Verkehrspolitik
Den Velos gehört mehr Platz
- Text:
- Matieu Klee
- und Markus Föhn
- Bild:
- Christian Grund
- , Christian Flierl
- , Christine Bärlocher
- und Gerry Nitsch
- Ausgabe:
- 8/10
Es ist höchste Zeit, das Fahrrad in der Verkehrspolitik ernst zu nehmen. Velofahren wird immer beliebter, doch im alltäglichen Verkehr kommt das Zweirad unter die Räder: 2009 verunfallten doppelt so viele Velofahrer tödlich wie im Vorjahr.
Ein Lastwagenchauffeur will in Interlaken die Savoy-Kreuzung überqueren. Dabei erfasst er aus «noch zu klärenden Gründen» eine Velofahrerin, heisst es später in der Polizeimeldung. Die Frau verletzt sich schwer, im Spital stirbt sie. In der Zeitung erscheint zwei Tage später eine Kurzmeldung: «81-Jährige von LKW getötet». Eine Randnotiz in drei Sätzen. Die Frau ist eine von 55 tödlich verunglückten Velofahrerinnen und Velofahrern im Jahr 2009. Das sind doppelt so viele wie im Jahr davor.
Solche Meldungen passen schlecht zum sonst makellosen Image des Velos: umweltfreundlich, leise, gesund, günstig. Vier Millionen Velos gibt es in der Schweiz. Letztes Jahr verkaufte die Branche trotz Wirtschaftsflaute 350'000 Stück, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Und Zweiradfahren ist ein Volkssport: 42 Prozent der Bevölkerung schwingen sich mehr oder weniger regelmässig auf den Sattel, Tendenz weiter steigend. Entsprechend bunt zusammengesetzt ist die Gruppe jener, die sich dem Velo verschrieben haben.
Dabei ist das Potential noch lange nicht ausgeschöpft. Bundesrat Moritz Leuenberger etwa betont gern, dass bei der Hälfte aller Autofahrten weniger als fünf Kilometer zurückgelegt werden. Würde nur schon ein Viertel dieser Kurzfahrten statt mit dem Auto mit dem Velo absolviert, wären auf den Strassen doppelt so viele Velofahrer wie heute unterwegs. Die Folgen würden alle Verkehrsteilnehmer spüren: weniger verstopfte Strassen, weniger Lärm, bessere Luft. Der Gedankengang des Verkehrsministers scheint mehrheitsfähig zu sein: Im März hat die Stadt St. Gallen mit 59 Prozent Ja-Stimmen eine Initiative des Vereins Umverkehr angenommen – der öffentliche Verkehr, Fussgänger und Velofahrer sollen in Zukunft bessergestellt werden. Ein Fingerzeig für die weiteren Abstimmungen, die bald in anderen Städten folgen werden.
Senioren sind am meisten gefährdet
Doch obwohl weite Teile der Bevölkerung das Zweirad als Fortbewegungsvehikel im Alltag stärken möchten, wird es weiterhin stiefmütterlich behandelt. Gefährliche Kreuzungen und der rasant rollende Verkehr schrecken potentielle Velofahrer ab. «Velofahren ist gefährlich»: Diese Annahme unterstreicht nicht nur die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) seit langem mit ihrer Helmkampagne, sondern wird auch durch die Pressemeldungen über die 55 getöteten und 850 schwerverletzten Velofahrer im Jahr 2009 bestätigt.
Zwar können selbst Experten noch nicht erklären, weshalb die Zahl der tödlichen Unfälle innerhalb nur eines Jahres so sprunghaft angestiegen ist. Doch schon jetzt ist klar, dass Velofahrer nicht zufällig unter die Räder kommen. Denn während für die Sicherheit der Automobilisten ständige Verbesserungen erzielt werden, blieben die Velofahrer da auf der Strecke: Im Vergleich der letzten fünf Jahre bilden sie gar die einzige Gruppe der Verkehrsteilnehmer, bei der die Zahl der Todesopfer zugenommen hat (siehe Grafik).
