Produktefehler: Schäden werden in Kauf genommen

Text:
  • Matieu Klee
  •  und Maja Bosshart
Ausgabe:
18/03

Gefährliche Spielsachen, schadhafte Handys, fehlerhafte Autos: Kommen unausgereifte Produkte auf den Markt, spielen die Kunden Versuchskaninchen – unfreiwillig.

Sobald sie im Wasser landen, quellen die Spielzeug-Meerestiere

bis zur sechsfachen Grösse auf – ein Renner an jeder

Kinderparty. Dumm nur, dass sie dasselbe auch im Körper

eines Kleinkindes tun, wenn es Teile davon verschluckt. Das

Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt denn auch vor aufquellbaren

Spielsachen. Bei einer Stichprobe an der Grenze stiessen die

Kontrolleure zufällig auf das gefährliche Getier.

Jetzt müssen die Kantone dafür sorgen, dass es vom

Markt verschwindet.

Kein Einzelfall: Erst kürzlich hatte das BAG Alarm

geschlagen, weil ein Kind beinahe erstickt war, als sich das

Band eines Jo-Jo-ähnlichen Spielzeugs um seinen Hals

geschlungen hatte. «Bei den Trendspielsachen ist der

Markt kurzlebig. Die Importeure wollen nicht warten, bis alles

nach Schweizer Recht geprüft ist», sagt Hans Rudolf

Hunziker, Präsident des Verbands der Kantonschemiker

der Schweiz. Damit werden Kundinnen und Kunden unfreiwillig

zu Versuchskaninchen.

«Mindestens die Hälfte der neuen Produkte auf

dem Markt hat Verbesserungspotenzial», sagt Daniel Felix,

Geschäftsführer der Zürcher Firma Ergonomie

& Technologie. Das Unternehmen ist auf Tests von Produkten

aller Art spezialisiert – von Kaffeemaschinen bis zu

Billettautomaten. «Anstatt die Produktionstechnologie

zu überarbeiten, um Fehler auszuräumen, nehmen Firmen

das Risiko in Kauf, unausgereifte Produkte auf den Markt zu

werfen», sagt Felix. Ein Labortest könnte versteckte

Schwächen eines Produkts aufdecken. Doch der kostet um

die 20000 Franken.

Der deutsche Rückversicherer GE Frankona Re registrierte

in den letzten fünf Jahren weltweit über 1400 Rückrufe.

Spitzenreiter war die Automobilindustrie mit 467 Fällen,

gefolgt von der Nahrungsmittelindustrie mit 300 Rückrufen.

«Die Rückrufe nehmen eindeutig zu», stellt

Dieter Kohl, Leiter Haftpflicht von GE Frankona Re, fest.

Als Hauptgrund für diese Entwicklung vermutet er die

verschärften gesetzlichen Bestimmungen der EU. Allein

die Möglichkeit, dass ein Schaden entstehe, verpflichte

den Hersteller, sein Produkt zurückzurufen. Gleichzeitig,

so Kohl, liessen sich die Unternehmen immer weniger Zeit,

ein Produkt auf den Markt zu bringen.

Atemnot wegen Imprägnierungsspray

Hierzulande hat die Zahl der Rückrufe ebenfalls zugenommen

– auch weil die Produzenten diese nicht mehr als Makel

betrachten. Eine Einschätzung, die Migros-Pressesprecher

Urs Peter Naef bestätigt: «Wir wollen nicht hinter

dem Rücken der Kunden Produkte aus dem Regal nehmen.»

Im Gegenteil: Die Konsumenten sollen mit dem Gefühl einkaufen,

dass sich der Grossverteiler darum kümmert, wenn ein

Artikel mangelhaft sein sollte.

Zwar haben Migros und Coop eigene Testlabors, doch heikel

wird es, wenn ein Lieferant sein Produkt verändert, ohne

die Grossverteiler zu informieren. So ersetzte ein Hersteller

einen Inhaltsstoff seines Imprägnierungssprays durch

einen anderen. Prompt bekamen Kunden Atemnot, nachdem sie

den Spray benutzt hatten. Ein anderer Lieferant verzierte

seine Kerzen mit neuem Glimmer. Ein Luftstoss – und nicht

nur der Docht, sondern auch der Glimmer stand in Flammen.

