?
Scherberger: Verständlich vielleicht, aber halt nur in Ausnahmefällen möglich. Solche Entscheide widersprechen der wissenschaftlichen Praxis.

Beobachter: Warum?
Scherberger: Entweder man steht prinzipiell hinter dieser Art der Forschung oder man lässt sie besser bleiben. Man kann nicht mal so, dann wieder anders entscheiden. Wir brau­chen Kontinuität und Sicherheit. Denn es braucht sehr viel, um nur schon die richtigen Leute zusammenzubringen und die notwendige Infrastruktur für die Tierhaltung aufzubauen. Und der Standard, den wir in Zürich erreichten, lässt sich nicht halten, wenn willkürliche Entscheide der Tierversuchskommission unsere Forschung jederzeit torpedieren können.

Beobachter: Ist das nicht etwas dramatisch formuliert?
Scherberger: Nein, zwölf Jahre Aufbauarbeit sind dahin. Jeder, der kann, geht von Zürich weg.

Der Mann, dem Scherberger die Schuld an dem Schlamassel gibt, heisst Klaus Peter Rippe. Er ist Präsident der Zürcher Tier­versuchskommission, die 2006 mit ihrem Veto gegen zwei Primatenversuche die Forscherelite gegen sich aufgebracht hatte. Betroffen vom Entscheid sind Institutsleiter Kevan Martin und sein Kollege Daniel ­Kiper. Martin erforscht die Mechanismen, die normales Lernen erlauben. Kiper will herausfinden, wie Patien­ten nach einem Hirnschlag verlorene Funktionen zurückgewinnen können. Dazu hätten beide für ihre Versuche den Äffchen Messelektroden ins Hirn gepflanzt und mit ihnen dann ­systematische Lerntrainings durchgeführt. So wollten sie zeigen, wie sich individuelle Nervenzellen beim Lernen verändern.

Geplant war Folgendes: Der Rhesusaffe wird auf den Primatenstuhl gesetzt. Auf einem Bildschirm sieht er zwei Linien. Verschiebt sich die untere nach links oder rechts, muss der Affe an einem Hebel ziehen. Liegt er richtig, erhält er verdünnten Apfelsaft. Um die Motivation der Tiere hoch zu halten, wollte ihnen Kiper in den Stunden vor dem Experiment kein Wasser mehr geben: «Ich hätte genau das getan, was jeder Hunde- und Pferdetrainer auch tut: die Affen belohnen, wenn sie das Richtige tun.»

Doch Rippes Tierversuchskommission ging das zu weit. Die Belastung der Tiere wäre ihrer Meinung nach zu gross gewesen, der Erkenntnisgewinn dagegen zu vage. Der temporäre Wasserentzug entspreche dem Tierversuchs-Schwe­regrad zwei bis drei, ­urteilte die Kommission. Schweregrad drei ­heisst: schwere Schmerzen, andauerndes Leiden, erhebliche und andauernde Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens der Tiere.

Dass das Bundesgericht im Oktober 2009 diese Sicht stützte und die Rhesus­affen-Experimente von Martin und Kiper verbot, ist in den Augen der Wissenschaftler fatal. In der Grundlagenforschung sei es nur ausnahmsweise möglich, einen praktischen Nutzen der Experimente im Voraus anzugeben. Deshalb werde es sehr schwierig, noch Bewilligungen für Tierversuche zu erhalten, sagt zum Beispiel der Prionenforscher Adriano Aguzzi. Das behindere die universitäre Grundlagenforschung stark. Die Pharmaforschung dagegen, bei der rund 350 Primaten eingesetzt werden – das sind zehnmal mehr –, hat keine Probleme. Der Verweis auf bessere Medikamente genüge, um die Versuche bewilligt zu bekommen, bestätigt Roland Schlumpf, Sprecher des Lobby­verbands Interpharma.

«Getreue Auslegung des Gesetzes»

Gefährdung des Forschungsplatzes, Einschränkung der Forschung – solche Vorwürfe lassen Ethikprofessor Klaus Peter Rippe kalt. Er, der auch schon mal die ­Würde der Pflanzen verteidigt und Jugendliche, die ein paar Wiesenblumen köpfen, als «unmoralisch» abqualifiziert, meint: «Das Urteil ist nicht Ausdruck einer verschärften Bewilligungspraxis, sondern steht für eine getreue Auslegung des Tierschutzgesetzes. Wir entscheiden weiterhin von Fall zu Fall.» Es hätten sich nur die Schwerpunkte verschoben. Sei die unmittelbare Anwendung der Ergebnisse unsicher, müsse man das Tierwohl im Vergleich stärker gewichten. «Es darf nicht mehr sein, dass wie früher Forschungsinteressen fast uneingeschränkt Vorrang haben.»