Eine erste Analyse der tödlich Verunglückten zeigt Überraschendes: Nur ganz wenige Radfahrer sterben auf den Strassen einer Stadt. Die meisten Velounfälle mit Todesfolge passieren in der Agglomeration oder in Dörfern. Und es sind nicht etwa Kinder und Jugendliche, die dabei am häufigsten betroffen sind. Die deutlich grösste Altersgruppe sind vielmehr die über 60-Jährigen. Erst mit grossem Abstand folgt die Gruppe der unter 20-Jährigen.
Auf dieselben Risikogruppen stiess die BfU bereits 2005 in einer Studie. Darin analysierten die Experten über 4000 Velounfälle mit schwer und tödlich Verletzten. Dass jetzt keine neuen Risikogruppen aufgetaucht sind, zeigt, dass die Ursache der Verdoppelung der tödlich Verunfallten wohl kaum in einem neuen Phänomen liegt – sie ist schlicht die Konsequenz einer Verkehrspolitik, die das Zweirad zweitklassig behandelt.
Schwere Unfälle passieren typischerweise beim Überqueren oder Abbiegen, an Kreuzungen und auf Strassen mit einer signalisierten Höchstgeschwindigkeit von 50 oder mehr Kilometern pro Stunde. Nur gerade sechs Prozent der schweren Unfälle registrierten die Forscher auf Strassen, auf denen weniger als Tempo 50 erlaubt ist. Die Folgerung ist klar: Wichtigster Faktor für die Überlebenschance eines Radfahrers nach einer Kollision mit einem Auto ist die Geschwindigkeit beim Zusammenstoss. Faustregel: Bei einer Kollisionsgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde ist die Überlebenschance für ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Velofahrer 90 zu 10, bei Tempo 50 nur noch 30 zu 70.
Sichere Strassen würden sich auszahlen
Die einfachste, günstigste und wirksamste Massnahme, um die Zahl der Velounfälle mit schwerwiegenden Folgen zu reduzieren, wäre also, die Höchstgeschwindigkeit zu senken. Das haben erste Städte erkannt und damit begonnen, vermehrt Tempo-30-Zonen zu schaffen. Deshalb gibt es ausgerechnet dort, wo der Verkehr am dichtesten ist und am gefährlichsten scheint, am wenigsten tödliche Velounfälle.
Natürlich kommt es nur zu Unfällen, wenn Beteiligte Fehler begehen. Doch Fehler sind menschlich. Deshalb geht es bei der Prävention nicht nur darum, Unfälle zu verhindern, sondern auch darum, verheerende Folgen zu vermeiden, wenn trotzdem etwas passiert. Doch hier harzt es. Gemeinden sind oft nicht bereit, auf ihren Strassen in die Sicherheit für Velofahrer zu investieren. Das bestätigen Verkehrsplaner übereinstimmend. Auch wenn sich der Mitteleinsatz für sichere Radrouten rein rechnerisch auszahlen würde – jeder Schwerverletzte kostet die Volkswirtschaft laut BfU eine halbe Million Franken.
Dabei geht es längst nicht immer nur ums Geld. Oft ist die Sicherheit der Radfahrer einfach zweitrangig, wie ein Beispiel aus Baselland zeigt. Dort hat das Parlament seit den achtziger Jahren Kredite für 80 Millionen Franken zum Ausbau des Radnetzes gesprochen. 20 Millionen davon hat der Kanton bis heute nicht investiert. Jetzt hat der Velobeauftragte des Tiefbauamts, Jürg Widmer, nach 23 Jahren Staatsdienst frustriert gekündigt. Mit seinen Verbesserungsvorschlägen blieb er oft chancenlos. «Jeder redet gern von der Förderung des Veloverkehrs. Doch wenn es darum geht, ob die Sicherheit fürs Velo auf Kosten des motorisierten Verkehrs verbessert werden soll, verliert meist das Velo», sagt er.
Exemplarisch zeigt sich das am Kreisel bei der Motorfahrzeugprüfstation Münchenstein BL. Diesen hat das Tiefbauamt letzten Sommer rundum auf 8,5 Meter verbreitert. Offizielle Begründung: Behebung eines Unfallschwerpunkts – allerdings gab es praktisch nur Blechschäden. Nach dem Umbau können jetzt überall im Kreisel Lastwagen und Autos nebeneinander fahren. Für Velofahrer taugt der Kreisel aber höchstens noch als Mutprobe. Doch ausgerechnet dort kreuzen sich zwei Radrouten.
«Das Velo wird nicht ernst genommen»
Stephanie Fuchs, Geschäftsführerin der Verkehrs-Club-Sektion beider Basel, kritisiert: «Das Velo wird nicht ernst genommen. Erst wer aus lauter Angst aufs Auto umsteigt, den nehmen die Planer zur Kenntnis.» Der VCS hat gegen den neuen Kreisel beim Kantonsgericht Beschwerde eingereicht, denn das Tiefbauamt hat den als Sanierung getarnten Ausbau nicht öffentlich aufgelegt. Im Vorfeld der Gerichtsverhandlung betont das Tiefbauamt, dass die Sanierung des Kreisels noch nicht abgeschlossen sei. Nach einer Lösung für die Velofahrer werde noch gesucht.
An solch gefährlichen Stellen passieren häufig gar nicht so viele schwere Velounfälle, weil sich nur sehr geübte Radfahrer dorthin wagen. Viele aber hält die kritische Konstellation davon ab, das Velo zu benutzen. «Als Velofahrer summiere ich die gefährlichen Stellen auf einer Strecke. Hat es zu viele, steige ich aufs Auto oder auf den öffentlichen Verkehr um», sagt Christof Bähler, Velobeauftragter des Kantons Bern.
Die grösste Herausforderung für die Verkehrsführung der Zweiräder bieten die Städte. Knapper Platz und hohes Verkehrsaufkommen machen den Strassenraum zur Kampfzone, in der jeder darum ringt, rasch vorwärtszukommen. Velo-Rowdys sorgen für hitzige Diskussionen: Velofahrer, die Verkehrsregeln missachten, Rotlichter überfahren oder über Trottoirs rasen und Fussgänger gefährden. Verkehrspsychologe Markus Hackenfort von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften mahnt indes zur Besonnenheit. Nicht nur Radfahrer, sondern sämtliche Verkehrsteilnehmer würden Regeln übertreten: Autofahrer halten sich nicht an die Tempolimiten, Fussgänger gehen bei Rot über die Strasse. Bussen wirken wenig nachhaltig.
Nur wer sich bemüht, zu erfahren, weshalb sich Radler nicht an die Regeln halten, kann Abhilfe schaffen. Wollen die Velofahrer bloss schneller vorwärtskommen? Oder missachten sie die Vorschriften aus Selbstschutz, um sicherer durch die Stadt zu kommen? Experten bezweifeln, dass jene, die Regeln brechen, häufiger schwere Unfälle verursachen. Einen Hinweis darauf gibt eine unveröffentlichte deutsche Studie über Autofahrer. Eine Erkenntnis daraus: Ausgerechnet die Altersgruppe der 30- bis 35-Jährigen, die am meisten Regeln übertritt, ist gleichzeitig am wenigsten häufig in gravierende Kollisionen verwickelt.
Dort, wo der Raum am knappsten ist, zeigt sich, welches Gewicht dem Langsamverkehr eingeräumt wird. Dabei gibt es beträchtliche Unterschiede. So belegt ein Vergleich zwischen Basel und Zürich, wie schlecht die grösste Schweizer Stadt dasteht (siehe Seite 36). Wieso Basel anders tickt, liegt für Jörg Vitelli, Velopolitiker und Veloladenbesitzer, auf der Hand: «In Basel fahren nicht nur Junge und Umweltverbesserer mit dem Velo, sondern Anwälte, Bankdirektoren, ja sogar der Daig.»
