Lebensstil: Immer mehr, bitte sehr!
Schneller, höher, weiter – das olympische Ideal hat den Konsumalltag erfasst: Es wird mehr gefahren, gegessen, gekauft. Dabei geht das rechte Augenmass zusehends verloren. Oft ohne dass man es merkt.
Nebenartikel
Halten Sie sich für masslos? Gewiss nicht. Masslos sind, wenn überhaupt, die anderen. Ingvar Kamprad zum Beispiel. Der Ikea-Gründer ist masslos reich. Er besitzt laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» 14 bis 15 Milliarden Franken mehr als jeder andere in der Schweiz. Oder Marcel Ospel: Der VR-Präsident der UBS verdiente 2001 nach eigenen Angaben 12,5 Millionen Franken. Oder Michael Schumacher: Der Deutsche bezieht demnächst in der Westschweiz eine Villa mit 20 Zimmern und 150000 Quadratmeter Umschwung.
Doch ist das wirklich masslos? Und leben die, die das als masslos empfinden, besonders massvoll?
Alle 70 Jahre eine Blue Jeans
Die 23-jährige Grafikerin Manuela Pfrunder hatte eine verblüffende Idee: «Wie würde die Welt aussehen, wenn jeder Mensch von allem genau gleich viel hätte?», fragte sie sich und teilte alles gleichmässig auf die gut sechs Milliarden Erdenbürger auf: Wasser, Steine, Erdöl, Blumen, Ziegen, Autos, Glühbirnen, Salatschleudern
Das Resultat beschreibt sie in ihrem Buch «Neotopia»: Unsere durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 64 Jahre, einen Viertel davon sind wir arbeitslos, einen Fünftel leiden wir an Hunger. Drei Monate im Jahr haben wir kein sauberes Trinkwasser, fünf Monate keine sanitären Einrichtungen. Jeden neunten Tag können wir einen PC benutzen, jeden sechsten ein Handy, jeden vierten einen Fernseher und jeden dritten ein Radio. Pro Jahr legen wir 3,4 Kilometer mit dem Flugzeug zurück, alle zehn Jahre machen wir Ferien, und alle 70 Jahre gibts ein neues Paar Blue Jeans also nie, da wir mit 64 sterben.
Gemessen am Hab und Gut dieses durchschnittlichen Erdenbürgers beherbergt die Schweiz ein einzig Volk von Verschwendern. Allerdings: Jeder vierte Erwachsene in unserem Land muss seinen gesamten Lebensunterhalt ausser Sozialversicherungen und Steuern mit weniger als 2450 Franken im Monat bestreiten. Und 120000 Kinder wachsen in mittellosen Verhältnissen auf.
Die anderen aber lassen es sich sehr gut gehen:
- Beispiel Wohnen: Die Wohnfläche pro Kopf ist allein in den letzten 20 Jahren von 34 auf 45 Quadratmeter gewachsen. Zwei von drei Haushalten werden nur noch von einer oder zwei Personen bewohnt.
- Beispiel Auto: Die Zahl der Personenwagen hat sich seit 1970 fast verdreifacht. Zu jedem dritten Haushalt gehören mindestens zwei Autos; vor 15 Jahren war es erst jeder sechste. Die tägliche Fahrleistung pro Person ist in dieser Zeit von 28 auf 37 Kilometer gestiegen mehr als die Hälfte davon erfolgt in der Freizeit und für den Einkauf.
- Beispiel Energie: Seit 1970 hat sich der jährliche Stromverbrauch verdoppelt, ebenso der Treibstoffverbrauch. Die Zahl der Personenkilometer pro Jahr, die mit dem Flugzeug zurückgelegt werden, hat sich in dieser Zeit vervierfacht, die dafür benötigte Energie verfünffacht.
- Beispiel Elektrogeräte: Pro Haushalt sind im Schnitt 15 Geräte betriebsbereit vom Mixer bis zum Heimkino, vom Rasierapparat bis zum PC. Jeder zweite Haushalt verfügt über einen Geschirrspüler; vor 20 Jahren war erst jeder fünfte damit bestückt. Stand damals in vier von fünf Haushalten ein Fernseher, sind es heute 1,1 Geräte pro Wohneinheit.
- Beispiel Ernährung: Seit 1960 hat sich der jährliche Fleischkonsum pro Kopf versiebenfacht, der Fettkonsum versechsfacht. Die Zahl der Übergewichtigen hat in dieser Zeitspanne um gut eine Million zugenommen.
Rein ökonomisch betrachtet mag dieser Komfort Sinn machen: Übergewichtige brauchen Medikamente, Autos wollen repariert und Wohnungen gebaut sein. Das schafft Arbeit und Einkommen. Doch Produktion verschlingt auch Rohstoffe und Energie: Jede Stunde werden in der Schweiz gut 3000 Quadratmeter Boden überbaut ein halbes Fussballfeld. In jedem Computer, jedem Stück Fleisch und jeder Erdbeere stecken riesige Mengen an Energie für Herstellung, Verarbeitung und Transport vor allem wenn sie importiert sind: Ein Kilogramm kalifornische Spargeln enthält zwölfmal mehr von dieser «grauen» Energie als französische, holländische Hors-sol-Tomaten viermal mehr als Schweizer Freilandtomaten, neuseeländisches Lammfleisch fünfmal mehr als einheimisches.
Eine Frage der Perspektive
Doch wie viel ist zu viel? Wie viel Telefonieren ist massvoll? Wie viel Benzinverbrauch ist ökologisch vertretbar? Muss das Schlafzimmer tatsächlich 18 Quadratmeter messen, oder genügen auch 14?
