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Motorräder

Freie Fahrt für grosse Bubenträume

Text:
  • Daniel Leiser
Bild:
  • Agentur Gettyimages
Ausgabe:
3/04

Die neue Führerausweisregelung hat einzelnen Motorradkategorien zu einem Boom verholfen. Wer auf die kommende Töffsaison einen heissen Ofen kaufen will, sollte aber nicht nur auf die Ausweiskategorie achten.

Noch schlummern die Alpenpässe im friedlichen Winterschlaf. Doch sobald der Schnee weggeschmolzen ist, gibt es kein Halten mehr für die Töfffans. Sie werden künftig in wachsender Zahl über die Passstrassen fegen. Denn bei der Zahl der Neuzulassungen von Motorrädern haben vor allem die Kategorien «Strassensport» und «Tourer» massiv zugelegt: Per Ende November 2003 wurden in der Schweiz 4300 solcher Maschinen mehr zugelassen als in derselben Periode des Vorjahres, was einer Zunahme von 38 Prozent entspricht. Von den insgesamt rund 570000 zugelassenen Motorrädern verfügt mittlerweile beinahe die Hälfte – nämlich 260000 – über mehr als 125 Kubikzentimeter Hubraum.

Hauptgrund für den Boom bei den grossen Maschinen sind die neuen Führerausweiskategorien, die seit dem 1. April 2003 in Kraft sind (siehe Tabelle): Wer mindestens 25 Jahre alt ist, darf nun direkt mit einem grossen Töff der Kategorie A einsteigen, ohne den bisher vorgeschriebenen Umweg über eine 125er-Maschine der Kategorie A1 nehmen zu müssen. Diesen haben Motorradinteressierte früher als äusserst lästig empfunden. «Viele von ihnen haben sich gründlich geärgert, zuerst zwei Jahre mit einer 125er-Maschine herumkurven zu müssen, bevor sie auf einen grossen Töff umsteigen durften», sagt Roland Fuchs, Leiter der Schweizerischen Fachstelle für Zweiradfragen (SFZ). «Mit dem Wegfall dieser Hürde erfüllen sich diese Leute nun den Bubentraum und kaufen sich ein grosses Motorrad.»

Das revidierte Gesetz bringt noch weitere Erleichterungen. So können Inhaber des Autobilletts seit dem letzten April prüfungsfrei mit einem 125er-Motorrad herumfahren. Sie müssen dazu lediglich den Lernfahrausweis beantragen und innerhalb von vier Monaten die praktische Grundschulung von acht Stunden bei einer zugelassenen Fahrschule absolvieren. Danach können sie die Kategorie A1 im Führerausweis eintragen lassen. Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht. Aber offenbar wird von dieser Möglichkeit bereits rege Gebrauch gemacht. René Rüesch, Fahrlehrer in Thalwil: «Die meisten Teilnehmer an meinen Grundkursen sind Automobilisten, die sich einen 125er-Töff als Zweitfahrzeug angeschafft haben.»

Eine andere Neuerung gab im Vorfeld viel zu reden: Auch 18-Jährige dürfen seit dem 1. April 2003 von Anfang an mit einem Töff der Kategorie A herumfahren, sofern die Motorleistung auf 25 kW (34 PS) gedrosselt ist. Wer glaubt, diese Plombierung mache den grossen Töff zu einer lahmen Ente, der täuscht sich: «Die Leistungsbeschränkung wird erreicht, indem oft ganz einfach die maximale Drehzahl reduziert wird», erklärt Daniel Matter vom technischen Kundendienst des Motorradimporteurs Hostettler AG in Sursee. «Dadurch verliert der Töff seine Spritzigkeit im unteren Drehzahlbereich nicht.»

Trotzdem haben von dieser Möglichkeit bisher nur wenige Personen profitiert. Der ehemalige Motorradrennfahrer und mehrfache Grand-Prix-Sieger Jacques Cornu hat plombierte Motorräder getestet: «Ich war überrascht, wie wenig man von der beschränkten Motorenleistung merkt. Diese Motorräder können im normalen Strassenverkehr ohne weiteres mit den offenen Maschinen mithalten.»

Die neue Regelung hilft Geld sparen


Cornu sieht für diese Töffkategorie deshalb viele Vorteile: «Junge Leute, die direkt in die Kategorie A einsteigen wollen und auch das Geld dazu haben, müssen nur einmal ein Motorrad kaufen.» Zudem muss der Töff nicht für immer plombiert bleiben: Nach zwei Jahren Fahrpraxis ohne grössere Schnitzer wird die Beschränkung auf Gesuch hin aufgehoben. Eine weitere praktische Fahrprüfung ist nicht nötig.

Doch nicht nur auf die Ausweiskategorie kommt es an: Wer ein Motorrad kaufen will, sollte sich auch mit der Frage auseinander setzen, welcher Maschinentyp für ihn überhaupt in Frage kommt. Dabei sind alte Klischees zu revidieren: Wer eine Harley-Davidson fährt, ist schon lange nicht mehr zwingend ein langhaariger Wilder, der die anderen Verkehrsteilnehmer das Fürchten lehrt.

Trotzdem ist bei den Töfffahrern nach wie vor eine gewisse Typologie auszumachen. So bevorzugt der Chopperfahrer eher das genüssliche Dahingleiten und den coolen Sound seiner Maschine. Wer grosse Töfftouren mit langen Distanzen liebt, kauft dagegen ein bequemes Tourenmotorrad. Ein solches ist wiederum für die Sportfahrer völlig ungeeignet – für sie kommt es vor allem auf die Geschwindigkeit und die Drehzahl an.

Andere Motive haben in der Regel die Rollerfahrerinnen und -fahrer: «Für sie sind die fahrbaren Untersätze keine Liebhaberobjekte, sondern erfüllen nur den Zweck als Fortbewegungsmittel, etwa für die Fahrt ins Büro oder in die Badi», sagt SFZ-Leiter Roland Fuchs. «Viele von ihnen legen auch Wert auf ein gutes Design.»

Im Stadtverkehr genügt eine 125er


Da die Roller mittlerweile in Hubraumklassen von 50 bis 600 Kubikzentimeter erhältlich sind, lassen sich auch verschiedene Motive kombinieren. Wer mit seiner Vespa ausschliesslich im Stadtverkehr unterwegs ist, für den reicht eine 125er-Maschine ohne weiteres. Kommt ab und zu eine Ausfahrt ins Grüne oder gar eine Reise in die Ferien dazu, lohnt sich ein leistungsfähigeres Gefährt.

Der ehemalige Rennfahrer Jacques Cornu hat die Qual der Wahl bei den Motorrädern zu seinem Beruf gemacht: Er bietet Leuten, die keine Ahnung von den Maschinen haben, dreitägige Schnupperkurse an, wo sie sämtliche Töfftypen ausprobieren können. Unter Umständen merkt man dann ja auch, dass man gar nicht für einen heissen Ofen gemacht ist – und doch lieber beim Velo, Tram oder Zug bleibt. Die Passstrassen jedenfalls würden sich daran bestimmt nicht stören.

Radiotipp


Mehr zum Thema Motorrad: Beobachter-Ratgeber auf DRS 3, Mittwoch, 11. Februar, 10.15 Uhr (Wiederholung: Samstag, 14. Februar, 15.20 Uhr)

Messetipp


Vom 19. bis 22. Februar findet in der Messe Zürich die Swiss-Moto statt.

© Beobachter Ausgabe 3 vom 05. Feb 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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