Viele verzichten aufs Fahrrad – aus Angst
Welches Potential das Velo als gleichwertiges Verkehrsmittel, ganz nüchtern betrachtet, hätte, zeigt das Beispiel der Spitex Luzern. Deren Fahrzeugflotte umfasst mittlerweile mehr als zwei Dutzend Elektrovelos und nur noch eine Handvoll Autos. Dahinter stecken kühl kalkulierte Gründe, gestützt auf ein Mobilitätskonzept: Auf den meisten Routen sind die Pflegerinnen auf einem Elektrovelo schneller am Ziel. Mit dem Auto verlieren sie vor allem im Stossverkehr und auf der Suche nach einem Parkplatz viel Zeit. «Autos benutzen wir nur noch für weite Strecken und aus Sicherheitsgründen nachts», sagt Dominic Illi von der Spitex Luzern. Solange aber beim Strassenbau die Bedürfnisse der Velofahrer zu kurz kommen, bleibt es Bundesrat Leuenbergers frommer Wunsch, Autofahrer für Kurzstrecken zum Umsteigen zu bewegen. Das bestätigt eine brandneue Studie der Uni St. Gallen und der ETH Zürich im Auftrag der Basler Versicherungen, die in sechs europäischen Ländern durchgeführt wurde. Hauptgrund dafür, dass in der Schweiz das Velo nicht häufiger genutzt wird, ist eine «allgemein gefühlte Unsicherheit im Strassenverkehr». Wer sich unsicher fühlt, lässt sein Velo häufiger stehen. «Das bedeutet, dass viel mehr Menschen Velo fahren würden, wenn es auf den Strassen für sie sicherer wäre», sagt Studienleiter Alexander Skorna. Daran ändert auch wenig, dass der Bund mit dem Agglomerationsprogramm zum ersten Mal überhaupt explizit den Langsamverkehr fördern will. Christine Steinmann, Projektleiterin Verkehrssicherheit beim Verkehrs-Club der Schweiz: «Velofahren hat noch nicht den Stellenwert, den es vom Potential her verdienen würde.» Finanziell würde es sich für die öffentliche Hand lohnen, den Langsamverkehr zu fördern: tiefe Investitionen, hoher Nutzen. Mit dem Bau von ein paar Velowegen sei es aber nicht getan, sagt Christoph Merkli, Geschäftsführer von Pro Velo Schweiz. «Es braucht ein Umdenken: Heute gewinnt immer das Auto. Es ist noch immer ein Tabu, die Kapazität für den motorisierten Verkehr zu beschränken.» Die Folgen dieser einseitigen Verkehrspolitik spüren auch die Verkehrsinstruktoren der Polizei. Sie registrieren, dass immer weniger Kinder das Velo beherrschen. Während früher Primarschüler nur vereinzelt nicht auf zwei Rädern fahren konnten, ist es heute bereits ein Drittel, schätzt Andreas Bläsi, Leiter Prävention der Kantonspolizei Basel-Stadt. «Das macht uns Sorgen. Kinder werden im Verkehr nur dann sicherer, wenn sie auf dem Velo Erfahrungen sammeln können.» Mühe haben nicht nur Kinder aus Familien, die sich Velos nicht leisten können, sondern zunehmend auch Töchter und Söhne aus wohlhabendem Haus. «Diese Eltern lassen ihre Kinder aus Angst vor Unfällen nicht mehr Velo fahren und chauffieren sie stattdessen im Auto.» Mit dieser Vorsichtsmassnahme wird allerdings das grundlegende Problem nicht aus der Welt geschafft, im Gegenteil: Aus der Forschung ist nämlich bekannt, dass es dann am seltensten zu schweren Unfällen kommt, wenn möglichst viele Velofahrer unterwegs sind; das zeigen Erfahrungen in Velostädten im Ausland. Damit die Radfahrer die nötige Stärke erreichen, müssen sie sich aber sicherer fühlen. Gut ausgebaute Velowegnetze bilden die Grundlage dafür. Würden mehr Verkehrsteilnehmer auch im Alltag aufs Velo umsteigen, müssten nicht nur die Automobilisten jederzeit mit Zweirädern rechnen und entsprechend vorsichtig fahren, auch Velofahrer würden in heiklen Situationen routinierter reagieren. Übung macht dabei nicht nur den Meister, sondern würde auch Leben retten. Stattdessen sind in Diskussionsforen die Meinungen längst gemacht, wenn es wieder einmal kracht: Velofahrer geben die Schuld rücksichtslosen Autofahrern, Autofahrer zeigen mit dem Finger auf Velofahrer, die sich nicht an Regeln halten. Das Klima ist vergiftet, die Fronten sind verhärtet. Doch diese Diskussion wird bereits von der Realität überholt, die zeigt, dass bei jedem Unfall vor allem die individuellen Fehler gesucht werden und tiefere Ursachen wie strukturelle Fehler in der Verkehrsplanung keine Rolle spielen. Am Abend des 22. Februar waren zwei nebeneinanderfahrende Radfahrer auf der Hauptstrasse zwischen Gals BE und Erlach unterwegs. So steht es später in der Polizeimeldung. Einer der beiden – er ist ohne Licht unterwegs – wird von einem Auto erfasst und 30 Meter weggeschleudert. Einen Tag später erliegt der 16-Jährige seinen Verletzungen. Er ist der erste tödlich verunfallte Velofahrer im Jahr 2010. Der Galser Gemeinderat hatte beim Kanton seit langem vergeblich verlangt, dass entlang dieser Raserstrecke ein Velostreifen angelegt wird.

