Konsumentenschutz «Es braucht stärkeren Druck»

Im Vergleich zur EU ist die Schweiz für den Konsumentenschutz ein hartes Pflaster. Noch immer fehlen in vielen Bereichen griffige Bestimmungen. Sara Stalder, neue Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), will jetzt vorwärtsmachen - nötigenfalls in kleinen Schritten.

Sara Stalder, 41, war 20 Jahre als Primarlehrerin und Schulleiterin tätig. Nach einer betriebswirtschaftlichen Weiterbildung ist sie seit April Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Stalder hat drei Kinder und lebt in Sumiswald BE.

Beobachter: Frau Stalder, können Sie sich so richtig empören?
Sara Stalder: Ich kann mich ärgern, wenn ich will. Aber ich möchte meine Energie lieber für konkrete Änderungen einsetzen.

Beobachter: Ihre Vorgängerin hat stets betont, als Konsumentenschützerin sei es ihr Job, sich zu empören, um gehört zu werden. Wie lautet Ihre Strategie?
Stalder: Ich arbeite mich zurzeit noch ein. Fragen Sie mich in einem halben Jahr wieder. Es gibt jedoch gewisse Stossrichtungen. So sind wir dabei, eine Plattform im Internet zu schaffen, auf der sich unzufriedene Konsumenten melden können.

Beobachter: Was stört Sie als Konsumentin?
Stalder: Kürzlich wollte ich im Internet ein elektronisches Gerät bestellen, doch ich konnte die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht einsehen. Das ärgert mich. Oder das Telefon, das um 20 Uhr klingelt, weil mir jemand etwas verkaufen will. Generell stört es mich, dass die Schweiz punkto Konsumentenrechte stagniert, während die EU viel besser aufgestellt ist.

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Beobachter: Konsumentenschutz in der Schweiz ist ein hartes Pflaster. Was bringen Sie mit, um etwas zu ändern?
Stalder: Ich verfüge nebst Führungserfahrung über 20 Jahre Erfahrung als Konsumentin mit Familie. Ich bin sehr ausdauernd und hartnäckig - und auch zufrieden, wenn es nur einen Millimeter vorangeht.

Beobachter: Bei Konsumentenrechtsvorstössen argumentiert der Bundesrat oft, die Schweizer seien mündige Leute, könnten lesen und bräuchten keine Bevormundung über Gesetze.
Stalder: Das stimmt nicht: Auch wenn man gut lesen kann, ist es schwer, den Haken an einem Angebot zu erkennen. Jüngstes Beispiel: die tiefen Handykosten bei Tele2. Erst wenn man das Kleingedruckte genau liest, merkt man, dass Tele2 einem kündigen kann, wenn man zu viel telefoniert.

Beobachter: Verbesserungen beim elektronischen Einkauf, Transparenz bei den allgemeinen Geschäftsbedingungen und das Telefonmarketing: Das sind Dauerbrenner, die im Parlament hängig sind. Wie wollen Sie da einwirken?
Stalder: Es braucht stärkeren Druck auf das Parlament, daher suchen wir den Kontakt zu den Politikern. Doch das Zaubermittel kann ich nicht anbieten. Wichtig ist, dass die Konsumenten eine Anlaufstelle haben.

Beobachter: Mit vier Konsumentenschutzorganisationen und zwei Bundesstellen besteht doch schon beinahe ein Überangebot, und doch geht es nicht vorwärts.
Stalder: Deshalb versucht die Stiftung für Konsumentenschutz vermehrt gesamtschweizerisch mit den anderen Organisationen zu kooperieren.

Beobachter: Das wird gemacht, mit mässigem Erfolg. Mehr Schlagkraft, auch finanziell, würde ein Zusammengehen bringen.
Stalder: Im Moment ist jede Organisation unterschiedlich aufgestellt und setzt die Mittel anders ein. Ein Zusammenschluss steht nicht zur Diskussion.

Beobachter: Dem Konsumenten ist das egal - er braucht bessere Rechte.
Stalder: Stimmt: Trotz Unterschieden sollten möglichst viele Themen gemeinsam aufgegriffen werden.

Beobachter: Bei Amtsantritt haben Sie gesagt, vermehrt auf Kinder und Jugendliche zu schauen. Ist das wirklich Aufgabe des Konsumentenschutzes? Reichen da nicht die Schule und Pro Juventute?
Stalder: Diese bieten im Konsumbereich keine konkrete Hilfestellung. Sie hinterfragen die Vorgänge im Einzelfall nicht; etwa ob eine Kinderlinie bei den Lebensmitteln, wie Coop und Migros sie anbieten, wirklich nötig ist.

Beobachter: Was will die SKS da unternehmen?
Stalder: Wir wollen dafür sensibilisieren, wie schon die jüngsten Konsumenten geködert werden. Ich habe festgestellt, dass dies bei keiner der Konsumentenschutzorganisationen bisher ein Schwerpunkt war.

Text:
  • Dominique Hinden
Bild:
  • Annette Boutellier
16. April 2008, Beobachter 8/2008