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Pharmaindustrie: Milliardengeschäft mit teuren Nebenwirkungen

Text:
  • Rahel Stauber
Ausgabe:
5/01

Die Schweiz ist für die Pharmafirmen ein Schlaraffenland. Nirgendwo in Europa verdienen sie mit Medikamenten so viel wie hierzulande – und die Branche kämpft mit allen Mitteln dafür, dass das auch so bleibt.

Die Pharmaindustrie zog in den letzten Wochen alle Register.

Im Kampf gegen die Denner-Initiative «Für tiefere

Arzneimittelpreise» malte sie – oft hart an der

Grenze zur Unwahrheit – Schreckensszenarien an die Wand.

Sie sprach von einer drohenden «Zweiklassenmedizin»

und warnte vor dem Rückfall in die medikamentöse

Steinzeit.

Rund sechs Millionen Franken liessen die Pharmamultis für

den Abstimmungskampf springen – ein Klacks für die

wichtigste Industriebranche der Schweiz: Rund 4,5 Milliarden

Franken geben Schweizerinnen und Schweizer jährlich für

Medikamente aus. Allein zwischen 1996 und 1999 sind die Medikamentenkosten

in der Grundversicherung um 27 Prozent gestiegen – und

die Kurve zeigt weiter nach oben.

Was die Medikamentenhersteller besonders freut: Nirgendwo

in Europa erzielen sie so gute Preise wie in der Schweiz.

«Die Unterschiede gegenüber dem Ausland sind nicht

mehr so gross wie früher», sagt zwar Thomas Cueni

vom Branchenverband Interpharma. Eine Studie von Preisüberwacher

Werner Marti aber zeigt: Letztes Jahr wurden die Medikamente

in der Schweiz noch immer um rund 19 Prozent teurer verkauft

als in Deutschland. Eine Schachtel Voltaren etwa kostet in

Italien 30, in Deutschland 44 und in der Schweiz 63 Franken.

Die Pharmafirmen rechtfertigen die hohen Preise mit den

wachsenden Entwicklungskosten. Der Schlankmacher Xenical zum

Beispiel kostete laut Angaben von Hersteller Roche bis zur

Markteinführung rund eine Milliarde Franken.

«Es ist nicht einzusehen, warum die Kunden in der

Schweiz mehr für die Forschung bezahlen sollen als diejenigen

im nahen Ausland», kritisiert Preisüberwacher Marti.

Noch deutlicher wird der Pharmakritiker und Arzt Etzel Gysling:

«Was die Branche für neue Medikamente verlangt,

sind reine Fantasiepreise.»

Tatsächlich ergeben sich die Preise für die rund

2500 kassenpflichtigen Medikamente auf der so genannten Spezialitätenliste

nicht auf dem freien Markt, sondern werden zwischen Staat

und Pharmaindustrie ausgehandelt. Und um für den Schweizer

Markt möglichst hohe Preise herauszuholen, haben die

Hersteller eine ganze Reihe von Tricks auf Lager. Der einträglichste:

Ältere und billigere Medikamente werden möglichst

rasch durch neue und teurere Mittel ersetzt. Allein 1999 wurden

bei der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel

(IKS) 549 Medikamente neu registriert. Nicht selten kosten

die neuen Pillen bis zu zehnmal mehr als die alten –

wie etwa im Fall der Antidepressiva.

Neue Mittel treiben die Kosten hoch

Dieser Trick macht alle Sparmassnahmen zunichte. So darf das

Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) zwar für

Medikamente, die älter als 15 Jahre alt sind, Preissenkungen

verordnen; 1999 konnten so 150 Millionen Franken eingespart

werden. Doch der Spareffekt blieb aus: Im selben Jahr stiegen

die Kosten für kassenpflichtige Medikamente um 6,7 Prozent.

Warum das so ist, zeigt das Beispiel Rheumamittel: Bis vor

zwei Jahren wurde damit ein jährlicher Umsatz von 55

Millionen Franken erzielt. Mit der Einführung der Mittel

Vioxx (MSD) und Celebrex (Searle) schnellte der Umsatz innert

Jahresfrist auf 90 Millionen Franken hoch.

Die Hersteller betonen, dass diese Medikamente viel besser

seien als die alten und weniger Nebenwirkungen aufweisen.

Doch so eindeutig ist das nicht. Im Gegenteil: Bei der Schweizerischen

Arzneimittel-Nebenwirkungs-Zentrale sind bereits mehrere Meldungen

wegen starker Begleiterscheinungen des neuen – angeblich

gut verträglichen – Celebrex eingegangen.

