Fussgängerstreifen: Im Zeichen der Unsicherheit

Trotz klarer Vortrittsregelung hat die Zahl der Unfälle bei Zebrastreifen zugenommen. Jetzt wird die Wiedereinführung des Handzeichens gefordert.

Laut Gesetz ist alles klar: Fussgängerinnen und Fussgänger haben im Strassenverkehr Vortritt, wenn sie «sich bereits auf dem Streifen befinden, davor warten oder ersichtlich die Fahrbahn überqueren wollen». Seit 1994 müssen sie zudem nicht mehr anzeigen, wenn sie den Streifen passieren wollen, aber sie «dürfen ihn auch nicht überraschend betreten».

Zu mehr Sicherheit hat die neue Regelung nicht geführt. Während die Zahl der Verkehrstoten in den letzten zehn Jahren um 35 Prozent abgenommen hat, bleibt sie auf dem Fussgängerstreifen konstant: 2001 starben 37 Personen, 1036 wurden verletzt. Sogar zugenommen hat die Zahl der Auffahrunfälle vor dem Streifen – im Kanton Zürich um das Vierfache.

Aus diesem Grund fordert der Zürcher Regierungsrat den Bundesrat jetzt auf, das obligatorische Handzeichen wieder einzuführen. Er wird von der Zürcher Kantonspolizei unterstützt. «Im Verkehr wird überall mit Blinken kommuniziert. Doch ausgerechnet dort, wo starke Verkehrsteilnehmer auf schwache treffen, wurde die Kommunikation abgeschafft», sagt Pressesprecher Karl Steiner.

Auch in anderen Kantonen beobachten Experten das Unfallgeschehen kritisch. «Wir haben Verständnis für Zürich», sagt etwa Beat Schüpbach, Chef der Verkehrspolizei Kanton Basel-Landschaft. Und Peter Sieber von der Kantonspolizei Bern meint: «Wir hatten von der neuen Regelung mehr erwartet.» Doch eine Wiedereinführung des Handzeichens steht für beide nicht zur Diskussion. Die neue Regel sei einfach noch zu wenig in den Köpfen. Deshalb setzen beide Kantone auf Aufklärungskampagnen und Repression.

Unbeeindruckt von Bussen
Missachtet ein Autofahrer den Vortritt des Fussgängers, muss er mit einer Busse von mehreren hundert Franken rechnen. Doch das scheint die Automobilisten nicht zu beeindrucken. Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung gewährt nur jeder zweite einem wartenden Fussgänger den Vortritt. «Die Leistung der Autofahrer ist noch völlig ungenügend», sagt Jörg Thoma.

Aber er betont auch, dass viele Fussgänger, ohne anzuhalten, überraschend die Fahrbahn betreten und so ihren Vortritt erzwingen wollen. «Auf dem Streifen sind Fussgänger oft unvorsichtiger als sonst wo.»

Hier möchte der Touring-Club der Schweiz ansetzen: Er schlägt vor, dass Fussgänger verpflichtet werden, ihre Absicht deutlich klar zu machen, zum Beispiel mit einem Sicherheitshalt. «Die Situation hat sich für die Fussgänger nicht verbessert, aber für die Autofahrer verschlechtert», bilanziert René Wittwer.

Signalisation verbessern
Der Fachverband der Fussgänger hält nichts von diesen Ideen: «Die Wiedereinführung eines Handzeichen-Obligatoriums würde das Vortrittsrecht der Fussgänger aushöhlen», sagt Christian Thomas von Fussverkehr Schweiz. Die Sicherheit werde mit niedrigen Fahrgeschwindigkeiten und Mittelinseln auf Fussgängerstreifen erhöht.

Nun ist das zuständige Bundesamt für Strassen (Astra) gefordert. Sprecher Daniel Schneider erklärt, dass die vielen Auffahrunfälle wohl eher mit ungenügendem Abstand zwischen den Fahrzeugen und mangelnder Bremsbereitschaft der Automobilisten zu tun hätten als mit fehlenden Handzeichen. Zudem habe eine Studie gezeigt, dass viele Fussgänger auf der zweiten Fahrbahnhälfte angefahren wurden. Ein Handzeichen hätte da nichts genützt.

Im Gegenteil: «Die Wiedereinführung des Handzeichens würde die Verunsicherung der Verkehrsteilnehmenden nur noch erhöhen», so Schneider. Besser sollte man die Standorte, die Signalisation und die Beleuchtung der Streifen konsequent verbessern, um sie sicherer zu machen. Trotzdem prüft das Astra den Vorschlag Zürichs genau. Schneider: «Wir bleiben am Thema dran.»

Autor:
  • Ursula Gabathuler
12. Dezember 2002, Beobachter 25/2002