Kaufsucht
Ich shoppe, also bin ich
Was tun viele Schweizer in ihrer Freizeit am liebsten? Einkaufen. Wird daraus eine Sucht, hört der Spass jedoch rasch auf.

(Bild: Archiv)
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Anita Arnold (Name geändert) wirft im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick ins Schaufenster. Die Entscheidung fällt in Sekundenbruchteilen: Sie muss die schwarze Lederjacke haben. Unbedingt. Sofort. Die Jacke ist das Einzige, was zählt. Die Gier ist unermesslich gross. Die 52-Jährige erklärt: «Es ist, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt.» Ihr innerer Autopilot übernimmt die Führung. Und er kennt nur ein einziges Programm: Kaufen.
Manchmal gelingt es Anita Arnold, dem Kaufdrang zu widerstehen. Gut fühlt sie sich auch dann nicht. Die Begierde, die bleibt, beschreibt sie so: «Ich kann kaum noch an etwas anderes denken als an das Kleidungsstück, das ich gesehen habe. Der Druck wird von Tag zu Tag grösser, bis ich fast platze. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus - ich muss das Kleidungsstück kaufen.» Dass sie schon zehn Lederjacken im Kleiderschrank hat, hält Anita Arnold nicht davon ab, sich eine elfte zuzulegen.
Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist kaufsüchtig. Und sie steht damit nicht allein da. Fünf Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sind kaufsüchtig - dies zeigte eine Repräsentativerhebung der Hochschule für Sozialarbeit in Bern schon im Jahr 2003. Der Trend zeigt steil nach oben: Bei jedem dritten Schweizer ist heute eine Tendenz zu unkontrolliertem Kaufverhalten feststellbar. 1994 war es erst bei jedem fünften. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind die 18- bis 24-Jährigen. Laut Studie sind in dieser Altersgruppe 17 Prozent kaufsüchtig und ganze 47 Prozent gefährdet. Ausserdem bezeichneten rund 85 Prozent der 14- bis 24-Jährigen «Shoppen» als wichtigste Freizeitbeschäftigung. Dies zeigt die Consumer-Studie der AG für Werbemedienforschung.
Schulden in der Höhe eines Jahreslohns
Die sozialen und finanziellen Folgen der Sucht werden oft verharmlost, unter anderem mit Sprüchen wie «Heute ist doch jeder ein bisschen kaufsüchtig». Heinz Lippuner von der psychologischen Beratungsstelle der Offenen Tür Zürich traf in den letzten Jahren 40 bis 50 Kaufsüchtige. Er sagt: «Ich kenne wenige Süchtige, die nicht verschuldet sind. Viele haben Schulden in der Höhe eines Jahreslohns.»Anzeige:
Doch wieso kauft jemand überhaupt 20 Tuben Zahnpasta, 50 Paar Stiefel oder fünf identische Jacken in verschiedenen Farben? «Es geht primär ums Kauferlebnis», so Heinz Lippuner. «Dieses löst bei Kaufsüchtigen euphorische Gefühle aus. Sie werden beachtet, toll bedient und fühlen sich einen Augenblick lang wie eine Königin oder ein König.»
Allerdings verflüchtigt sich das Stimmungshoch meist schon beim Ladenausgang. Die Freude am Gekauften währt nie lang; manchmal landet die Ware zu Hause unausgepackt in einem Schrank.
Nach einem Kaufrausch fühlt sich Anita Arnold ruhiger. Doch spätestens nach ein paar Tagen ist die Gier nach etwas Neuem wieder grösser als die Vernunft. Dazu Heinz Lippuner: «Kaufsüchtige leben ständig in der Hoffnung, dass sie ein bestimmtes Kleidungsstück oder ein bestimmter Gegenstand glücklich und zufrieden machen wird. Diese Hoffnung geben sie nicht auf - trotz der tausendsten Enttäuschung.» Mit der Kaufsucht wird ein emotionales Manko kompensiert. Die einen geraten in einen Kaufrausch, wenn sie sich niedergeschlagen fühlen oder sich von deprimierenden Alltagserlebnissen ablenken wollen. Andere decken damit eine innere Leere zu. Wieder andere benutzen das Kaufen zur Beruhigung und zum Abbau von Spannungen und Ängsten.
