Ernährung
Die Kalorienzeitbombe
Übergewicht könnte Nikotinsucht bald als Volkskrankheit Nummer eins ablösen – die Folgen von Fettleibigkeit kosten die Schweiz 2,5 Milliarden Franken pro Jahr. Fettsteuer oder Werbeverbote für ungesunde Nahrung werden diskutiert – die Industrie gerät unter Druck.

(Bild: Agentur Gettyimages)
Nebenartikel
«Georgia Green» ist eine Flasche und mit Sicherheit die berühmteste der Welt. 1916 in Amerika entworfen, war sie von Anfang an mehr als ein Behältnis für ein kohlensäurehaltiges Getränk mit unbekannter Rezeptur namens Coca-Cola. Stardesigner Raymond Loewy sah in ihr in den sechziger Jahren nicht weniger als die «perfekteste Verpackung mit dem unwahrscheinlich weiblichen Appeal».
Vier Jahrzehnte später wirken die bis vor wenigen Jahren handelsüblichen 19-Zentiliter-Cola-Fläschchen wie Miniaturen aus dem Musterkoffer des Brausevertreters. Cola und Co. zieht sich der Konsument längst halbliterweise aus dem Automaten. Und das Familiengebinde wurde von einem auf zwei Liter hochgefahren. «Georgia Green» ist im Lauf der Zeit mächtig ausser Form geraten – wie ihre Kundschaft auch.
Für den Ernährungsbiologen Caspar Wenk sind Süssgetränke einer der Hauptgründe für die stetige Gewichtszunahme der Bevölkerung: «Mit den Soft Drinks können Unmengen von Kalorien konsumiert werden, ohne dass es zu einer Sättigung kommt.» Der Verbreitung der prickelnden Limonaden folgt unweigerlich die Verbreiterung der Konsumenten. Laut dem ETH-Professor haben Untersuchungen in den USA gezeigt, dass die Zahl von Getränkeautomaten mit Übergewichtigkeit korreliert.
Jedes fünfte Kind ist zu schwer
Und tatsächlich, die Schweizer Bevölkerung ist längst mehr als gut im Saft. Bereits ist jedes fünfte Kind zu schwer, eines von 14 Kindern ist dick (adipös). Bei den Erwachsenen sind bald 40 Prozent übergewichtig (siehe Nebenartikel «Body-Mass-Index: 40 Prozent übergewichtig»). Die Gewichtstendenz kennt seit einigen Jahren nur eine Richtung: steigend, und zwar schnell. Hochrechnungen zeigen, dass wir bald in Sachen Fettleibigkeit selbst die Vereinigten Staaten einholen werden.
«In den USA werden in diesem Jahr erstmals mehr Menschen an den Folgen der Fettleibigkeit als an den Folgen des Rauchens sterben», sagt Michael Beer vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Das werde in der Schweiz auch so kommen.
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Grössere Portionen, mehr Verzehr
«Big is beautiful», aber nur aus Sicht der Anbieter. Die Nahrungsmittelindustrie setzt nicht nur bei den Süssgetränken auf Family-Values: Ob Tiefkühlpizza für die ganze Familie, Chips in der Jumbotüte oder Schokoriegel im Multipack, stets darfs ein bisschen mehr sein. Der gefrässige Kunde wird mit einem entsprechenden Mengenrabatt belohnt.
Wer glaubt, auf diese Weise sparen zu können, bezahlt das mit Übergewicht. Studien belegen, dass grössere Verkaufsportionen zu grösserem Verzehr führen. Der Industrie kann es recht sein. Schliesslich produziert sie ein Mehrfaches von dem, was wir essen können. Nichts bleibt deshalb unversucht, die Ware buchstäblich an den Mann, die Frau oder das Kind zu bringen. Preisgestaltung, Werbung und Marketing tragen dazu bei, dass wir über den Hunger hinaus zugreifen.
