Pharmaindustrie: Milliardengeschäft mit teuren Nebenwirkungen
Die Schweiz ist für die Pharmafirmen ein Schlaraffenland. Nirgendwo in Europa verdienen sie mit Medikamenten so viel wie hierzulande – und die Branche kämpft mit allen Mitteln dafür, dass das auch so bleibt.
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Die Pharmaindustrie zog in den letzten Wochen alle Register.
Im Kampf gegen die Denner-Initiative «Für tiefere
Arzneimittelpreise» malte sie – oft hart an der
Grenze zur Unwahrheit – Schreckensszenarien an die Wand.
Sie sprach von einer drohenden «Zweiklassenmedizin»
und warnte vor dem Rückfall in die medikamentöse
Steinzeit.
Rund sechs Millionen Franken liessen die Pharmamultis für
den Abstimmungskampf springen – ein Klacks für die
wichtigste Industriebranche der Schweiz: Rund 4,5 Milliarden
Franken geben Schweizerinnen und Schweizer jährlich für
Medikamente aus. Allein zwischen 1996 und 1999 sind die Medikamentenkosten
in der Grundversicherung um 27 Prozent gestiegen – und
die Kurve zeigt weiter nach oben.
Was die Medikamentenhersteller besonders freut: Nirgendwo
in Europa erzielen sie so gute Preise wie in der Schweiz.
«Die Unterschiede gegenüber dem Ausland sind nicht
mehr so gross wie früher», sagt zwar Thomas Cueni
vom Branchenverband Interpharma. Eine Studie von Preisüberwacher
Werner Marti aber zeigt: Letztes Jahr wurden die Medikamente
in der Schweiz noch immer um rund 19 Prozent teurer verkauft
als in Deutschland. Eine Schachtel Voltaren etwa kostet in
Italien 30, in Deutschland 44 und in der Schweiz 63 Franken.
Die Pharmafirmen rechtfertigen die hohen Preise mit den
wachsenden Entwicklungskosten. Der Schlankmacher Xenical zum
Beispiel kostete laut Angaben von Hersteller Roche bis zur
Markteinführung rund eine Milliarde Franken.
«Es ist nicht einzusehen, warum die Kunden in der
Schweiz mehr für die Forschung bezahlen sollen als diejenigen
im nahen Ausland», kritisiert Preisüberwacher Marti.
Noch deutlicher wird der Pharmakritiker und Arzt Etzel Gysling:
«Was die Branche für neue Medikamente verlangt,
sind reine Fantasiepreise.»
Tatsächlich ergeben sich die Preise für die rund
2500 kassenpflichtigen Medikamente auf der so genannten Spezialitätenliste
nicht auf dem freien Markt, sondern werden zwischen Staat
und Pharmaindustrie ausgehandelt. Und um für den Schweizer
Markt möglichst hohe Preise herauszuholen, haben die
Hersteller eine ganze Reihe von Tricks auf Lager. Der einträglichste:
Ältere und billigere Medikamente werden möglichst
rasch durch neue und teurere Mittel ersetzt. Allein 1999 wurden
bei der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel
(IKS) 549 Medikamente neu registriert. Nicht selten kosten
die neuen Pillen bis zu zehnmal mehr als die alten –
wie etwa im Fall der Antidepressiva.
Neue Mittel treiben die Kosten hoch
Dieser Trick macht alle Sparmassnahmen zunichte. So darf das
Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) zwar für
Medikamente, die älter als 15 Jahre alt sind, Preissenkungen
verordnen; 1999 konnten so 150 Millionen Franken eingespart
werden. Doch der Spareffekt blieb aus: Im selben Jahr stiegen
die Kosten für kassenpflichtige Medikamente um 6,7 Prozent.
Warum das so ist, zeigt das Beispiel Rheumamittel: Bis vor
zwei Jahren wurde damit ein jährlicher Umsatz von 55
Millionen Franken erzielt. Mit der Einführung der Mittel
Vioxx (MSD) und Celebrex (Searle) schnellte der Umsatz innert
Jahresfrist auf 90 Millionen Franken hoch.
Die Hersteller betonen, dass diese Medikamente viel besser
seien als die alten und weniger Nebenwirkungen aufweisen.
Doch so eindeutig ist das nicht. Im Gegenteil: Bei der Schweizerischen
Arzneimittel-Nebenwirkungs-Zentrale sind bereits mehrere Meldungen
wegen starker Begleiterscheinungen des neuen – angeblich
gut verträglichen – Celebrex eingegangen.
