Handy-TV

Fussballfreie Zone? Gibt es nicht!

Text:
  • Markus Koch
Bild:
  • Nokia
Ausgabe:
12/08

Der neue TV-Standard DVB-H sendet Bilder direkt aufs Handy. Die Sache hat nur einen Haken: Der mobile Fernsehspass ist teuer. Es gibt aber auch günstigere Möglichkeiten.

(Bild: Nokia)

Wer schafft es ins Finale? Ist die Schweiz noch dabei? Vor den letzten Gruppenspielen der Europameisterschaft steigt beim Fussballfan die Spannung - aber auch die Angst: Was, wenn man kurz vor Anpfiff im Verkehr stecken bleibt, die Lokführer streiken, die Kinder unbedingt an der Thur grillieren wollen oder die Liebste auf Beziehungsarbeit auf einer romantischen Alp besteht?

Dass es in der ganzen Schweiz derzeit kaum einen fussballfreien Ort gibt und überall Live-Übertragungen über die Bildschirme flimmern, kann den Aficionado kaum beruhigen. Allein die Vorstellung, nägelkauend im TV-Niemandsland zu hocken und nicht zu wissen, was auf dem heiligen Rasen passiert, kann die Vorfreude vergällen.

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Neues Sendernetz für die Euro-Städte

Ein Heilmittel gegen diese TV-Pampa-Phobie verspricht die neuste Entwicklung der Mobilfunkindustrie: Handy-TV. Rechtzeitig zum sportlichen Grossanlass hat Swisscom das Sendernetz DVB-H in Betrieb genommen. DVB-H steht für «Digital Video Broadcasting - Handhelds» und bringt Fernsehen in hoher Bild- und Tonqualität aufs Mobiltelefon, so dass man auch fernab jeder Steckdose dem Spiel folgen kann. Allerdings ist in der Schweiz derzeit nur ein einziges Handymodell erhältlich, das DVB-H-tauglich ist: das Breitbildschirm-Handy Nokia N77.

Zudem ist das DVB-H-Signal nur in den vier Euro-Städten Zürich, Basel, Bern und Genf sowie in Lausanne zu empfangen. Wer ausserhalb dieser Orte in eine DVB-H-freie Zone gerät, guckt buchstäblich in die Röhre. Auch sind die Kosten mit zwei Franken pro Tag Fernsehempfang oder 16 Franken im Monat plus 500 Franken (ohne Vertrag) für das neue Handy beträchtlich.

Nationale Sender zum Nulltarif

Mit Abstrichen bei der Bild- und Tonqualität stellt die digitale Funktechnologie aber weitere Möglichkeiten für den mobilen TV-Konsum bereit. So bieten alle drei Funknetzbetreiber über ihren mobilen Internetdienst den Fernsehempfang auf dem Handy an. Je nach Anbieter hat man dabei eine Auswahl von 16 bis 44 Sendern. Das Netz DVB-H dagegen überträgt derzeit lediglich 20 Kanäle.

Voraussetzungen für den Empfang der TV-Signale aus dem mobilen Internet sind ein Handy mit der Datenfunktechnik UMTS/HSPA und ein Abovertrag bei Swisscom, Orange oder Sunrise. Swisscom verlangt für diese Dienstleistung gleich viel wie für das DVB-H-Angebot, die Preise von Sunrise und Orange sind ähnlich. Da die Schweiz zu gut 80 Prozent mit UMTS/HSPA-Netzen abgedeckt ist, minimiert sich mit dieser Lösung die Gefahr, in ein TV-Loch zu fallen. Wem das aber nicht reicht, der kann mit DVB-T - T für Terrestrial - auf Nummer sicher gehen. Und das erst noch zum Nulltarif.

Dieser digitale TV-Standard hat letzten Herbst das analoge TV-Signal als Technik für die Fernsehgrundversorgung der Schweiz abgelöst. Seither können mit DVB-T-Empfängern und kleinen Stabantennen in fast jedem Krachen die nationalen Sender gesehen werden. DVB-T-Empfänger sind so klein, dass sie in daumengrossen Sticks für den USB-Anschluss am Computer Platz finden. So kann man jeden Laptop in einen mobilen Fernseher verwandeln. Auch einige Multimedia-Player haben DVB-T an Bord. Seit die Fussball-EM läuft, findet man sie ab 300 Franken vermehrt in Fachgeschäften und Online-Shops.

Rechtzeitig zur Euro haben auch die ersten DVB-T-fähigen Handys den Weg in die Schweiz gefunden. So bietet Mobilezone seit Anfang Juni das Modell HB620T von LG Electronics an, und in Internetshops kann man das Samsung SGH-P960 bestellen. Beide Geräte erinnern mit ihren ausklappbaren Stabantennen an Transistorradios von früher, die man sich während wichtiger Spiele ans Ohr drückte. Heute hält man sie sich vor die Nase, den pixelkleinen Ball auf dem Minibildschirm mehr ahnend denn sehend. Aber man ist live dabei und nicht in der TV-Pampa.

Mobil fernsehen: Das sind die Möglichkeiten

 

  • Mobiles Internet

    Beschreibung: TV-Empfang über die Internetdienste der Netzanbieter Swisscom, Sunrise und Orange; reduzierte Bild- und Tonqualität; Anzahl Sender: 16 bei Sunrise, 30 bei Swisscom, 44 bei Orange

    Kosten: bei Swisscom 2 Franken pro Tag oder 16 Franken pro Monat; bei Sunrise Fr. 2.95 pro Tag oder 12 Franken pro Monat; bei Orange Fr. 1.50 pro Stunde oder 16 Franken pro Monat

    Voraussetzungen: UMTS/HSPA-fähiges Handy und UMTS/HSPA-Empfang (Netzabdeckung je nach Anbieter zirka 60 bis 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung)

    www.swisscom-mobile.ch/...
    www.sunrise.ch/...
    www.orange.ch/...


  • DVB-H

    Beschreibung: TV-Standard für mobile Geräte, hohe Bild- und Tonqualität, 20 Sender
    Kosten: 2 Franken pro Tag beziehungsweise 16 Franken pro Monat

    Voraussetzungen: DVB-H-fähiges Handy (Nokia N77) mit Swisscom-Abo und DVB-H-Empfang (derzeit nur in Zürich, Basel, Bern, Genf und Lausanne)

    www.swisscom-mobile.ch/...
    www.nokia.ch/n77
    www.wikipedia.org/wiki/Mobiles_Fernsehen


  • DVB-T

    Beschreibung: Standard für terrestrischen TV-Empfang, zwei bis fünf SRG-Kanäle

    Kosten: gratis

    Voraussetzungen: Multimedia-Player oder Handy mit integriertem DVB-T beziehungsweise ein DVB-T-Empfänger für den USB-Anschluss am Laptop und DVB-T-Empfang (nahezu flächendeckend)

    www.digitalesfernsehen.ch/versorgungskarte
    www.wikipedia.org/wiki/DVB-T

© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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