«Man nimmt uns nicht als gleichwertig wahr»
Sascha Török, 37, Grafikdesigner, Zürich
«In der Stadt mit einem Auto rumkurven? Ich wüsste nicht warum. Mit dem Velo bin ich schneller, verstopfe keine Strassen, habe keine Parkplatzprobleme. Die Luft verpeste ich auch nicht. Ich radle überallhin. Ich habe aber oft den Eindruck, dass viele Autofahrer uns Velofahrer nicht als gleichwertige Verkehrsteilnehmer sehen. Eher als Fremdkörper auf ‹ihren› Strassen. Vielen scheint nicht bewusst zu sein, dass wir dieselben Rechte haben. Sie biegen ab, ohne vorher zu blinken oder richtig einzuspuren, sie schneiden einem den Vortritt ab, öffnen ihre Tür, ohne nach hinten zu schauen. Wäre ich ein Lastwagen, würden die mich anders behandeln.
Klar, auch ich halte mich nicht immer an die Regeln. Aber oft ist das schlicht eine Überlebensstrategie. Fehlt der Platz auf der Strasse, weiche ich auf das Trottoir oder das Tramtrassee aus, wo ich mich aber rücksichtsvoll bewege – schliesslich bin ich im Unrecht. Ein Stück weit verstehe ich auch die fluchenden Autofahrer. Ich bin zwei Jahre lang Taxi gefahren und kenne diese Perspektive. Mich regen sie ja auch auf, die Radler, die man kaum sieht, weil sie kein Licht haben, oder jene, die bei Rot über Kreuzungen preschen und Fussgängern den Vortritt nehmen. Grundsätzlich finde ich aber: Wenn Autofahrer sich an die Verkehrsregeln halten würden, gerade beim Abbiegen und Einspuren, müssten wir Velofahrer weniger Regeln brechen. Eine grosse Hilfe wären auch mehr Velostreifen. Sie würden die Autofahrer zumindest daran erinnern, dass sie mit Velos rechnen müssen.»

«Als wollte man mir sagen: ‹Du hast hier nichts verloren›»
Andreas Buchs, 41, Elektroingenieur, Sedrun
«Ich sitze beruflich viel vor dem PC oder bin mit dem Auto unterwegs. Deshalb brauche ich einen körperlichen Ausgleich. Also fahre ich Velo, sooft es geht. Aus purem Bewegungsdrang. Und weil ich fit bleiben will. Früher war ich vor allem mit dem Mountainbike unterwegs, aber vor einigen Jahren bin ich auf die Strasse zurückgekehrt. Man kommt einfach besser voran. Wenn man schön loszieht, schafft man an die 150 Kilometer pro Tag. Meine Routen führen oft über Pässe. Ich bin auch schon an den Gardasee gefahren oder nach Südfrankreich, habe Touren in Island und in den Pyrenäen gemacht. Es ist ein gutes Gefühl, in die Pedale zu treten und sich nur mit der eigenen Muskelkraft durch verschiedenste Gegenden zu bewegen.
Natürlich: Das ist nicht immer einfach. Die Schweiz hat zwar ein gut ausgebautes Netz an Velowegen, aber ohne Karte findet man sie kaum. Die Wegweiser sind schlecht sichtbar, häufig tragen sie auch bloss die Nummer der Veloroute, man weiss nicht, wohin der Weg eigentlich führt. Auch das Klima auf der Strasse könnte besser sein. In Frankreich zum Beispiel herrscht viel grössere Rücksichtnahme, ein besseres Miteinander, die Autos halten mehr Abstand zu den Velofahrern. Hier dagegen passiert es mir häufig, dass ich auf dem Weg zur Passhöhe knapp überholt oder beinahe schon abgedrängt werde, als wollte man mir sagen: ‹Du hast hier nichts verloren.› Es gibt Pässe, die meide ich an Wochenenden, weil dann zu viele motorisierte Ausflügler unterwegs sind.»