Die Kaufsucht kann ins Uferlose führen. Eine 55-jährige Sachbearbeiterin, die zur Befriedigung ihrer Kaufsucht innert sechs Jahren 1,5 Millionen Franken in die eigene Tasche abzweigte, wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Mit ihren Betrügereien hatte die Aargauerin ihren Arbeitgeber zeitweise sogar in die roten Zahlen gebracht, so dass dieser Entlassungen vornehmen musste.
Auch Anita Arnold steigerte ihre «Dosis» ständig. «Irgendwann war es so schlimm, dass ich in keinen Laden mehr gehen konnte, ohne etwas zu kaufen.» Arnold war zur Sklavin ihrer Sucht geworden. «Ich wollte nur noch meine Ruhe, schluckte eine Überdosis Tabletten.»
Kaufsüchtige benötigen professionelle Hilfe - eine Einzelpsychotherapie oder eine geleitete Gruppentherapie. Die Zürcher Psychologin Nicole Thommen geht mit ihren Klientinnen und Klienten den der Kaufsucht zugrunde liegenden Motiven nach und fragt: «Was sind Ihre echten Bedürfnisse?» Sie sagt: «Oft sind es ganz banale Dinge wie die Sehnsucht nach Wärme, Menschlichkeit, Beziehungen, Lebenssinn.» Psychiater, die schwere Fälle von Kaufsucht behandeln und diese in die Kategorie Zwangsstörungen einordnen, setzen nach Bedarf zusätzlich Medikamente ein, beispielsweise Antidepressiva.
Der erste wichtige Schritt in die Suchtfreiheit ist die Einsicht: «Ich habe das Kaufen nicht mehr im Griff.» Das weiss auch Anita Arnold; sie verleugnet die Sucht nicht mehr. Sie ist bereit, an sich selber zu arbeiten, und macht eine Psychotherapie. Ihr Wunsch: sich im Laden an schönen Dingen erfreuen zu können, ohne etwas kaufen zu müssen. Eine Kreditkarte will sie trotzdem nie mehr. «Die Versuchung wäre viel zu gross.»
Ist mein Kaufverhalten normal?
Je mehr der unten stehenden Fragen Sie bejahen, desto problematischer könnte Ihr Kaufverhalten sein.- Dient Ihnen das Kaufen als Belohnung, Entspannung, Beruhigung oder als
Ablenkung? - Empfinden Sie beim Kaufen keine Freude mehr?
- Kaufen Sie Dinge, die Sie gar nicht benötigen - oder kaufen Sie mehr, als IhreFinanzen es erlauben?
- Fühlen Sie einen inneren Zwang, kaufen zu müssen?
- Nehmen die Gedanken ans Einkaufen immer mehr Raum ein?
Ausführlicher Test zur Selbsteinschätzung: www.beratungszentrum-baden.ch/...
Anlaufstellen: In Zürich und Bern gibt es Interessierte, die eine Selbsthilfegruppe gründen möchten. Betroffene, die an der Gründung einer solchen Gruppe mitwirken wollen, können sich melden unter
www.offenetuer-zh.ch
Telefon 043 288 88 88
(Montag, Dienstag, Donnerstag, 13 bis 16 Uhr)
www.selbsthilfe-kanton-bern.ch
Telefon 033 221 75 76
(Montag bis Freitag, 8.15 bis 11.45 Uhr, Mittwoch, 14 bis 17 Uhr)
© Beobachter Ausgabe 2 vom 17. Jan 2007 - Alle Rechte vorbehalten







