Autofahren: Alter schützt vor Verantwortung nicht
Älter werden und trotzdem automobil bleiben – für viele Senioren ist dies eine Selbstverständlichkeit. Doch manche überschätzen ihre Fahrtauglichkeit und gefährden andere Verkehrsteilnehmer. Experten mahnen zu mehr Selbstkontrolle.

Seit 62 Jahren besitzt Rudolf Schwörer einen Fahrausweis die ersten Meter fuhr er damals mit einem Militärauto. Noch immer ist das Autofahren ein wichtiger Bestandteil seines Alltags, denn der 84-Jährige erweist anderen mit Behindertentaxi- und Rotkreuzfahrten gute Dienste. «Mobilität ist für mich wichtig, denn das Gehen fällt einem im Alter
immer schwerer.»
Rudolf Schwörer lässt seine Fahrtauglichkeit alle zwei Jahre durch den pensionierten Experten Karl Schnorf überprüfen. Im Februar war es wieder soweit. In seinem auf Hochglanz polierten Wagen bewies der rüstige Rentner sein Können im Kreisverkehr, auf der Autobahn und beim Uberholen.
1999 besassen laut Strassenverkehrsamt allein im Kanton Zürich 606 über 90-Jährige einen Führerausweis. Sind sie tatsächlich eine Gefahr für die anderen Verkehrsteilnehmer, wie immer wieder behauptet wird?
Alter allein ist kein Kriterium
Gemäss einer amerikanischen Studie stehen Senioren zwar als Risikogruppe
an zweiter Stelle gleich hinter den Neulenkern bis 30 Jahre. Eine Erhebung des Bundesamts für Statistik hat jedoch ergeben, dass pro 10000 Einwohner viermal weniger Senioren im Strassenverkehr verletzt werden als unter 60-Jährige.
Stefan Siegrist, Experte bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung, spricht deshalb lieber von einem Krankheits- als von einem Seniorenproblem. Mit zunehmendem Alter erhöhen sich die Gesundheitsrisiken. Arthritis schränkt die Beweglichkeit ein, Diabetiker leiden oft unter Zirkulationsstörungen, und Augenerkrankungen nehmen zu.
Regelmässige Kontrollen
Gemäss Strassenverkehrsgesetz müssen sich über 70-jährige Ausweisinhaber alle zwei Jahre medizinisch untersuchen lassen. Stellt der Arzt gesundheitliche Probleme fest, verweist er den Autolenker zur weiteren Abklärung ans Strassenverkehrsamt oder vermittelt ihn an einen Verkehrsmediziner oder -psychologen.
Werden die erkannten Schwächen von den Gutachtern bestätigt, wird dem Fahrer der Ausweis entzogen. Im Kanton Zürich mussten letztes Jahr rund 2800 über 70-Jährige ihren Führerschein aus medizinischen Gründen abgeben.
«Manche Seniorinnen und Senioren können sich sehr gut selber einschätzen. Ihnen fällt es leichter, sich verminderte Fahrfähigkeit einzugestehen und darauf zu reagieren», sagt Willi Leber vom Institut für Angewandte Psychologie in Bern. «Rentner hingegen, die viel Wert auf Prestige und Autorität legen, haben damit mehr Mühe.» Die Folge: Jüngere Familienmitglieder haben es oft schwer, die Älteren auf ihr auffälliges Fahrverhalten anzusprechen. Sie riskieren, den Senior zu verletzen oder stossen auf taube Ohren.
Psychologe Willi Leber weiss einige Tipps für solche Situationen. «Man einigt sich etwa darauf, nur noch bekannte
Strecken zu fahren und Autobahnen zu meiden.» Sinnvoll sei auch, den Fahrer
anhand von konkreten Beispielen auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen. Auch ein Besuch beim Arzt oder die Fahrt mit einem Verkehrsexperten ist sehr aufschlussreich, für den Kontrollierten jedoch belastend.
