• Anzeige:

  • Anzeige:

Jugendherbergen

Lieber gleich ins Hotel

Text:
  • Andrea Haefely
Bild:
  • Gerry Nitsch
Ausgabe:
12/05

Der Mief der frühen Jahre hat sich zwar verzogen. Doch die Jugendherbergen tun sich schwer damit, eine wirkliche Alternative zu Billighotels zu bieten.

Vor dem Tessiner Herrschaftshaus steht im Schatten riesiger Nadelbäume eine Reihe von Mittelklassewagen aus verschiedenen Landesregionen. Unter den Bögen der Terrasse sitzt ein Mann mittleren Alters, ein Buch und ein Bier vor sich, die Abendsonne im Gesicht. Er lässt von seiner Lektüre auch nicht ab, als ein Rudel Kinder auf unterschiedlichsten fahrbaren Untersätzen unter lautem Juhee um die Ecke saust.

Das soll eine Jugendherberge sein? Wo sind die mit riesigen Rucksäcken und Jesus-Sandalen bewehrten Tramper? Wo die mit Satteltaschen beladenen Fahrräder, deren schmutzige Felgen von entbehrungsreichen Reisen erzählen?

Doch auch ohne Vertreter der Rucksacktouristen-Gemeinde ist offensichtlich, dass dies kein gewöhnliches Hotel ist. «Nachtruhe von 22.30 bis 7.30 Uhr» heisst es etwa auf einem Anschlag im Eingangsbereich. Und: «Ganzes Haus Rauchverbot». Die Kaffeemaschine im Flur ersetzt die Hotelbar.

Chemiker Hansruedi, 56, und Sozialarbeiterin Yvonne – «Schreiben Sie: unter 50» – entschieden sich trotzdem für die Jugendherberge in Figino, direkt am Luganersee. «Ich übernachtete schon als Jugendlicher immer gern in Jugis», erzählt Hansruedi. «Man schliesst viel schneller Kontakte als im Hotel; überhaupt ist die Atmosphäre viel lockerer.» – «Und billiger ist es natürlich auch», ergänzt Yvonne.

Seit einigen Jahren bemühen sich Schweizer Jugendherbergen, ihr Angebot zu vergrössern und so neben den klassischen Rucksacktouristen vermehrt auch Familien und Einzelreisende anzulocken. Altersbegrenzung, strikte Geschlechtertrennung sowie Wolldecken und Schlafsäcke gehören der Vergangenheit an.

Nach dem Essen beim Abtrocknen helfen


Den wachsenden Ansprüchen der jüngeren Klientel und dem Bedürfnis nach günstigen Übernachtungsmöglichkeiten für Erwachsene versuchen die Jugis mit Doppelzimmern entgegenzukommen. Etliche der Herbergen wurden in den letzten Jahren einer Frischzellenkur unterzogen. Die Jugis in Zürich und Davos sowie der Neubau in Zermatt erinnern mit ihren kühl-nüchternen Räumlichkeiten gar an trendige Design-Hotels – neue Sachlichkeit statt miefiger Lageratmosphäre.

Design hin oder her: Der Beobachter wollte wissen, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den neuzeitlichen Jugi-Angeboten stimmt. Die Testschläfer aus der Redaktion nächtigten an neun Orten, die beliebte Urlaubsziele für Schweizer sind. Zum Vergleich nahmen sie je ein Jugi- und ein Hotel-Doppelzimmer mit eigener Dusche und Toilette unter die Lupe (siehe Nebenartikel «Jugendherbergen im Test: Billige schneiden besser ab als teure»).

Das Fazit des Beobachters ist für die Jugendherbergen nicht schmeichelhaft: In sechs von neun Fällen schneiden die Hotels besser ab. Man nächtigt komfortabler, ruhiger und teilweise erst noch günstiger. Trotz den Bemühungen der Jugis, vom Massenschlagimage wegzukommen, wird man vor Ort unweigerlich um Jahrzehnte zurückgeworfen – in eine Zeit, als Finkenpflicht und Zahnputzschlachten an der Waschfontäne den Schullageralltag bestimmten. «Sie können sich dort ein Set Bettwäsche nehmen. Bringen Sie es bitte vor der Abreise wieder zurück zur Réception», instruiert die Dame am Empfang der Jugi in Figino. Und auf einem Informationsblatt, das man beim Einchecken erhält, bittet die Herbergen-Crew die Gäste, nach dem Abendessen beim Abräumen, Abtrocknen und Verräumen des Geschirrs zu helfen – Jugi-Gast sein heisst eben auch arbeiten.

Nicht nur Arbeitsscheue, auch Personen mit Höhenangst oder Pärchen mit akut romantischen Gefühlen sollten sich den Besuch einer Jugendherberge gut überlegen: Das Doppelbett entpuppt sich nämlich in vielen Fällen als Kajütenbett.

Die nächste Überraschung erwartet Jugi-Unkundige spätestens nach dem Duschen: Als Hotelgast ist man es nicht gewohnt, Frotteewäsche in den Koffer zu packen. In der Jugendherberge kann das die Konsequenz haben, dass man sich entweder an der frischen Luft trocknen oder irgendwelche Textilien zweckentfremden muss. Wer jetzt noch auf einen Fernseher im Zimmer hofft, tut gut daran, sich von solcherlei extravaganten Wünschen zu verabschieden.

Eine TV-freie Bleibe könnte ja zur Entspannung beitragen. Doch leider ist Ruhe ein seltenes Gut in Jugis – sei es, dass im Garten eine Schulklasse «Spiel ohne Grenzen» veranstaltet; sei es, dass auf dem Balkon nebenan Teenies lautstark ihren Liebesknatsch verhandeln. Und durch die dünnen Wände hört man schon mal, wenn der Zimmernachbar morgens um drei von der Seiten- in die Rückenlage wechselt.

Schliesslich seien auch Reisende mit tierischer Begleitung gewarnt. Für Hund, Katze und sonstiges Getier heisst es in sämtlichen Jugendherbergen: «Ich muss leider draussen bleiben.»

Radiotipp


Mehr zum Thema Jugendherbergen: Beobachter-Ratgeber auf DRS 3, Mittwoch, 15. Juni 2005, 10.10 Uhr

© Beobachter Ausgabe 12 vom 09. Jun 2005 - Alle Rechte vorbehalten

  • SOS Beobachter

    Helfen Sie Menschen in Not mit Ihrer Spende.

    spenden

  • Beobachter-Assistance

    Jetzt Kostenübernahme bei Rechtsfällen sichern!

    Mehr Infos


    Versicherungsbedingungen
    Download (PDF 56 kb)

  • Sparziel Rechner

    Sparziel-Rechner

    Sparen! Aber wie? Mit dem Sparziel-Rechner wissen Sie wie lange, wie häufig oder wie viel Sie sparen müssen, um Ihre Wünsche zu erfüllen.

    jetzt sparen

  • Konsumforum

    Hier geben sich kritische Konsumentinnen und Konsumenten gegenseitig Tipps und Ratschläge und tauschen Erfahrungen aus.


    zum Forum

created by snowflake productions gmbh