«Meistens sind die neuen Medikamente etwas besser

als die alten», sagt BSV-Vizedirektor Fritz Britt, «die

Frage ist nur, ob sie so viel besser sind, wie sie teurer

werden.» Auf die jährlich 500 neu registrierten

Mittel fallen laut Britt nur etwa zehn Medikamente, die nachhaltige

Verbesserungen bringen. Oft sind die Neuerungen klein. So

ändert sich etwa die Verabreichungsform oder die Dosierung

– was vielleicht den Komfort, nicht aber die Wirkung

verbessert. Dennoch nehmen die Hersteller dies gern zum Anlass,

um beim BSV eine Preiserhöhung zu verlangen.

Eine andere Strategie besteht darin, dem Amt neue Medikamente

als Nischenprodukte für eine spezielle Patientengruppe

zu verkaufen. Das verhilft dem Medikament zu einem höheren

Preis. Ist dieser abgesegnet, verkündet die Firma, das

Medikament sei auch noch gegen allerlei andere Krankheiten

einsetzbar. Die Folge: Aus dem Ni-schen- wird ein Massenprodukt.

BSV-Vizedirektor Fritz Britt ist über die preistreibenden

Strategien der Pharmafirmen alles andere erfreut: «Es

ist frustrierend, wenn alle Massnahmen zur Kostensenkung mit

solchen Methoden zunichte gemacht werden.»

Millionen in die Werbung investiert

Damit die Patientinnen und Patienten die neuen Pillen schlucken,

investieren die Pharmafirmen Millionenbeträge in die

Vermarktung. Allein Roche hat 1999 die Ausgaben für Marketing

und Vertrieb um 15 Prozent erhöht – auf 7,8 Milliarden

Franken. Werbeapostel tingeln mit der frohen Botschaft über

die neuen Medikamente durch Arztpraxen und Spitäler,

geben Gratismuster ab – oder bieten gar an, einen Teil

der Praxiskosten zu übernehmen.

Auch die Patienten werden immer gezielter bearbeitet. So

ortet die Branche plötzlich ein «ungestilltes Informationsbedürfnis»

und bietet – meist unter dem Stichwort «Prävention»

– Beratungsstellen, Telefonhotlines und Internetseiten

zu verschiedenen Krankheiten an. Gross im Informationsgeschäft

ist Roche. Ob Akne, Hepatitis, Osteoporose, Parkinson, Vitaminmangel

oder Übergewicht – über alles orientiert die

Firma angeblich neutral. Natürlich hat Roche in all diesen

Bereichen ein passendes Mittel parat.

Die Behörden sind machtlos

Die Massnahmen, die der Staat der Milliardenmaschinerie bisher

entgegengesetzt hat, sind wie Hustensaft gegen Lungenentzündung:

Zu ungleich lang sind die Spiesse, zu gross ist der Druck,

den die Pharmalobby im Ernstfall ausüben kann. Weigert

sich etwa die eidgenössische Arzneimittelkommission,

ein Medikament zum geforderten Preis auf die Spezialitätenliste

zu nehmen, decken die Pharmafirmen das Amt kurzerhand mit

Rekursen ein. «Gegen die gewieften Spezialisten der

Pharmamultis haben die BSV-Juristen keine Chance», sagt

ein Insider.

«Der Druck der Pharmaindustrie ist da», räumt

BSV-Vizedirektor Fritz Britt ein. Doch von einer Rekursflut

könne heute keine Rede mehr sein. «Wir haben gut

gepokert und können uns inzwischen wirksam wehren.»

Allerdings nicht immer erfolgreich: Vor einem Jahr beantragte

das Pharmaunternehmen MSD für das cholesterinsenkende

Medikament Zocor eine Preiserhöhung um 13,8 Prozent.

Die Herstellerin ging geschickt vor: Sie lancierte ein «neues

Zocor». Einziger Unterschied zum alten: eine höhere

Dosierung. Zuerst weigerte sich die Arzneimittelkommission,

der Forderung nachzugeben. Doch MSD drohte damit, das alte

Präparat vom Markt zu nehmen. Mit Erfolg: Bereits zwei

Wochen später mussten die Patientinnen und Patienten

den höheren Preis bezahlen.

© Beobachter Ausgabe 5 vom 02. Mär 2001 - Alle Rechte vorbehalten

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