Das richtige Mass ist in erster Linie eine Frage des Standorts. Marcel Ospel dürfte die 12,5 Millionen Franken, die er letztes Jahr verdient hat, als angemessen erachten. Aus Sicht einer allein erziehenden Sachbearbeiterin bei der UBS mag dies masslos sein: Sie müsste drei Leben lang erwerbstätig sein, um diesen Betrag zu verdienen. Für den einen ist der Verzicht auf das dritte Auto massvoll, für die andere ist bereits ein Wochenendausflug nach München masslos.
«Immer mehr» ist kein Phänomen, das nur an Börsen, in Chefetagen und Verwaltungsräten anzutreffen ist. Die meisten von uns leben danach, oft ohne es zu merken vielleicht sogar ohne es zu wollen. Die alltägliche Masslosigkeit verbirgt sich hinter Gewohnheit und Unwissen.
Was sind die Triebfedern dieses Verhaltens? Es gibt einige Erklärungsansätze:
- Die Natur hat es so vorgesehen: Wir sind genetisch darauf programmiert, für magere Zeiten vorzusorgen. Deshalb hamstern wir Geld, Kalorien, Wohnraum, Versicherungen.
- Missgunst und Neid: Was die andern haben, wollen auch wir möglichst noch etwas mehr. Der Bonus soll einige Hunderter höher sein als der des Bürokollegen; der Ferienflug muss zu einer ferneren Destination führen.
- Die Individualisierung der Gesellschaft: Was den Erwachsenen das eigene Auto, ist den Jungen der eigene Fernseher.
- Die Antwort auf die Regelungsdichte: Wenn selbst die Holzdicke des Sargs vorgeschrieben ist, kann übermässiger Konsum als Aufstand gegen Paragrafen und Regeln dienen.
- Die Angst vor dem Tod: Nie wird so viel Medizin verbraucht wie an der Schwelle zum Tod. Ein Viertel aller Leistungen der Grundversicherung entfallen auf jene 0,9 Prozent der Bevölkerung, die im Lauf eines Jahres sterben.
Letztlich ist es eine Mischung aus allem, die unser Konsumverhalten in Richtung Masslosigkeit treibt. Willi Nafzger, Theologe und Psychotherapeut in Bern, sieht es folgendermassen: «Wir gehen zum Zahnarzt, um einen faulen Zahn füllen zu lassen. Genau gleich füllen wir uns mit Konsum, wenn in unserem Innersten etwas faul ist.» Ein voller Kofferraum bringe aber nur vorübergehend Erfüllung, sagt Nafzger: «Wenn er geleert ist, ist auch die innere Leere wieder da.»
Mehr Geld, weniger Glück
Tatsächlich gibt es kaum Hinweise, dass uns das Mehr an Wohnfläche, Autokilometern, kanadischem Lachs und Ärzten zufriedener oder gesünder macht. Trotz Shoppingtrip nach London und Kurzurlaub auf den Malediven nimmt der Arbeitsstress laufend zu: Gut vier Milliarden Franken pro Jahr betragen dessen volkswirtschaftliche Kosten. Die Gesundheitsausgaben haben sich in den letzten 15 Jahren zwar verdoppelt, doch die Volksgesundheit hat sich nicht verbessert.
Auch mehr Geld im Portemonnaie ist kein Garant für mehr Glück: Ab einem Haushaltseinkommen von 8500 Franken, haben Wissenschaftler der Universität Zürich herausgefunden, nimmt das Glücksgefühl wieder ab.
Trend zu mehr Bescheidenheit
Gewiss, es gibt Gegenbewegungen. Unter dem Stichwort Nachhaltigkeit summiert sich eine Vielzahl von Angeboten: gemeinschaftliche Nutzung von Autos, Biokost, Ökotourismus, tierversuchsfreie Kosmetikprodukte, umweltfreundliche Heiz- und Warmwassersysteme, ökologische Baumaterialien, Solarstrom. Sozialwissenschaftler charakterisieren die Nutzer dieser Angebote wie folgt: Sie handeln umweltbewusst, nehmen dafür höhere Preise in Kauf, leisten Freiwilligenarbeit, setzen sich für Gleichberechtigung ein, haben eine lebensbejahende Grundhaltung und beschäftigen sich intensiv mit Spiritualität.
Aber ist der Trend zur «neuen Bescheidenheit» nachhaltig?
David Bosshart, Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon, ist skeptisch und begründet unseren Hang zum Übermass mit dem Begriff Kollektiv-Alzheimer: «Die dauerhaften Verlockungen der Massenproduktion sind stärker als die gelegentlichen Mahnungen der Ökologen.» Zudem sei die Masslosigkeit im technischen Fortschritt «eingebaut»: «Neue Produkte wie das Handy bringen Erleichterungen und schaffen neue Möglichkeiten.» Dies aber führe dazu, dass sämtliche neuen Mittel exzessiv genutzt würden, sagt Bosshart. «Gleich wie in der Medizin gilt auch beim Konsum: keine Wirkung ohne Nebenwirkung.»
Dies gilt selbst für das bescheidene Festtagsmenü des durchschnittlichen Erdenbürgers aus «Neotopia»: Als Hauptgang gibts 24 Gramm Fleisch und 56 Gramm Fisch, zum Dessert acht Gramm echten Schweizer Emmentaler und zum Trinken zwei Schluck Bier.
Mitarbeit: Jean-Luc Gérard
PS: Über die Masslosigkeit zu sinnieren schützt nicht vor Masslosigkeit: Der Autor dieses Artikels hat unter www.footprint.ch seinen eigenen Lebensstil überprüft. Resultat: «Nicht schlecht. Aber zur Deckung Ihres Lebensstils benötigen Sie immer noch zu viele Ressourcen.»
© Beobachter Ausgabe 26 vom 27. Dez 2002 - Alle Rechte vorbehalten