Urs Rüegsegger, Leiter des Berner Instituts für Angewandte Psychologie, schlägt deshalb vor, betagte Autofahrerinnen und Autofahrer vermehrt zur Selbstkontrolle anzuhalten. «Menschen übernehmen im Lauf ihres Lebens immer mehr Verantwortung. Irgendwann ist es wichtig, aus Verantwortung nicht mehr Auto zu fahren.»
Eine Alternative zum Autofahren sind Taxifahrten. «Das betrachten zwar viele ältere Menschen als Geldverschwendung», sagt Willi Leber. «Wer jedoch sämtliche Aufwendungen für ein Auto berücksichtigt, merkt, dass gelegentliche Taxifahrten kostengünstiger sind.»
Da der Anteil an der über 65-jährigen Gesamtbevölkerung in den nächsten 20 Jahren von knapp 15 auf 20 Prozent ansteigen wird, gewinnt das Thema «Ältere am Steuer» zunehmend an Bedeutung. Verschiedene Institutionen beschäftigen sich intensiv damit. So plant zum Beispiel die Expertengruppe Verkehrssicherheit des Bundesamts für Strassen eine Studie, und das Berner Institut für Angewandte Psychologie bietet Auto fahrenden Senioren ab Sommer einen fakultativen Verkehrstest an.
Freiwillige Check-ups
Auch der Touring-Club der Schweiz (TCS) macht vorwärts. Die Sektion Bern will ab Mitte Jahr freiwillige Check-up-Kurse für Senioren anbieten. Die Bürogemeinschaft Thunmobil führt bereits Pilotkurse zum Thema Mobilität und Sicherheit im Alter durch. Dabei lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie sie im Alter möglichst lange mobil bleiben können sei es mit dem Velo, dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Peter Plüss vom TCS Bern möchte ältere wie jüngere
Autofahrer dazu bewegen, ihr Fahrverhalten regelmässig zu überprüfen. «Neue Verkehrsregeln, Kreiselfahren und der Umgang mit Seitenspiegeln, die vor 1960 nicht üblich waren, sind einzuüben.»
Den freiwilligen Fahrtest beim pensionierten Verkehrsexperten Karl Schnorf besteht nur, wer im Verkehr nicht auffällt und seine Grenzen kennt. Der 84-jährige Rudolf Schwörer hat den Test problemlos bestanden und dafür eine Bestätigung erhalten. Diese hat zwar keine amtliche Gültigkeit, gibt aber den Lenkerinnen und Lenkern wichtige Hinweise auf ihre Fahrtauglichkeit und sensibilisiert sie für die Gefahren im Strassenverkehr.
Die Eigenverantwortung fördern
«Wichtig ist, dass ich mich freiwillig zu dieser Fahrt entscheiden konnte», betont Schwörer. «Hätte der Experte meine Fahrtüchtigkeit bezweifelt, hätte das zwar keine rechtlichen Konsequenzen gehabt, es würde mir aber zu denken geben.»
Auch die Berner Verkehrspsychologen legen grossen Wert auf die Eigenverantwortung der Senioren. «Bei Uneinsichtigen ist der Ausweisentzug jedoch unumgänglich als Notbremse sozusagen.»
Weiterführende Informationen
- Touring-Club der Schweiz: «Älter? Aber sicher!»
Gratis zu beziehen unter Telefon 031/352 22 22
- Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung:
«Älter werden mobil bleiben.»
Gratis zu beziehen unter Telefon 031/390 22 22
Verkehrsberatung
- Projekt Thunmobil, Büro für Mobilitätsberatung,
Albert Clavadetscher, 3600 Thun, Telefon 033/222 06 44
- Liste von pensionierten Verkehrsexperten, die in den
Kantonen Aargau, Bern, Graubünden, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen und Zürich freiwillige Begleitfahrten durchführen. Die Fahrstunde kostet 80 Franken.
Kontakt: Karl Schnorf, Telefon 055/280 28 06
© Beobachter Ausgabe 6 vom 17. Mär 2000 - Alle Rechte vorbehalten







