• Anzeige:

Euroweb

Wie KMU in die Falle tappen

Text:
  • Martin Müller
Bild:
  • Sandro Bäbler/Ex-Press
Ausgabe:
16/12

Versprochen wird «gratis» – doch dann kostet die Website oder das Werbevideo mehr als 20'000 Franken.

«Beim Besuch des Vertreters kam ich mir vor wie in einer Gehirnwäsche»: Gisela Keller von der Sägerei Keller, Unterstammheim

Gisela Kellers Vorsatz stand fest: «Ich unterschreibe sicher nichts, das kostet.» Der Vertreter 
einer Firma Euroweb hatte telefonisch angekündigt, seine Firma wolle die Website von Kellers Sägerei auffrischen. Und das komplett gratis, denn Euroweb wolle hierzulande aktiv werden und suche nach Firmen, die man dann weiteren Kunden als Referenz angeben könne.

Auch als der Vertreter dann Kellers Betrieb besuchte, war von Kosten nie die 
Rede. «Das Gratisangebot gelte aber nur, wenn ich sofort zustimme, sagte er», er­innert sich Gisela Keller, denn er müsse weiter zum nächsten Termin. «Ich kam mir vor wie in einer Gehirnwäsche.» Es war halb zwölf, und im Betrieb war noch jede Menge zu tun, da unterschrieb Keller und gab dem Vertreter eine Liste mit knapp 20 weiteren Betrieben in der Region, die 
interessiert sein könnten. «Ich sah zwar, dass da irgendwas von 400 Franken stand, aber ich meinte, es gehe um eine einmalige Aufschaltgebühr», so Keller.

Ein fataler Irrtum, denn laut Vertragstext muss Kellers Sägerei jetzt vier Jahre lang jeden Monat 
Fr. 453.60 bezahlen, total also fast 22'000 Franken. Dafür erstellt Euroweb eine Website, ein Kurzvideo sowie einen E-Mail-Newsletter über Kellers Sägerei, Hobel- und Leimwerk in Unterstammheim ZH.

Anzeige:

Die Firma ist «erstaunt»

Nach wenigen Tagen merkte Gisela Keller, dass die Sache erstens wohl ziemlich nutzlos und zweitens vollkommen überteuert ist. Sie sei getäuscht worden, der Vertrag daher ungültig, machte sie geltend. Doch Euroweb beharrt auf dem Vertrag.

Wie Gisela Keller geht es vielen Kleingewerblern; mehr als ein Dutzend von 
ihnen haben sich beim Beobachter-Beratungszentrum erkundigt, ob sie aus den ungewollten Verträgen aussteigen können. Ihre Schilderungen, wie die Verträge zustande gekommen sind, sind praktisch identisch. Bis Redaktionsschluss nahm 
Euroweb nicht zum Vorwurf Stellung, die Kunden gezielt zu täuschen.

Gleich zweimal hereingefallen ist Dominik Brun aus Luzern. Er unterschrieb bei Euroweb einen Vertrag für eine Website und bei Astramedia für ein Video, das für seine Firma werben soll, die auf Luftreinigungssysteme spezialisiert ist. Auch Astramedia versprach zunächst, das Video sei gratis – tatsächlich kostet es rund 16'000 Franken, in Monatsraten zu 330 Franken. Sehr viel Geld für ein 76 Sekunden dauerndes Werbefilmchen.

Astramedia bezeichnet sich als «erstaunt» dar­über, dass beim Beobachter zahlreiche Be­schwerden gegen die Firma vorliegen. Man habe vor anderthalb Jahren das Geschäftsmodell verändert, die Preise deutlich reduziert und sich von den «damals verantwortlichen Mitarbeitern vollständig getrennt», sagt Astramedia-Geschäftsleitungsmitglied Thomas Pfister. Astramedia ist eine in Pfäffikon SZ beheimatete interna­tional tätige Schweizer Firma mit Prominenz an der Spitze: Der neue Präsident des HC Davos, Gaudenz Domenig, sitzt ebenso im Verwaltungsrat wie Werner Dubach, ehemaliger Chef der Brauerei Eichhof.

Teure Anwälte eingeschaltet

Bei Euroweb hingegen handelt es sich um den Schweizer Ableger einer deutschen Firma. Gegen einen Garagisten aus dem aargauischen Seetal, der nicht bezahlen will, weil er sich getäuscht fühlt, geht Euroweb mittlerweile gerichtlich vor – und lässt dabei die Muskeln spielen: Euroweb hat eine der teuersten Anwaltskanzleien Zürichs mit dem Fall betraut; diese verlangt pro Stunde mindestens 600 Franken.

Das Bezirksgericht Zürich hat aber bereits in Aussicht gestellt, dass es der obsiegenden Partei eine Anwaltsentschädigung von höchstens 2400 Franken zusprechen wird. Für Euroweb wird damit der Prozess – ein Urteil fällt wohl erst im nächsten Frühling – mit Sicherheit zum Verlust­geschäft. Die Vermutung liegt deshalb ­nahe, dass es um einen Musterprozess geht. Gewinnt Euroweb, müssen wohl 
die übrigen Geschädigten ebenfalls mit Gerichtsverfahren rechnen.

Anzeige:

Anmelden oder registrieren, um Kommentare zu schreiben

  • Kommentar Formular

© Beobachter Ausgabe 16 vom 02. Aug 2012 - Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

created by snowflake productions gmbh