Service Public
Auf verlorenem Posten
Die Schweiz stimmt am 26. September über die Anzahl Poststellen ab. Nötiger wären längere Öffnungszeiten und besserer Kundendienst.

(Bild: Martial Trezzini)
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Samstag um 10 Uhr. Die Schlange vor den Schaltern der Post im Berner Spitalacker-Quartier nimmt bedrohliche Ausmasse an, die Ungeduld unter den Wartenden steigt. Noch eine Stunde bis Schalterschluss. Schönes Wochenende!
46 Stunden pro Woche ist die Filiale geöffnet – werktags von 7.30 bis 12 und von 13.45 bis 18 Uhr. Immer dann also, wenn die werktätige Masse an der Arbeit ist. Es bleiben zweieinhalb Stunden am Samstag für die Postgeschäfte.
«Postdienste für alle» – verspricht die Volksinitiative, über die das Volk am 26. September abstimmt. Die erwerbstätige Bevölkerung ging aber in diesen Überlegungen verlustig: Gefordert wird bloss ein flächendeckendes Poststellennetz, also eine hohe Anzahl von Filialen (siehe Artikel zum Thema «Das will die Initiative»). Kundenfreundliche Öffnungszeiten erwähnt der Initiativtext mit keinem Wort.
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Obwohl die Kundschaft gerade hier der Schuh drückt. Franziska Troesch-Schnyder, die Präsidentin des Konsumentenforums (kf), fordert: «Wenn die Post wettbewerbsfähig bleiben will, muss sie sich den Konsumentenbedürfnissen anpassen und mittags und abends länger offen bleiben.» Das kf unterstützt die Postinitiative im Unterschied zu anderen Konsumentenorganisationen denn auch nicht.
Immerhin: «Die Initiative lässt eine Flexibilisierung der Schalteröffnungszeiten zu», sagt der Kampagnenchef und Vizepräsident der Pöstlergewerkschaft Kommunikation Giorgio Pardini. Nur liegt dies den Initianten nicht wirklich am Herzen, im Gegenteil: Pardini ist entschieden dagegen, alle Poststellen zum Beispiel an einem Abend pro Woche zu öffnen. Dies sei beim heutigen Gesamtarbeitsvertrag für das Personal «nicht tragbar». Ausserdem, behauptet Pardini, entspreche dies «keinem allgemeinen Kundenbedürfnis».
Coop öffnet um 7.30, die Post um 10
Der Gewerkschafter sieht Angebot und Nachfrage ebenso weit auseinander klaffen wie Postsprecher Richard Pfister. Rund ein Dutzend zentrale Poststellen seien bereits am Abend offen, betont er. Und wann folgen die restlichen der über 2500 Poststellen? Pfister: «In der Mehrzahl der Poststellen ist die Nachfrage dafür zu gering.»
Poststelleninitianten und Postführung schenken sich im laufenden Abstimmungskampf nichts – beim Thema Öffnungszeiten sind sich beide Seiten allerdings auffallend einig.
Keine Nachfrage? Rund zwei Millionen der 3,8 Millionen Erwerbstätigen arbeiten nicht in ihrer Wohngemeinde und können die dortigen Poststellen nur zu Randzeiten nutzen. Zwar lassen sich viele Postgeschäfte auswärts erledigen, andere aber nur am Wohnort: etwa eingeschriebene Briefe oder Pakete abholen.
Dass die Post in städtischen Zentren längere Öffnungszeiten am Abend und am Wochenende eingeführt hat, deckt die Bedürfnisse bei weitem nicht ab. Zumal die jüngste Ausdehnung der Öffnungszeiten im April erst erfolgte, nachdem die Warteschlangen lang und länger geworden waren. «Wir bemühen uns generell, die Öffnungszeiten der Poststellen den Ladenöffnungszeiten anzunähern», verspricht Postsprecher Pfister.
Die Wirklichkeit ist anders. Die Poststelle im Zürcher Quartier Wipkingen etwa liegt ab Anfang September direkt in einem Coop-Zentrum. Dieses ist unter der Woche von 7.30 bis 18.30 Uhr offen, die Post hingegen bedient ihre Kunden erst ab zehn Uhr früh und macht um sechs Uhr abends die Türen dicht. Für eine Kleinstpoststelle seien dies «äusserst komfortable» Öffnungszeiten, findet Pfister. Erwerbstätige Quartierbewohner, die dort in Zukunft ihre eingeschriebenen Briefe und Pakete abholen müssen, werden dies weniger bequem finden.
Zwar bietet die Post auf Wunsch für Pakete und Einschreiben Lösungen an: von der Umleitung zu einer anderen Post bis hin zum Projekt PickPost (siehe Artikel zum Thema «Post: Service hat seinen Preis»). Aber diese Lösungen sind kostenpflichtig – die Bedürfnisse der erwerbstätigen Mehrheit der Schweizer Bevölkerung sind nicht Teil des postalischen Service public.
Offensichtlich fehlt hier der politische Druck. Dass dieser wirkt, zeigt gerade die Postinitiative. Die drohende Volksabstimmung zwang die Post dazu, den nicht mobilen Menschen in den Randregionen eine innovative Lösung anzubieten: den Hausservice, bei dem Postgeschäfte direkt vor der Haustür beim Pöstler abgeschlossen werden können. In ländlichen Gebieten wurden zudem Postagenturen in Tankstellen oder in Läden geschaffen, die oft abends länger offen sind.
Einsamer Automat im Kanton Glarus
Zwei Umfragen im Auftrag der Post aus den Jahren 2001 und 2003 zeigen, dass die Zufriedenheit der betroffenen Bevölkerung mit dem Hausservice sehr hoch ist. Die gleichen Umfragen zeigen aber auch: Die Öffnungszeiten der Post sind bei der ganzen Bevölkerung «ein Hauptkritikpunkt; vielfach werden längere Öffnungszeiten am Abend und über Mittag gewünscht». Das Bewertungsgremium zur Umgestaltung des Poststellennetzes, eine externe Fachkommission, hat die Post bereits zweimal ermahnt, «die Öffnungszeiten besser auf die Kundenbedürfnisse auszurichten».
Wie wenig ernst die Post diese Aufforderung nimmt, zeigt ein anderes Beispiel: Die gerade für Erwerbstätige praktischen Markenautomaten baute die Post von 2500 auf gerade noch 1000 Automaten drastisch ab. Angeblich, weil sie zu teuer waren: Im Kanton Glarus etwa steht bloss noch ein einziger dieser rund um die Uhr dienstbaren Briefmarkenverkäufer.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 02. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten







