Familie: Die Rolle der Väter ist alles andere als ein Kinderspiel
Die Kinder zehn Minuten morgens, zehn Minuten abends. Dazwischen nichts als Termindruck und Überstunden. Die Kombination von Familie und Job ist der gordische Knoten in männlichen Biografien – doch er lässt sich lösen.

Nebenartikel
Das Kind kommt jeden Moment zur Welt, zeigt bereits sein Köpfchen. Doch der Vater zeigt sich nicht: Gerda Volkart ist bei der Geburt ihrer Tochter allein. Ihr Mann Roman musste an eine «lebenswichtige Sitzung». Im Wettlauf um Erfolg und Karriere ging die Familie wieder einmal leer aus. Und wie schon so oft plagen den 39-jährigen Kaufmann Schuldgefühle: Er weiss, dass er zwar seinen Job rettet, dafür aber seine Familie aufs Spiel setzt. «Ein totaler Scheisskreislauf», jammert er vor Freunden. «Aber was soll ich bloss machen?»
Ähnliche Szenen spielen sich Tag für Tag überall in der Schweiz ab. Männer verstricken sich im Seiltanz zwischen Karriere und Kindern. Sie fühlen sich körperlich und geistig ausgepumpt. Wie Roman Volkart, der offen zugibt: «Ich laufe auf dem letzten Zacken.» Frühmorgens, wenn er ins Büro geht, schlafen die Kinder noch. Und oft kommt er erst spätabends zurück, wenn sie bereits wieder im Bett liegen. So wird der Vater zur «Vatermorgana».
Druck in der Firma Druck daheim
Irgendwann, so befürchtet Volkart, werden ihn seine Kinder nicht mehr richtig kennen «falls es meine Frau überhaupt noch so lang aushält». Schliesslich sei sie fast so etwas wie eine allein erziehende Mutter. Auch dies entspricht dem Normalfall. «Die Mehrheit der Schweizer Mütter ist mehr oder weniger allein erziehend», sagt der Soziologe Francois Höpflinger. Statt der Familie steht für die meisten Väter die Firma im Mittelpunkt. Gesund ist diese Zerreissprobe nicht: «Die Krisenanfälligkeit der Familien nimmt zu», konstatiert der Zürcher Familientherapeut Werner Eugster. «Fast immer hat das mit der Unzufriedenheit der Frauen und auch der Kinder mit ihren Vätern zu tun.»
Was ist los mit den Männern? Sie fühlen sich nicht nur mehr und mehr unter Druck, sie sind es tatsächlich. Am Arbeitsplatz, ihrer Domäne, sowieso. Doch inzwischen drängen die Frauen vehementer. Sie verlangen, dass ihre Männer mehr Familienarbeit übernehmen. Passiert das nicht, drohen viele Beziehungen zu scheitern. Kein Wunder, fühlen sich Familienväter derart gestresst. Kommt dazu, dass viele von ihnen auch stark darunter leiden, zu wenig Zeit für die Familie zu haben.
Andere dagegen werden von ihren Ehefrauen stillschweigend oder ausgesprochen dazu ermuntert, sich im Beruf voll reinzuhängen. Klappt das nicht wie gewünscht, sind Spannungen programmiert. Als Reaktion auf ihre Versagerängste verstärken viele Männer ihr berufliches Engagement und damit die Stresssymptome. Die Geborgenheit der Familie ist derart gebeutelten Männern jedenfalls fremd. Genauso wie den Kindern die Nähe und Vertrautheit des Vaters. Der sagt zwar: «Ich wäre gern mehr bei den Kindern, aberÉ»
Die Strukturen verlangen Vollzeit
Was die Lage der Männer nicht leichter macht: Ihre inneren Widerstände, alternative Wege zu gehen, werden von den gesellschaftlichen Strukturen unterstützt. Teilzeitarbeit und Kinderbetreuung haben bei Männern ein schlechtes Image. «Teilzeitarbeit war ursprünglich eine Arbeitsform für berufswillige Mütter, und so wird sie von der Mehrheit noch immer verstanden», erklärt Daniel Huber, Fachmann und Berater für Teilzeitfragen beim Luzerner «Verein undÉ». Das System ist weiterhin auf Vollzeit ausgerichtet. Bei Frauen war man schon immer bereit, Teilzeit zu tolerieren. Bei Männern nicht. «Teilzeit ist ein Karrierekiller», sagt Huber. Kein Wunder, sind so wenige Männer daran interessiert.
An guten Modellen fehlts nicht
Paradox ist, dass viele Firmen längst eingesehen haben, dass in der Teilzeit ein riesiges Potenzial steckt. Aktuelle Studien belegen: Teilzeitmitarbeiter sind billiger, leisten aber mehr, sind motivierter und bleiben länger im Betrieb. Sie sind in aller Regel ausgeruhter, effizienter und zufriedener. Die Führungskräfte in den Unternehmen wissen das, aber sie werden nicht aktiv. Warum nicht? «Weil sie damit grundsätzliche Fragen stellen und klären müssten», glaubt Daniel Huber. Dazu gehören in erster Linie die Gleichstellung von Mann und Frau in Lohn- und Versicherungsfragen, aber auch Betreuungsangebote für Kinder und flexible Arbeitszeitmodelle.
Und nicht zuletzt geht es um ein positives Image von Familienarbeit. Hier wird deutlich, wie komplex das Problem wirklich ist: Das Selbstverständnis der Männer kommt ins Wanken. Ein Strukturwandel ist denn auch mit der Situation der Entscheidungsträger verknüpft, und zwar auf sehr persönlicher Ebene: Die Diskussion um andere Arbeitsmodelle für Männer konfrontiert einen Chef oder Politiker auch mit seiner eigenen Rolle als Familienmann und Partner. Und hat er die nicht geklärt, wird er kaum Verhältnisse schaffen wollen, die ihn täglich an sein Unbehagen erinnern.
Dabei gibt es durchaus Lösungen. «Modelle für Männer, Beruf und Familie zu vereinbaren, gibt es genug», sagt Daniel Huber. Entscheidend sei aber eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen. Ein Mann sollte in seiner Lebensplanung klären, was er will in Bezug auf Partnerschaft, Familie und Beruf. «Viele Männer weichen dem aus und agieren drauflos, ohne sich über ihr Rollenverständnis Gedanken zu machen.»
Fazit: Obwohl die Rahmenbedingungen für ein neues Rollenverständnis des Mannes immer noch zu wünschen übrig lassen, gibt es viele ermutigende Modelle von familienfreundlicher Berufsarbeit und zwar für Männer und Frauen. Entscheidend ist die Haltung des Einzelnen: Es gilt, eindeutige Prioritäten zu setzen. Der Zürcher Unternehmensberater Klaus Stöhlker sagte es kürzlich in seinem Vortrag «Ruiniert die Arbeit die Familie?» so: «Erwarten Sie nicht zu viel von der Politik! Kümmern Sie sich in erster Linie um Ihre Familie und in zweiter Linie um Ihre Firma.»
© Beobachter Ausgabe 4 vom 16. Feb 2001 - Alle Rechte vorbehalten







