Möbelrestauration Doch Beizer werden

Wer Möbel restaurieren will, sollte Zeit und Durchhaltevermögen haben. Ein paar Tipps, damit Grossmutters Kommode wieder zum Bijou wird.

Die Wohnung der verstorbenen Grossmutter muss geräumt werden. Ein Tisch mit gedrechselten Beinen, das Stubenbuffet und der Bauernschrank stehen schon auf der Strasse, bereit zum Abtransport in die Kehrichtverbrennung. Niemand in der Verwandtschaft hatte Verwendung für die alten Möbel. Dann ein Entscheid aus dem Bauch heraus: Der antike Bauernschrank würde doch ins Kinderzimmer passen?

Rasch ist der Schrank aufs Autodach geladen. Doch später im Kinderzimmer zu Hause kommen Zweifel auf: Die Spuren der Zeit sind bei genauerer Betrachtung nicht zu übersehen, eine Restaurierung ist unumgänglich. Doch was kann der Hobbyrestaurator selbst machen – und wovon lässt er besser die Finger?

Schreinermeister und Experte für Restaurationen Fabian Koch empfiehlt: «Man sollte nur das selber machen, was man von Hand bewältigen kann.» Von billigen Apparaten aus dem Do-it-yourself-Geschäft rät er ab. Damit kann ein Hobbyhandwerker ein Möbel ruinieren.

Als Erstes gilt es, das Möbelstück genau zu untersuchen. Vielleicht ist das vermeintlich wertvolle Teil die bevorstehende Arbeit gar nicht wert. Doch wenn mit dem Schrank Erinnerungen verknüpft sind, tritt die Vernunft in den Hintergrund. Diese Erfahrung macht auch Max Helbling vom Holzwurmsanatorium im sankt-gallischen Benken immer wieder in seinen Kursen für Hobbybastler. Er sieht darin aber keinen Nachteil: «Der Arbeitsaufwand wird gerne unterschätzt. Und da beisst man sich eher durch, wenn das gute Möbel ein Stück persönlicher Vergangenheit repräsentiert.»

Als Nächstes muss das Holz bestimmt werden: Harthölzer wie Eiche, Nuss- oder Kirschbaum behandelt man anders als weiche Hölzer wie Fichte. Tannenmöbel sind oft mit einem Farbauftrag versehen, einer Maserung oder sogar furniert. Das «Holz des armen Mannes» sollte edler erscheinen, als es tatsächlich war. Diese Maserung lässt sich oft nur mit grossem Aufwand restaurieren.

Bei weichen Hölzern muss die Beschichtung abgetragen, bei harten und furnierten Hölzern hingegen abgebeizt werden. Harte Hölzer neigen dazu, beim Einsatz von Laugen eine unschön dunkle Färbung anzunehmen. Beim Laugen und Abbeizen ist grosse Vorsicht am Platz. Die Inhaltsstoffe schaden nicht nur der Umwelt, sondern sie sind auch gesundheitsschädlich. Wer selber ablaugen oder abbeizen will, sollte dies in einem gut durchlüfteten Raum oder besser ganz im Freien tun, rät Max Helbling. Handwerklich sei das Ablaugen Übungssache, sagt Schreinermeister Koch. «Letztlich ist es eine reine Fleissarbeit.» Beim Abbeizen sollte das Möbel nach dem Auftragen der Beize mit Plastikfolie abgedeckt werden. «Das verstärkt die Wirkung, weil es verhindert, dass die Stoffe in die Luft entweichen», sagt Helbling. Die Kür der Möbelrestauration ist aber das Schleifen. Hier gilt es, besonders sorgfältig zu arbeiten. Fabian Koch rät, ausschliesslich von Hand zu schleifen.

Freudvoll schleifen und streichen


Das ist nicht wesentlich anstrengender, als mit einer Maschine zu schleifen, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Von Hand werden Möbel gleichmässiger abgeschliffen, es entstehen keine unschönen Kerben, wie sie beim Einsatz mit billigen Maschinen häufig auftreten. Kursleiter Helbling warnt vor allem vor Band- und Winkelschleifern: «Für grosse Flächen eignen sich Schwingschleifmaschinen. Der Rest bleibt Handarbeit.» Wichtig ist die Wahl des richtigen Schleifpapiers. «Man sollte auf keinen Fall mit zu grobem Papier anfangen.»

Ob ein Schrank lackiert, gewachst oder geölt werden soll, ist weniger eine Frage des Umwelt- und Gesundheitsschutzes als des persönlichen Geschmacks. Die heute verwendeten Holzlacke gelten als weitgehend unbedenklich und sind in der Anwendung problemlos. Etwas heikler sind Öle und Wachse. Wachs sollte nur ganz dünn und auf eine Grundierung aufgetragen werden. Ansonsten verklebt die Wachsschicht sehr rasch mit Staub und Schmutz, den man kaum mehr wegbringt.

Wer Möbel nur restaurieren will, um Geld zu sparen, lässt am besten die Finger davon. Denn die Arbeitsstunden läppern sich rasch einmal zusammen. Wer aber Freude hat am Laugen, Schleifen und Streichen, sollte sich auf die Arbeit einlassen, sich aber unbedingt viel Zeit nehmen. Dann kann aus dem alten Bauernschrank der verstorbenen Grossmutter ein wahres Bijou werden.

Buchtipps


Albert Jackson, David Day: «Handbuch der Holzbearbeitung»; Urania Ravensburger, 1998, 240 Seiten, Fr. 59.90

Julia de Bierre, James Bain Smith: «Antike Möbel restaurieren»; Battenberg-Verlag, 2002, 176 Seiten, Fr. 43.70

Internet


Eine Fülle von Anleitungen, Tipps und Links zu allen Themen rund um die manuelle Holzbearbeitung von Möbeln finden Sie auf www.holzwerken.de

Text:
  • Urs Fitze
Bild:
  • Agentur Gettyimages
14. April 2005, Beobachter 8/2005