«Autos überholen oft megaknapp»
Luana Yago, 11, Schülerin, Luzern
«Ich bin noch nicht so viel mit dem Velo unterwegs, wir machen erst im Mai die Veloprüfung in der Schule. Das heisst, den theoretischen Teil hatten wir schon – und ich war gut, ich machte keinen einzigen Fehler. Wenn ich Velo fahre, dann nur kurze Distanzen. Zum Beispiel in die Bibliothek. Das ist praktisch.
Aber ich habe Respekt vor dem Verkehr auf der Strasse. Ich weiss zwar, wie ich einspuren muss, ich weiss, was Rechtsvortritt heisst und was die Verkehrsschilder alle bedeuten. Aber in der Theorie ist alles viel einfacher. Auf der Strasse muss man sich irgendwie auf so viele Dinge zur selben Zeit konzentrieren, und alles ist in Bewegung, das ist ziemlich anstrengend. Und dann die Autos. Einmal bin ich rechts abgebogen und habe vergessen, die rechte Hand herauszuhalten. Sofort hupte hinter mir ein Auto. Ich bin so erschrocken, dass ich beinahe vom Velo gefallen bin, also wirklich! Dabei machen die ja auch Fehler. Und besonders viel Rücksicht auf die Velofahrer nehmen sie auch nicht, finde ich. Oft überholen sie megaknapp, als gäbe es gar keinen Velostreifen.»

«Man muss schnell reagieren können»
Marie Resch, 69, Rentnerin, Bülach
«Das Velo ist mein täglicher Begleiter: Ich brauche es zum Einkaufen oder wenn ich im Städtchen etwas erledigen muss. Man kommt halt schnell voran damit. Ausserdem bin ich Mitglied einer Velogruppe der Pro Senectute. Ich habe in jungen Jahren viel Sport getrieben, heute ist das Velofahren die ideale körperliche Betätigung für mich. Es schont die Gelenke und hält mich fit. Kurzweilig ist es auch – wir sind eine gute Gruppe. Wir lachen viel, es entstehen Freundschaften, und gleichzeitig entdecken wir neue Wege und neue Gegenden.
Wir sind meist auf ruhigen Strecken unterwegs. Auf stark befahrenen Strassen habe ich manchmal schon ein mulmiges Gefühl. Zum Beispiel wenn Lastwagen an mir vorbeidonnern und dabei in den Velostreifen hineinragen. Man muss bei der Sache sein und schnell reagieren können. Ich weiss nicht, ob die Autos früher vorsichtiger fuhren – es gab halt einfach viel weniger davon. Aber eigentlich muss ich sagen: Ich fühle mich auch heute sicher auf den Strassen. Ärgerlich ist nur, dass mancherorts Velostreifen fehlen. Und dass im Winter die Pflüge den Schnee direkt auf die Velostreifen schieben.»

«Ich fahre vielleicht offensiver, aber nicht verantwortungslos»
Stefan Fröhlich, 34, Velokurier-Europameister und Betriebsökonom, Zürich
«Niemand kann Waren und Dokumente in einer Stadt so schnell von einem Ort zum anderen transportieren wie ein Velokurier. Das ist der Grund, weshalb es uns überhaupt gibt. Es geht in diesem Job um Geschwindigkeit. Deshalb fahre ich als Kurier vielleicht offensiver als andere Velofahrer, aber ich fahre nicht verantwortungslos. Ich mache diesen Job jetzt 13 Jahre, wahrscheinlich war das erste Jahr das gefährlichste: Ich versuchte auszuloten, welche Verkehrsregel ich weniger streng befolgen konnte, um meine Sendungen schneller abzuliefern, gleichzeitig hatte ich mir meine eigenen Regeln noch nicht definiert.