Die zunehmende Energiedichte der Nahrung macht dem nimmersatten Konsumenten ausserdem schwer zu schaffen. Denn selbst die grössten Kalorienbomben sättigen oft nicht, weil das Volumen fehlt. «Ich hatte immer Hunger», erinnert sich Johannes Hirzel (Name der Redaktion bekannt) an sein Leben als Übergewichtiger. Er hatte keine Zeit zum Kochen und verpflegte sich ausser Haus. Und da standen fast nur Sündenfälle auf dem Speiseplan. Hirzel konnte an keinem McDonald’s vorbeifahren, ohne anzuhalten.
«Fast-Food-Ketten ziehen gar nicht in Betracht, fettarm zu kochen», sagt er heute und fordert eine Kaloriendeklaration: «Wer weiss schon, dass er mit einem Tiramisu seinen ganzen Tagesbedarf an Fett zu sich nimmt?» Mit 17 brachte Hirzel 129 Kilo auf die Waage. Inzwischen hat er sich ein Magenband anbringen lassen. «Fast Food ist einfach zu billig und zu gut», klagt Hirzel. Noch heute fällt es ihm schwer, der Versuchung zu widerstehen.
Biologisch gesehen muss sich Hirzel nichts vorwerfen. Bei der Nahrungsaufnahme funktioniert der heutige Mensch noch wie ein Neandertaler. Wir bunkern Nahrung, wenn sie vorhanden ist, um uns für schlechtere Zeiten zu wappnen. Nur müssen wir nicht mehr kilometerweit wandern, um Verwertbares zu beschaffen. Meist reicht der Gang zum Kühlschrank. Wenns hoch kommt, gehts zur Imbissbude oder an den Automaten um die Ecke.
Dabei wäre die Sache mit dem Körpergewicht ganz einfach: Man nimmt nicht mehr Kalorien zu sich, als man verbrennt, und ernährt sich ausgewogen mit viel Gemüse und Früchten, wenig Fleisch, Fett und Süssigkeiten. Gegen den Durst gibts Wasser. Dazu regelmässig Bewegung.
Die meisten halten es jedoch umgekehrt, wie die 14-jährige Silja Köhler. Sie verbrachte jeden schulfreien Nachmittag vor dem Fernseher. Der körperliche Ruhezustand wurde einzig durch häufige Nahrungsaufnahme unterbrochen: «Ich ass aus purer Langeweile», sagt sie. Vermutlich aber auch, weil sie permanent dazu aufgefordert wurde.
«Ein Patient von mir hat sich die TV-Werbung einmal angeschaut und an einem Tag über 200 Werbebotschaften für Essen gezählt», so der Arzt und Ernährungsspezialist Fritz Horber. Eine griechische Studie wies nach, dass Jugendliche umso dicker sind, je mehr sie fernsehen. In England wurde die TV-Werbung für Junkfood deshalb eingeschränkt. Präventivmediziner fordern das Gleiche auch für die Schweiz.
Die Gründe fürs Abspecken sind keineswegs nur ästhetischer Natur. Die Folgen von Fettleibigkeit kosten uns laut einer Studie des BAG rund 2,5 Milliarden Franken jährlich. Übergewicht ist inzwischen als Ursache von unzähligen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und verschiedenen Krebsarten erkannt.
«Diäten machen nur dick»
Da alle bisherigen Versuche, mit Information und Prävention das Dickwerden zu verhindern, kaum etwas gebracht haben, werden die Rufe nach Verboten immer lauter. Fritz Horber: «Alle Rezepte und Konzepte der vergangenen 40 Jahre haben versagt. Ich kenne keine Krankheit, bei der die Heilungsrate nur fünf Prozent beträgt wie bei Adipositas (Fettleibigkeit).»
Laut Horber sind deshalb neue, radikalere Ansätze gefragt: «Werbung für Diäten ist ein Unsinn und sollte verboten werden. Diäten machen nur dick.» Die als Schlankmacher angepriesenen Lightprodukte bewirken, dass der Blutzuckerspiegel sinkt und Heisshunger entsteht.
