Heliskiing
«Das soll kein Volkssport werden»
Das Wettrüsten im Gebirge geht weiter – in der Luft. Air Zermatt will die bestehenden Gebirgslandeplätze fürs Heliskiing erweitern und ausbauen. Raymond Cron, Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt, hält dies für eine «prüfenswerte Option».

(Bild: Mountain Wilderness)
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Die Air Zermatt wurde im September dieses Jahres vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) gebüsst – für die jahrelange Praxis illegaler Landungen für Heliskiing. Die Geldstrafen fielen allerdings milde aus: zwischen 350 und 1500 Franken. Davon beflügelt und vom Kanton Wallis unterstützt, möchte das Zermatter Heli-Unternehmen nun ganze Gebirgssektoren unbeschränkt für das profitable Heliskiing nutzen. Damit würde der Skisport in der Schweiz in eine neue räumliche Dimension vorstossen. Das Bazl, das momentan die bestehenden Landeplätze unter die Lupe nimmt, hält die Walliser Pläne für prüfenswert. Umweltschutzorganisationen hingegen sind empört und befürchten, dass damit dem Heliskiing in der Schweiz Tür und Tor geöffnet wird – auf Kosten von Natur und Tierwelt.
Im Mai 2004 kam Bauingenieur Raymond Cron als «Mann der Wirtschaft» ins Bazl, um dort als neuer Direktor aufzuräumen. Das Amt war vorher permanent mit Filzvorwürfen – etwa bezüglich zu grosser Nähe zur Flugindustrie – konfrontiert. Alle Parteien anerkennen die gute Arbeit von Direktor Cron, der nun aber selber ein Problem hat: Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ermittelt gegen ihn wegen möglicher Vermögensdelikte bei seiner früheren Arbeitgeberin Batigroup. Die Prüfung des Walliser Heliskiing-Projekts wirft Fragen nach dem Verständnis des Bazl als Aufsichtsbehörde auf.
Beobachter: Herr Cron, fahren Sie Ski?
Raymond Cron: Ja, aber moderat. Eine Woche Skiferien pro Jahr genügt mir.
Beobachter: Bald hätten Sie ja mehr Möglichkeiten dazu. Im Wallis soll mit dem Segen des Bazl das Heliskiing in grossem Stil eingeführt werden...
Cron: (unterbricht) …davon kann keine Rede sein. Für eine Sektorenlösung, wie aus dem Wallis vorgeschlagen, braucht es eine Gesetzesänderung. Zudem ist ein Sektor anstelle von fixen Landeplätzen aus unserer Sicht lediglich eine prüfenswerte Option. Das Bazl nimmt derzeit alle 42 Gebirgslandeplätze in der Schweiz unter die Lupe. Ziel ist es, allfällige Konflikte zwischen Flugbetrieb und Umweltschutz festzustellen und zu mindern. Wir sitzen am Tisch mit weiteren Bundesstellen, Tourismusverbänden, Landschaftsschützern, Bergführerverband und Gebirgskantonen.
Beobachter: Heute sind Sektorenlösungen, also ganze Gebiete, in denen Helikopterlandungen möglich wären, nicht erlaubt. Streben Sie eine Gesetzesänderung an?
Cron: Nein, vorerst prüfen wir, ob eine solche Sektorlösung als zeitlich beschränktes Pilotprojekt rechtlich überhaupt denkbar ist. Man könnte schauen, ob sich mit einer solchen Lösung Flüge konzentrieren liessen und dafür bestehende Gebirgslandeplätze geschlossen werden könnten. Ob und wann ein solcher Versuch durchgeführt werden kann, ist derzeit völlig offen.
Beobachter: Aber nur schon ein Pilotversuch würde neue Begehrlichkeiten in der Tourismusbranche wecken. Die Walliser freuen sich jetzt schon.
Cron: Dass es Kreise gibt, die das aus wirtschaftlichen Gründen begrüssen würden, ist klar. Das beeinflusst unsere Entscheidungen als Aufsichtsbehörde aber nicht. Es geht sicher nicht darum, aus dem Heliskiing einen Volkssport zu machen. Unser Ziel ist, ausgewogene Lösungen zwischen den Interessen von Natur und Wirtschaft zu finden.
Beobachter: Ein ungleicher Kampf. Weshalb soll es kein gänzliches Heliskiing-Verbot geben, wie das Umweltschützer fordern und wie es unsere Nachbarländer weitgehend kennen?
Cron: Der Bundesrat hat uns nicht den Auftrag gegeben, das Heliskiing zu untersagen. Die Zielvorgabe lautet vielmehr, die bestehende Praxis zu überprüfen.
Beobachter: Das heisst?
Cron: Es geht darum, insgesamt ein akzeptables Ausmass an Heliflügen zu finden. Dafür müssen alle Gebirgslandeplätze, die übrigens auch dem Training von Helipiloten dienen, gesondert überprüft werden; allenfalls müssen Massnahmen getroffen werden, wie Landeplätze zu schliessen, zu verschieben oder die Benutzung zu beschränken. Bis zum Sommer 2006 soll ein Konzept vorliegen, das dann in die Vernehmlassung geht.
Beobachter: Die Vergangenheit zeigt, dass sich Anbieter kaum an die Vorschriften halten, wenn die Nachfrage stimmt.
Cron: Es hat Fälle von illegalen Landungen gegeben, die wir auch geahndet haben. Dass dies weit verbreitet wäre, kann ich so nicht bestätigen. Wir können natürlich aus Personalgründen nicht ständig alle Gebirgslandeplätze überwachen, Stichproben führen wir aber immer wieder durch. Zudem gibt es genügend sensibilisierte Personen, die uns auf illegale Landungen hinweisen.
Beobachter: Und das soll reichen? Gerade im Winter müssen die Tiere besonders geschützt werden, damit sie sich von den Strapazen erholen und sich zurückziehen können. Rund die Hälfte der bestehenden Landeplätze befindet sich in oder in unmittelbarer Nähe zu Schutzzonen.
Cron: Für mich sind Heliflüge auf die Gletscher vor allem im Sommer ein echtes Problem. Im Winter hingegen sind die negativen Einflüsse auf Natur und Tierwelt geringer, weil meterhoch Schnee liegt. Zudem lassen sich Konflikte lösen, wenn etwa Anflugrouten nicht über Gebiete mit Tierbeständen geführt werden.
Beobachter: Trotzdem: Ist es statthaft, die Schutzziele zu vernachlässigen, nur um einigen wenigen Gutbetuchten ihr Hobby zu ermöglichen?
Cron: Es werden keine Schutzziele vernachlässigt – es geht um eine Interessenabwägung. Für die Bergregionen ist eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur eben auch wichtig. Und bleiben wir realistisch: Heliskiing ist teuer und wird teuer bleiben, die Nachfrage reguliert sich von selbst.
Beobachter: Ihre Zukunftsprognose?
Cron: Es wird sicher keine kanadischen Zustände in der Schweiz geben, dafür ist unser Land viel zu klein.
© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2005 - Alle Rechte vorbehalten