Mittlerweile habe ich das. Ich weiss zum Beispiel genau, wann ich in den toten Winkel eines Autos oder eines Lastwagens gerate, und verhalte mich entsprechend. Alle meine Sinne sind wach. Wenn ich mal ein Rotlicht überfahre, mache ich das nicht aus Leichtsinn, sondern kalkuliert, ohne mich oder sonst jemanden zu gefährden. Um ehrlich zu sein: Bei manchen Ampeln ist es als Velofahrer klüger, man wartet nicht, bis sie Grün zeigt – man gerät sonst direkt in eine Blechlawine hinein. Ich schaue in die Autos hinein, versuche zu erraten, was der Lenker vorhat. Das ist wichtig, denn in Zürich sind viele Automobilisten unterwegs, die sich nicht gut auskennen. Sie sind einer Unmenge von Eindrücken ausgesetzt, fahren unsicher – und rechnen nicht mit einem Velofahrer, der plötzlich an ihnen vorbeischiesst. Ich glaube, wenn Velos abgedrängt werden, geschieht das selten aus Böswilligkeit. Eher aus Unsicherheit. Ich achte deshalb darauf, dass man mich gut wahrnimmt. In engen Strassen etwa fahre ich auch mal in der Mitte der Spur. So markiere ich Präsenz und kann riskante Überholmanöver abwehren.»
Die detaillierten kantonalen Zahlen der tödlichen Unfälle:
www.velojournal.ch/...
Radwegnetz: Basel schlägt Zürich
Ein Vergleich der Zweirad-Infrastruktur in den beiden grössten Deutschschweizer Städten zeigt: Basel bekennt sich sichtbar zum Veloverkehr, in Zürich findet er bloss statt.
Text: Daniel Benz
Stadt Basel

Einwohnerzahl: 167'000; Fläche: 24 km2, davon 6 km2 Verkehrsfläche, grösstenteils eben; Velorouten: rund 140 km; Anteil der Wegstrecken, die mit dem Velo zurückgelegt werden: 21 Prozent
Veloklimatest 2006*: Gesamtnote 3,72; bester Wert unter Schweizer Grossstädten
Einschätzung Benutzerin:
Kathrin Schweizer, Geschäftsführerin Pro Velo beider Basel:
Stärken: «Die Velorouten sind auch über lange Distanzen konsistent angelegt – man muss nicht ständig von der Strasse auf separate Wege oder gar aufs Trottoir wechseln. Das erleichtert die Orientierung.»
Schwächen: «Es hat noch Lücken im Netz. Und beim Bahnhof SBB mangelt es an Abstellplätzen.»
Einschätzung Verantwortlicher
Simon Kettner, Leiter Mobilitätsstrategie Kanton Basel-Stadt:
Stärken: «Unser Veloroutennetz ist gut ausgebaut und vor allem weitgehend zusammenhängend.»
Schwächen: «Verschiedene Routen sind zu wenig direkt geführt, was Umwege nötig macht.»Stadt Zürich

Einwohnerzahl: 380'000; Fläche: 92 km2, davon 12 km2 Verkehrsfläche; Velorouten: rund 340 km; Anteil der Wegstrecken, die mit dem Velo zurückgelegt werden: 7 Prozent
Veloklimatest 2006*: Gesamtnote 3,09; zweitschlechtester Wert unter den Schweizer Grossstädten (vor Lausanne, Note 2,99)
Einschätzung Benutzer
Dave Durner, Geschäftsführer Pro Velo Kanton Zürich:
Stärken: «Zuletzt gab es Verbesserungen bei der Signalisation der Velowege. Weitere Pluspunkte sehe ich keine.»
Schwächen: «Das Routennetz ist sehr heterogen – mal werden die Velos auf der Strasse geführt, dann wieder auf dem Trottoir. Und vor allem ist es ein Stückwerk: Knotenpunkte in der Innenstadt sind schwarze Löcher für Velofahrer. Dort, wo die Radstreifen am nötigsten wären, enden sie.»
Einschätzung Verantwortlicher
Urs Walter, Velobeauftragter Stadt Zürich:
Stärken: «Ein ziemlich ausgedehntes Routennetz, das alle Quartiere erschliesst.»
Schwächen: «Etliche Routen sind unzureichend markiert. Gute Sichtbarkeit ist in einer Stadt mit so viel Verkehr zentral.»