«Der direkte Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit wird immer klarer», sagt Stephan Sigrist vom Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI), der sich mit heutigem und zukünftigem Essverhalten befasst. «Die Foodindustrie muss sich ihrer Verantwortung bewusst werden, der Entscheid für einen gesunden Lebensstil liegt aber letztlich beim Konsumenten.»
Der Druck auf die Industrie wächst. In Rundtischgesprächen versuchen Gesundheitsexperten, sie in die Pflicht zu nehmen, gesündere und weniger energiedichte Nahrung anzubieten.
In der Schweiz lehnte der Bundesrat den Vorschlag, eine Fettsteuer einzuführen, vor einigen Monaten zwar noch ab. Die Idee hätte ohnehin zu kurz gegriffen. Denn fettreiche Nahrung ist nur eine Komponente des Dickwerdens. Immer häufiger sind es die Kohlenhydrate, die in Unmengen gebunkert werden. Sinnvoller als eine Fettsteuer wäre eine Kaloriensteuer. In Schweden diskutiert man aber bereits, ob man den Mehrwertsteuersatz auf energiedichter Nahrung anheben soll.
Das würde auch Horber begrüssen: «Ich bin dafür, dass es eine Steuer auf der Energiedichte gibt und gleichzeitig Abzüge für nachgewiesene Bewegung. Dann würde vielleicht ein Schokoriegel sechs Franken kosten und ein Rüebli nichts.»
Doch bis eine solche Steuer in die Praxis umgesetzt wird, vergehen Jahre. Fachleute geben sich da keinen Illusionen hin. Der Kampf gegen die Fettleibigkeit wird lange und beschwerlich sein, er muss aber jetzt beginnen. «Wir haben es mit einer Zeitbombe zu tun, eine Lösung haben wir aber noch nicht», stellt Michael Beer vom BAG fest.
Allen ist klar, dass man bei den Kindern ansetzen muss, denn einmal eingeschliffene Essgewohnheiten lassen sich kaum korrigieren. Matthias Egger, Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern, will deshalb «die Verkaufsmaschinen für Soft Drinks, Schokoriegel und andere stark kalorienreiche Nahrung an Schulen verbieten oder andere Inhalte anbieten, wie etwa Früchte».
Nebst der Kaloriensteuer werden auch Deklarationspflicht und Werbeeinschränkungen für dick machende Nahrung diskutiert. Mitte Dezember hat Nationalrätin Ruth Humbel eine entsprechende Motion eingereicht. «Milchriegel sollen nicht mehr als gesund angepriesen werden dürfen.» Auch BAG-Mann Beer will hier ansetzen: «Sofern der politische Wille vorhanden ist, können wir uns auch Werbeeinschränkungen vorstellen, wie sie die WHO vorschlägt.»
Rüben und Fenchel kontra Schokoriegel
Bis Massnahmen praxisreif sind, zählt die Eigeninitiative: Anita von Ah, Kindergärtnerin im Zürcher Kreis 5 mit vielen Immigrantenkindern, führt seit neun Jahren einen «organisierten Znüni» durch. Jede Woche ist dort ein anderes Kind Znünichef, den Eltern wird auf einer Liste mitgeteilt, welche Früchte und Gemüse sie für eine Woche einkaufen müssen. Anita von Ah hat etliche Nachahmerinnen gefunden (siehe Nebenartikel «Kochschule: Rüebli-RS für Knirpse»). Wichtig sei, dass es schmackhaft zubereitet ist. «Kinder haben Freude daran, Neues zu entdecken», sagt sie und schickt gegen Knoppers, Milchschnitte und Snacketti wirkliche exotische Produkte wie Fenchel und Rote Rüben ins Rennen um die Gunst der Kinder.
© Beobachter Ausgabe 1 vom 06. Jan 2005 - Alle Rechte vorbehalten







