Nachlese

Eine Wand geht auf Reisen

Text:
  • Andrea Haefely
Bild:
  • Otmar Elsener
Ausgabe:
15/09

Die Landi-Genossenschaft in Goldach hat ein Kunstwerk zu verschenken. Doch das Präsent hat seine Tücken: Es muss aufwendig abgebaut werden.

Ein Volg-Lädeli ist keine Kirche, ja nicht einmal ein richtiger Konsumtempel. Und trotzdem erfährt die Volg-Filiale in Goldach SG derzeit – zumindest in Teilen – ein ähnliches Schicksal wie das spanische Zisterzienserkloster, das der US-Medienmogul Randolph Hearst 1931 in Hunderte von Teilen zerlegen und nach Kalifornien schaffen liess. Oder wie die beiden Felsentempel von Ramses II. bei Abu Simbel, die in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wegen des Baus des Assuanstaudamms um 180 Meter versetzt werden mussten.

Aber nicht die Sammelwut eines Multimillionärs oder die Fluten des Nils bedrohen die Volg-Filiale. Vielmehr dräut Ungemach von der Abrissbirne. An der Fassade des eingeschossigen Ladenlokals prangt seit 1954 ein Sgraffito von Ferdinand Gehr, einem Schweizer Künstler, der zu den international bedeutendsten Kirchenmalern des 20. Jahrhunderts gehört. Jetzt aber steht in Goldach ein Um- und Neubau an. Die Kunst muss weichen.

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«Das Werk hat Seltenheitswert»

«Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass dieses Sgraffito im Œuvre von Ferdinand Gehr Seltenheitswert hat und deshalb erhalten werden sollte», sagt Hans Popp, Geschäftsführer der Landi-Genossenschaft Goldach, der das Gebäude und damit das Sgraffito gehört. «Da wir am Neubau keinen geeigneten Platz dafür finden konnten, haben wir uns entschlossen, es zu verschenken.» Gesucht war jemand, der sich sowohl kostenmässig als auch organisatorisch um den Abbau des Werks kümmern und einen Standort zur Verfügung stellen würde, der allgemein zugänglich ist. Ein Sammler, der das Sgraffito bei sich im Keller unter Ausschluss der Öffentlichkeit geniessen will, kam, so Popp, nicht in Frage. Tatsächlich meldeten sich etliche Interessenten. Den Zuschlag erhielt die Gemeinde Uzwil SG, der Favorit unter den Bewerbern für die ländliche Szene auf Putz.

Auch wenn der Aufwand nicht mit dem Umlagern von Pharaonentempeln vergleichbar ist – die damaligen Arbeiten dauerten fünf Jahre und verschlangen 80 Millionen Dollar –, hat das Geschenk seine Tücken: Konnten die altägyptischen Bauwerke in 1036 Blöcke gesägt und anschliessend mit Araldit wieder zusammengeleimt werden, muss das Sgraffito in einem Stück aus der Wand gebrochen werden. Ein Ablösen der Verputzschicht, die das eigentliche, 2 mal 3,5 Meter grosse Kunstwerk ausmacht, dürfte nicht ohne Schäden zu bewerkstelligen sein. Zwar wird die Rettungsaktion unvergleichlich viel billiger als diejenige der Ramses-Tempel. Die Kosten werden sich laut Popp aber auf mindestens 10'000 Franken belaufen.

© Beobachter Ausgabe 15 vom 22. Jul 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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