Die Expertensicht: Viel Erfahrung und günstige Bedingungen wirken sich aus
2002 überprüfte der Kanton Basel-Stadt die Qualität seiner Velopolitik in einem Bypad-Audit** – der erste Einsatz dieses Zertifizierungsverfahrens in der Schweiz. Schon einmal gab es eine Basler Premiere in Velofragen: 1944 beschloss der Regierungsrat, künftig – wenn überhaupt – nur noch Radstreifen zu markieren, statt separate Velowege zu bauen. «Das Ziel war Platz fürs Auto, aber gewonnen hat Basel dadurch über 65 Jahre Erfahrung mit Radstreifen. Andernorts wurden diese erst in den achtziger Jahren neu erfunden», so Bypad-Auditorin Ursula Lehner-Lierz, Geographin mit eigenem Beratungsbüro für Velopolitik.
Dieser Erfahrungsvorsprung ist für die Expertin auch ein Grund dafür, dass Basel als Velostadt gut aufgestellt ist. So etablierte sich in der Politik früh eine Velolobby, was dazu führte, dass nicht nur die Velopolitik gesetzlich verankert ist, sondern etwa auch die Qualität von Abstellplätzen in Wohngebäuden. Hinzu kommt die günstige Konstellation als Stadtkanton: «Politische und administrative Entscheidungswege sind kurz.»
Sichtbares Merkmal dieses profund aufgebauten Know-hows ist die konsequente Signalisation: Die Basler Radrouten sind klar und durchgängig markiert, auch an komplexen Kreuzungen. Ursula Lehner-Lierz: «Wenn
die Velofahrer merken, dass Platz für sie reserviert ist, gibt ihnen das Sicherheit.»
Von der Natur geschenkt bekommen haben die Basler einen weiteren Pluspunkt: Die flache Topographie ist mit ein Grund, warum in der Stadt ein Fünftel aller Wegstrecken mit dem Velo zurückgelegt wird.Die Expertensicht: Selbstgemachte Hindernisse und schlechte Voraussetzungen führen zum Chaos
2006 nahm die Stadt Zürich ihre Velopolitik mit der Bypad-Methode** unter die Lupe. Was Auditorin Ursula Lehner-Lierz auffiel: Auf dem Papier ist der Veloverkehr in der Mobilitätsstrategie «hervorragend verankert», doch harzt es oft bei der Umsetzung. Verwaltungsinterne Sachzwänge oder unterschiedliche politische Prioritäten in Stadt und Kanton liessen manch velofördernde Massnahme auf halbem Weg versanden.
Die Folge davon ist eine Infrastruktur, die in vielem bruchstückhaft ist. Anfangs säuberlich markierte Radstreifen fransen irgendwo aus, Velofahrer finden sich unvermittelt auf einem Trottoir wieder oder müssen sich ihren Weg über eine mehrspurige Kreuzung suchen. Laut Lehner-Lierz wird damit eine fundamentale Regel der Verkehrsführung nicht eingehalten: «Jeder Verkehrsteilnehmer muss jederzeit antizipieren können, wie der andere sich verhält.»
Ist das nicht der Fall, tun die Velofahrer das, was sie für richtig halten – mit entsprechenden Auswirkungen auf Sicherheit und Klima. «Das vielfach beklagte Rowdytum der Velofahrer ist die direkte Folge unklarer Verkehrsführung», ist die Fachfrau überzeugt.
Durch das enorme Verkehrsaufkommen, dem die Stadt aufgrund ihrer Grösse und Zentrumsfunktion täglich ausgesetzt ist, hat das Velo in Zürich ohnehin einen schweren Stand: Es macht nur gerade einen Vierzehntel des «Mobilitätskuchens» aus. Das engmaschige Tram- und Busnetz sowie die vielen Bergstrecken tragen ein Übriges dazu bei.
| * | Im Veloklimatest wurden rund 3000 Velofahrerinnen und -fahrer zur Qualität des Zweiradangebots in Schweizer Städten und Gemeinden befragt. Die Bewertungsskala reicht von 1 (sehr schlecht) bis 6 (sehr gut). |
| ** | Bypad (Bicycle Policy Audit) ist ein Instrument, mit dem die Qualität kommunaler und regionaler Velopolitik bewertet und verbessert werden kann. Bisher setzen über 130 europäische Städte und Regionen dieses Zertifizierungsverfahren ein. |
Anzeige:
© Beobachter Ausgabe 8 vom 14. Apr 2010 - Alle Rechte vorbehalten


