Haustausch
My home is your castle
Wer sich im Urlaub das Hotel sparen will, kann seine eigenen vier Wände gegen eine Wohnung im Ferienland tauschen – doch allzu zimperlich sollte man dann nicht sein.

(Bild: Archiv)
Nebenartikel
Eigentlich ist es ganz simpel: Anstatt viel Geld in Ferienhäuser zu investieren oder teure Hotelzimmer zu buchen, tauscht man einfach die eigene Wohnung, statt sie urlaubshalber verwaisen zu lassen. Was Lehrer vor 50 Jahren initiierten, weil sie in den grossen Ferien kostengünstig verreisen wollten, ist heute für jedermann weltweit übers Internet organisierbar. Alles, was es für diese alternative Ferienart braucht, ist ein wenig Vertrauen: Vertrauen, dass die Leute, die vorübergehend bei einem einziehen, nicht das Familiensilber verkaufen oder das Auto zu Schrott fahren, während man selber pflichtschuldigst in ihrer Wohnung die Blumen giesst und den Kater füttert.
«Die eigenen vier Wände mit anderen Leuten zu tauschen ist eine Lebenseinstellung», sagt Claudia Niedermann vom Schweizer Ableger der Haustauschorganisation Intervac. «Entweder es stört einen, wenn ein Unbekannter im eigenen Bett schläft, oder eben nicht.»
Angebote für Singles und Senioren
Hansruedi Schoch stört diese Vorstellung nicht. Letzten Sommer haben er, seine Frau und die fünf Kinder ihre Wohnung im zürcherischen Hinwil zwei Familien aus Irland überlassen. Im Gegenzug hausten sie ein paar Tage in Dublin im Heim der einen Familie und reisten danach weiter ins Landhaus der zweiten. Eigentlich hatten Schochs übers Internet ein Ferienhaus mieten wollen, stiessen dann aber zufällig auf ein «Homeexchange»-Angebot – das Tauschprojekt nahm seinen Lauf.
Auf den Haustausch-Plattformen – von denen es spezielle für Singles und Senioren gibt – beschreiben die Tauschwilligen mit über 100 möglichen Abkürzungen die eigene Wohnung, die Wohngegend und nahe Ausflugsziele. Zudem geben sie Wunschdestinationen und Reisedatum an. Von Wochenendtrips bis zu mehrmonatigen Aufenthalten ist alles möglich. Hinter den Kürzeln verstecken sich Angaben wie «Garten pflegen», «Internetzugang» oder «für Familien ungeeignet».
Flexibilität erhöht Erfolgschancen
Je nach Anbieter bezahlt der Inserent nichts, einen Jahresmitgliederbeitrag oder erst bei erfolgreichem Abschluss. Meist belaufen sich die Kosten auf maximal 150 Franken. Einige Organisationen drucken für ihre Kunden zusätzlich einen Katalog mit den offenen Angeboten. Wichtig ist es laut Claudia Niedermann von Intervac, flexibel zu sein. Das erhöht die Erfolgschancen. «Vielleicht ist in London nichts frei, dafür in einem Vorort.» Aber natürlich gibt es auch Schnäppchen, wie etwa ein Haus auf den Fidschi-Inseln – tägliches Gassigehen mit den fünf Hunden ist allerdings Voraussetzung.
Familie Schoch meldete sich auf etwa 15 Inserate aus Irland, Wales und Schottland. Schliesslich klappte es mit den beiden irischen Familien, die gemeinsam in der Schweiz Ferien machen wollten. Vor der Abreise gab es aber viel zu tun. «Man muss den Gästen die Kehrichtabfuhr und den Kompost erklären, die Bedienungsanleitungen für TV und Stereoanlage bereitlegen», sagt Hansruedi Schoch. 20 Seiten schrieben er und seine Frau voll und fanden in den Tauschhäusern ebenso viele vor – plus einige Lebensmittelvorräte und jede Menge Broschüren über Ausflugsziele.
«Im Vergleich zum Hotel hatten wir viel mehr Platz», sagt Schoch. «Ausserdem erhielten wir einen Einblick ins alltägliche Leben in einem anderen Land.» Für die Kinder seien die zwei Wochen in Irland wie Ferien im Spielzeugladen gewesen – so viel Spannendes habe sich in den Kinderzimmern verborgen.
Natürlich kann auch etwas schief gehen (siehe Nebenartikel «Wohnungen: So tauschen Sie sicher»), aber in den meisten Fällen läuft der Haustausch ohne grössere Probleme ab, wovon Hunderte von positiven Einträgen im Internet zeugen. Wer etwas Sicherheit will, hält sich an erfahrene Tauscher, über die man Referenzen einholen kann.
Bei Schochs war nach der Rückkehr aus den Ferien das Ventil eines Kochtopfs nicht mehr auffindbar und das Geschirr anders eingeräumt. «Aber selbst wenn die Telefonrechnung etwas höher ausfällt oder eine Vase kaputt ist, geht die Rechnung auf», findet Hansruedi Schoch. Man habe schliesslich kein Geld für eine teure Unterkunft ausgegeben. Die Familie sucht bereits nach einem Tauschobjekt für die nächsten Ferien – diesmal in Neuseeland.
Prominenz in der eigenen Wohnung
Wer lieber Ferien im Hotel macht oder für einen längeren Auslandsaufenthalt bereits eine Bleibe organisiert hat, kann trotzdem Geld sparen – indem er die eigene Wohnung in der Zeit seiner Abwesenheit untervermietet. Eine Möglichkeit, die in der Schweiz immer häufiger genutzt wird, auch wegen der in Städten herrschenden Wohnungsnot. «Eine Wohnung, in der man sich wohl fühlt, gibt man wegen ein paar Monaten Auslandsaufenthalt ungern auf», sagt Sabine Oppliger vom Untermietservice, der Wohnungen in Basel, Bern und Zürich vermittelt. «Erst recht, wenn man jemanden findet, der während der eigenen Abwesenheit die Miete bezahlt.»
Hauptabnehmer der möblierten, verwaisten Heime sind oft Geschäftsleute, die vorübergehend in der Schweiz arbeiten. Diese nimmt der Untermietservice, der hauptsächlich von Studierenden geführt wird, genau unter die Lupe. Im Gegensatz zum Wohnungstausch läuft hier nichts ohne Vertrag und Übernahmeprotokoll, aber auch nichts unter einem Monat Mietdauer. Der Untermieter oder – in den meisten Fällen – sein Arbeitgeber übernehmen die monatlichen Zahlungen und erstatten dem Untermietservice eine Abgabe in der Höhe von bis zu einer Monatsmiete für die Vermittlung. Diese ist manchmal kurzfristig: Wer nächste Woche in Urlaub will, hat immer noch Chancen, seine Wohnung – gegen 30 Franken Einschreibegebühr – abzugeben. Vielleicht sogar an einen Prominenten. Sabine Oppliger: «In der Wohnung einer älteren Dame weilte für kurze Zeit der Schauspieler Götz George.»
© Beobachter Ausgabe 13 vom 24. Jun 2004 - Alle Rechte vorbehalten







