Produktefehler: Schäden werden in Kauf genommen
Gefährliche Spielsachen, schadhafte Handys, fehlerhafte Autos: Kommen unausgereifte Produkte auf den Markt, spielen die Kunden Versuchskaninchen – unfreiwillig.

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Sobald sie im Wasser landen, quellen die Spielzeug-Meerestiere
bis zur sechsfachen Grösse auf ein Renner an jeder
Kinderparty. Dumm nur, dass sie dasselbe auch im Körper
eines Kleinkindes tun, wenn es Teile davon verschluckt. Das
Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt denn auch vor aufquellbaren
Spielsachen. Bei einer Stichprobe an der Grenze stiessen die
Kontrolleure zufällig auf das gefährliche Getier.
Jetzt müssen die Kantone dafür sorgen, dass es vom
Markt verschwindet.
Kein Einzelfall: Erst kürzlich hatte das BAG Alarm
geschlagen, weil ein Kind beinahe erstickt war, als sich das
Band eines Jo-Jo-ähnlichen Spielzeugs um seinen Hals
geschlungen hatte. «Bei den Trendspielsachen ist der
Markt kurzlebig. Die Importeure wollen nicht warten, bis alles
nach Schweizer Recht geprüft ist», sagt Hans Rudolf
Hunziker, Präsident des Verbands der Kantonschemiker
der Schweiz. Damit werden Kundinnen und Kunden unfreiwillig
zu Versuchskaninchen.
«Mindestens die Hälfte der neuen Produkte auf
dem Markt hat Verbesserungspotenzial», sagt Daniel Felix,
Geschäftsführer der Zürcher Firma Ergonomie
& Technologie. Das Unternehmen ist auf Tests von Produkten
aller Art spezialisiert von Kaffeemaschinen bis zu
Billettautomaten. «Anstatt die Produktionstechnologie
zu überarbeiten, um Fehler auszuräumen, nehmen Firmen
das Risiko in Kauf, unausgereifte Produkte auf den Markt zu
werfen», sagt Felix. Ein Labortest könnte versteckte
Schwächen eines Produkts aufdecken. Doch der kostet um
die 20000 Franken.
Der deutsche Rückversicherer GE Frankona Re registrierte
in den letzten fünf Jahren weltweit über 1400 Rückrufe.
Spitzenreiter war die Automobilindustrie mit 467 Fällen,
gefolgt von der Nahrungsmittelindustrie mit 300 Rückrufen.
«Die Rückrufe nehmen eindeutig zu», stellt
Dieter Kohl, Leiter Haftpflicht von GE Frankona Re, fest.
Als Hauptgrund für diese Entwicklung vermutet er die
verschärften gesetzlichen Bestimmungen der EU. Allein
die Möglichkeit, dass ein Schaden entstehe, verpflichte
den Hersteller, sein Produkt zurückzurufen. Gleichzeitig,
so Kohl, liessen sich die Unternehmen immer weniger Zeit,
ein Produkt auf den Markt zu bringen.
Atemnot wegen Imprägnierungsspray
Hierzulande hat die Zahl der Rückrufe ebenfalls zugenommen
auch weil die Produzenten diese nicht mehr als Makel
betrachten. Eine Einschätzung, die Migros-Pressesprecher
Urs Peter Naef bestätigt: «Wir wollen nicht hinter
dem Rücken der Kunden Produkte aus dem Regal nehmen.»
Im Gegenteil: Die Konsumenten sollen mit dem Gefühl einkaufen,
dass sich der Grossverteiler darum kümmert, wenn ein
Artikel mangelhaft sein sollte.
Zwar haben Migros und Coop eigene Testlabors, doch heikel
wird es, wenn ein Lieferant sein Produkt verändert, ohne
die Grossverteiler zu informieren. So ersetzte ein Hersteller
einen Inhaltsstoff seines Imprägnierungssprays durch
einen anderen. Prompt bekamen Kunden Atemnot, nachdem sie
den Spray benutzt hatten. Ein anderer Lieferant verzierte
seine Kerzen mit neuem Glimmer. Ein Luftstoss und nicht
nur der Docht, sondern auch der Glimmer stand in Flammen.
