• Anzeige:

  • Anzeige:

Familie: Fremde Wesen im Kinderzimmer

Text:
  • Udo Theiss
Ausgabe:
3/01

Jugendliche gehen spielend um mit Internet und SMS, die Eltern tun sich oft schwer damit. Dadurch erhält der Generationenkonflikt eine völlig neue Dimension.

Dicke Luft im Raucherabteil des Regionalexpresses von Bern nach Basel: Ein etwa 18-Jähriger reichert den dichten Zigarettenrauch mit süsslichen Haschdämpfen aus einem kapitalen Joint an. Dazu nickt er unentwegt mit dem Kopf zu den wummernden Rhythmen aus dem Kopfhörer seines Walkmans und tippt konzentriert Kurzmeldungen auf dem Handy. Jetzt wird es den beiden älteren Herren, die dem Jugendlichen gegenübersitzen, zu bunt: «Komm, wir setzen uns woanders hin», sagt der eine Senior. Aber nicht etwa, weil er sich durch die Haschdämpfe belästigt fühlt: «Ich ertrage diesen Elektronikschnickschnack nicht.»

Erwachsene stossen an Grenzen
Das Problem ist bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts aus den USA bekannt. Wenn die Kinder von Einwandererfamilien in völlig anderen Kulturen sozialisiert werden als die Eltern, sind die Konflikte programmiert. Doch heute müssen die Eltern nicht mehr aus Ostanatolien oder dem Sudan stammen, um ihre Kinder, die in Zürich oder Basel aufwachsen, nicht mehr zu verstehen. Vielen Schweizer Eltern kommt es vor, als würden sich die Kleinen in ihren Kinderzimmern zu fremdartigen Wesen entwickeln.

Es ist seit jeher so, dass Erwachsene mit der Musik, der Kleidung, den Hobbys und den Umgangsformen der Heranwachsenden ihre liebe Mühe haben. Aber heute ist diese Entfremdung keine vorübergehende, rebellische Phase mehr. Die Jugendlichen von heute leben nicht nur in ihrer Fantasie und ihrer Subkultur in einer komplett anderen Welt als ihre Eltern, sondern auch in der Realität.

«Gerade durch die rasante Entwicklung der neuen Medien haben Erwachsene grosse Schwierigkeiten, Kinder und Jugendliche zu verstehen», sagt Nathalie Bucher, Psychologin und Mitautorin einer Untersuchung über die Familiensituation in Basel. «Wer im Beruf nicht mit Computer und Internet arbeitet, hat gegenüber seinen Kindern ein Wissensdefizit.»

Tatsächlich ist der Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln und Medien für Jugendliche meist selbstverständlich. Auch wer daheim keinen Computer und Internetanschluss besitzt, kann problemlos im Jugendhaus, im Spielsalon, bei Freunden oder im Internetcafé surfen und spielen. Schon nach wenigen Tagen nutzen Jugendliche zwanglos Funktionen auf dem Handy, von denen erwachsene Mobiltelefonierer nach Jahren noch nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Laut einer Umfrage der «Sonntags-Zeitung» wissen über 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht, was UMTS, WAP oder MP3 bedeuten. Und die Hälfte der Bevölkerung hat keine Ahnung, was ein Modem ist. Die Mehrheit der Ahnungslosen sind Erwachsene.

Dunkelmänner im Cyberspace
Schon früher haben technische Neuerungen wie Dampfmaschine und Verbrennungsmotor oder historische Grossereignisse wie Kriege und Revolutionen Generationen voneinander entfremdet. «Aber», sagt Nathalie Bucher, «die Umwälzungen finden immer schneller statt.»

Auch Anna Flury Sorgo, Psychologin beim Elternnotruf in Zürich, betont, dass die Entfremdung zwischen den Generationen zwar nichts Neues sei, aber das Ausmass zuweilen problematisch wird: «Der schnelle Wandel der Lebensumstände verunsichert die Eltern. Gerade im Umgang mit Computer und Internet fragen sich viele: Was ist nötig? Was ist in Ordnung? Und was ist schon nicht mehr normal?»

Anna Flury Sorgo glaubt, dass die Eltern von heute den Kindern grösseres Verständnis entgegenbringen und die Sorgen des Nachwuchses ernster nehmen als früher. Aber gleichzeitig seien sie immer häufiger mit Situationen konfrontiert, in denen sie nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen können: «Viele Eltern haben selber Erfahrungen mit Haschisch gemacht und reagieren entsprechend entspannter, wenn ihre Kinder Hasch rauchen. Aber wenn sie bei den Jugendlichen Pillen und Pflanzen finden, von denen sie noch nie etwas gehört haben, sind sie hilflos.»

Mit dem Medienverhalten ist es ähnlich. Nach den Erkenntnissen der Elternnotruf-Psychologin wird der Fernsehkonsum der Kinder durch die Eltern recht streng kontrolliert. Aufgeschreckt durch die unzähligen Medienberichte, achten die meisten Eltern peinlich genau darauf, dass sich ihre Kinder nicht zu viel und vor allem keine ungeeigneten Programme anschauen. «Aber mit dem Internet entstehen neue, unkontrollierbare Räume. Das verunsichert die Eltern zu Recht.»

Anna Flury Sorgo weiss aus ihrer Beratungstätigkeit, «dass zum Beispiel Pädophile immer wieder über Chatforen Kontakt aufnehmen mit Kindern und Jugendlichen». Während die Gewaltdarstellungen im Fernsehen irreal und abstrakt bleiben, kommunizieren die Kinder im virtuellen Raum mit realen Pädophilen, Satanisten, Rechtsextremen und anderen beängstigenden Dunkelmännern.

Elterliche Panik ist unbegründet
Laut Schätzungen stehen heute bereits über eine Million Computer in Schweizer Haushalten; jeder zweite Haushalt mit Kindern verfügt über einen Computer. Und die Hälfte sämtlicher Computerprogramme, die weltweit produziert werden, richten sich an Kinder und Jugendliche. Die Erwachsenen setzen sich mehrheitlich mit dem Computer auseinander, weil sie müssen. Und nicht selten beschleicht sie dabei eine diffuse Angst. Für Kinder und Jugendliche ist die Konfrontation mit dem Neuen und Unbekannten spannend und interessant.

Die Erwachsenen hingegen neigen zu Vorsicht und offener Ablehnung. Auch wenn die Sorgen der Eltern laut Anna Flury Sorgo berechtigt sein können, bestehe kein Grund zur Panik. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der Computer von Jugendlichen zwar mühelos in den Alltag integriert, aber nicht zum bestimmenden Element wird.

Kinder geben Nachhilfeunterricht
«Meine Erfahrung zeigt, dass Kinder viel vernünftiger sind, als die Erwachsenen allgemein glauben», erklärt Anna Flury Sorgo. «Warum sich nicht vom Sohn oder der Tochter erklären lassen, was man an ihren Lebensumständen nicht versteht? Und bei Problemen kann man durchaus auch zusammen mit den Kindern nach einer Lösung suchen.»

Auch Nathalie Bucher sieht das so: «Es geht nicht darum, von vornherein zu wissen, was gut ist für das Kind und was nicht.» Die Psychologin empfiehlt den Eltern, sich auch von den Kindern erklären zu lassen, was sie nicht verstehen. «Man kann ja interessiert, aber wertfrei fragen, wie ein SMS funktioniert oder um was es bei einem Computerspiel geht. Die Kinder möchten die Erwachsenen nämlich gern an ihrer Welt teilhaben lassen.»

© Beobachter Ausgabe 3 vom 02. Feb 2001 - Alle Rechte vorbehalten

  • SOS Beobachter

    Helfen Sie Menschen in Not mit Ihrer Spende.

    spenden

  • Beobachter-Assistance

    Jetzt Kostenübernahme bei Rechtsfällen sichern!

    Mehr Infos


    Versicherungsbedingungen
    Download (PDF 56 kb)

  • Sparziel Rechner

    Sparziel-Rechner

    Sparen! Aber wie? Mit dem Sparziel-Rechner wissen Sie wie lange, wie häufig oder wie viel Sie sparen müssen, um Ihre Wünsche zu erfüllen.

    jetzt sparen

  • Konsumforum

    Hier geben sich kritische Konsumentinnen und Konsumenten gegenseitig Tipps und Ratschläge und tauschen Erfahrungen aus.


    zum Forum

created by snowflake productions gmbh