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Lauter faule Tricks

Text:
  • Doris Huber
Mitarbeit:
  • Giuseppe Botti
Bild:
  • Jupiterimages
Ausgabe:
2/02

«Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.» Irrtum. 75 Jahre Beobachter zeigen: Gruben graben, bringt Profit. Es gibt immer Gutgläubige, die vom grossen Geld träumen.

Lauter faule Tricks

«Achtung, Schwindel!» Ohne Umschweife warnt der Beobachter im September 1932 vor 18 Firmen und Personen. «Es sind so viele Schwindler, dass sich eine Einteilung in Kategorien lohnt», stellt er fest und nennt zum Beispiel «Rezepte für Nebenverdienst» oder den «An- und Verkauf von Adressen».

 

  1. Sie-haben-gewonnen-Trick
    70 Jahre später: Die Kategorie Adresshandel ist heute aktueller denn je. Denn Adressen, verbunden mit möglichst vielen Daten, sind für moderne Marketingstrategien viel Geld wert. Wie kommt man möglichst billig dazu? Zum Beispiel mit dem Trick «Sie haben gewonnen!». Früher hiessen die Absender Kurfürst- oder Herz-Versand, später Garantie- oder Janus-Versand, heute Friedrich Müller oder Medosan.

    Die Gewinnversprechen – Bargeld, Reisen, Autos – lassen gerade auch ältere Leute hoffen, endlich sei ihnen das Glück einmal hold. Falsch. Die Sprüche dienen dazu, die erwartungsfrohen Gewinner zu Bestellungen zu verleiten. Sie sollen sich mit allerlei Gewinnnummern und Lösungswörtern zurückmelden. Mit jeder Antwort lässt sich das vorhandene Adressmaterial korrigieren und ergänzen, worauf es im internationalen Adresshandelsgeschäft wieder gewinnbringend verkauft werden kann. So klingelt die Kasse dieser Firmen gleich doppelt.

  2. Gratis-Trick
    Wo es etwas gratis gibt, strömen die Menschen hin. Zum Beispiel zu einem Gratisessen. Dieses findet nicht deshalb statt, weil die Veranstalter Menschenfreunde sind. Sie wollen jene lockere Atmosphäre schaffen, in der sich Bettwaren, Schaumbäder oder Putzmittel verkaufen lassen.

    Auch beim Time-Sharing, einer Variante der Vermittlung von Ferienwohnungen, funktioniert der Gratistrick: Die Firmen Club Touristik und Viva Tours versprechen Gratisferien. Wer das Geschenk abholen will, tappt in die Falle. Mit hartnäckigen bis aggressiven Verkaufsmethoden werden die «Beschenkten» mürbe gemacht, bis viele den vorgelegten Vertrag unterschreiben. Das kostet sie manchmal mehrere tausend Franken.

  3. Schnäppchen-Trick
    Wenn schon nicht gratis, dann wenigstens mehr fürs Geld? Die Aussicht auf ein Schnäppchen scheint alle Umsicht auszuschalten. Wie sonst ist zu erklären, dass junge Passanten zum Bancomaten eilen, um die angeblich enorm günstigen Lautsprecherboxen von der Strasse weg zu kaufen? Warum glauben Hausfrauen und -männer der Geschichte vom Messe-Restbestand, aus dem Pfannensets anscheinend weit unter dem Wert zu erstehen sind?

    In Sicherheit wiegen sich auch jene Leute, denen Teppichhändler von Liquiditätsschwierigkeiten oder kranken Familienmitgliedern erzählen, so dass sie ihnen mit Tausenden von Franken unter die Arme greifen – scheinbar ohne Risiko, denn der Besuch lässt Orientteppiche als Pfand zurück. Aber das Pfand ist nicht so viel Geld wert, wie bezahlt wurde – genau wie bei den Lautsprecherboxen oder Pfannen.

  4. Schnelles-Geld-Trick
    Sich mit Tricks auf Kosten anderer bereichern: Solche Leute nennt man Bauernfänger. Doch die Gauner haben es nicht auf Bauern abgesehen – davon gibt es nicht mehr genug. Sondern auf Anleger mit hochfliegenden Renditeträumen – an solchen herrscht kein Mangel. Transaktionen mit Devisen, Wertpapieren oder Rohstoffen, Fonds- und Versicherungsprodukte werden angeboten – allesamt mit unglaublich hohen Renditen.

    Das hindert Laien nicht, selbst sauer verdiente Spargelder ohne Zögern fremden Händen anzuvertrauen. Die Aussicht auf rasche Geldvermehrung schaltet alle Sicherheitsvorkehren aus. Wer nach dem Risiko fragt, ist ein Spielverderber. Kein Wunder, haben Verlustfälle in den letzten Jahren massiv zugenommen.

  5. Nebenverdienst-Trick
    Schon vor 70 Jahren gab es «Rezepte für Nebenverdienste» – aber eben Schwindelrezepte. Ganz früher waren es Strickmaschinen, später Spielautomaten, mit denen Gutgläubige Geld verloren statt verdienten.

    In den siebziger Jahren berichtete der Beobachter erstmals von einem schneeballartigen Vertriebssystem – es hiess Holiday Magic. Inzwischen ist die Liste von mit grossem Brimborium lancierten und wieder zusammengefallenen Strukturvertrieben lang; auf ihr findet man neben vielen andern European Kings Club, GEM Collection, Z AG, Mega Star Business oder International Marketing Corporation.

 

Die Liste ist offenbar nicht abschreckend genug. Denn weiterhin gelingt es neuen Strukturvertrieben – moderner: Multi-Level-Marketing –, Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Versprechen hoher Gewinne zieht vor allem Personen mit tiefem Einkommen, Stellenlose oder Junge mit Mercedes-Träumen in den Bann. Am Ende bleiben Schulden, im schlimmeren Fall Strafverfahren. Denn das Anwerben von neuen Teilnehmenden in pyramidenähnlichen Systemen ist strafbar.

 

Warum, fragt man sich, funktionieren sie immer wieder, diese Tricks? Weil der Traum vom sorgenlosen Leben, von der Villa mit Umschwung, dem schnellen Auto, dem Swimmingpool, den immer währenden Ferien am Palmenstrand nie ausgeträumt ist. Er macht empfänglich für kleine und grösste Geldverheissungen. Er lässt uns vernünftige Ermahnungen in den Wind schlagen.

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© Beobachter Ausgabe 2 vom 25. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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