Tierschutzkreise feiern den Bundes­gerichtsentscheid als wichtigen Etappensieg. Jetzt müsse man darauf hinarbeiten, die Primatenversuche ganz zu verbieten, sagt Julika Fitzi, Tierversuchsexpertin des Schweizer Tierschutzes. Für die Tierärztin verstösst bereits die Haltung und experimentelle Abrichtung der Affen gegen deren Würde. «Wir hoffen, dass nach diesem Urteil die Tierschutzkommissionen mutiger werden und Versuche stoppen, bei denen die Belastung der Tiere gross und der Nutzen nur vage ist.»

«Wenn Ergebnisse nur auf der Forschung mit Mäusen basieren, ist man als Wissenschaftler immer grundsätzlich besorgt.»

Kevan Martin, Leiter des Instituts für Neuroinformatik der Universität Zürich

Das Argument, stark belastende Versuche würden nun anderswo zu schlechteren Bedingungen durchgeführt, lässt Fitzi nicht gelten. «Das kann in Einzelfällen passieren. Wir müssen das aber in Kauf nehmen: Wir wollen Primatenexperimente international ächten.» Verbote, die es in einzelnen europäischen Ländern gibt, bestä­tigen sie in ihrer Meinung: «Ich glaube, es wird sehr eng für die Primatenforschung.»

Nur die Uni Freiburg forscht noch mit Affen

Für Hans Sigg, Tierschutzbeauftragter der Uni Zürich, ist das unverständlich: «Seit dem Rekurs gegen die Zürcher Experimente stellen wir fest, dass in andern Ländern der Widerstand gegen Einschränkungen bei Versuchen wächst.» Man ­blocke ab, um Schweizer Verhältnisse zu verhindern. Der Tierschutz habe es schwerer. Und in Kunming, Zürichs Partnerstadt in China, wurde kürzlich ein Forschungszentrum mit 10'000 Primaten eröffnet.

Die letzte Gruppe Rhesusaffen, die an Schweizer Universitäten eingesetzt wird, lebt in Freiburg am Institut für Neurophysio­logie. Dessen Leiter Eric Rouiller forscht an der Heilung von Rückenmarkverletzungen. Bei seinen Experimenten durchtrennt Rouiller Nervenfasern der Affen so, dass sie ihre Fingerfertigkeit verlieren. Dann behandelt er sie mit Nogo-A-Antikörpern. Nogo A ist jener Stoff, der das Nachwachsen von Nervenzellen hemmt. Die Versuche sind so erfolgreich, dass die Makaken nach der Behandlung ihre Finger praktisch gleich gut bewegen können wie zuvor. Damit scheint der Weg frei für eine Anwendung am Menschen. «Solche Erkenntnisse können wir nur mit Experimenten an Primaten weiterentwickeln. Einen anderen Weg gibt es nicht», sagt Rouiller.

Am Institut lebt seit 40 Jahren die gleiche Rhesusaffen-Kolonie, die sich immer wieder fortpflanzt. Für Rouiller ein klarer Hinweis, dass sich die Tiere wohl fühlen. Es sei besser, wenn die Versuche unter den strengen hiesigen Richtlinien durchgeführt würden als irgendwo im Ausland, wo nur lasch kontrolliert werde.

In der Tat geht es Primaten in Schweizer Labors weltweit wohl am besten. Sie werden in Gruppen von zwei bis fünf Tieren gehalten. In US-Labors müssen sie in Einzelkäfigen leben, wo ein Tier nicht einmal einen Zehntel so viel Raum hat wie hier. Verhaltensstörungen sind Alltag. Auch deshalb sagt Rouiller: «Der Tierschutz hat in Lau­sanne einen Pyrrhussieg errungen.»

Mehr Tierversuche, aber sie sind weniger belastend

Die Zahl der Tierversuche nimmt seit zehn Jahren wieder zu. So wurden 2008 0,8 Prozent mehr Tiere eingesetzt, insgesamt 731'883. Vier von fünf waren Nager. Der Anteil hoch belastender Versuche hat sich dagegen seit 2000 auf 2,1 Prozent halbiert. Die Anzahl der Primatenexperimente liegt seit Jahren bei 0,05 Prozent. Rund 400 Affen werden in der Forschung verwendet – meist in Pharmalabors.

Der Boom der Tierexperimente hängt mit der Entwicklung der Biowissenschaften zusammen. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts hat das Fachgebiet revolutioniert. Nun lassen sich deutlich präzisere Versuchsfragen stellen.

Die Schweiz verfügt international über die wohl strengsten Tierschutzregeln in der Forschung. Im Vordergrund steht der ­gesetzlich verankerte 3R-Gedanke: ­Replace steht für Ersetzen, Reduce für Reduzieren, Refine für Verbessern. Tierversuche sollen möglichst eingeschränkt, der Einsatz von Primaten auf ein absolutes Minimum reduziert werden. Jeder Tierversuch muss beantragt, begründet und von den entsprechenden Behörden genehmigt werden.

Autor:
  • Martin Vetterli
Bild:
  • Andreas Reeg
17. März 2010, Beobachter 6/2010

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