Je komplexer ein Produkt, desto anfälliger ist es

für Fehler. «Bei neuen Technologien ist der Kunde

per se Versuchskaninchen», sagt Matthias Nast, Projektleiter

bei der Stiftung für Konsumentenschutz. Paradebeispiel

ist die unter enormem Innovationsdruck stehende Software-Branche.

«Wenn sich eine erste Version nicht bewährt, wird

sie in einer zweiten Auflage einfach angepasst», sagt

Nast. Lebensgefährlich können Software-Fehler zum

Beispiel bei Tauchcomputern werden. Die Aargauer Firma Uwatec

zog kürzlich einen ihrer neusten Unterwassercomputer

wegen Fehlfunktionen zurück.

Mangelhafte Bauteile verwendet

Besonders in der Telekommunikationsbranche sollen neue Technologien

im Eiltempo zu neuen Produkten führen, «damit sich

die investierten Forschungsgelder schnell auszahlen»,

so Nast. «Dass die Qualität dabei leiden muss,

liegt auf der Hand.» Eine aktuelle Umfrage bei 14000

Lesern des deutschen Telekommunikationsmagazins «Connect»

bestätigt das: Jeder Vierte hat schon einen Totalausfall

seines Geräts erlebt. Am anfälligsten war die Software,

gefolgt von Mängeln bei Display und Akku. Die Wahrscheinlichkeit,

dass ein Mobiltelefon bereits innerhalb zweier Jahre den Geist

aufgibt, liegt laut «Connect» bei Motorola-Handys

am höchsten – bei rund 19 Prozent.

Noch schlechter waren die Zahlen in einem Gutachten, das

das ARD-Verbrauchermagazin «Plusminus» zum Handymodell

Nokia 8210 in Auftrag gegeben hatte: 70 Prozent der getesteten

Geräte waren schadhaft. Die Telefone hatten Displayschäden

oder fielen schon kurz nach Inbetriebnahme aus. Nokia räumte

denn auch ein, in bestimmten Chargen mangelhafte Bauteile

verwendet zu haben, stritt einen generellen Konstruktionsfehler

aber ab.

Die Handyhersteller berufen sich darauf, dass es unmöglich

sei, bei einem neuen Gerät hundertprozentig fehlerfreies

Funktionieren zu garantieren. «Wir müssten Heerscharen

von Software-Ingenieuren beschäftigen», sagt Siemens-Schweiz-Sprecher

Benno Estermann. «Als Folge davon müsste der Kunde

auch viel mehr für das Gerät bezahlen.»

In der Automobilindustrie sind Rückrufe fast an der

Tagesordnung. In der Schweiz zählte der Touring-Club

(TCS) allein in den letzten zwölf Monaten 150 Rückrufe.

Die Mängel reichen von rostigen Bremsleitungen bis hin

zu einer Lenkung, die vollständig ausfallen kann. Betroffen

sind sämtliche Hersteller, und selbst bei Nobelmarken

wie Mercedes oder BMW ist man vor Rückrufen nicht gefeit.

Auch wer mit dem öffentlichen Verkehr reist, kann

unvermutet zum Versuchskaninchen werden. Als erste Bahn in

Europa testeten die SBB zwischen Zofingen und Sempach ein

neues Signalsystem im regulären Betrieb: Der Lokführer

fährt nicht mehr nach Aussensignalen, sondern empfängt

via Funk auf einem Bildschirm im Führerstand Anweisungen.

Doch dieses so genannte ETCS-System war noch nicht ausgereift.

Folge: siebenmal mehr Verspätungsminuten. Die SBB werden

nun auf der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist neben

ETCS auch konventionelle Signale einbauen, und der Test zwischen

Zofingen und Sempach wird im November abgebrochen. Den Kunden

erspart die Bahn damit eine Menge Ärger – und ihren

Kondukteuren den Spiessrutenlauf durch den Zug, wenn sie genervten

Pendlern wieder einmal Trostgipfeli offerieren dürfen.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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