«Meistens sind die neuen Medikamente etwas besser
als die alten», sagt BSV-Vizedirektor Fritz Britt, «die
Frage ist nur, ob sie so viel besser sind, wie sie teurer
werden.» Auf die jährlich 500 neu registrierten
Mittel fallen laut Britt nur etwa zehn Medikamente, die nachhaltige
Verbesserungen bringen. Oft sind die Neuerungen klein. So
ändert sich etwa die Verabreichungsform oder die Dosierung
– was vielleicht den Komfort, nicht aber die Wirkung
verbessert. Dennoch nehmen die Hersteller dies gern zum Anlass,
um beim BSV eine Preiserhöhung zu verlangen.
Eine andere Strategie besteht darin, dem Amt neue Medikamente
als Nischenprodukte für eine spezielle Patientengruppe
zu verkaufen. Das verhilft dem Medikament zu einem höheren
Preis. Ist dieser abgesegnet, verkündet die Firma, das
Medikament sei auch noch gegen allerlei andere Krankheiten
einsetzbar. Die Folge: Aus dem Ni-schen- wird ein Massenprodukt.
BSV-Vizedirektor Fritz Britt ist über die preistreibenden
Strategien der Pharmafirmen alles andere erfreut: «Es
ist frustrierend, wenn alle Massnahmen zur Kostensenkung mit
solchen Methoden zunichte gemacht werden.»
Millionen in die Werbung investiert
Damit die Patientinnen und Patienten die neuen Pillen schlucken,
investieren die Pharmafirmen Millionenbeträge in die
Vermarktung. Allein Roche hat 1999 die Ausgaben für Marketing
und Vertrieb um 15 Prozent erhöht – auf 7,8 Milliarden
Franken. Werbeapostel tingeln mit der frohen Botschaft über
die neuen Medikamente durch Arztpraxen und Spitäler,
geben Gratismuster ab – oder bieten gar an, einen Teil
der Praxiskosten zu übernehmen.
Auch die Patienten werden immer gezielter bearbeitet. So
ortet die Branche plötzlich ein «ungestilltes Informationsbedürfnis»
und bietet – meist unter dem Stichwort «Prävention»
– Beratungsstellen, Telefonhotlines und Internetseiten
zu verschiedenen Krankheiten an. Gross im Informationsgeschäft
ist Roche. Ob Akne, Hepatitis, Osteoporose, Parkinson, Vitaminmangel
oder Übergewicht – über alles orientiert die
Firma angeblich neutral. Natürlich hat Roche in all diesen
Bereichen ein passendes Mittel parat.
Die Behörden sind machtlos
Die Massnahmen, die der Staat der Milliardenmaschinerie bisher
entgegengesetzt hat, sind wie Hustensaft gegen Lungenentzündung:
Zu ungleich lang sind die Spiesse, zu gross ist der Druck,
den die Pharmalobby im Ernstfall ausüben kann. Weigert
sich etwa die eidgenössische Arzneimittelkommission,
ein Medikament zum geforderten Preis auf die Spezialitätenliste
zu nehmen, decken die Pharmafirmen das Amt kurzerhand mit
Rekursen ein. «Gegen die gewieften Spezialisten der
Pharmamultis haben die BSV-Juristen keine Chance», sagt
ein Insider.
«Der Druck der Pharmaindustrie ist da», räumt
BSV-Vizedirektor Fritz Britt ein. Doch von einer Rekursflut
könne heute keine Rede mehr sein. «Wir haben gut
gepokert und können uns inzwischen wirksam wehren.»
Allerdings nicht immer erfolgreich: Vor einem Jahr beantragte
das Pharmaunternehmen MSD für das cholesterinsenkende
Medikament Zocor eine Preiserhöhung um 13,8 Prozent.
Die Herstellerin ging geschickt vor: Sie lancierte ein «neues
Zocor». Einziger Unterschied zum alten: eine höhere
Dosierung. Zuerst weigerte sich die Arzneimittelkommission,
der Forderung nachzugeben. Doch MSD drohte damit, das alte
Präparat vom Markt zu nehmen. Mit Erfolg: Bereits zwei
Wochen später mussten die Patientinnen und Patienten
den höheren Preis bezahlen.
© Beobachter Ausgabe 5 vom 02. Mär 2001 - Alle Rechte vorbehalten