Je komplexer ein Produkt, desto anfälliger ist es
für Fehler. «Bei neuen Technologien ist der Kunde
per se Versuchskaninchen», sagt Matthias Nast, Projektleiter
bei der Stiftung für Konsumentenschutz. Paradebeispiel
ist die unter enormem Innovationsdruck stehende Software-Branche.
«Wenn sich eine erste Version nicht bewährt, wird
sie in einer zweiten Auflage einfach angepasst», sagt
Nast. Lebensgefährlich können Software-Fehler zum
Beispiel bei Tauchcomputern werden. Die Aargauer Firma Uwatec
zog kürzlich einen ihrer neusten Unterwassercomputer
wegen Fehlfunktionen zurück.
Mangelhafte Bauteile verwendet
Besonders in der Telekommunikationsbranche sollen neue Technologien
im Eiltempo zu neuen Produkten führen, «damit sich
die investierten Forschungsgelder schnell auszahlen»,
so Nast. «Dass die Qualität dabei leiden muss,
liegt auf der Hand.» Eine aktuelle Umfrage bei 14000
Lesern des deutschen Telekommunikationsmagazins «Connect»
bestätigt das: Jeder Vierte hat schon einen Totalausfall
seines Geräts erlebt. Am anfälligsten war die Software,
gefolgt von Mängeln bei Display und Akku. Die Wahrscheinlichkeit,
dass ein Mobiltelefon bereits innerhalb zweier Jahre den Geist
aufgibt, liegt laut «Connect» bei Motorola-Handys
am höchsten bei rund 19 Prozent.
Noch schlechter waren die Zahlen in einem Gutachten, das
das ARD-Verbrauchermagazin «Plusminus» zum Handymodell
Nokia 8210 in Auftrag gegeben hatte: 70 Prozent der getesteten
Geräte waren schadhaft. Die Telefone hatten Displayschäden
oder fielen schon kurz nach Inbetriebnahme aus. Nokia räumte
denn auch ein, in bestimmten Chargen mangelhafte Bauteile
verwendet zu haben, stritt einen generellen Konstruktionsfehler
aber ab.
Die Handyhersteller berufen sich darauf, dass es unmöglich
sei, bei einem neuen Gerät hundertprozentig fehlerfreies
Funktionieren zu garantieren. «Wir müssten Heerscharen
von Software-Ingenieuren beschäftigen», sagt Siemens-Schweiz-Sprecher
Benno Estermann. «Als Folge davon müsste der Kunde
auch viel mehr für das Gerät bezahlen.»
In der Automobilindustrie sind Rückrufe fast an der
Tagesordnung. In der Schweiz zählte der Touring-Club
(TCS) allein in den letzten zwölf Monaten 150 Rückrufe.
Die Mängel reichen von rostigen Bremsleitungen bis hin
zu einer Lenkung, die vollständig ausfallen kann. Betroffen
sind sämtliche Hersteller, und selbst bei Nobelmarken
wie Mercedes oder BMW ist man vor Rückrufen nicht gefeit.
Auch wer mit dem öffentlichen Verkehr reist, kann
unvermutet zum Versuchskaninchen werden. Als erste Bahn in
Europa testeten die SBB zwischen Zofingen und Sempach ein
neues Signalsystem im regulären Betrieb: Der Lokführer
fährt nicht mehr nach Aussensignalen, sondern empfängt
via Funk auf einem Bildschirm im Führerstand Anweisungen.
Doch dieses so genannte ETCS-System war noch nicht ausgereift.
Folge: siebenmal mehr Verspätungsminuten. Die SBB werden
nun auf der Neubaustrecke MattstettenRothrist neben
ETCS auch konventionelle Signale einbauen, und der Test zwischen
Zofingen und Sempach wird im November abgebrochen. Den Kunden
erspart die Bahn damit eine Menge Ärger und ihren
Kondukteuren den Spiessrutenlauf durch den Zug, wenn sie genervten
Pendlern wieder einmal Trostgipfeli offerieren dürfen.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten









