Nahrungsmittel
Global essen, lokal einkaufen
In den Küchen hats knack gemacht: erntefrische Karotten statt Massenware. Das Gute liegt nah, wenn man auf dem Hof einkauft. Auch für internationale Gerichte.

Nebenartikel
Alice Werder ist ein wandelndes Adressbuch: Sie weiss genau, welche Bäuerin den besten Zopf anbietet, welcher Bauer die frischesten Freilandeier und welcher die kräftigsten Erdbeeren verkauft. Auch der Wein, die Konfitüre und das Dinkelmehl stammen direkt vom Hof: «Praktisch sämtliche Lebensmittel, die ich benötige, werden im Umkreis von acht Kilometern hergestellt», sagt die 59-jährige Hauswirtschaftslehrerin aus Biberist.
Supermärkte sind ihr fremd: «Zu unpersönlich», findet sie. Beim Bauern dagegen kommts immer zum Gespräch, «und ich kann erst noch das alte Brot für die Kaninchen abgeben». Urs Schwaller, Meisterlandwirt aus Biberist SO, erachtet genau diese Gespräche als wichtigen Grund für die steigende Beliebtheit seines Hofladens: «Ich weiss über meine Produkte Bescheid, kenne die Mittel, mit denen ich sie gegen Schädlinge behandle, und ich kann Tipps zur Verarbeitung geben.»
Wissen bleibt auf der Strecke
Produkte ab Hof sind in der Regel frischer als jene in herkömmlichen Geschäften. Schwallers Nüsslisalat etwa wird am frühen Morgen geschnitten und gelangt nicht erst nach zweiwöchiger Kühlung in die Regale. «Salate und Gemüse können innert drei Tagen Lagerung bis zu drei Viertel ihres Vitamin-C-Gehalts verlieren», sagt der Ernährungswissenschaftler Paul Walter.
Zudem stammen die meisten Lebensmittel, die über Hunderte oder sogar Tausende von Kilometern importiert werden, aus riesigen Monokulturen und werden intensiv mit Düngungsmittel und Insektiziden behandelt. Bananen etwa werden mit starken Giften begast, damit sie haltbar sind. Dies schlägt sich ebenso negativ in der Ökobilanz nieder wie die Transporte: Holländische Hors-sol-Tomaten etwa enthalten viermal mehr dieser «grauen» Energie als Schweizer Freilandtomaten, neuseeländisches Lammfleisch fünfmal mehr als einheimisches.
Wenn alles jederzeit käuflich ist, bleibt Wissen auf der Strecke. «Ein beträchtlicher Teil meiner Schüler hat keine Ahnung mehr, welche Lebensmittel wann Saison haben», sagt Alice Werder. Ähnliches stellt Landwirt Schwaller fest: «Besonders Kinder haben den Bezug zu den täglichen Nahrungsmitteln verloren. Sie meinen, die Milch werde bei Coop produziert, und sind begeistert, wenn sie einmal frisch gemolkene Milch probieren dürfen.»
Gerade für Kinder kann der Einkauf beim Bauern ein besonderes Erlebnis sein. Denn zu einem Hofbesuch gehört zuerst einmal ein Spaziergang mit den Eltern. Und statt sich mit der Mutter vor der Ladenkasse wegen Süssigkeiten auf Augenhöhe einen Machtkampf zu liefern, dürfen Kaninchen oder Katzen gestreichelt und Kühe begutachtet werden.
Doch auch die Erwachsenen profitieren. Viele Produkte können degustiert werden, und die Auswahl an einheimischen Äpfeln etwa ist meist reichhaltiger als beim Grossverteiler – und das zu konkurrenzfähigen Preisen: Während ein Kilogramm Äpfel beim Detailhändler gut und gerne vier Franken kostet, verlangen Direktvermarkter zwischen zwei und drei Franken, ein Rezept für einen Apfelkuchen inbegriffen.
Herkunft des Fleisches ist eindeutig
Gefragt ist vor allem auch tiergerecht produziertes Fleisch direkt ab Hof. «Ein Hauptgrund dafür ist sicherlich die Angst vor weiteren Fleischskandalen», sagt der Bauer Markus Schmutz aus Riggisberg BE, langjähriger Produzent von «Natura Beef». Der Marktanteil von Biofleisch ist mit vier Prozent im Vergleich zu anderen landwirtschaftlichen Produkten zwar bescheiden (bei den Biokarotten sind es 20 Prozent, bei Biomilch und -eiern je 12 Prozent), doch rechnet die Branchenorganisation Bio Suisse für dieses Jahr mit einem Zuwachs von 20 Prozent.
Wer direkt beim Bauern einkauft, kann sich selbst ein Bild über dessen Tierhaltung machen. «Zudem lässt sich die Herkunft jedes Fleischstücks garantiert zurückverfolgen», so Schmutz, «und mit einem Kilopreis von 23 bis 25 Franken brauchen wir keinen Vergleich zu scheuen.» Auch sind die Transporte vom Bauernhof zum Metzger kurz und für die Kälber dank der mitfahrenden Mutterkühe stressarm: Hohe Qualität und konkurrenzfähige Preise brauchen sich also nicht auszuschliessen.
© Beobachter Ausgabe 23 vom 13. Nov 2003 - Alle Rechte vorbehalten







