Konsumentenschutz: Dieser Bestseller gerät nicht so rasch aus der Mode
Begonnen hat die Erfolgsgeschichte mit simplen Putztipps und Strickanleitungen: Der Konsumentenschutz hat sich in den letzten 30 Jahren stark gewandelt – und ist nötiger denn je.
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Hansjörg Utz arbeitete als Redaktor beim «Tages-Anzeiger». 1989 wechselte er zu SF DRS, und seit 1996 leitet er die Sendung «Kassensturz».
Das Thema hat Hochkonjunktur. Seit Jahren. Keine Regionalzeitung, kein Lokalradio, kein Wochenmagazin kann es sich leisten, auf Konsumenteninformationen zu verzichten. Eine eigentliche «Testitis» ist ausgebrochen. Freche Schnellschreiber vermarkten selbst die letzte Cremeschnittendegustation mit zwei hastig zusammengetrommelten Schleckmäulern als grossen Test. Die Behauptung sei gewagt: Konsum verkauft sich heute in den Medien besser als Sex.
Und gleichwohl ist die Gegenbewegung spürbar. Der Konsumentenschutz ist in die Jahre und etwas aus der Mode gekommen. So genannte urbane Trendsetter glauben, das Ohr besonders nah am schnell wachsenden Gras zu haben, belächeln die Aktionen der Konsumentenverbände als kleinkariert und nennen selbst die engagierteste Konsumrecherche nörglerisch.
Kritik verbessert die Qualität
Das Motto der schnellen Geniesser: Tipps für das beste Handy, das schnellste Snowboard, den günstigsten Asientrip aber gern. Berichte über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion oder über Entsorgungsprobleme beim Computerschrott lieber nicht. Wer will denn das alles so genau wissen? Ohnehin: «Hört auf, mündige Kunden vor sich selbst zu schützen! Dereguliert den Konsumentenschutz!», heisst der Schlachtruf, vor dem selbst Volkswirtschaftsminister Pascal Couchepin nicht gefeit ist.
Vergessen geht dabei, dass sich die Konsumentinnen hierzulande ihre Rechte Schritt um Schritt erkämpfen mussten. Blenden wir zurück in die sechziger Jahre: Verbraucherschutz galt als reine Frauensache und beschränkte sich auf Putztipps, Budgetberatung und Strickanleitungen. Kritische Berichte aus der Arbeitswelt waren höchstens im Beobachter zu lesen. Mächtige Kartelle diktierten die Preise für Waren und Dienstleistungen. Wirtschaftsjournalisten verstanden sich als Firmenlautsprecher; entsprechend behandelten die Unternehmen ihre Kunden als unmündige Wesen, die weder etwas zu wissen noch etwas zu sagen hatten:
- Wer ein Erdbeerjoghurt kaufte, fand auf der Packung ein Bildchen, aber weder Verbrauchsdatum noch Angaben über den Zuckergehalt und andere Inhaltsstoffe. Produktedeklaration ein Fremdwort.
- Geschäftemacher verkauften Glasperlen als Edelsteine oder wertlose Pülverchen als Schlankheitsmittel. Täuschenden Mogelpackungen und irreführenden Werbeversprechen, sogar groben Lügen waren die Käufer praktisch ungeschützt ausgesetzt. Unlauterer Wettbewerb nie gehört.
- Grossverteiler brachten explodierende Rahmbläser auf den Markt, ohne sich um die schwer verletzten Opfer zu kümmern. Produktehaftung nicht in der Schweiz.
- Warenhäuser verscherbelten falsch konstruierte Staubsauger, die schon beim zweiten Einsatz den Dienst aufgaben. In den Läden standen ja, auch dies Raviolibüchsen mit einer Füllung aus Fleischabfällen. Unabhängige Warentests mit Namensnennung keine Rede davon.
Und heute? Zumindest in der Theorie sind Fairness in der Werbung, transparente Information und Produktedeklaration selbstverständlich geworden; zum Teil sind sie in der Praxis auch durchsetzbar. Kluge Marketingleute haben die Arbeit der Konsumentenschützer als Chance entdeckt. «Kritische Berichte und Tests helfen uns, die Qualität zu verbessern», sagen die Sprecher von Coop und Migros.
Das heisst freilich nicht, dass die Arbeit der Konsumentenschützer getan ist. Ganz im Gegenteil: Sie hat sich verlagert und ist anspruchsvoller, aufwändiger und sehr viel teurer geworden.
Wo die Konsumentenorganisationen früher gegen plumpe Tricks von Versandhändlern ankämpften, müssen sie sich heute der Macht von multinationalen Konzernen entgegenstellen. Wo früher die Aufklärung über tiefe Sparheftzinsen genügte, gilt es heute, hochkomplexe Finanzprodukte und undurchsichtige Gebührenstrukturen zu analysieren. Bei Banken und Versicherungen hat die Liberalisierung der Märkte bekanntlich zur fast totalen Intransparenz geführt.
Den Deregulierern sei es gross ins Stammbuch geschrieben: Konsumentenschutz ist nötiger denn je.
© Beobachter Ausgabe 2 vom 25. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten







